Berlinale, Nachtrag – Das Publikum ist ein aufgesperrtes Riesenmaul

Schon wieder acht Tage vergangen seit der vergangenen Berlinale. Alles vergeht. Was bleibt? Welche Filme haben nach acht Tagen noch Bestand? Oder nach acht Jahren? Was lief auf der Berlinale 2008? Kann sich noch jemand erinnern? Ich für meinen Teil erinnere mich ja beispielsweise gern an die Urania. Als Kino eigentlich gar nicht besonders toll, aber trotzdem irgendwie gemütlich, und in diesen absurd langen Sitzreihen entstand immer so ein lustiges Festivalcampingplatzgefühl. Irgendwann wurde die Urania dann nicht mehr bespielt.
Schade.

Anstatt mit hier aber in Nostalgie zu wälzen, wollte ich eigentlich nur noch was zum Publikum sagen, weil der letzte Berlinaletag ja Publikumstag heißt. Als junger Mensch, vielleicht mit 19 oder 20, las ich Egon Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“, was ohnehin ein ganz großartiges Buch ist, und da fand ich eine Passage, die mich damals sehr beeindruckte und seither beeinflußt hat und das auch heute noch tut. Man kann diese Worte auch heute noch zitieren, also tue ich das jetzt. Alles wesentliche zum Publikum sei damit gesagt.

„Durch die Jahrhunderte klingt die Klage der Verleger, Zeitungsherausgeber, Konzertagenten, Bühnenleiter: man dürfe dem Publikum nun einmal nichts Neues, nichts Tiefes, nichts Ernstes vorsetzen, sein Geschmack sei immer nur auf platte Unterhaltung, auf Kitsch und Konvention gerichtet. Das ist aber ganz einfach eine Umkehrung des wahren Sachverhalts: die rückständigen, ordinären und oberflächlichen Elemente sind die Fachleute. Das Publikum ist nichts als ein aufgesperrtes Riesenmaul, das alles in sich hineinschlingt, was man ihm vorsetzt. Daß es aber lieber Gutes verschlingt als Schlechtes, steht außer allem Zweifel.

Das erweist sich sofort ganz unzweideutig, wenn man den Blick auf größere Zeiträume ausdehnt. Woher kommt es, daß von alle den Moderomanen und Theaterschlagern, die seinerzeit so gierig konsumiert wurden, heute nur noch ein paar Seminaristen etwas zu erzählen wissen? Warum leben die erfolgreichsten Gassenhauer und Schmachtfetzen zwar in aller Munde, aber immer nur eine Saison lang? Und umgekehrt: gibt es eine einzige Zelebrität, die mehr als hundert Jahre alt ist und nicht verdiente, eine Zelebrität zu sein? Sind Homer und Dante denn nicht wirklich die größten Epiker, Plato und Kant die größten Philosophen? Und wenn man eine Theaterstatistik der letzten hundert Jahre aufstellen würde, so würde sich als meistgespielter Dramatiker ganz bestimmt Shakespeare herausstellen.
Wer hat also diesen Männern den ihnen gebührenden Platz mit so untrüglich sicherem Urteil angewiesen? Etwa die Literaturprofessoren? Die nehmen ein Genie doch erst ernst, wenn es schon der letzte Postbeamte verdaut hat. Niemand anders als das Publikum trifft diese kunstsinnigen und verständnisvollen Entscheidungen; man muß ihm nur ein wenig Zeit lassen. Wird ihm von der niedrigen Gesinnung der sogenannten kompetenten Faktoren minderwertige Nahrung geboten, so akzeptiert es auch diese, aber nur weil es keine bessere bekommt; und früher oder später wird es von seinem Instinkt, trotz aller Hemmungen, die ihm die leitenden Kreise bereiten, doch an die richtige Quelle geführt werden.“

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