Berlinale, Tag 10 – Jetzt wird wieder in den Bücherstand gerutscht

Heute hier, morgen dort. Gestern lang, heute kurz. Gestern Jugendstil, heute Telegrammstil. Also: Preisverleihung. Roter Teppich. Bin kein Freund dieses Rituals. So wie Tschechien und die Slovakei sich irgendwann getrennt haben, sollte man auch mal die Filmfestivalwelt aufspalten in Filmfestivals und Roter-Teppich-Festivals. Bei den einen werden nur Filme gezeigt, bei den anderen gehen nur Leute über rote Teppiche. Vor lauter Dämlichfinden macht man (=ich) dann immer irgendwelchen Quatsch. Den sieht man hinterher wiederum auf Fotos und denkt: Oh Gott! Resultat: Teufelskreis. Sehe zum Glück fast nie welche von den tausend Fotos, die da entstehen. Können meinetwegen alle gelöscht werden. Bärenverleihung dieses Jahr auch im zackigen Eiltempo. Engelke moderiert in tadelloser Haltung, soweit in diesem Kleid erkennbar. Preisverteilung wirkt OK (sofern Filme selbst gesehen). Großer Jurypreis für „Tod in Sarajevo“, der nie ganz das Kataloghafte vieler festivalorientierter Balkanfilme abstreifen kann? Na gut, meinetwegen. Hauptpreisträger wie erwartet. Wird direkt danach gezeigt. Bin beeindruckt.

Hinterher: Herumstehen im Foyer. Ins Gespräch mit einem Uraltfreund mischt sich ein bizarrer Fremder. Redet fortwährend Blödsinn und sagt Sachen wie „ja toll, daß man sich hier einfach so gegenseitig kennenlernt“. Läßt sich ums Verrecken nicht abschütteln. Wir gehen rauchen, er kommt mit. Wir gehen wieder rein, er kommt mit. Renne nach 25min davon, weil ich Freundin versprochen habe, sie vorm Kino abzuholen. Dort: Warten. Ist nämlich ein Forumsfilm. Im Forum wird nach dem Film geredet. Lang und extensiv. „Intensiv“ hieße vertiefend, „extensiv“ heißt verlängernd. Filmgespräche sind fast immer extensiv. Allein die Fragen dauern schon irre lang. Und dann erst die Antworten. Dann Schlußwort, alle stehen auf, Moderator ruft: Stop! Do I see one more question? Ja, jemand hatte noch die Hand gehoben und fängt mit seiner Frage vorsichtshalber erstmal bei Adam und Eva an. Also alle erstmal wieder hinsetzen. Sowas passiert vermutlich gerade im Saal. Ich sitze ja draußen auf der Treppe und warte. Dämmere langsam weg. Der Berlinale-Bücherstand, der hier war, ist auch weggedämmert. Schon seit Jahren frage ich mich, was diese Rutsch-Röhre im Cinemaxx eigentlich zu bedeuten hat. So eine Art Notausgang für Filme, aus denen man besonders schnell fliehen will? Dann würde man bei der Landung aber den Bücherstand zum Einsturz bringen. Wäre schade.

Bin weggepennt. Filmgespräch scheint vorbei zu sein. Treppe weiterhin unbequem. Stehe auf. Bin um Jahre gealtert. Party? Was für ne Party? Irgendwer weiß irgendwas in Neukölln. Oder die Bärenfeier im Crackers. Crackers hieß früher mal Cookies. Davor vermutlich Bahlsens. Als nächstes heißt es dann Hustenbonbons. Es regnet. Zum Glück nur draußen. Nicht auszudenken, wenn es drinnen regnen würde. Auf Spiegel Online steht, der polnische Film, der fürs Drehbuch gewonnen hat, sei frauenfeindlich. Ich kenne den Regisseur. Das ist ein irrsinnig netter, freundlicher, schwuler – verdammt, darf ich jetzt hier schreiben, daß der schwul ist? Also, wenn jemand außerstande ist, einen frauenfeindlichen Film zu machen, dann der. Vielleicht wollte er nur was sehr dramatisches machen und irgendwer hat das dann in den falschen Hals gekriegt. Ach herrje, man kann so viel falsch machen und so wenig richtig, und dann wird man auch noch falsch verstanden.

Allerdings, andererseits: Wenn man was falsch macht und selbiges dann falsch verstanden wird – ist dann im Resultat alles wieder richtig?

Frage zu kompliziert. Zurück zum Telegrammstil.
Entscheidung: Keine Party.
Stattdessen: Pennen.

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