Berlinale, Tag 9 – Ich bin ein Marsmensch, Madame

Vorneweg eine Warnung: Dieser Text ist lang, und die hammerwichtigen Polit-Themen kommen erst am Ende. Wenn Sie Mann, Frau oder Feminist sind, dann scrollen Sie am besten gleich runter ins letzte Drittel. Für alle anderen: Zur Sache.

Aufmerksame Leser werden sich fragen: Wo ist der achte Tag geblieben? Ja, liebe aufmerksame Leser, das weiß ich auch nicht. Er kam mir irgendwie abhanden. Vermutlich, weil ich schon seit 28 Stunden vor dieser Bar stehe und sich nichts bewegt. Vor mir steht eine Mauer aus Menschen. Alle kehren mir den Rücken zu. Hinter der Bar, da bewegt es sich, aber nur sehr langsam, da werden meterweise Gurken geschnitten und Limetten gevierteilt und Petersilie gehäckselt und ellenlage Cocktailkochrezepte abgearbeitet. Dauert jedesmal Stunden. Ich will doch nur ´ne Flasche Bier, so wie einst Gerhard Schröder. Das würde fünf Sekunden dauern. Aber die Menschenmauer vor mir besteht aus Liebhabern kompliziert zuzubereitender Cocktails. Unter den Luxusproblemen, von denen wir in Mitteleuropa ja zahlreiche haben, ist dies eins der brennendsten. Führt doch mal getrennte Theken ein für Freunde der Flasche und Liebhaber des Longdrinks. Ein Luxusproblem weniger, mehr Zeit für echte Probleme.

Überhaupt, was mache ich hier eigentlich? Man möchte sich geistvoll unterhalten, versteht aber sein eigenes Wort nicht, man kann sich nur geistlos anbrüllen. Die Musik nervt, es ist einer dieser DJs, die nicht ausschließlich entseelten Tanzfunktionsmüll spielen, sondern alle sechs oder sieben Stücke mal was beschwingt-einladendes daruntermischen, so daß man denkt: Hey, jetzt wird‘s besser. Wird es aber nicht. Ständige Enttäuschung frustriert mehr als ein zuverlässig andauerndes Qualitätstief. Alle, die ich treffe, sind gerade am Gehen oder gerade am Kommen oder oder gerade am Anstehen oder hauen mich, weil ich sie nicht erkenne, oder hauen mich, weil sie mich erkennen, oder hauen mich, weil ich was lustiges gesagt habe (darüber sollte man auch mal eine Kolumne schreiben: Frauen, die einen hauen, wenn man Witze macht, ja, es sind leider Frauen, zumindest mich hat noch nie ein Mann wegen eines Scherzes scherzhaft geschlagen, andererseits muß ich natürlich hinzusetzen, daß ganz bestimmt nur ein oder zwei Prozent aller Frauen so drauf sind, die allermeisten sind nett und zivilisiert). Die Hälfte der Leute raucht, die andere Hälfte läuft blau an und kriegt Asthmaanfälle. Schrecklich stinken werden sie alle, wenn sie nach Hause kommen, genau wie ich, dann werden sie ihre nach Aschenbecher duftenden Pullover über die Heizung legen, damit man selbige morgen nochmal anziehen kann, und werden sagen:
War wieder geil.

Ich habe diesen Ort freiwillig betreten und wußte ungefähr, was mich erwartet (auch wenn das mit den Gemüseschnipselwartezeiten an der Bar nicht absehbar war) – warum also tat ich es? Meine Theorie zum Attraktionswert von Partys ist, daß sie Bergtouren gleichen, die ihren emotionalen Wert auch erst in der Rückschau erhalten, im zufriedenen Blick auf gemeisterte Strapazen. Wenn man stundenlang durch Forststraßen bergauf latscht und dann durch Latschenkiefern und dann über Felsen und noch mehr Felsen und noch mehr Felsen, dann denkt man sich, und zwar stundenlang: Ich Vollidiot, wie konnte ich nur? Wenn man dann mit weichen Knien bei sinkender Sonne tausend Höhenmeter absteigt und vor lauter Überanstrengung nur noch hysterisch kichern kann, denkt man ähnliches. Aber am Abend, da sitzt man dann mit einem Bier in der Hand vor irgendeiner Hütte, blickt mit angenehm leerem Kopf auf leuchtende Gipfel und denkt das, was die Partybesucher am nächsten Morgen auch denken: Mann, was waren wir durch den Wind/im Eimer/besoffen, und hey, was haben wir mit nacktem Hintern getanzt/Gipfel gestürmt/uns auf der Herrentoilette die Kante gegeben/den Vorstoß in spirituelle Dimensionen gewagt. Letzteres geht in beiden Fällen, also auf Partys und Bergtouren. Es gibt ja Leute, die behaupten, in der Einsamkeit der menschenleeren Natur auf Gott zu treffen. Und ich finde das gut, denn es ist ein Gott, der nichts von mir will.

Eigentlich wollen Götter ja immer irgendwas. Zumindest fällt mir keine Religion ein, deren Gott zum Menschen sagt: Macht, was ihr wollt, es ist mir gepflegt egal. Götter machen Vorschriften. Immer soll man irgendwas anziehen oder nicht anziehen oder sich einen Bart wachsen lassen oder die Beine rasieren oder irgendein Körperteil abschneiden oder irgendwo hinfahren und sich da in den Staub werfen oder zu einer bestimmten Tages- oder Jahreszeit irgendwas nicht essen oder ein Tier schlachten oder weiß der Geier was. Wenn man sich mal in das subjektive Empfinden der anderen Seite versetzt (als Filmemacher und als Mensch sollte man das können), dann offenbart sich eine gewisse Lächerlichkeit solcher Götter. Da bist du also Gott, hast vor 20 Milliarden Jahren ein ganzes unendliches Universum mit Millionen Milliarden von Sternen erschaffen (oder meinetwegen vor 4000 Jahren intelligent designt), dann ist da auf diesem winzigen Planeten diese eine Spezies, die in tausende Völker und Religionen zerfällt, und du bestehst darauf, daß eine dieser Splittergruppen donnerstags keine Brezeln ißt oder siebenmal am Tag im Kopfstand betet, während alle anderen Splittergruppen sich leider irren und einen Gott anbeten, den es gar nicht gibt? Im Ernst? Nix besseres zu tun? Dann doch lieber der schweigende Gott der Bergwelt oder des Party-Deliriums. Natürlich geben Religionen auch ganz lebenspraktische Hinweise zum zwischenmenschlichen Verhalten, die sind aber auch ohne Religion zu haben, das nennt sich dann „Ethik“, da kommt man mit etwas Nachdenken auch selber drauf. Aber wenn sinnfreie Vorschriften zu irgendwelchen Ritualen und heiligen Handlungen gemacht werden, kann man fast sicher sein, daß da irgendein Gott im Raum steht, ob man ihn nun so nennt oder nicht. Also sollte man ihn identifizieren und dann ganz in Ruhe entscheiden, ob man ihn okay findet oder nicht.

Mein Gott! Was schwafle ich hier von Gott! Muß wohl an der Grippe liegen. Die Grippe schlägt in der zweiten Berlinale-Hälfte so sicher zu wie das Amen in der Kirche. Kann man die Uhr nach stellen. Bin zuhause geblieben, heute also keine Meinungen zu Filmen oder Kapitulationen vor der Inhaltswiedergabe. Der Berlinale-Aspekt diese Blogs wird zugegebenermaßen heute stark verwässert. Ich habe furchtbar viel Zeit, dieser Text wird furchtbar lang. Die Filme, die ich heute gucke, sind dafür eher kurz. Das Internet ist mittlerweile voller toller Video-Essays, in denen Filmliebhaber, meistens Amerikaner, kenntnisreich und unterhaltsam über alle denkbaren Aspekte der Filmkunst berichten. Hier zum Beispiel einer, der sagt: Computeranimation sieht beileibe nicht immer scheiße aus, sie sieht vielmehr oft so gut aus, daß sie völlig unbemerkt an uns vorbeizieht, wir erkennen nur die schlechte und denken darob, sie sei immer schlecht. Oder, auch toll auf Youtube: Dokumentarische Filmschnipsel aus allen Teilen der Welt, in denen irgendwas schrecklich schiefgeht oder spektakulär gelingt. Der Kenner kennt sie unter dem Namen „Failvideos“, das Genre genießt einen zweifelhaften Ruf, irgendwo zwischen Ballerspiel und aufblasbarem Todesstern, aber ich finde es großartig. Diese schnellen, unsentimentalen Einblicke in das, was mir der gleichnamige Film nicht so richtig gezeigt hat, nämlich das Leben der anderen! Und dieser gnadenlos funktionale Schnitt! Es geht immer nur um den entscheidenden Moment und die paar Sekunden davor, die man braucht, um zu kapieren, wo man ist. Und dann noch den Aufprall und den Schmerzensschrei. So muß man Filme machen.

Da habe ich mich jetzt frei an einen Punkt assoziiert, von dem es gar nicht so leicht ist, sich irgendwohin weiterzuassoziieren. Macht nix, denn auch wenn man sich in die Sackgasse manövriert hat, kann man notfalls immer da weitermachen, wo man sowieso schon ist, nämlich beim deutschen Film. Es wird in diesen Tagen allenthalben geklagt über die mangelnde Präsenz deutscher Filme in der Festivalwelt, jetzt sogar bei der Berlinale. Gleichermaßen wird geklagt über die mangelnde Präsenz von Frauen in der Filmwelt. Finde ich beides gut. Also die Klagen. Vielleicht könnte man beides mit einer Quote regeln. Oder mit einer Qualitätsoffensive. Oder sowohl als auch. Du Zyniker, du Arsch, höre ich sie schon anheben, die innere Frauenstimme, doch mit männlicher Entschlossenheit verbiete ich ihr sogleich den Mund und erwidere: Laß mich doch erstmal ausreden! Das einzige, was mich wirklich interessiert, sind die wirklich radikalen Filme (dazu gehören auch die radikal guten Mainstreamfilme), und um solche hierzulande herzustellen, also gegen die Trägheit der Apparate und die eingerosteten erprobten Rezepte, dazu kann jede Hilfestellung nur willkommen sein, und sei es ein amerikanischer Kritiker, der uns alle in Bausch und Bogen ins Mittelmaß schreibt. Ob die Filmemacher dann Männer oder Frauen sind, ist mir egal, denn der Künstler oder die Künstlerin hat gefälligst seine bzw. ihre Biologie zu transzendieren und das Universelle in Stein und Marmor zu meißeln. Amen. Und wenn nur Männer Filme machen, heißt das ja offensichtlich, daß die Weiber einen Tritt in den Hintern, nein, Verzeihung, jede Form von Unterstützung benötigen, daß der Apparat, der Frauen am Fortkommen hindert, also einen Tritt in die Eier verdient hat.

Ha! Schon wieder dieses Kokettieren mit der Sprache des Sexismus! Und sich gleich darauf die Hände in Unschuld waschen! – Ja, verehrte Leserschaft, anders geht‘s nicht! Wenn Sie es politisch korrekt wollen, dann lesen Sie doch den „Freitag“! Bei der politischen Korrektheit haben wir die unschöne Situation, daß eine fragwürdige Sache übertroffen wird von der Schlimmheit ihrer Feinde. Der von mir innigst verehrte Max Goldt sagte mal, die „Anti-PC-Giftknilche“ seien das allerschlimmste, und recht hat er, wie immer. Als Mensch, der wie ich in einer politisch korrekten Filterblase lebt, kennt man natürlich längst das Argumentationsmodell „ich bin ja kein, aber“. Auch wenn man niemanden kennt, der so argumentiert, dann kennt man es aus seinen zahlreichen öffentlichen Schlachtungen. Ich habe da nichts hinzuzufügen, nur umzudrehen, ich sage jetzt hiermit feierlich:
Ich bin ja kein Feminist, aber.

Also, ich bin ja kein Feminist. Ich habe etwas gegen hysterische Shitstorms, gegen Symbolpolitik, generell gegen die strunzdumme Lagerbildung in den „sozialen Medien“, wo Leute sich gegenseitig ihre ohnehin übereinstimmenden Meinungen in die Timeline schreien und sich wahrhaftig einbilden, damit ließe sich irgendwas erreichen. Und vor allem habe ich ganz entschieden etwas dagegen, wenn Leute die Kunst in ihre politische Agenda zwängen und beschneiden und zensieren wollen. Kunst muß Dämonen heraufbeschwören und den Konsens hinterfragen dürfen. Kunst ist keine Bauanleitung fürs Leben. Oft eher im Gegenteil. Wenn irgendwer von feministischer Seite beshitstormt wird, beispielsweise die Band Wanda oder die Autorin Ronja von Rönne oder das Zusammenwirken der beiden in einem Musikvideo, dann ist das für mich oft überhaupt erst ein Hinweis, daß da irgendwas interessant sein könnte. Schlachtet mich jetzt meinetwegen, ich erwidere mit Wanda: Es ist egal, ob wir heute in die Kirche gehen oder ins Spital.

Aber!

Alles, was man sagt, bevor man „aber“ sagt, ist irrelevant, das habe ich mal aus irgendeinem Film gelernt. Hinter dem „aber“ kommt nämlich erst das, was man eigentlich sagen wollte. Also, ich hole erstmal etwas weiter aus: Ich bin kein Mann, sondern ein Marsmensch. Klingt komisch, ist aber so. Wenn irgendwer mich als „Mann“ bezeichnet, möchte ich immer impulsiv protestieren. Nicht weil ich mich für eine Frau halten würde, sondern weil ich das als primäres Merkmal irgendwie entwürdigend finde. Dabei stehe ich keineswegs auf dem Standpunkt, das sei alles nur ein soziales Konstrukt, so wie ein Reisepaß oder der Bundestag. Nö, wir sind schon Säugetiere. Aber wir haben da dieses Ding namens Zivilisation, das besteht größtenteils darin, unsere Säugetiernatur in ihre Schranken zu weisen. Jeder, wirklich jeder halbwegs interessante Mensch, den ich kenne, hat zahllose interessante Eigenschaften und Facetten, und die Eigenschaft Mann bzw. Frau kommt da immer eher weit hinten. Seine Geschlechtsidentität in den Vordergrund spielen, den Mann rauskehren oder die Frau raushängen lassen, das ist wie Nationalstolz, also was für Leute, die sonst nicht so viel zu bieten haben. Es reicht schon, wenn man Mann oder Frau oder Deutscher ist, man muß nicht noch darauf herumreiten. Hinzu kommt, daß man, wenn man sich im Schlamm der Künste suhlt, eigentlich nie Mann oder Frau ist, sondern vor allem Kind. Und außerdem bin ich ein Marsmensch. Das basiert auf einer Empfehlung des amerikanischen Psychologen Eric Berne, der in der 60er Jahren ein paar hochspannende Bücher schrieb. Der schrieb, man solle die Dinge vom „martian view“ aus betrachten, also vom Standpunkt eines Marsmenschen, der von den ungeschriebenen Regeln und Ritualen unserer Gesellschaft keine Ahnung hat und dadurch einfach das wahrnimmt, was sich tatsächlich meßbar abspielt. Die Empfehlung fiel bei mir auf fruchtbaren Boden, denn so hatte ich mich sowieso schon immer gefühlt.

Wenn man also ein Filmfestival mit den Augen eines Marsmenschen betrachtet, dann wird einem auffallen, daß die eine Hälfte der Teilnehmer sich unauffällig schwarz kleidet und Pinguinen gleicht, während die andere Hälfte sich in fragiles, funktional fragwürdiges Schuhwerk zwängt, sich in alle Arten von kostbaren Gewändern kleidet, auf den roten Teppichen auf- und abstolziert und im Extremfall aussieht wie ein Bonbon, das ausgepackt werden möchte. Machen die das freiwillig? Oder ist da irgendein unsichtbarer Gott, der das von ihnen verlangt?

Hurra, da hätten wir ihn endlich geschlagen, den Bogen. Eigentlich habe ich den ganzen Exkurs zu Gott vorhin ja nur gemacht, um jetzt darauf zurückzukommen. Im folgenden werde ich jetzt ein wenig mansplainen. „Mansplaining“ ist ein feministischer Kampfbegriff, ein Konstrukt aus „man“ und „explaining“, es beschreibt also Männer, die Frauen von oben herab irgendwelche Sachverhalte erläutern. Als Wortspiel finde ich es handwerklich ziemlich mißglückt, vom Sachverhalt aber gerechtfertigt, auch wenn es wie alle Kampfbegriffe zum Mißbrauch verleitet, denn im Zweifelsfall kann man jeden, der überhaupt irgendeine Meinung äußert, des „mansplainings“ beschuldigen, sofern er ein Mann ist. Jammern ist da natürlich die verkehrte Antwort, man muß sich den Vorwurf kreativ aneignen, daher wird jetzt voller Stolz gemansplaint.

Also, wir befinden uns auf dem Empfang einer großen deutschen Filmförderungsgesellschaft. Neben mir sitzt Lea van Acken, für die ich, seit wir miteinander „Kreuzweg“ gedreht haben, nicht nur große Freundschaft hege, sondern auch ein wenig väterliches Verantwortungsgefühl, selbst wenn das vielleicht doof und unnötig sein sollte. Ist halt so. Lea berichtet über die Unbequemheit ihrer Schuhe und daß sie die jetzt ausgezogen habe. Ich streiche mir daraufhin gravitätisch durch meinen Karl-Marx-Patriarchenbart, falte gütig die Hände über meiner respektablen Wampe und sage: Mädel, jetzt hör mir mal gut zu, du naives junges Ding, ich erklär dir jetzt die Welt. Der Blick des Kinos auf selbige ist nämlich immer noch ein primär männlicher. In der Überzahl der Filme ist der Mann die aktive Person, das Subjekt zum Andocken und Mitgehen, und die Frau ist die Trophäe. Also das, was erobert wird. Der Preis, den der Held am Ende erringt. Und das spiegelt sich in den Ritualen der Festivals. Jede Festivität ist letztendlich wie ein Theaterstück, das für einen imaginären Zuschauer aufgeführt wird. Im Theater glaubt ja keiner daran, daß das Geschehen auf der Bühne wirklich stattfindet. Es gibt eine unsichtbare Zuschauerinstanz, deren Blick man symbolisch einnimmt. Und dieser Blick ist hier und jetzt männlich, denn er richtet sich auf die Frauen. Frauen brezeln sich auf und präsentieren sich und lassen sich angucken, weil sie denken, es würde von ihnen erwartet. Wird es auch, aber weißte was? Scheiß drauf. Wenn du zwölf Zentimeter hohe Schuhe und Seidenkleider und irgendwas glitzerndes anziehen willst, kein Problem, laß es krachen. Wenn nicht, dann geh in Turnschuhen. Es gibt hier keinen unsichtbaren Gott, der sagt, daß Frauen irgendwie herumzulaufen haben. Oder vielmehr: Es gibt ihn, aber er ist so menschengemacht wie jeder Gott, wir schulden ihm weder Anbetung noch Gehorsam, wir können ihn modifizieren und neu erfinden. Denn es geht ja übrigens gar nicht darum, den männlichen Blick auszulöschen oder zu neutralisieren. Nein, es geht darum, ihn zu ergänzen, zu konterkarieren, auf den Kopf zu stellen oder zum Tanzen zu bringen. Der Blick eines Films kann noch so männlich sein, es ist trotzdem schon viel gewonnen, wenn die Frauenfiguren gefühlvoll zu Ende gedacht sind und ein würdevolles Eigenleben haben, anstatt nur Babes aus der Schablone zu sein. Die wirklich coolen Männer respektieren Frauen als Menschen, nicht als Kleiderständer auf wackligem Schuhwerk, also bilde dir nicht ein, von dir würde irgendwas erwartet, sondern definier deine eigene Version von großer Abendgarderobe, und wenn es ein Faß ohne Boden ist. Ich als hoffnungslos in 60er-Jahre-Psychologiebüchern steckengebliebener „Mann“ freue mich über wirklich jede Frau, die in Sneakers auf Filmpremieren herumhüpft. Denn es ist jedesmal ein kleiner Tritt in den Hintern oder vielmehr in die Eier des imaginären Gottes, der hier die Regeln macht und der ein sexistischer alter Sack mit einem komischen High-Heels-Fetisch ist. Außerdem sehen Turnschuhe doch oft viel besser aus. Finde ich persönlich. Es geht es ja nicht darum, scheiße auszusehen und in Sack und Asche und Burka aufzutreten. Au contraire, Mademoiselle. Und schließlich sind die wirklich coolen Leute weder Mann noch Frau, sondern erstmal Marsmensch.

Soweit mein Mansplaining-Monolog. Hinterherschieben könnte man noch die Geschichte von einer Freundin meiner Freundin, die sich bei der Servicefirma bewarb, die das Einlasspersonal im Berlinale-Palast stellt. Der Chef besah sich das junge Gemüse und sagte zu ihr: Bei dir müssen wir noch was machen. Entweder hohe Schuhe oder Hochsteckfrisur. Man muß dazu wissen, daß die Person, um die es hier geht, nicht nur unfaßbar hübsch ist, sondern auch zahlreiche Sprachen spricht und nicht auf den Mund gefallen ist. Also erwiderte sie, sinngemäß: Ich soll hier zwölf Stunden am Tag dekorativ herumstehen, und du verlangst von mir, daß ich das in unbequemen Schuhen tue?
Der Chef erwiderte: Die Berlinale ist ein Bilderfestival.
Daraufhin die erwähnte Person: Sie können mich mal, ich kündige.

Ein Hoch auf diese Person! Sie lebe hoch, und zwar in flachen Schuhen.

Später spricht sich dann herum, daß auf der Party einer Produktionsfirma, die so heißt wie der römische Kaiser, der das Christentum erstmals tolerierte, eine Stripperin aufgetreten sei, also eine Dame, die ihren Lebensunterhalt damit verdient, vor den Augen anderer Stück für Stück ihre Oberbekleidung abzulegen. Diese bewußt sachliche Formulierung möge meiner Irritation Ausdruck verleihen. Ich persönlich finde keinen großen Gewinn in der Betrachtung solcher Darbietungen, und ich finde Männer, die es tun, immer ein bißchen eklig. Warum eigentlich? Vor Jahren, als ich noch Musikvideoregieassistent war, erschien auf einer Musikvideoproduktionsfirmenfeier, die in einer großen Autowerkstatthalle stattfand, auch eine Stripperin. Ein Musikvideoregisseur, dessen Durchbruch mit Bushido-Videos damals noch bevorstand, drehte sich zu mir um und lallte, denn er war schon ein wenig betrunken, sinngemäß ungefähr folgendes: Ich finde, wer sich das nicht anschaut, ist doof, das ist doch einfach ästhetisch, Mann ey.
Habe ich also keinen Sinn für Ästhetik?
Was man auch oft findet, ist das Argument der Uneigentlichkeit. Zahlreiche Musikvideokonzepte oder Werbespotideen habe ich schon gelesen, die verkündeten, man werde sich charmant-ironisch über Geschlechterklischees lustig machen, es werde überspitzt und gebrochen, aber wenn man hinterher das fertige Produkt sah, war es einfach nur sexistischer Müll, wo Frauen in weltweit verständlicher Körpersprache sagten: Fick mich. Von Überspitzung oder Brechung keine Spur.
Oder habe ich einfach keinen Sinn für Ironie?

Oft hilft es ja, die Betroffenen einfach selber zu fragen, ob sie sich betroffen fühlen. Wäre ich auf einer Party mit einem männlichen Stripper konfrontiert und der unvermeidlichen Horde an kreischenden Frauen, zu der das führt, dann würde ich aus bereits erwähnten Gründen das Weite und angenehmere Gesellschaft suchen, mich persönlich aber nicht besonders destabilisiert fühlen. Aber weil Männer eben keine Frauen sind, was man auch in der Kriminalstatistik unter „Vergewaltigung“ nachlesen kann, ist es doch noch was anderes. Kurze Spontanumfrage unter Menschen, deren Urteil ich respektiere und die nebenher Frauen sind. Meine (leider längst verstorbene) Oma kreischt: Ne Stripperin? Geil! Wieso war ich da nicht? Aber da ist sie die einzige, alle anderen sind irritiert. Meine Freundin macht ein ungeniertes Gedankenexperiment: Ihr würdet doch auch nicht zehn kleine Negerlein im Baströckchen auf der Theke tanzen lassen, oder? Und dann den Leuten, die sich beschweren, auf die Schulter hauen und ins Ohr schreien, sie sollen sich mal locker machen?

Ich finde diesen Vergleich sehr gut, denn wie jedes gute Gedankenexperiment umzingelt er das Problem. Also mansplaine ich noch ein bißchen weiter und erkläre meiner Freundin, warum sie recht hat. Ich folge da zunächst der Argumentation des weißen, männlichen, höchstwahrscheinlich heterosexuellen Philosophen Robert Pfaller, der sagt: Es gibt beim Feiern ein unausgesprochenes Gebot. Pfeif auf die erwachsene Vernunft und feiere mit! Wer mit einem Mineralwasser und sauertöpfischem Blick in der Ecke steht, ist ein Spielverderber. Kombiniert man das mit dem anonymen Betrachter (ebenfalls bei Pfaller geklaut), für den hier ein Schauspiel namens „Party“ aufgeführt wird, dann hat man (glaube ich) den Übeltäter am Kragen gepackt. Also, wenn auf einer Feierlichkeit eine Darbietung geboten wird, dann ist es verdammt nochmal geboten, sich daran zu erfreuen. Wer es verweigert, ist ein doofer Spielverderber. Ich bin verpflichtet, die Perspektive des imaginären Zuschauers einzunehmen, für den das Schauspiel aufgeführt wird. Das heißt in diesem Fall, daß ich mich in die Menge zu stellen und zu denken habe: Scharfe Alte, heißes Gerät, geile Titten! Andernfalls bin ich halt ein spaßfeindlicher Spielverderber. Und wie immer, wenn man vor eine unmögliche Wahl gestellt wird, bei der man nur verlieren kann, sollte man dem Gegenüber mit männlicher Tatkraft eine reinhauen und abhauen. Oder gar nicht erst hingehen! Ich war ja auch gar nicht da! Ich war ja noch nicht mal eingeladen. Wahrscheinlich werde ich da auch nie eingeladen. Jetzt erst recht nicht mehr. Ist mir aber egal. Als Marsmensch habe ich da eh nix zu suchen.

Anscheinend bin ich doch Feminist, zumindest wenn ich diese Checkliste lese. Komisch, ich dachte immer, das hieße „Gentleman“. Ein echter Gentleman behandelt Frauen einfach auch nur wie Menschen und kann nonchalant die verschiedenen Stockwerke des Menschseins parallel bespielen. Er hat Humor, redet sich nicht in Rage, haut nicht auf den Tisch und bricht keinen Atomkrieg vom Zaun. So sollten wir alle sein. Nebenher können wir dann ja immer noch Männer oder Frauen sein. Oder, idealerweise, Marsmenschen.

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