Die ausbleibende Revolution

Eine Analyse, was die Qualität der neuen US-Serien eigentlich ausmacht und warum genau diese Qualität im deutschen Fernsehen auf unbestimmte Zeit nicht zu sehen sein wird.

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich staffelweise Serien reinziehen. Das liegt weniger an der Qualität, sondern an der Quantität. Mad Men und Rome und Game of Thrones und Breaking Bad und Six Feet Under und wie sie alle heißen sind fantastisch, ich kenne immer so ein bißchen davon, aber ich weiß nicht, wo ich die Zeit hernehmen soll, mir eine Staffel nach der anderen anzutun. Ein abendfüllender Film füllt eben doch nur einen Abend und keine zwei Wochen.

Andere Leute haben dieses Problem anscheinend nicht. Alle gucken Serien, und alle sind sich einig: Das ist der Ort, an dem in unserem Metier gerade die Post abgeht. Das ist das, was in der Musik im späten 19. Jahrhundert in Wien los war oder in der Malerei im 17. Jahrhundert in den Niederlanden. Und alle fragen sich: Wäre so etwas auch hierzulande möglich? Kann das deutsche öffentlich-rechtliche oder auch private Fernsehen so etwas schaffen?

Nein, sagt der Autor des Textes, den ich oben verlinkt habe. Es ist ein äußerst detailreicher, 32 Seiten langer Aufsatz, für den man sich etwas Zeit nehmen muß. Der Verfasser zieht es vor, anonym zu bleiben, denn er verdient sein Geld als Drehbuchautor und fürchtet, daß niemals mehr ein deutscher Fernsehredakteur ihm einen Job geben wird, wenn dieser Text mit seinem Namen zirkuliert. Ich sehe das nicht unbedingt so, meine Erfahrungen mit kontroversen Äußerungen sind eigentlich nicht schlecht, aber ich respektiere natürlich den Wunsch nach Anonymität. Ich selber bin übrigens nicht der Verfasser – ich wünschte, ich hätte diese fundierte und enzyklopädische Kenntnis der Materie. Habe ich aber nicht, wie gesagt, ich schätze die neue Serienlandschaft, ohne selbst große Spaziergänge darin zu unternehmen. Ich finde den Aufsatz aber höchst interessant und sehr klug geschrieben, vieles darin scheint mir zuzutreffen, und deswegen stelle ich ihn zum Download und zur Diskussion bereit. Möge er seinen Weg in die Köpfe machen, auf daß vielleicht eines Tages doch das entsteht, was der Autor für nicht möglich hält.

 

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13 Responses to Die ausbleibende Revolution

  1. kennst du denn den verfasser, bzw. weißt du von ihm persönlich, dass er um seinen job fürchtet? ich schreibe gerade an einem artikel zu dem thema und sammle kollegen, die konkret sagen, dass sie sich nicht trauen, kritik an der branche zu äußern…

    und darf ich das pdf direkt bei dir verlinken oder selber zum download bereitstellen?

  2. Selektivseher says:

    So wortreich uns so engagiert der Aufsatz auch ist, so wenig neue Erkenntnisse finden sich leider darin. Das Gröbste:

    – Trotz aller Beteuerung ist auch insbesondere der ÖRR größtenteil dem Quotenwahn erlegen. O-Ton eines Redakteurs: „Über Qualität rede ich nicht, nur über Quote.“ Dass dieser Wahn sich vor allem in den fiktionalen Hauptproduktionen widerspiegelt, kann nicht bezweifelt werden.

    – Die Altersstruktur des ÖR-Hauptpublikums (durchschnittlich über 60 Jahre) lässt keine Innovation zu. Gesetzt wird auf altbewährte Genres, Erzählweisen, Geschichten, Figurenzeichnungen, Milieus und Ästhetik. Konventionsbrüche werden mit einer angeblichen „Überforderung“ des Stammpublikums abgelehnt.

    Man muss wohl leider ergänzen, dass die Verschlossenheit gegenüber „Experimenten“ wohl auch eine Frage der Bildung ist.

    – Die Quote wird von den Viel-/ Allessehern „gemacht“. Das sind gerademal 33%(!!!) aller TV-Zuschauer, die aber mit einem TV-Konsum von 8 Std. am Tag 80% (!!!) des gesamten TV-Komsums ausmachen. Obwohl diese Viel-/ Allesseher sich nebenbei z.B. der Hausarbeit widmen, hat die Werbeindustrie kein Problem damit, in diesem Umfeld Werbung zu schalten.

    – Dem gegenüber stehen die „Selektivseher“. Auch sie machen 33% der Zuschauerschaft aus, haben aber mit 1-1,5 Std. TV-Konsum am Tag nur einem Marktanteil von 7% am gesammten TV-Konsum.

    – Insgesamt, so der Autor, haben die deutschen Sender, was den fiktionalen Bereich angeht, das Bildungsbürgertum und jene Zuschauer bis 35 Jahren fast komplett aufgegeben.

    – Scheitern eigenproduzierte fiktionale „Experimente“ wie „Blackout“ (Sat 1) „KDD“ (ZDF) „Im Angesicht des Verbrechens“ (ARD) aus Quotensicht, so haben die Entscheider gleich den ultimativen Beweis, dass solche Serien beim deutschen Publikum „gar nicht gehen“. Dass das „Scheitern“ z.B. an einer miesen Programmierung liegen könnte – diese Frage stellt man sich bei den Sendern nicht.

    – Dass diese „Experimente“ sich hauptsächlich auf das Krimigenre beschränken, verdeutlicht, wie eng der Spielraum für „Experimente“ im deutschen TV generell ist.

    – Keine Geduld bei den Sendern mit „Experimenten“ bis sie ihr Publikum finden. Einzige Ausnahme: „Stromberg“.

    – Importierte Qualitätsserien, die in ihrer Machart im krassen Gegensatz zur deutschen Massenware stehen, werden grundsätzlich von dem Publikum versteckt – auf Spartensendern („Borgen“/ Arte, „In Treatment“/ 3sat, „Mad Men“/ ZDFneo) oder zur Unzeiten („Die Sopranos“/ ZDF, „House of Cards“/ Sat1). Es scheint, als ob man das Publikum vor diesem Serien schützen will.

    – Die ÖR-Sender sind im Kern verkapptes Pay-TV. Trotz der monatlichen „Mitgliedsbeiträge“ verhalten sie sich aber nicht wie HBO, sondern wie RTL, Sat1 und Pro7, d.h. sie bieten keine programmatische Abwechslung, sondern ahmen die Privaten nach. Schon aus dem Grund, fällt die Akzeptanz in Deuschtland für das Pay-TV deutlich geringer aus als in den USA.

    Das sind auch Sicht des Autor die Hauptgründe, weshalb es in Deutschland zu keiner TV-Revolution kommen wird: Das wahnhafte Bedienen des Massenkonsens mit all seinen negativen Implikationen + das Fehlen eines finanzstarken Pay-TV als druckausübendes Gegengewicht dazu.

    Feine Überraschung: Die Marktforschung der Sender ist shit (S. 22/23). Die Ergebnisse in den „Testlaboren“ widersprechen dem realen TV-Konsum zu Hause. Probanden in Testreihen entscheiden sich stets für „leichte“ Kost, weil sie ihre Entscheidung im Nachhinein gegenüber den Sendervertretern besser begründen können (Katzenbild vs. Impressionistische Malerei).

    Das Ende des Aufsatzes, wonach das Auftauchen der Streaming- und VoD-Dienste auf lange Sicht dann doch noch eine „Revolution“ im Fictionbereich in Deutschland auslösen könnte, scheint mir viel zu vage, zu kurz gegriffen und widersprüchlich zu sein, zumal der Autor die Frage nach der (Re-)Finanzierung von Qulitätsinhalten erst gar nicht stellt.

    Der wohl gröbste Schnitzer im Aufsatz: Die Gegenüberstellung der neuen Qualitätsserien und der altbackenen Massenware, sprich Pay-TV vs. die großen, alten Networks. Oder: Anspruchsvolle Selektivseher vs. anspruchslose Viel-/ Allesseher.

    Beide Ansätze bedienen zwei völlig unterschiedliche Märkte, zwei völlig unterschiedliche Zielgruppen, auch wenn die anspruchsvollen Selektivseher sich ab und zu dem Massenmarkt hingeben. Dennoch: Serien wie „The Wire“, „Mad Men“ oder „Deadwood“ haben auch in den USA nur ein winzigkleines Publikum gefunden. Es bleibt also fraglich, ob diesen Serien in Deutschland selbst mit einer prominenten Programmierung das gleiche Schicksal erspart bliebe. Der Beweis muss erst angetreten werden. Selbst HBO hat „Deadwood“ nach zwei Staffeln aus Quotengründen(!!!) abgesetzt, ebenso wurde „Carnivale“ aus Quotengründen nicht verlängert. Beides Produktionen, die auch der Autor als Qualitätsserien anführt.

    Vermutlich liegt es in der Natur der horizontal erzählten Serien, dass man sie am besten auf DVD oder im Stream am Stück „konsumiert“. Nicht umsonst haut Netflix alles auf einmal raus.

    Zum Schluss: Obwohl der Autor – zurecht! -nicht mit bissiger Kritik an den Sendern und den Entscheidern spart, vermeidet er umso gekonnter die Frage nach der Rolle der Kreativen beim Niedergang des deutschen Fernsehens. Das ist dann doch recht schwachbrüstig. Schuld sind immer die anderen.

  3. Manuel says:

    Ich habe gerade in meiner Masterarbeit die Produktionsbedingungen US-amerikanischer und deutscher Serien verglichen. Ich stimme dem Autor in so gut wie allen Punkten zu. Ein ganz wichtiger kommt allerdings zu kurz: Die Kabel- und Premium-Quality-Serien der USA verdanken ihren finanziellen Erfolg einem internationalem Publikum. Erst die Refinanzierung durch den Verkauf weltweiter Fernseh-, DVD- und VoD-Lizenzen ermöglicht die Produktion von Serien wie Breaking Bad, Mad Men oder Homeland. Deutschen Serien bleibt diese elementare Refinanzierungsquelle dagegen verschlossen. Das liegt einerseits daran, dass es sich bei Serien um Erzeugnisse der Popkultur handelt. Und da haben die anglo-amerikanischen Länder in allen Bereichen ganz weit die Nase vorn. Ja, es werden gerade auch einige wenige skandinavische Serien gehyped. Und Skandinavien ist momentan auch bei Mode, Musik usw. angesagt. Was man von Deutschland nicht behaupten kann.

    Trotzdem liegt es ganz klar in der Verantwortung der öffentlich-rechtlichen Programme endlich so gute Serien zu machen (oder es wenigstens zu versuchen), dass diese auf internationale Resonanz stoßen. Dann wären die Quoten zu Hause, die ja auch bei Quality-Serien in den USA meistens nierig sind, nicht mehr so relevant.

  4. Klaudia Wick says:

    Der Autor schreibt, seit 10 Jahren habe es keine deutsche Miniserie mehr gegeben die international preisgekrönt worden wäre. Die (formal übrigens innovative) Ziegler-Film-Produktion „Die Wölfe“ (3x 90min) erhielt 2009 den International Emmy Award in der Kategorie Miniserie. Gilt das nicht?

  5. leser 8e465fe says:

    Wie wird man eigentlich Redakteur beim ÖR-Fernsehen? Das scheint mir der Kern des Problems, denn da sitzen überhaupt nicht die Leute, die da sein sollten, aber die, die stattdessen diese Jobs irgendwie ergattert haben, verteidigen sie natürlich in Netzwerken mit Klauen und Zähnen. Wie kamen die an ihre Jobs? Guttenbergs Doktor lässt grüßen, es sind wohl geschickte Blender und Selbstverkäufer, aber mehr auch nicht. Am Ausbildungsweg und Recruiting muss da irgendwas ganz im Argen liegen. Sowohl der Blogger als auch der Autor der Kritik als auch ich wären in meinen Augen besser geeignet für den Job als die, die ihn so erbärmlich machen. Aber ich wette auch, wir bekämen nach dem Vorstellungsgespräch ne Absage. (letzter Fernsehkonsum: Irgendwann um Weihnachten mal, davor das Jahr so gut wie nichts.)

  6. Lieber Anonymus,

    ganz herzlichen Dank für diesen wunderbaren Essay, dem ich als Literatur- und Medienwissenschaftler vom Grundton voll und ganz zustimme. Die Frustration eines anspruchsvollen Fernsehschaffenden ist hier deutlich zu spüren und vor allem zu verstehen.

    Meines Erachtens geht es hier – wie ebenfalls im Literaturbetrieb, wenn auch in anderer Form – um ein Problem des von dir so genannten „horizontalen“ Erzählens, das ich eher als „delinearisiert“ und vor allem als „episch“ bezeichne. Ich selbst habe mich in meiner Dissertation bewusst für das Phänomen des Quality TV (an den Beispielen der „Sopranos“ und „Lost“) entschieden, da hier eine ursprüngliche Epik zurückgekehrt ist, die historisch nahezu verdrängt wurde und beispielhaft bleibt (siehe hierzu mein Buch: „Die Sopranos, Lost und die Rückkehr des Epos“)

    Ganz richtig ist sicherlich auch, dass der Heimvideomarkt ebenfalls wenig Wagnisse eingeht, denkt man an die ewig lange Veröffentlichungszeit von „The Wire“ auf DVD oder an das grandios erzählte „Treme“ (das hierzulande noch gar nicht erhältlich ist) und so weiter und so fort.

    Ein lohnenswerter Blick geht für mich nach Frankreich, wo nicht nur das internationale Serienhandwerk verehrt wird, sondern auch sehr gute Eigenproduktionen entstehen, die in Deutschland allerdings ebenfalls kaum ausgestrahlt werden (bis auf „Xanadu“ in der Arte-Sparte).

    Dass diese romanhafte Form des Erzählens im deutschen Fernsehen nicht möglich scheint und wenn dann nur im Ansatz (wie bei „Heimat“), bleibt paradigmatisch für das zeitgenössische Erzählen hierzulande.

    Was diese „Angst“ und Ziellosigkeit der Sender allerdings betrifft, hast du sehr deutlich und fachlich herausgearbeitet. Vor allem aber glaube ich, dass es pure Ignoranz ist. Zur zweifelhaften Akkuranz von Einschaltquoten und Erhebungen braucht hier nichts gesagt zu werden. Der Intellekt des Publikums und die Lust an der Fiktion wird nämlich zuerst und vor allem missachtet.

    Es stimmt, lieber Anonymus, im hiesigen Fernsehen fehlt fast jegliche Form der Devianz und so bleibt nur der Wunsch nach dem Altbekannten oder der billigen Kopie. Schöne neue Serienwelt…

    Erbauliche Grüße in den desperate Bereich des Fernsehschaffens

  7. S. says:

    Ja, Ja die Quotenerhebung, das Fernsehen vollzieht die gleiche Selbstzersörung, die das Radio schon hinter sich hat. Dort wird ein Programm gemacht, das definitiv nicht zum längerem Zuhören geeignet ist. Hauptsache bei der jährlichen Umfrage wird der Sender genannt.
    Die Frage warum sich die Werbebranche bzw. die werbende Industrie so verarschen lässt?

  8. Nhat Quang Tran says:

    Ich muss jetzt doch meine Meinung dazu abgeben. An den Autor: Mein Respekt. Sehr detailliert. Sehr schlüssig.

    Man sollte ein Film daraus machen. Am besten in Parabel-Form.

    Das Interessante daran ist, dass quasi der gesamte Sektor „Fernsehen“ in Deutschland sich aus der Produktion zurückzieht.

    Bei Pay-TV und Privaten passt es einfach nicht ins Geschäftsmodell. Das ist für mich ok. Sie müssen Geld verdienen, sonst gehen die Lichter aus. Schade Schokolade. Aber so ist es halt. C’est la vie, c’est la vie.

    Viel besser sind die Öffentlich Rechtlichen (ÖRR). Das ist Dürrenmatt-Style. Egal wie man es dreht, es gibt immer zwei Faktoren, die wiederum dafür sorgen, dass KEINE überragenden Inhalte dabei rauskommen. Sei es das 62+ Alter oder die „Nett, hell, einfach“-Struktur oder das „viele Köche verderben den Brei“-Spielchen. Stein, Schere, Papier – Mathilde von Zahnd würde hier nicht weiterkommen. Sie sind also raus aus der Gleichung, obwohl sie es könnten (kein Finanzdruck) und eigentlich auch müssten (Kulturauftrag). Ironischerweise nehmen sie das für sie ungeeignetste Werkzeug (Quote) um Erfolg zu messen. Sie müssen weder Zuschauer zählen, um Geld von der Werbeindustrie zu bekommen, noch misst eine Quote die Erfüllung ihres Geschäftsmodells (alle zahlen für ein bisschen Kultur). Preise und Remakes wären die geeignete Währung. Das System ist aber nicht darauf ausgerichtet – es sei denn, nett, hell, einfach wird plötzlich „in“. Na ja. Was soll’s – das bisschen Kultur. Im Irrenhaus ist der Normale halt der Irre.

    Am besten ist aber das Neuland. Diejenigen die wirklich diesen modernen, komplizierten, dunklen und bösen Stoff schauen (Publikum), interessieren sich für den Physiker-Affentanz gar nicht. Sie schauen ihren Kram einfach. Sie zahlen dafür Geld! Fernsehen machen die Eltern. Ich gebe zu, das klingt in dem Zusammenhang schon fast ketzerisch einfach.

    Da es für mich aber immanent ist, sage ich: Auf ins Neuland. Im Auenland gibt es nix mehr zu holen.


    Für alle, die die 32 Seiten noch nicht gelesen haben, anbei meine Scribbles dazu in Reinform – als kleine Roadmap.

    Der Eintrag wird ebenfalls auf meinem Facebook Profil ge-postet.

  9. HecPac says:

    der essay ist das fundierteste, was ich zum thema/problem bisher gelesen habe. und es war ein vergnügen. danke dafür, ich werde es weiterempfehlen.

  10. kadajawi says:

    Leider vergisst man immer bei der Revolution des Fernsehens die Serien Star Trek: Deep Space Nine (1993-1999) und Babylon 5 (1994-1998). Beide waren höchst seriell angelegt, besonders Babylon 5, welches von einem einzigem Autoren geschrieben wurde – schon beim Anfang der Dreharbeiten war das Finale in den Grundzügen klar. Beide waren düster und haben eine epische, groß angelegte Geschichte mit einem großem Ensemblecast erzählt. Bei beiden Serien sind die Darsteller eigentlich alle Antihelden. Beide sind gesellschaftskritisch und zumindest Deep Space Nine hatte hervorragende Schauspieler.

    • kadajawi says:

      Was die Kritik an den ÖR angeht in dem Essay… Nunja. Ich stimme in vielem zu, andererseits sind die ÖR, ok, ZDF/arte regelmäßig an Lars von Trier Filmen beteiligt (gut, bei Nymphomaniac haben die sich anscheinend zurückgehalten). Der Gewinner der Goldenen Palme Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives wurde mit Hilfe von ZDF/arte produziert. Oder 2046 von Wong Kar Wai, einer meiner Lieblingsfilme. Die ÖR haben KDD gedreht. Sind die einzigen die in Deutschland noch Musik zeigen, mit ihren Berichtserstattungen von Festivals wo ganze Konzerte gezeigt werden, und mit dem Rockpalast. Haben auch durchaus innovative Konzepte, und senden das hervorragende Daily Show Imitat Heute Show. Politisches Kabarett. Zu behaupten dass die ÖR noch schlimmer sind als die Privaten… das Problem ist eher dass die guten Inhalte gar nicht oder nur auf Spartensendern gezeigt werden. Und sowieso nur zu Uhrzeiten wo keiner zuschaut.

      Nur in Sachen Serien mangelts tatsächlich, wobei das recht experimentelle intermediale alpha 0.7 vom SWR produziert und gesendet wurde. Was arte angeht… was heißt hier verschämt abgeschoben? Wenn es auf arte läuft, weiß man dass es höchstwahrscheinlich äußerst sehenswert ist. Abgesehen davon lief Breaking Bad in Deutschland auf arte an, als in Amerika gerade die 2. Staffel losging. Zu dem Zeitpunkt haben in Amerika gerade mal 1.5 Millionen eingeschaltet, von einer Erfolgsserie kann man da noch nicht gerade sprechen.

      Im Grunde genommen durchforste ich hin und wieder das Programm der Dritten und Spartensender zwischen 22 und 3 Uhr, bei ZDF ab 0 Uhr bis 3 Uhr, arte und 3sat auch schon früher, und programmiere entsprechend den „Videorekorder“. Zu diesen Uhrzeiten kommen tatsächlich gute Sendungen, man kann schon fast davon ausgehen dass da gutes läuft. Die Privaten ignoriere ich fast vollständig.

      Eins der Probleme ist denke ich dass viele, die eben amerikanische Qualitätsserien konsumieren (bitte auf Englisch) einfach von den deutschen Fernsehsendern nix erwarten. Ein recht experimentierfreudiger Sender für jüngeres, anspruchsvolleres Publikum existiert ja. ZDF neo. (Und arte/3sat natürlich.) Muss einfach nur mal jemand mitkriegen.

      Was Anbieter wie Netflix angeht… warum muss denn sowas regional bleiben? Warum können nicht auch z.B. deutsche Filmemacher für Netflix und Co. produzieren? Dann wohl eher auf Englisch, was jetzt aber keine Katastrophe ist.

  11. Sehr starker Beitrag! Würde mich über einen Kontakt zum Autor/des Autors selbst freuen. Grüße von Christoph Dreher.

  12. Wie kann man dem Autor auf die Schulter klopfen? Die Frage ist ernst gemeint.. Ich würde mich wirklich gerne bei ihm bedanken.

    Der Artikel is nicht nur eine Totalabrechnung mit dem deutschen Fernsehen, er macht mit der Rückhand auch das totale Versagen der Medienpolitik und den vollständigen Realitätsverlust der sie tragenden Politiker offensichtlich. Dank des Artikels kann ich jetzt viel besser ausdrücken, was mich zu 20+ Jahren Fernsehabstinenz getrieben und auch dort gehalten hat (während ich gleichzeitig hunderte DVDs kaufe und das Internet leer sauge).

    Den einzigen Minuspunkt gebe ich dem Artikel wegen Nichterwähnung von „Der Tatortreiniger“, wo sich die ARD doch seit Jahren intensiv bemüht, das einzige Juwel der letzten Jahre mit Anlauf und Ansage wiederholt im Klo zu ersäufen (Where’s the money, Lebowski?).

    In meinem Kopf entstand beim Lesen des Artikels auch die Antwort auf die Frage, was nach dem Scheitern der Piratenpartei ein neuer Anlauf sein könnte, die Politik in diesem Land zu ändern: Die Schaffung eines neuen „Senders“. Eine Möglichkeit für die Internet-Generation, eigene Inhalte und Nachrichten zu finanzieren und zu verteilen. Notfalls auch der bewusste Bruch mit dem bestehenden Medienrecht (oder Umgehung des selbigen durch Produktion innerhalb der EU). Das ganze sollte nich idealistisch motiviert sein, sondern durchaus mit Gewinnerzielungsabsicht aufgezogen werden. Das Potential, das zeigt der Artikel deutlich, ist da.

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