Kreuzweg, erste Station

Mein nächster Film handelt von wildgewordenem Katholizismus, er trägt den Titel „Kreuzweg“, und die erste erste Station dieses Kreuzwegs heißt: Hackescher Markt. Ab Mitte Oktober wird gedreht, wir müssen noch allerhand Rollen besetzen, heute und morgen ist Lea, die Hauptdarstellerin, in Berlin zu Besuch, damit wir die Schauspieler für die anderen Parts im Spiel mit ihr zusammen sehen. Nach Feierabend wollen wir Anna besuchen und steigen in die S-Bahn. Es ist Freitag, 19 Uhr, die Bahn ist voll. Direkt vor uns ein Mann mit einer Mütze in Form eines Tigerkopfes. Fällt nicht weiter auf. Sechs Meter weiter, im nächsten Einstiegsraum, steht ein Kerl mit roten Kleidern und zwei roten Haar-Hörnern auf dem ansonsten kahlen Kopf. Ich sage zu Lea: Guck mal, das paßt zu unserem Thema. Der Satan steht in der S-Bahn wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen könne. Es steigen noch mehr Leute ein, ein alter Mann drängt sich an uns vorbei, ich sehe zunächst nur den alten Metallkoffer, der er mit sich herumträgt. JESUS steht in orangefarbenen Klebebandbuchstaben darauf, und als er den Koffer dreht, lese ich: „Fragen Sie mich, wenn sie über GOTT sprechen wollen“. Der Mann hat einen wallenden weißen Bart und schaut mich freundlich an. Ich schaue ebenso freundlich zurück. Die Freundlichkeit in seinem Blick steigert sich noch. Da will ich mich nicht lumpen lassen, halte seinem Blick stand und lege ebenfalls die ganze Wärme meiner jugendfrischen Frohnatur in mein Lächeln. Er sagt:
-Hast du Jesus im Herzen?
-Klar, sage ich, aber Obacht, da hinten steht der Teufel.
-Nein, sagt er, der Teufel ist nicht sichtbar.
-Doch, erwidere ich, dort hinten, da steht er.
-Nein, sagt er, der Teufel manifestiert sich nicht auf der Erde, aber mit Gottes Liebe können wir ihm widerstehen.
-Na ja, gucken Sie doch mal, er fährt gerade mit der S-Bahn Richtung Friedrichstraße.
Ich deute auf den Satan, aber der Mann Gottes, vielleicht ist es auch Gott selber, ignoriert meinen Hinweis. Er scheint ihn gar nicht wahrzunehmen. Er lächelt mir weiter selig zu, und sein freundliche Ausstrahlung zaubert auch ein Lächeln auf die Gesichter der Umstehenden, vielleicht ist es auch nur unsere subtil bekloppte Konversation, wer weiß. Ich unterbreche das Gespräch, weil wir aussteigen müssen und hinabfahren in das Reich der Toten, das da Tiefbahnsteig zur S1 Richtung Potsdam heißt, doch wir haben schon alles gesehen, was wir für diesen Film brauchen:
Gott selbst.
Gottes Widersacher, den gefallenen Engel Luzifer.
Die restliche Schöpfung, vertreten durch den Mann mit der Plüschtigermütze.
Und der heilige Geist war auch zugegen, denn der ist ja immer dort, wo zwei wildfremde Menschen schräg aneinander vorbeireden und zufällige Passanten sich darob erfreuen. Es kann losgehen, unsere Unternehmung hat den Segen von ganz oben.

 

 

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3 Responses to Kreuzweg, erste Station

  1. Ich kenne diesen alten Mann von meinen täglichen Fahrten durch Berlin. Jedesmal, wenn ich in Zukunft sehen werde, werde ich an Dich denken.
    Viel Glück!

    Herzliche Grüße, Michael.

  2. Nichts wie hin: Michelle Ciganek (22) steht peppig bekleidet und mit keckem Piercing auf dem Bahnsteig. „Ich habe meine Freundin in Groß-Gerau besucht, jetzt fahre ich weiter zu meinem Vater nach Wolfskehlen“, sagt sie. Eine weite Reise sei das freilich nicht, meint die junge Frau lachend. „Aber ich habe Urlaub, und Besuche zu machen, ist schön.“ Sie sei auszubildende Werkzeugmechanikerin bei Opel Rüsselsheim, erzählt sie, noch lieber führe sie mit einem eigenen Auto: „Dafür reicht das Geld noch nicht.“ Die vorherige S-Bahn Richtung Riedstadt hat sie gerade verpasst. „Macht nichts, die fahren halbstündig“, sagt sie gut gelaunt. Mit Rucksack ausgerüstet ist Frank Schulmeyer. Auch er genießt als Entwickler in der Automobilbranche ein paar freie Tage. „Ich fahre nach Frankfurt, um mich mit ehemaligen Kollegen zu treffen“, sagt er fröhlich. Mit der S-Bahn sei das kein Problem. „Wir treffen uns am Südbahnhof, weiter geht’s nach Frankfurt-Louisa. Da gibt es eine nette Äppelwoi-Kneipe.“ Auch durch den Stadtwald wolle man spazieren. Schulmeyer sagt: „Nach Hause komme ich dann auch wieder irgendwie – die Anbindungen nach Gerau sind gut.“ Jetzt herrscht Wiedersehensfreude auf dem kleinen Bahnhof: Ingrid Zimmermann (61), die in Südamerika lebt und in Groß-Gerau zu Besuch ist, umarmt ihre Freundin Rosi Pöppel (71). Sie ist aus Bonn angereist, war drei Stunden unterwegs und hatte eine angenehme Fahrt, wie sie versichert. Zwischen den Jahren genießen die Frauen die Zwischenstation in der Heimatstadt.

  3. Martin Fux says:

    Ist es Zufall wenn man Brüggemann heißt, dass man einen Film über die Leidensgeschichte macht? Am Fuß des ‚Brüggemann-Altar‘ mit seinen 14 Epitaphien aufgewachsen frage ich mich natürlich wie fast 500 Jahre später gleichnamiger die Geschichte umsetzt und kann es kaum erwarten ins Kino zu gehen. Berlin zu weit, da hoffe ich doch, dass es der Film schafft die Küstenkinos zu erreichen.

    Gruss aus Kiel

    Martin Fux

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