Kritik der Kritik (2)

Meine kürzlich veröffentlichte Kritik der Kritik bezog sich auf Gemeinsamkeiten in diversen Rezensionen zu „Heil“. Eingehende Textanalyse war es damit keine, denn die müßte sich ja mit einzelnen Texten befassen. Also reiche ich hiermit eine nach. Beispielhaft erscheint mir da die Kritik von Matthias Dell, die in der taz erschien. Im Anfangsteil referiert er vor allem die Handlung, ab dem Mittelteil fängt er an zu werten, und damit werde ich mich jetzt Stück für Stück auseinandersetzen. Wenn man das eingehend machen will, wird man allerdings ungefähr zehnmal so lang wie der Ausgangstext. Das als Warnung vorneweg. Los geht‘s.

In dieser Runde sitzt auch eine Regisseursfigur namens Dietrich Brüggemann (gespielt vom Regisseur Tom Lass), der prophylaktisch die Frage gestellt wird, die „Heil“ als Problem auf sich zukommen sieht: „Darf man über Nazis Witze machen?“ Die Antwort: „Ja, aber das Lachen muss im Halse stecken bleiben.“ Und wem das zu ironisch ist,

Erstens: Im Film heißt es nicht Nazis, sondern Neonazis. Der Unterschied ist mir wichtig. Nicht weil Neonazis keine Nazis wären, sondern weil der Film heute spielt. Zweitens: Prophylaktisch hieße, daß man irgendetwas am Eintreten hindern will. Ich gebe mich aber nun kaum der Illusion hin, daß nach diesem Dialogsatz jemand sagen wird: Darf man das? Aha, das hat er im Film ja schon beantwortet, okay, man darf also. Es geht also eher um die Abbildung von Diskursen, die ohnehin stattfinden werden. Und drittens ist das nicht ironisch, sondern die Position, die man in Deutschland zu diesem Thema am meisten hört. Die ich auch nicht für falsch halte. Nur für etwas abgedroschen. Schon Robert Gernhardt, auf den ich im letzten Text schon hinwies, bemerkte einst, daß wir Deutschen Komik nicht dann am höchsten schätzen, wenn sie saukomisch ist, sondern dann, wenn sie die Tragödie streift. Bei dem Thema muß es aber leider oft genug wirklich im Hals steckenbleiben (bei Nazis noch mehr als bei Neonazis). Wenn man Komik aber nicht vom Effekt, sondern von der anderen Seite, vom Mechanismus her betrachtet, was sowieso der bessere Ansatz ist, dann war mein Ansatz ein anderer, ich habe ihn schon sehr oft benannt, aber meinetwegen nochmal: Witze nur über Akte des freien Willens. Und nur über das, was in unserer eigenen räumlichen und zeitlichen Nähe ist. Deswegen auch nix mit der NS-Zeit. Da geht es nämlich um Millionen Tote. Wir reden dagegen von Deutschland, hier und jetzt.

der kriegt noch den selbstbezüglichen Satz hinterher: „Ich finde deutsche Filme eigentlich nie witzig.“ Derart imprägniert sich der Film gegen eine Kritik, die nur ihre Humorlosigkeit beweisen kann, wenn sie ihm vorwirft, er nehme nichts ernst. Genau, grinst „Heil“ dann, ich mach mich über alles lustig, sogar über mich selbst.

Nee, das war mir schon klar, daß der halbsmarte taz-Kritiker genau das denken und bemäkeln wird. Der Satz ist auch eher resignativ: Man weiß schon, was auf einen zukommt. Und übrigens bezieht sich dieser Satz weniger auf mögliche einzelne Kritiken, schon gar nicht auf den Vorwurf, nichts ernstzunehmen, sondern auf das pauschale Geschimpfe aufs deutsche Kino, das man aus Teilen der Journaille, aber vor allem aus der Youtube-Kommentarhölle kennt. Das rollt jedesmal unvermeidbar heran wie ein Eisenbahnzug. Der Fahrplan am Bahnhof macht sich ja auch nicht über sich selbst lustig, auch nicht über den Zug, sondern sagt einfach, wann der Zug kommt.

Diskursiv tritt Brüggemann mit seinem Rundumschlag gegen alle möglichen medialen Sprecherpositionen scheinbar die Flucht nach vorn an, tatsächlich ist das eine Bewegung aus der Defensive.

„Flucht nach vorn“ sagt man gemeinhin, wenn jemand bedroht ist und sich in einen Angriff flüchtet bzw. bewußt in die Bedrohung hineinrennt. Das ist ohnehin schon eine Bewegung aus der Defensive. Der behauptete Gegensatz ist somit keiner. Den beabsichtigen Sinn dieser Aussage kann ich aber ohnehin nicht klar identifizieren. Ich sehe es eher als Kreisbewegung. Whatever.

Denn relevant ist nicht die Frage, ob man über Nazis Witze machen darf, sondern wozu.

Die Frage, ob die Witze dann eigentlich lustig sind, finde ich auch nicht ganz unwichtig, aber prinzipiell stimme ich zu.

Und darauf hat der Film keine Antwort.

Doch. Es geht bei der Auseinandersetzung mit Deutschland im NS-Kontext immer um die Frage: Ist er noch da? Haben wir Gemeinsamkeiten mit Nazis? Inhaltliche, strukturelle, ästhetische, tonfallbedingte? Welche Anteile der deutschen Geistesverfassung, die Hitler ermöglicht haben, sind heute noch wach? Diesen Fragen widmet sich der Film. Und zwar in Form eines Plots, in dem Neonazis ungehindert bzw. mit Unterstützung zahlreicher Deutscher nach Polen marschieren. Jede Szene (na gut, fast jede Szene) folgt dieser Fragestellung. Für die Antworten, die der Film da findet, lasse ich mich gern kritisieren. Aber der Autor ist hier so sehr mit pauschalem Abtun beschäftigt, daß er sich selber die Sicht auf den Film verbaut.

Er ist das quengelnde Kind, dem die ernsten Gespräche der Erwachsenen zu langweilig sind, weil es lieber spielen möchte.

Inhaltlich habe ich das schon kommentiert, die verwendete Metapher nötigt mich zu einem kurzen Ausflug in den Sarkasmus. Jawohl, Herr Studienrat! Die ernsten Gespräche der Erwachsenen zu so einem ernsten Thema wie Deutschland darf man natürlich nicht mit Gequengel stören. Und Spielen ist sowieso verboten.

Das zeigt sich schon im Vorspann, der die Titelcredits zu dynamischer Musik und einem entsprechenden Nachrichtenbilderpotpourri in alle möglichen Schriften deutscher Nachkriegsgeschichte montiert: Da wird also ein Schauspieler im ikonischen Stil des RAF-Bilds vom entführten Arbeitergeberpräsidenten Schleyer annonciert. Grafisch betrachtet eine Mordsgaudi, bildpolitisch völlig hohl.

Ja, der gesamte Vorspann ist in diesem Stil gehalten. Wir verwandeln unsere Namen in Willy-Brandt-Plakate, Kristina-Söderbaum-Vorspanntitel und Volkswagen-Werbung. Bildpolitisch ist das nicht völlig hohl, sondern sagt: Dieser Film reitet durch alles, was einem zum Thema „Deutschland“ so um die Ohren und durchs Hirn fliegt, und wir, also unsere Namen, stehen nicht in einer zweiten Ebene davor, sondern sind Teil der ganzen Chose. Wir stecken da alle drin. Soviel zur Bildpolitik. Grafisch betrachtet ist es außerdem natürlich eine Mordsgaudi, wofür ich vielmals um Verzeihung bitte.

„Heil“ ist in diesem Sinne höchstens halbsmart. Alles, was der Film durch Tempo, Gags und Überschuss reinholt, geht ihm an Reflexionskraft ab.

Bitte belegen und untermauern. So kann ich nur auf gleichem Niveau erwidern: Stimmt doch gar nicht (oder halbsmarte Retourkutschen fahren, was weiter oben schon erledigt wurde). „Reflexionskraft“ scheint mir aber auf die Suche nach dem „Eigentlichen“, nach der „Aussage“ hinauszulaufen, zu der ich mich zuvor schon geäußert habe.

Intellektuell siedelt er auf dem Niveau seines Rausschmeißersongs „Splitter von Granaten“, in dem Adam Angst unspezifisch-indifferenziert Unbehagen ausdrückt (“Doch worum es gerade geht, wissen wir selbst nicht so genau“).

Falsch, der Song ist ausgesprochen spezifisch – er ist eine Aufzählung von ganz konkreten Dingen, die in der Welt gerade aus dem Ruder laufen, und kontrastiert das mit unserem immer noch ganz beschaulichen deutschen Alltagsleben („der Hunger in der Dritten Welt hat keine Relevanz, aber wichtig sind uns Petitionen gegen Markus Lanz“). Grundgefühl ist der Verdacht, daß es hier auch irgendwann knallen könnte. „Indifferenziert“ ist kein gebräuchliches Wort, man ist entweder indifferent oder undifferenziert. Ich schätze, der Autor meint das letztere, und entgegne: Undifferenziertes Unbehagen ist doch erstmal gar keine so schlechte Sache, sofern man es mit präzise beobachteten Einzelheiten untermauert. Den Zuschauer mit undifferenziertem Unbehagen nach Hause zu schicken scheint mir ehrlicher als ein großes Fazit zu ziehen und als Lösung zu präsentieren. Das fände ich nämlich etwas anmaßend (außerdem, seien wir ehrlich, würde es dafür doch von der Kritik erst recht Kloppe geben).

Brüggemann will wirklich nur spielen, mit „deutschen Befindlichkeiten“ etwa, was für Nazis, die Menschen umbringen, aber eine, vorsichtig gesagt, ulkige Kategorie ist.

Achtung, bodenlos platter Witz: Es handelt sich ja auch um einen Spielfilm. Ich finde, in der Doppelbedeutung dieses Wortes im Deutschen steckt eine gewisse Weisheit. Der abschätzige Vorwurf, man wolle nur spielen, zeugt aber auch von einer gewissen Ahnungslosigkeit zum Thema „Spiel“. Matthias Dell war anscheinend schon lange nicht mehr Kind, sonst wüßte er: Spiel ist existentiell und todernst. Sieht man doch schon jedes Wochenende beim Fußball. Und schließlich will ich gar nicht nur spielen (im Sinne von heiti-teiti-lari-fari-lustig-tralala). Sonst hätte ich das Umbringen von Menschen komplett aus dem Film rausgelassen. Es passiert aber in aller Brutalität. Mitten aus dem Spiel heraus. Und um die Textanalyse mal in aller haarspalterischen Konsequenz zu Ende zu führen: Worauf bezieht sich der Begriff „Kategorie“? Auf deutsche Befindlichkeiten oder auf das Spielen-wollen? Spiel ist keine Kategorie, sondern zum einen soziale Praxis (bei Kindern), zum anderen ein Ritual mit festgelegten Regeln (Gesellschaftsspiele und Sport), drittens ein Modus in der Annäherung an ein Thema. Letzteres dürfte gemeint sein. Der Autor will also vermutlich sagen, daß der Ansatz des Films angesichts der ernsten Materie frivol sei. Kommentar dazu siehe oben. Vielleicht will er aber auch sagen, daß das Lächerlichmachen von „deutschen Befindlichkeiten“ angesichts mordbereiter Nazis ein ulkiger (lies: gefährlich naiver) Ansatz ist. Das sehe ich anders, denn das eine hat mit dem anderen zu tun.

In einer Kritik für das inzwischen eingestellte

Ich geb‘s zu, wir waren nicht stark genug.

Magazin Schnitt lobte der Regisseur als Kritiker 2006 an Armin Völckers Kurzfilm „Leroy räumt auf“, der von ähnlich grobkomödialer Gegensätzlichkeit lebte wie „Heil“ (afrodeutscher Teenager verliebt sich in Frau mit Nazi-Brüdern), „die Nonchalance, mit der er dem sonst oft tonnenschweren Deutsche-Skins-Ausländer-Thema einfach eine lange Nase dreht“.

Endlich haut mir mal einer meine alten Texte um die Ohren. Darauf warte ich schon die ganze Zeit. Ich war jung, und Geld gab‘s eh keins. Es gibt aus dieser Zeit vermutlich Texte, für die ich mich heute in Grund und Boden schämen müßte, aber diesen finde ich weiterhin vertretbar. Der Kurzfilm war gut. Der Langfilm dann nicht mehr so, weil nämlich genau diese die Nonchalance im Kurzfilm bestens funktioniert, während ein Langfilm mehr Schwungmasse benötigt.

Manche mögen‘s leicht.

Das hat er auch als Titel über den ganzen Text gesetzt. Man kann dazu allerhand einwenden.

Mögliche Antwort 1: So ein postpubertäres Filmreferenzwortspiel erscheint mir angesichts mordbereiter Nazis eine, vorsichtig gesagt, ulkige Kategorie.

Spaß beiseite, mögliche Antwort 2: Ja, zum Beispiel Kurt Tucholsky, als er 1931 angesichts des heraufziehenden Naziterrors in Schweden saß und „Schloß Gripsholm“ schrieb. Das führt uns direkt in die….

Mögliche Antwort 3: Hier schwingt wohl mal wieder das fatale deutsche Mißverständnis mit, Komik, und Leichtigkeit immer nur als eine Art Luxusprodukt zu betrachten, das man sich leisten kann, wenn man keinerlei Probleme hat und steinreich ist. Dabei weiß jeder, der auch nur mal ein bißchen über den eigenen Großstadt-Intelligenzia-Tellerrand geguckt hat (dafür reicht schon Zivildienst, meine Güte), daß Humor gerade bei den Benachteiligten, Entrechteten und Geknechteten dieser Welt eine Strategie des Überlebens und der Selbstbehauptung ist.

Mögliche Antwort 4: Der Titel „Some Like it Hot“ ist affirmativ, er fordert auf: Nehmt euch daran ein Beispiel! Traut euch in die Hitze! Der Autor dreht hier (vermutlich unbewußt) die Implikation um, er mag es gern schwer und findet das Leichte zumindest verdächtig. Dem variierten Filmtitel verleiht er damit einen tadelnden Unterton und tut seiner eigenen Sache keinen Gefallen. Wirkt nämlich ein bißchen unsympathisch.

Mögliche Antwort 5: „Heil“ ist nicht leicht. „3 Zimmer Küche Bad“ war leicht.

Sosehr man sich an institutionalisierter Erinnerungsroutine stoßen kann – der Wunsch, dass es mit dem Thema „Nazis – Ausländer“ auch mal locker vom Hocker gehen könnte, ist auf seine Weise naiv.

Was ich dagegen naiv finde, ist erstens die Unfähigkeit, zwischen Signifikant und Signifikat zu unterscheiden. Der Autor erscheint mir die ganze Zeit wie ein Theaterbesucher, der auf die Bühne stürmt, um Macbeth am Morden zu hindern. Und naiv ist zweitens die Weigerung, das Grausige und das Groteske nebeneinander zu ertragen. Was doch einfach eine gesteigerte Variante der Banalität des Bösen ist. (Übrigens, kleiner Gruß aus der Küche, niemand hat diesen Film „locker vom Hocker“ gemacht. Eher schon todernst auf dem Bürostuhl.)

Deutlicher gesprochen: die Nachgeborenenversion des Schlussstrichwunschs.

Oh, das hat ja lang gedauert, aber da kommt er endlich um die Ecke, der gute alte NS-Relativierungs-Vorwurf. Hallo, Deutschland.

Man muss sich „Heil“ deshalb als Verfilmung einer mittelmäßigen Facebook-Debatte vorstellen: Alle möglichen politischen Positionen verwandeln sich in lustiges Geplapper, die vielen Promi-Freunde liken

Das bezieht sich auf die zahlreichen Gastauftritte, für die es aber einen anderen Grund gibt. Es ist derselbe wie bei den Vorspanntiteln: Du bist Deutschland. Wir stecken alle drin. Beispielsweise ein Johnny Haeusler, der in unseren Medien für etwas bestimmtes steht, verleiht der Rolle sowohl symbolisch (durch seinen Namen, falls man ihn denn kennt) als auch auratisch (durch seine Präsenz als Mensch) eine andere Qualität, als wenn es einfach irgendwer gewesen wäre. (Am Rande: Dieser leicht mißgünstige Unterton bei „die vielen Promi-Freunde“, den man auch in anderen Kritiken findet, der ist auch ziemlich, sorry, deutsch. Ich drehe seit Jahren nebenher viele Musikvideos für fast kein Geld, das tue ich aus Liebe und Enthusiasmus, aber ganz bestimmt nicht, weil man dadurch „Promi-Freunde“ bekommt. Und Kunze war ein Vorschlag von einer Schauspielagentur. Ich finde außerdem, daß das den Film reicher und welthaltiger macht, weil das alles ganz prägnante Typen sind. Könnte man sich doch auch mal freuen. Stattdessen läßt man Mißgunst walten.) (Ganz am Rande: Der Vergleich stimmt nicht, denn im typischen Facebook-Thread findet man zumeist nicht alle möglichen politischen Positionen, sondern nur eine einzige, alle stimmen einander zu und echauffieren sich über einen Gegner, der aber gar nicht anwesend ist. Pöbelschlachten gibt es eher in Blogkommentarspalten. Vielleicht meint er auch einen Spaziergang durch die Timeline, aber dann soll er das schreiben.)

und ratzfatz ist man da, worüber sich der Anfang noch lustig machen wollte – bei Hitler.

Was bitteschön soll das heißen? Im Rahmen des gewählten Bildes, also bei Onlinedebatten, ist es ja klar, da landet man schnell bei Hitler, aber im Rahmen der hier behaupteten Analogie zum Film wüßte ich jetzt mal ganz gern, wie  ich den zweiten Teil verstehen darf. Beschuldigen im Film Leute sich gegenseitig, Nazis zu sein (so wie in Onlinedebatten)? Na klar, tun sie dauernd. Oder will Matthias Dell hier den Film selber in die NS-Ecke stellen? Und mir unterstellen, ich würde eine Schlußstrichdebatte fordern und wäre eigentlich wie Hitler?
Hallo?
Geht’s noch?
Wenn ja, dann dankeschön. Von genau dieser Idiotie handelt der Film. Proved my point.

Über Hitler wollte ich mich übrigens nie lustig machen. Nichts im Film deutet darauf hin. Wer das behauptet, ist böswillig oder hat im Film gepennt. Eigentlich wollte ich vor allem, daß alle Deutschen sich totlachen und dann von diesem Land nie wieder eine Gefahr ausgeht, weil alle tot sind. Und weil das wieder so ein Witz aus der Kategorie ist, bei der unser innerer Oberstudienrat gequält das Gesicht verzieht, versuche ich im letzten Absatz jetzt mal ein ernstgemeintes Fazit.

Die Diskussion über den Film erinnert mich an den alten katholischen Witz vom Pfarrer, der seinen Bischof fragt, ob er beim Beten rauchen darf. Die Antwort lautet: Natürlich nicht, das wäre respektlos. Ob man aber beim Rauchen beten darf? Na klar, beten darf man doch immer. Ersetzen wir mal „Beten“ durch „Nazis thematisieren“ und „Rauchen“ durch „Deutschland verarschen“, und schon hätten wir das Dilemma beim Kragen gepackt. Mit anderen Worten: Es kommt darauf an, was man als primär und was man als sekundär begreift. Beim Thema „Nazis“ stehen wir automatisch stramm, auf eine immer noch ziemlich deutsche Art. Da verbietet sich jeder Witz, weil Witz ja immer mit überraschenden Bedeutungswechseln hantiert, und an so etwas darf man da noch nicht mal denken. Beim Thema „Deutschland“ ist dagegen jeder Modus erlaubt, da kennt der Witz keine Grenzen, da ist auch der hemmungslose Idiotenklamauk eigentlich sogar Pflicht. Ein Film über Nazis muß also strammstehen und die Hacken zusammenknallen vor der Wichtigkeit des Themas. Okay. Aber den wollte ich nie machen. Es ist nämlich ein Film über Deutschland, hier und heute, anhand von Nazis. Und der ging leider nur als schwarze Komödie. Sorry. Was ich dabei nicht bedacht hatte: „Nazis“ ist immer noch so ein Reizwort, daß es automatisch zum Primärreiz wird. Und schon macht es alles mit sich voll und verbietet jeden Witz. Wir sind in der Zwickmühle: Genau das, was bei „Deutschland“ erlaubt bis geboten ist (durch den Kakao ziehen, und zwar mit Respekt vor gar nix), verbietet sich bei „Nazis“. Lösbar ist es nur, wenn man die beiden Felder voneinander separiert, indem man Nazithemen in die dafür vorgesehene Nazischublade legt und bei der Bearbeitung in den Nazimodus schaltet. Und genau das erscheint mir falsch. Denn es ist doch viel relevanter und wichtiger, das Thema eben nicht abgekapselt zu betrachten, als separates „Thema“, das man „thematisiert“, zu dem man die vorgeschriebenen Betroffenheitsgesten absolviert, das man dann wieder beschließt und weiter sein Bier trinkt. Sondern als eine logische Konsequenz des größeren Themas „Deutschland“, die uns nie verlassen wird und immer wieder mal den Kopf hervorstreckt, auch wenn man eigentlich gerade an was anderes denken wollte. Ich finde, das ist das Gegenteil einer Schlußstrichforderung.

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12 Responses to Kritik der Kritik (2)

  1. Taz Leser says:

    Also wenn ich mich noch an Dells Tatort-Kritiken im Freitag erinnere. Die waren doch selbst eher Satire, als ernstzunehmende Filmkritik.

  2. Matthias Dell says:

    Lieber Dietrich Brüggemann,

    auch auf die Gefahr hin, dass das gönnerhaft-studienrat-von-oben-mäßig wirkt: ich finde Ihr Interesse am Reden über Film gut. Fand ich schon, als ich den ersten Eintrag Ihrer Kritik der Kritik gelesen habe, in dem ich nicht vorkomme bzw. adressiert werde und der mir auch nicht sauertöpfisch oder beleidigt vorkam (wobei ich finde, dass man als Künstler auch beleidigt sein kann von schlechten Texten, Kritiken). Wobei es da einen Unterschied gibt zwischen Kritiken, die ihr negatives Urteil gut begründen, und Texten, die eben schlecht argumentieren, egal in welche Richtung; mal will ja auch nicht für die falschen Sachen gelobt werden.

    Kritik sollte den Anspruch haben, den Gegenstand zu treffen – eine Kritik, die den Gegenstand verfehlt, ist eine Niederlage. „Heil“ ist eine Herausforderung, der Film macht es einem schwer, eben weil er anders ist als das, was zumeist unter deutsche Komödie läuft, er lässt sich nicht leicht generalisieren. In diesem Sinne könnten Sie sich aus den Kritiken, die Ihren Film verfehlen, auch Schulterstücken Ihres Erfolgs basteln oder eine schicke Schärpe (ich meine das metaphorisch, aber ernst).

    Meine würden Sie, wenn ich Ihr close reading richtig verstehe, dazu rechnen. Ich nicht – was nicht heißt, dass ich nie danebenliege, und auch wenn mir klar ist, dass man für die eigenen Ungerechtigkeiten und Nicht-Checkungen blinder ist als für Fehler, die andere machen.

    Ich will also versuchen, auf Ihre Anmerkungen zu antworten, auch wenn ich befürchte (das war der Grund, warum ich beim ersten Post trotz des grundsätzlichen Gutfindens von Über-Film-und-Kritik-reden nicht reagiert habe), dass wir da nicht wirklich zusammenkommen werden – es scheint mir doch zu viele Punkte zu geben, die sich schon bald als „Geschmacksfragen“ nicht weiter auflösen lassen.

    Zum Beispiel: das Titeldesign. Ich kann verstehen, dass das grafisch Spaß macht – sonst hätte ich das nicht hingeschrieben! (Wenn Sie, das nebenher, von Kritik Differenzierung wünschen, dann sollten Sie im Gegenzug auch nicht pauschal solche Kritiker-sind-humorlos-und-haben-das-Kind-in-sich-vergessen-Reflexe performen; auch wenn es aus Ihrer Sicht viel Grund für Generalisierungen geben mag, so kommt man nicht weiter). Aber es hängen da eben noch mehr Aspekte dran, das meine ich mit Bildpolitik, und „alles, was zum einen zum Thema ‚Deutschland‘ so um die Ohren und durchs Hirn fliegt“ ist mir dann zu grobmaschig als Konzept. Jeder deutsche Filme handelt irgendwie von Deutschland – für diese Erkenntnis brauche ich den Vorspann nicht. Und wenn Sie hier eine stärkere Verwickeltheit thematisieren wollten („sind Teil der ganzen Chose. Wir stecken da alle drin“), dann löst der Film das nicht ein – ich erfahre aus ihm nicht, wie viel Nazi im real existierenden Benno Fürmann (bitte um Entschuldigung für den Freud’schen Verschreiber im TAZ-Text) steckt und wie viel Geheimdienstmitarbeiter in Michael Gwisdek. Oder was ist mit dem Drinstecken sonst gemeint?

    Das meine ich mit hohl – es ist hübsch anzuschauen, macht aber nur sehr allgemein Sinn (Wir sind alle Deutschland) und unterschlägt eben Bedeutungszusammenhänge, die an einem Kristina-Söderbaum- oder Schleyer-Bild hängen; da könnte man Doktorarbeiten drüber schreiben. Da soll nicht heißen – Erwachsene und Kinder –, dass Sie die referieren müssen, es bedeutet nur, dass man sich Gedanken machen, gut überlegen sollte, wie man sich zu solchen Bildern verhält, ob ohne Not trivialisiert werden muss (das wäre, was für mich hängen bleibt vom „Ritt“ durch Deutschland). Im Kino geht es doch darum, welche Bilder wie miteinander kommunizieren. Da sollte man sich nur mit gutem Grund einloggen, den sehe ich hier nicht.

    Anderes Beispiel: der Adam-Angst-Song (und ja, „indifferenziert“ ist kein gebräuchliches Wort, ich hatte gedacht, ich könne hier alle Schuld auf das TAZ-Korrektorat abwälzen, es steht aber schon in meinem Manuskript; welches Autovervollständigen in meinem Kopf es auch immer da hinein geschrieben hat – gemeint ist „indifferent“). Der Song ist also so indifferent, da könnte man ebenfalls Doktorarbeiten drüber schreiben, diese Teenie-die-Welt-ist-schlecht-Lyrik gibt’s für 20 Cent in jedem Poesiealbum aka Whatsapp-Chat. Das dann noch mit so einer pseudorockigen Dynamik und im empörten Gestus – da fliegt einem alles um die Ohren, was Kunst kann, Form ist, „1000 Fehler im Bild“ (Anne Will); worüber empört sich Empörung? Natürlich kann man das auf „Unbehagen“ verallgemeinern, und dann sagen, Unbehagen ist doch was, aber „Hunger in der Welt“ – wer würde gegen den nicht sein? – gegen die Lanz-Petition auszuspielen, das ist platt und billig. Zumal, die Lanz-Petition auch ein Unbehagen artikuliert, da geht es um Machtfragen, um das Sprechen von Leuten, die normalerweise nicht mitreden – das kann man immer noch läppisch finden, man könnte aber auch das Unbehagen von Adam Angst, so geräumig ist das, der Lanz-Petition unterstellen. Was mich auch noch stört: dass der Song von links und rechts lesbar ist; das ist keine gut programmierte Kunst, wenn das so leicht zu hacken ist.

    Nun haben Sie den Song nicht geschrieben, aber ausgewählt, und das macht mich ratlos, weil es eben Indifferenz performt. Wie auch der Rundumschlag, um zum Kern zu kommen. Natürlich können Sie da „Deutschland“ zu sagen, oder „deutsche Befindlichkeiten“, aber das kassiert meines Erachtens zu viel von dem, was Nazis etwa von Linken (oder auch: von Fernsehmoderatoren) unterscheidet (so lustig der Handykontaktname „Verfassi“ sein mag), das ist ein bisschen wie bei der „Extremismus“-Definition der CDU, die immer sagt, wenn jemand was gegen Nazis machen will, Linksextremismus ist genauso schlimm (was nicht stimmt: er haut weniger Leuten grundlos auf die Fresse bzw. bringt weniger Leute um) – es ist dann nur ein Brei, „Deutschland“, in dem jeder einen mitkriegt, und am Ende wundern Sie sich, warum kein Kritiker den Skandalplot Ihres Films bemerkt – Nazis marschieren nach Polen, um Gleiwitz zu reenacten. Die Antwort ist: weil es in dieser Verulkung so egal ist wie die Fernsehdiskussionen. Da bleibt niemandem etwas im Halse stecken. Was soll daran auch witzig sein? Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Komödie wirklich die treffende Erzählform ist, um so was zu erzählen – also die NSU-Parallelgeschichte, dass keiner was merkt, die Sie als historische Reprise ausstatten. Die Zwickauer Zelle bestand ja nicht aus Kaspern, die „white power“ nicht schreiben konnten, sondern aus hasserfüllten, aber sehr kühl kalkulierenden Menschen. Das Mediending drumherum und das Agieren des Verfassungsschutz mag eine Posse sein, aber diese Nazis mittendrin waren es nicht.

    Sie haben öfter Kuhlbrodt zitiert, der nicht den Nazi als Mensch, sondern den Menschen als Nazis gezeigt kriegen will. Wer ist denn damit im Film gemeint? Die Nazis jedenfalls sehen aus wie die Kasper, die man als Nazis aus deutschen Filmen kennt – schon dieses Skindhead-Klischee ist so „outdated“ (Til Schweiger), dass sich damit keiner identifizieren muss. Wer im Publikum soll sich, bitteschön, darin wiedererkennen?

    Solche Sachen meine ich, wenn ich von fehlender Reflexionskraft spreche. Es geht mir nicht um Schubladen und „Das Dürfen Sie nicht“, Ihr Film ist nicht der einzig denkbare Gegenpol zur „Kriegerin“, so sehr ich Ihr Unbehagen an diesem Film teile, der sich – auch schön fasziniert davon – ein bisschen krasse Gewalt reinpfeift, damit danach alle betroffen sagen können, so schlimm ist das mit den Nazis, und ins Kino gehen wie zum Sachkundeunterricht. Mich stört an „Heil“ – bei allem, was an ihm sympathisch und gelungen ist – die Indifferenz, die Ungenauigkeit, ich finde den Punkt nicht, von dem aus er spricht und das Gerede organisiert. Ich meine damit keine Botschaft oder „Lösung“, aber wenn eine Komödie etwas über Gegenwart/Diskurs sagen soll, dann muss genau karikiert und nicht einfach alles „durch den Kakao“ gezogen werden die Bezüge (dass die Autonomen genauso wenig wie der Verfassungsschutz gegen die Nazis wäre ein Beispiel für falsche Gleichmacherei, die der Plot erzwingt).

    Das „Manche mögen’s leicht“ bezog ich übrigens nicht auf den ganzen Film, sondern auf den Absatz zuvor: Ihr Zitat mit der Nonchalance. (Schon bei „Deutsche-Skins-Ausländer-Thema“ wird es mir wieder zu ungenau, weil Nazis nicht gegen „Ausländer“ sind, sondern gegen alles, was nicht aussieht wie sie selbst, man kann auch deutsch sein und schwarz dazu). Ich glaube nicht, dass Nonchalance ein erstrebenswerter Zustand wäre. Diese unsere Geschichte führt zu Verkrampfungen, aber in dem Bewusstsein kann man immer noch gute Filme machen, vermutlich bessere als dagegen. Aber vermutlich meinten Sie auch was anderes.

    Ich hoffe, ich bin hinten raus jetzt nicht zu unfreundlich geworden und verbleibe mit besten Grüßen

  3. Tritt says:

    Um es vorweg zu nehmen, ich bin der Ansicht, dass die deutsche Filmkritik (und übrigens auch Fernsehkritik) allgemein in einem bedauerlichen Zustand ist. Eine nachvollziehbare, intelligente Filmkritik ist die Ausnahme. Und ich vermute auch, dass viel, was am deutschen Film schlecht ist, damit zu tun hat, dass die Filmrezension hierzulande noch viel schlechter ist.

    Allerdings finde ich den ersten Teil Deines Pamphlets überzeugender, zumal Du Dells Kritik in vielen Punkten berechtigt angreifst, jedoch einige tatsächliche Mängel auch für Dell kaum besser handhabbar gewesen wären.

    Aber mal ganz von Anfang an: Im ersten Teil erwähnst Du die völlig andere Aufnahme Deines Film auf zwei internationalen Festivals. Dies wird aber auch einer im Vergleich zur Pressevorführung in Deutschland anderen Situation geschuldet sein.

    Zum einen ist das Publikum in Karlsbad oder Jerusalem natürlich ein internationales, das die politische und mediale Situation in Deutschland nicht so detailliert kennen wird wie der hiesige Zuschauer. Folglich werden diesem Publikum viele aktuelle Bezugnahmen auf die politische und mediale Gegenwart entgehen. Dass der Film trotzdem dort funktioniert, zeigt ja dann auch, dass er eine Allgemeingültigkeit (besser: Abstraktheit) besitzt, die über den konkreten aktuellen Bezug wie z.B. NSU hinausgeht. Diese Auffassung der Allgemeingültigkeit teile ich übrigens, und das war etwas, was mir bei dem Film durchaus gefallen hat. Ich glaube, dass der Film in zehn oder zwanzig Jahren, wenn viele konkrete Bezüge überholt sein werden, vielleicht in einigen Szenen harmloser erscheinen wird, aber insgesamt noch genauso gut treffen wird. Dass auf diese abstrakten Qualitäten in der deutschen Kritik überhaupt nicht eingegangen wird, finde ich insgesamt bedauerlich, in jedem Einzelfall jedoch vertretbar bzw. zumindest entschuldbar, zumal auch der Kritiker innerhalb dieser konkreten Bezüge erlebt.

    Zum zweiten geht das internationale Festivalpublikum auch unbeeinflusster in den Film. Wenn ich auf Festivals gehe, suche ich mir (zumindest, wenn ich rein privat da rumschlurfe) die Filme am liebsten nach Uhrzeit aus und lasse mich überraschen, was da gerade kommt. Selbst seriösere Festivalbesucher werden in der Regel allenfalls einen oberflächlichen, meist nichtssagenden Katalogtext kennen. Wenn der Festivalbesucher sich ins Kino setzt, ist die Birne also in der Regel frei und aufnahmebereit. Der Filmkritiker hingegen hat die Info des Verleihs gelesen, eventuell den Trailer gesehen, und bekommt einen Packen Presseinformationen in die Hand gedrückt. In etlichen Rezensionen zu „Heil!“ habe ich zum Beispiel die Behauptung von den 114 Sprechrollen gelesen, und ich glaube kaum, dass ein einziger von denen, die das geschrieben haben, im Kino eine Strichliste geführt hat. Auch die Anfangssequenz bis „70 Jahre später“ wird, obwohl augenscheinlich nur extreme polemische Verknappung eines heutigen Umgangs mit der Nazizeit, so oft in den Kritiken geschildert, dass ich mal blind darauf tippe, dass die Sequenz im Presseheft sichtbar erwähnt war – und sei es auch nur am Anfang der Inhaltsangabe. Da in vielen Kritiken gerügt wird, dass der Film sich in zu viele Einzelteile verliere, tippe ich zudem mal darauf, dass die Inhaltsangabe im Presseheft so spätestens ab der Mitte etwas unübersichtlich wurde.

    Der Verleih gibt dem Filmkritiker vor, für welchen Markt und welche Zielgruppe der Film bestimmt ist und was der Film aussagen soll. Wenn der Verleih sich dabei doof anstellt, ist das schon mal nicht gut für die Kritiken. Andererseits: Es ist schon erstaunlich und sehr traurig, wie wenig Kritiker in der Lage sind, sich vom Presseheft zu lösen, und mal wirklich eigene Gedanken zum Film zu finden. Klar, wenn man es selbst im Deutschunterricht nicht geschafft habe, nach dem hundertsten Lesen ein kurzes Gedicht zu interpretieren, wie soll man dann nach nur einmaligen Schauen eine selbständige, fundierte Aussage zu einem Film treffen können. Vor allem, wenn da auch noch Bilder und Geräusche hinzukommen. Filmbegeisterung alleine befähigt einen halt noch nicht, Filme auch über das bloßes Bauchgefühl „stimmig“ bzw. „nicht so dolle“ hinaus rezensieren zu können, selbst wenn man den Bildungshintergrund besitzt, die eigene Inkompetenz mit wortgewandteren Formulierungen zu kaschieren. Und ich bin selbst immer wieder ernsthaft erschüttert, wie insbesondere ansonsten durchaus intelligente Menschen, die sogar einen Uniabschluss in Medienwissenschaften, Kommunikationswissenschaften oder so einem Gedöns haben, anfangen, mir die Handlung nachzuerzählen, wenn ich sie frage, wie denn ein Film so war. Beim klassischen Genrefilm, in dem die Handlung noch mehr zurück tritt hinter filmischem Rhythmus oder Emotionalität ist das alles sogar noch viel schlimmer. Folglich gibt es dann auch kaum vernünftige Kritik zum Genrekino und erst recht kein relevantes deutsches Genrekino (jetzt mal die Tatsache ignorierend, dass Arthouse und Problemfilm natürlich auch Genres sind).

    Bei den „Heil!“-Kritiken war ich ja sogar fast schon begeistert, dass der ein oder andere Kritiker durchaus bemerkt hat, dass da gewisse Wechsel im Erzähltempo ganz am Filmanfang stattfanden.

    Was ich zum Beispiel an „Heil!“ erwähnenswert fände, und so wohl in eine Kritik von mir eingeflossen wäre, ist die absolut bemerkenswerte Darstellung und Wirkung der Gewalt in den unterschiedlichen Szenen des Films. Zum Beispiel ist der Angriff auf die türkischen Kioskbetreiber ungemein bedrohlich und brutal. Was vor allem daran liegt, dass die Sicht und die Angst der Opfer glaubhaft und vor allem für mich als Zuschauer nachempfindbar sind. Insofern widerlegt ja gerade diese Szene die Behauptung, dass der Film keine Figur ernst nehme: Für das türkische Ehepaar ist die Situation eindeutig todernst, und mit gerade diesem Blick wendet der Film sich sofort gegen die Verharmloser – hier in Form der Polizisten – die die Schilderung der Opfer, und damit das, was der Zuschauer gerade selbst erlebt hat, nicht ernst nehmen wollen. Wäre im Übrigen auch einen Gedanken wert, wie es auf die Rezensenten gewirkt hätte, wenn die Kioskbetreiber diese Szene nicht überlebt hätten. Würde mich durchaus mal interessieren, welche Überlegungen es dazu beim Drehbuchschreiben gab.

    Aber nun einmal in die andere Richtung, denn manche Mängel wird die Filmkritik nicht beheben können.

    Zum Beispiel erwähnst Du, dass Dell falsch zitiert: „Darf man über Nazis Witze machen?“ Dell hat den Film aber nur vermutlich nur einmal gesehen und wenn er vom Film was mitbekommen wollte, wird er auch nicht jeden Satz mitgeschrieben haben. Solche Ungenauigkeiten passieren dann halt, auch wenn es gerade beim wörtlichen Zitat ziemlich blöd wirkt. In Filmbüchern und Rezensionen aus der Zeit, bevor das Heimvideozeitalter die Bilder allverfügbar machte, wimmelt es von fehlerhaften Inhaltswiedergaben sogar bei den sonst tadellosesten Autoren. Selbst der von uns allen zurecht verehrte Dietrich Kuhlbrodt unterstellte einmal das Umdrehen des Wegweisers in „…reitet für Deutschland“ den verschlagenen Ausländern, obwohl hierfür tatsächlich die cleveren Volksdeutschen verantwortlich waren.

    Kurzer Einwurf: Die Erklärung greift hier für die Verwechslung „Neonazi“ – „Nazi“. Was den Musiktext von Adam Angst betrifft, gilt das nicht, denn den kann man natürlich googlen.

    Aber Du hast natürlich an dem Film – beginnend von der ersten Idee, bis zur Festivaltournee, Filmrundreise und vermutlich irgendwann Aufnahme des Audiokommentars für die DVD – Jahre gearbeitet, der Kritiker hingegen nur ein paar Stunden. Es gibt solche Kritiker, die tatsächlich schon die Kritik fertig getippt haben, wenn sie nach der Rückfahrt vom Kino aus der S-Bahn aussteigen. Ich habe mir, immer wenn es ging, die Zeit genommen, noch mindestens eine Nacht über den Film zu schlafen, bevor ich mich an die Tastatur setzte. Nur: Eine gewisse Lässigkeit ist hier unumgänglich, insbesondere, wenn man mit dem Schreiben auch noch irgendwie Geld verdienen und somit einen gewissen Mindestausstoß an Text bewerkstelligen muss. Was da zum Teil an die Kritiker gezahlt wird ist doch lächerlich – pfui, ihr Zeitungsverleger!

    Wie gesagt: Wir sprechen hier von Filmkritik. Eine darüber hinausgehende, spätere Filmrezension, etwa gar in filmwissenschaftlicher Form, hat natürlich weiter zu gehen, und an diese wären erheblich höhere Anforderungen zu stellen.

    Freilich waren die Kritiken auch nur teilweise besser, als noch vernünftig gezahlt wurde und vereinzelt Kritiker sogar von diesem Job noch leben konnten. Denn gute Kritiken sind ja nicht immer karrierefördernd. Die lange und langweilige Inhaltsangabe am Anfang gibt es nicht nur deshalb in fast jeder Kritik, weil der Kritiker es nicht anders kann (zugegeben, der ein oder andere wird es tatsächlich nicht anders können, denn dann müsste er ja selbständig denken), sondern auch, weil es der Chefredakteur so will, weil der glaubt, dass seine Leser es so wollen, weil er weiß, dass selbst ansonsten durchaus intelligente Menschen, die sogar einen Uniabschluss in Medienwissenschaften, Kommunikationswissenschaften oder so einem Gedöns haben, anfangen, ihm die Handlung nachzuerzählen, wenn er sie fragt, wie denn ein Film so war.

    Natürlich muss ein Text auch Verkürzen in Hinblick auf den Platz, der für ihn in der Zeitung oder Zeitschrift zur Verfügung steht. Gerade bei vielschichtigen Filmen werden zahlreiche Aspekte wegfallen müssen, eventuell Aussagen sogar vergröbert werden müssen. Tipp in die Runde übrigens hierzu: Als erstes die Inhaltsangabe wegkürzen, die braucht eh kein Mensch (und hier nicht von Chefredakteur belabern lassen, diese Typen haben sowieso keine Ahnung von nix). Positiver Nebenaspekt zur Platznot zudem: Man wird gezwungen, Unnötiges und Redundantes auch zu streichen. Aber wie oft habe ich mich selbst gequält, Komplexitäten in 2000 oder 4000 Zeichen zu zwängen und dabei noch halbwegs lesbar zu bleiben. Bei fast jedem interessanten Film wird es mehr zu sagen geben, als man in die vorgegebene Kürze packen kann. Ich erinnere mich an ein seltenes Gefühl von Verwirrung und gleichzeitig unterschwelliger Glückseligkeit, als ich mal einen Text zu „Nächtliches Indien“ geschrieben und durchkorrigiert hatte, plötzlich exakt alles drin war, was ich sagen wollte, und dann Word mir auch noch bekanntgab, dass das Ergebnis dabei auf den Punkt genau die vorgegebene Länge hatte. War dann auch mein letzte Text, danach wurde die Zeitschrift bekanntlich eingestellt.

    Letztlich werden in der Filmkritik – als auch in gewisser Weise Fließband- und Lohnarbeit – ungenaue Formulierungen nicht komplett vermeidbar sein. Hierfür sollte es allerdings eine Redaktion geben, der vor Veröffentlichung sowas auffällt. Shit happens trotzdem, und zwar reichlich, wie ich auch aus eigener Erfahrung weiß. Zeitdruck fordert seinen Tribut, und wenn nicht dieser, dann die Nachlässigkeit der Routine. Dieser Kommentar selbst wird freilich auch von Fehlern und Ungenauigkeiten strotzen, denn er ist schnell runtergetippt und gerade einmal kurz von mir korrekturgelesen; ich habe schließlich auch noch was anderes zu tun, als Kommentare in irgendwelche Brüggemann-Blogs zu hauen. Dennoch erwarte ich von einer seriösen Filmkritik natürlich ein deutlich höheres Niveau, als ich es hier selbst an den Tag lege.

    Als ich noch selber Filmkritiken geschrieben habe, habe ich viel Mist verfasst, aber ich habe mir zumindest zum Ziel gesetzt, besser zu werden, und die letzten Kritiken waren dementsprechend auch viel weniger peinlich als meine ersten. Und unsereiner hat damit nicht einmal Geld verdient, sondern statt dessen nebenher einen richtigen Beruf erlernt oder gar ausgeübt. Insofern ist die Kritik der insbesondere professionellen Kritik nicht nur berechtigt, sondern dringend notwendig. Wenn Du Dich beschwerst, bist Du folglich nicht nur der Fußballspieler, der dem Schiedsrichter erklärt, dass das gerade eben aber doch kein Elfmeter war. Wenn sich die Kritik selbst wichtig nehmen will, ist ihr derzeitiger Zustand – von Ausnahmen abgesehen – tatsächlich nicht gut.

    Noch zu was ganz anderem: Gefreut haben mich Deine Ausführungen zum Spiel. Spiel bedeutet, dass ich die Regeln der Realität, seien es gesellschaftliche, seien es naturgesetzliche, abändere in eigene Regeln: Die neue Regel kann lauten, dass der Läufer nur diagonal ziehen darf oder sie kann lauten, dass das Bild am Rahmen endet. Das Spiel funktioniert grundsätzlich nur, wenn man die Regeln ernst nimmt (Bricht man sie etwa, malt man das Bild also über den Rahmen hinaus, kann das ein neues Spiel mit neuen Regeln sein; das alte ist damit aber zerstört). Eine Kunst, die nicht eine Unterart des Spiels ist, ist kaum denkbar. Ich gehe jetzt spielen. Das meine ich ernst.

  4. Matthias Dell says:

    Ich noch mal, um falschen Vermutungen vorzubeugen: Ich habe den Film zweimal gesehen (eben weil ich ihn als Herausforderung empfunden habe), das erste war eine Pressevorführung, bei der die Stimmung doch deutlich amüsierter war als das normalerweise der Fall ist; es wurde auch gelacht (ohne zu wissen, was bei den Festivals ging). Ich kenne keinen Kritikerin, die seine Texte noch in der S-Bahn schreibt, ich kenne nur welche, die etwa bei der Berlinale auch sehr konzentriert und schnell arbeiten können, das ist aber auch der Beruf (das Missverhältnis zwischen Zeit für Machen des Films und Zeit für Schreiben der Kritik wird sich nie auflösen lassen, warum auch, Zuschauerperspektive ist ja auch keine andere, da bereitet sich auch kein Mensch zwei Jahre auf den Kinobesuch am Freitagabend vor; im besten Fall beeindruckt ein Film dann aber ein Leben lang)

    „Auch die Anfangssequenz bis „70 Jahre später“ wird, obwohl augenscheinlich nur extreme polemische Verknappung eines heutigen Umgangs mit der Nazizeit, so oft in den Kritiken geschildert, dass ich mal blind darauf tippe, dass die Sequenz im Presseheft sichtbar erwähnt war – und sei es auch nur am Anfang der Inhaltsangabe“

    – leider falsch getippt. Die Sequenz wird wohl deshalb so oft erwähnt, weil sie am Anfang steht, den Ton des Films vorgibt, gut gelungen ist. Und bei den 114 Sprechrollen muss man auch nicht nachzählen, man kann aber markieren, woher man das hat, schon um solchen Setzungen nicht auf den Leim zu gehen (Bei Kreuzweg hat mich beeindruckt, wie erfolgreich der Spin mit den 14 Einstellungen war, damit wurde der Film so oft attributiert, bis in Gespräche hinein – dazu müsste sich Kritik eigentlich verhalten, dass sie sich überlegt, ob sie solche Setzungen nacherzählen will bzw. wie).

    Und was „Nazi/Neonazi“ angeht – der Fehler im Zitat hat allein mit meinem Unwillen zu tun, da begrifflich zu differenzieren. Für mich wäre Neonazi heute ein historischer Begriff für eine Enkelgeneration in den siebziger/achtziger Jahren, eben Springerstiefel und Bomberjacke. Ich finde für heutige Beschreibungen ist die Unterscheidung lässlich, Nazis, historisch, waren ja nicht nur Himmler, Hitler, Göring, sondern auch eine große Zahl von Omas und Opas. Ich finde es auch immer komisch, von Nazideutschland zu schreiben, als das Deutschland 1933-1945 am Start war – als wäre das nicht Deutschland, sondern der ungezogene Bruder, die doofe Schwester, die nationale bad bank, in die sich die unangenehmen Teile der Geschichte von Wir-sind-wieder-wer outsourcen lassen.

  5. Tritt says:

    @ Matthias Dell: Der Großteil von dem, was ich da gestern in meiner Tirade gegen die gesamte Kritikerwelt wild in die Gegend geschimpft habe, richtet sich auch nicht konkret gegen Deine Kritik; die gehört ja tatsächlich zu den besser geschriebenen und begründeten, auch wenn ich selbst in anderer Meinung bin. Und Du warst dementsprechend, soweit ich das sehe, auch der Einzige, der bei den „114 Sprechrollen“ die Quellenangabe in die Kritik eingebaut hat. Gerade bei den „Heil!“-Rezensionen fällt mir außerdem auf, dass viele Kritiker weniger filmisch begründen, denn damit, dass sie meinen, anderer Ansicht zu sein, als die Ansicht, die man aus dem Film herausliest oder herauszulesen glaubt; das wäre natürlich bei weniger politischen Filmen weniger relevant. Und wenn ich als Leser dann wieder anderer Ansicht bin als der Kritiker haben wir zwar alle irgendeine Meinung geäußert, aber die Auseinandersetzung mit dem Film als eigenständiges künstlerisches Werk ist dabei dann gerne mal zu kurz gekommen. Ob man die Differenzierung „Neonazi“/„Nazi“ für sinnvoll erachtet oder nicht ist letztlich für die Aufnahme des Films selbst nur sehr eingeschränkt von Belang; selbst bei der Frage des Umgangs mit dem realen Rechtsextremismus scheint sie mir zwar theoretisch, aber weniger praktisch relevant, und auch nur dann sinnvoll, wenn man beachtet, dass man nicht trotz gleicher Grundlagen genauso aneinander vorbeiredet wie die Antifas und POC-Rechtler im Film (übrigens auch so eine wunderschöne Szene, als auf der Straße nach Polen die Antifas das Thema dermaßen verfehlen, dass sich die Nazis freudig an deren basisdemokratischen Abstimmung beteiligen).

    Den Kritiker, der seine Texte schon in der S-Bahn schreibt, kann ich Dir gerne vorstellen, wenn Du mal nach NRW kommst. An sich netter Kerl, schreibt aber sehr gleichförmige Texte.

  6. dietrich says:

    Hallöchen!
    Sieh mal eine an, nach persönlicher Ansprache ist der Ton gleich etwas zivilisierter. Inhaltlich freue ich mich vor allem über alles, was nicht kommentiert wurde. Den Rest versuche ich jetzt mal wieder etwas kürzer zu zerlegen. Angesichts der Halbwertszeit von Netzdebatten interessiert das vermutlich eh nur noch uns beide. Aber Spaß macht es trotzdem. Ein bißchen obsessiv ist es auch.

    „Heil“ ist eine Herausforderung, der Film macht es einem schwer, eben weil er anders ist als das, was zumeist unter deutsche Komödie läuft, er lässt sich nicht leicht generalisieren.

    Aha. Das klingt ja schon viel netter. Aber warum nicht gleich so? Da ist also ein Film mal eine Herausforderung, anders als das übliche, etc. Sollte man das vielleicht einfach in die Kritik reinschreiben? Auf keinen Fall. Man haut drauf.
    Ähnliches gilt für die zweimalige Sichtung, die Sie später erwähnen. Respekt, wirklich. Nur: Im Text schlägt es sich nicht nieder. Wenn ich so eine durchaus ungewöhnliche Aktion gemacht hätte, würde ich mich doch fast verpflichtet fühlen, das dann auch zu thematisieren.
    Daß wir zusammenkommen, glaube ich allerdings auch nicht. Muß auch gar nicht sein. Ich will nur ein paar Dinge nicht unwidersprochen im Raum stehenlassen.

    Zum Beispiel: das Titeldesign. Ich kann verstehen, dass das grafisch Spaß macht – sonst hätte ich das nicht hingeschrieben!

    Das war der berühmte Satzteil vor dem „aber“, der ja bekanntlich nicht so viel wert ist.

    (Wenn Sie, das nebenher, von Kritik Differenzierung wünschen, dann sollten Sie im Gegenzug auch nicht pauschal solche Kritiker-sind-humorlos-und-haben-das-Kind-in-sich-vergessen-Reflexe performen; auch wenn es aus Ihrer Sicht viel Grund für Generalisierungen geben mag, so kommt man nicht weiter).

    Das mit dem Kind habe ich nicht reflexhaft pauschal performt, sondern anhand einer sehr spezifischen Stelle festgemacht. „Humorlos“ habe ich bewußt nirgends gesagt, auch nicht performt. Weil das nämlich so ein doofer Kampfbegriff ist, der gar nicht so leicht zu belegen ist, da müßte man ganze Doktorarbeiten schreiben. Der Humorlosigkeitsvorwurf ist quasi der Zwillingsbruder vom Schlußstrich-Vorwurf. Unter zivilisierten Leuten vermeidet man sowas. Aber wenn Sie unbedingt wollen, kann ich ihn nachliefern. Man kann den nämlich auf zwei Arten doch ganz gut belegen. Einmal weg vom inhaltlichen, sondern rein phänomenologisch: Komik liegt dann vor, wenn gelacht wird. Daß ein nicht komplett bescheuertes, sondern halbwegs satisfaktionsfähiges Publikum bei diversen Gelegenheiten sehr viel gelacht hat, durfte ich selbst miterleben. Der Rezensent selbst erlebt ähnliches in der PV, schreibt dann aber als Zwischenüberschrift in seinen Text: Eigentlich nie witzig. Fazit: Rezensent ist humorlos. Ganz einfach. Und zum anderen: Humorlosigkeit zeigt sich doch meist nicht in völliger Unfähigkeit, Komik überhaupt wahrzunehmen – sondern in der Weigerung, wider besseres Wissen die kontrollierende Instanz kurz mal abzuschalten. „Das ist zwar Mordsgaudi, aber eigentlich hohl“ ist damit der klassische humorlose Reflex.

    Aber es hängen da eben noch mehr Aspekte dran, das meine ich mit Bildpolitik, und „alles, was zum einen zum Thema ‚Deutschland‘ so um die Ohren und durchs Hirn fliegt“ ist mir dann zu grobmaschig als Konzept.

    Genau, es ist grobmaschig – wie ein Netz, mit dem man nur die dicken Fische fängt. Der Vorspann besteht aus lauter dicken Fischen.

    Jeder deutsche Filme handelt irgendwie von Deutschland – für diese Erkenntnis brauche ich den Vorspann nicht.

    Das ist jetzt aber ziemlich schludrig gedacht. Natürlich handelt weltweit jeder Film auch irgendwie von Menschen unter dem Einfluß der Schwerkraft. Aber eine Sache explizit behandeln, also mit Absicht und gedanklicher Struktur, das ist noch was anderes als einfach Teil dieser Sache sein. Da sind wir uns doch hoffentlich einig.

    Und wenn Sie hier eine stärkere Verwickeltheit thematisieren wollten („sind Teil der ganzen Chose. Wir stecken da alle drin“), dann löst der Film das nicht ein – ich erfahre aus ihm nicht, wie viel Nazi im real existierenden Benno Fürmann (bitte um Entschuldigung für den Freud’schen Verschreiber im TAZ-Text) steckt und wie viel Geheimdienstmitarbeiter in Michael Gwisdek. Oder was ist mit dem Drinstecken sonst gemeint?

    Das verwechselt jetzt Leiche und Keller. Ich würde mir keine Aussage anmaßen, wieviel Nazi in Benno steckt (nicht so viel, private Einschätzung), und ich kann mir auch beim besten Willen keinen Film vorstellen, der mir dazu etwas verrät. Aber die Operation ist ja auch umgekehrt. Der Vorspann steckt uns selber in die Geschichtsbilder hinein.

    Das meine ich mit hohl – es ist hübsch anzuschauen, macht aber nur sehr allgemein Sinn (Wir sind alle Deutschland) und unterschlägt eben Bedeutungszusammenhänge, die an einem Kristina-Söderbaum- oder Schleyer-Bild hängen;

    Wieso? Die Bedeutungszusammenhänge hat doch jeder im Kopf. Die unterschlage ich nicht, die rufe ich ganz bewußt auf.

    da könnte man Doktorarbeiten drüber schreiben.

    Her damit!

    Da soll nicht heißen – Erwachsene und Kinder –, dass Sie die referieren müssen, es bedeutet nur, dass man sich Gedanken machen, gut überlegen sollte, wie man sich zu solchen Bildern verhält, ob ohne Not trivialisiert werden muss (das wäre, was für mich hängen bleibt vom „Ritt“ durch Deutschland). Im Kino geht es doch darum, welche Bilder wie miteinander kommunizieren. Da sollte man sich nur mit gutem Grund einloggen, den sehe ich hier nicht.

    Ihr Vokabular ist forciert postmodern (performen, einloggen, hacken), gedanklich ist es aber ganz schön oldskool, was Sie da performen. Sie holen die Bilder da ab, wo sie herkommen. Ich schaue mir dagegen das an, was inzwischen daraus geworden ist. Nämlich zu Tode zitierte Medien-Chiffren. Die Trivialisierung, die Sie mir vorwerfen, die ist doch längst ohne mein Zutun geschehen. Indem ich unsere Namen da reinschreibe, vollende ich nur diesen Akt, ich haue dem Bild seine eigene popkulturelle Verkommenheit quasi um die Ohren – und führe es damit, was Ihre empörte Reaktion sehr schön belegt, zurück zu seiner Quelle. (Und Verzeihung, da ist schon wieder dieser Lehrertonfall. Nur mit gutem Grund, nicht ohne Not, alles bitte mit protestantischer Strenge, und sobald mal etwas überbordet, kriegen wir schlechte Laune.) Diese Unfähigkeit, mit Magritte zu sagen: Ceci n‘est pas une pipe, diese Verwechslung des Bildes mit dem Abgebildeten, die begünstigt natürlich sehr den oben erwähnten humorlosen Reflex („hör auf zu spielen, das ist ernst“).

    Der Song ist also so indifferent, da könnte man ebenfalls Doktorarbeiten drüber schreiben, diese Teenie-die-Welt-ist-schlecht-Lyrik gibt’s für 20 Cent in jedem Poesiealbum

    Falsch. In Poesiaelben steht, daß in allen vier Ecken Liebe drinstecken soll.

    aka Whatsapp-Chat.

    Auch falsch. In Teeenie-WhatsApp-Chats geht es fast nur um soziale Dynamiken in der Peergroup. Man verzeihe mir die Pedanterie, aber wer Präzision fordert, von dem fordere ich Präzision. Aber um mal anzusprechen, was Sie hier eigentlich performen wollen, nämlich den Teenie-Weltschmerz-Diss-Reflex: Wenn man die notwendige Reflexionskraft besitzt, könnte man den auch mal zerlegen und dann hinterfragen. Teenieweltschmerz zerfällt nämlich in zwei Bestandteile: Einerseits „ich bin häßlich und keiner versteht mich“, andererseits „die Welt ist ein schlimmer Ort“. 90 Prozent aller Teenies bleiben aber von letzterem verschont, die pubertieren und konsumieren einfach. Es sind durchaus die schlaueren, sensibleren, die sich solche Gedanken machen, bevor sie dann erwachsen werden und sich ein widerspruchsfreies Narrativ stricken, aus dem sie sich fortan die Welt erklären (und jeden attackieren, der das Narrativ hinterfragt). Muß man gar nicht immer so reflexhaft drauf rumhacken.

    Das dann noch mit so einer pseudorockigen Dynamik

    Musikalische Genregrenzen verlaufen nicht parallel zu Geschmacksgrenzen, leider. Ich mag auch Kraftwerk lieber als Scooter, trotzdem würde ich letztere nicht als „pseudoelektronisch“ dissen. Bin ohnehin kein Freund dieser leicht gehässigen Wortbildungen, zu denen Sie immer wieder greifen, nee, die Sie reflexhaft performen, so kommt man nämlich nicht weiter.

    leider und im empörten Gestus – da fliegt einem alles um die Ohren, was Kunst kann, Form ist, „1000 Fehler im Bild“ (Anne Will); worüber empört sich Empörung?

    Bitte Syntax überprüfen.

    Natürlich kann man das auf „Unbehagen“ verallgemeinern, und dann sagen, Unbehagen ist doch was, aber „Hunger in der Welt“ – wer würde gegen den nicht sein? – gegen die Lanz-Petition auszuspielen, das ist platt und billig. Zumal, die Lanz-Petition auch ein Unbehagen artikuliert, da geht es um Machtfragen, um das Sprechen von Leuten, die normalerweise nicht mitreden – das kann man immer noch läppisch finden, man könnte aber auch das Unbehagen von Adam Angst, so geräumig ist das, der Lanz-Petition unterstellen.

    Natürlich war ich aus genau diesen Gründen auch sehr auf Seiten der Lanz-Petition, und plötzlich kommt einer und dreht das um. Fand ich genau deswegen interessant, das mal so zu sehen.

    Was mich auch noch stört: dass der Song von links und rechts lesbar ist;

    Ist er nicht, da reicht ein Blick auf den ganzen Text.

    das ist keine gut programmierte Kunst, wenn das so leicht zu hacken ist.

    Auch falsch. „Fickt das System“ (Sterne) oder „Macht kaputt, was auch kaputt macht“ (Scherben) können genausogut von rechts gelesen werden. Tausend Sachen können auch von rechts gelesen werden. Das ist doch gerade rechte Strategie, sich Dinge anzueignen. Wer Kunst so todsicher „programmieren“ will, daß das ausgeschlossen ist, landet beim Pamphlet.

    Nun haben Sie den Song nicht geschrieben, aber ausgewählt, und das macht mich ratlos, weil es eben Indifferenz performt.

    Putzig, dieses permanente Performen. Aber: Nein. „Indifferent“ heißt: Ich stehe vor einer Wahl und lege mich nicht fest, weil es mir egal ist. Was hier vorliegt: Ich stehe vor keiner Wahl, weil ich gar nicht gefragt werde.

    Wie auch der Rundumschlag, um zum Kern zu kommen. Natürlich können Sie da „Deutschland“ zu sagen, oder „deutsche Befindlichkeiten“, aber das kassiert meines Erachtens zu viel von dem, was Nazis etwa von Linken (oder auch: von Fernsehmoderatoren) unterscheidet (so lustig der Handykontaktname „Verfassi“ sein mag), das ist ein bisschen wie bei der „Extremismus“-Definition der CDU, die immer sagt, wenn jemand was gegen Nazis machen will, Linksextremismus ist genauso schlimm (was nicht stimmt: er haut weniger Leuten grundlos auf die Fresse bzw. bringt weniger Leute um)

    Jetzt hamse aber gerade meinen Film nacherzählt. Der Richter (der auf dem rechten Auge blind ist) sagt genau diesen dummen Satz vom Extremismus von links und rechts. Ich wiederhole es zum wiederholten Mal: Die Nazis im Film bringen Leute um, die Linken nicht. Daß die Antifa-Frau dann beim Verfassi anruft, ist inspiriert von einer Episode aus dem Flora-Umfeld in Hamburg, wo eine Frau offenbar jahrelang für die Polizei tätig war. Und sogar dieser kleine Schnörkel am Ende ist Ihnen zuviel? Da hätte es also jemand gern absolut eindeutig, ohne Schattierungen. Na gut. Es ist doof, aber man muß halt immer wieder darauf hinweisen, daß vergleichen nicht gleichsetzen heißt, sondern: Nebeneinanderstellen und nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden fragen.

    – es ist dann nur ein Brei, „Deutschland“, in dem jeder einen mitkriegt, und am Ende wundern Sie sich, warum kein Kritiker den Skandalplot

    Schon wieder so eine leicht gehässige Wortbildung. Können wir uns mal bitte ein bißchen wieder einkriegen?

    Ihres Films bemerkt – Nazis marschieren nach Polen, um Gleiwitz zu reenacten. Die Antwort ist: weil es in dieser Verulkung so egal ist wie die Fernsehdiskussionen.

    Und ich bleibe dabei: Genau diese Verulkung hat Deutschland verdient. In all seinen Teilen. Und jetzt werde ich mal kurz selber unfreundlich: Dringend verulkt gehören auch mal Filmkritiker, die postmodernes Diskurs-Hacking performen, dabei aber dauernd mit unsachlichen Kampfbegriffen ihr Ressentiment verraten, die keinen präzise gedachten Vergleich hinkriegen, aber über jedes Bild eine Doktorarbeit vorgelegt bekommen wollen. Aber wer die Schattierungen zwischen links und rechts nicht bemerkt, weil er sofort die Extremismus-Definition der CDU vor sich zu haben glaubt, der bemerkt natürlich auch den Plot nicht.

    Da bleibt niemandem etwas im Halse stecken. Was soll daran auch witzig sein?

    Seltsame Frage. Ich persönlich muß bei Lakritz würgen, aber deswegen stelle ich mich doch nicht in den Laden vors Lakritzregal und frage anklagend: Wem bitteschön soll das schmecken? Wie schon gesagt: Witzig ist, was eine gewisse Anzahl von Leuten witzig findet. Beispielsweise die diversen Zuschauer in Osteuropa (und Israel), die diese Art von Nationalismus und Militarismus öfter mal vor der eigenen Nase erleben und großen Spaß daran haben.

    Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Komödie wirklich die treffende Erzählform ist, um so was zu erzählen – also die NSU-Parallelgeschichte, dass keiner was merkt, die Sie als historische Reprise ausstatten. Die Zwickauer Zelle bestand ja nicht aus Kaspern, die „white power“ nicht schreiben konnten, sondern aus hasserfüllten, aber sehr kühl kalkulierenden Menschen.

    Sie haben eine Darstellung als Kasper verdient. Haßerfüllt sind sie bei uns auch. Kühl kalkulierend ist Benno Fürmanns Figur.

    Sie haben öfter Kuhlbrodt zitiert, der nicht den Nazi als Mensch, sondern den Menschen als Nazis gezeigt kriegen will. Wer ist denn damit im Film gemeint? Die Nazis jedenfalls sehen aus wie die Kasper, die man als Nazis aus deutschen Filmen kennt – schon dieses Skindhead-Klischee ist so „outdated“ (Til Schweiger), dass sich damit keiner identifizieren muss.

    Man will beipflichten, dann hält man inne. Echt? Kennt man die? Aus zahlreichen deutschen Filmen? Welchen? Ich kenne die eher aus Titanic-Cartoons. Aus deutsche Filmen kenne ich eher die Zeigefingernazis, die gefährlich und eine wachsende Bedrohung sind. Und ich hätte damit auch nie einen ganzen Film bestritten. Aber das ist ja auch nur der Anfang. Und übrigens kam ja die Zwickauer Zelle genau aus so einem Sumpf. Und das Wort „Mensch“ hat ja immer diese humanistische Konnotation, man kann es aber auch nüchterner betrachten, und dann ist die Darstellung von Menschen als Witzfiguren sogar die Steigerung von Menschlichkeit, die auch nicht von ungefähr eine lange Tradition hat.

    Wer im Publikum soll sich, bitteschön, darin wiedererkennen?

    Wer soll sich bitteschön in Tom und Jerry wiedererkennen? Klar ist der Film ein Comic. Und Leute, die ihre Untaten in Pink-Panther-Bekennervideos feiern, haben es verdient, genau da wieder hineingestopft zu werden.

    Mich stört an „Heil“ – bei allem, was an ihm sympathisch und gelungen ist – die Indifferenz, die Ungenauigkeit, ich finde den Punkt nicht, von dem aus er spricht und das Gerede organisiert.

    Indifferenz? Wenn Sie das an den bisher erwähnten, schlecht beobachteten Verdachtsmomenten festmachen, dann bleibt von dem Vorwurf nicht viel übrig. Daß ich alle zu Nazis in Beziehung setze, heißt halt nicht, daß ich alle gleichsetze. Und daß ich mich nicht auf den archimedischen Punkt stelle, ist Absicht, weil es den nämlich nicht gibt.

    Ich meine damit keine Botschaft oder „Lösung“, aber wenn eine Komödie etwas über Gegenwart/Diskurs sagen soll, dann muss genau karikiert und nicht einfach alles „durch den Kakao“ gezogen werden die Bezüge (dass die Autonomen genauso wenig wie der Verfassungsschutz gegen die Nazis wäre ein Beispiel für falsche Gleichmacherei, die der Plot erzwingt).

    Sie wiederholen sich, ich wiederhole mich: Es ist eben keine Gleichmacherei. Und das setzt außerdem wieder ausschließlich beim Inhalt an. Präzision umfaßt aber auch den Modus, den Jargon, den Gestus von Figuren, den Tonfall. Ich hätte nie gedacht, daß ich mich eines Tages auf Knörer berufen würde, aber tue es hiermit.

    Das „Manche mögen’s leicht“ bezog ich übrigens nicht auf den ganzen Film, sondern auf den Absatz zuvor: Ihr Zitat mit der Nonchalance.

    Es steht aber als Titel über dem ganzen Text.

    (Schon bei „Deutsche-Skins-Ausländer-Thema“ wird es mir wieder zu ungenau, weil Nazis nicht gegen „Ausländer“ sind, sondern gegen alles, was nicht aussieht wie sie selbst, man kann auch deutsch sein und schwarz dazu).

    Sorry, ist natürlich korrekt. Vor neun Jahren war die Euphemismus-Tretmühle noch nicht so weit wie heute, da gab es noch den Begriff „Ausländerfeindlichkeit“. Aber danke für die Mitteilung, ich habe gerade einen Film gemacht, der davon handelt.

    Ich glaube nicht, dass Nonchalance ein erstrebenswerter Zustand wäre.

    Ich auch nicht. Das funktionierte in „Leroy“ für 10 Minuten hervorragend. „Heil“ ist im Tonfall wirklich ganz anders.

    Diese unsere Geschichte führt zu Verkrampfungen, aber in dem Bewusstsein kann man immer noch gute Filme machen, vermutlich bessere als dagegen.

    Äh, wogegen jetzt genau?

    Aber vermutlich meinten Sie auch was anderes.

    Sie vermutlich auch. Und dann noch der Nachtrag: „Nazi/Neonazi“ – geschenkt, ihr habt recht. War mir trotzdem wichtig, weil ich die Witzfrage jeweils anders beantworten würde. Womit ich aber keinen Schlußstrich machen möchte. Allenfalls unter diese Diskussion.

  7. Matthias Dell says:

    Weiß nicht, wie das mit dem Schlussstrich gemeint war. Ich würde jetzt noch mal versuchen, was zu argumentieren, obwohl meine Zweifel am Sich-verständigen-können nicht geringer geworden sind. Was auch an der Art und Weise der Diskussion liegt: Wenn Sie jedem Komma fünf Anmerkungen hinterherschicken und ich dann jede Anmerkungen noch mal kommentieren würde, säßen wir morgen früh noch hier. Und vor allem – zur Diskussion taugt das nicht so recht, eben weil alles in lauter Einzelheiten und Minikommentare zerfällt.

    Was den zivilisierteren Ton angeht – das hat auch mit der Textform zu tun. Hier schreibe ich Ihnen quasi Briefe, ich adressiere Sie, während in der Zeitung ein Text steht, der über einen Film handelt und der Leuten, die das wollen, ein Gesprächsangebot macht. In der Zeitung schreibe ich nicht an Sie, deshalb ist der Ton anders.

    Bei der Zeitung ist es auch so, dass Titel und Zwischentitel üblicherweise die Redaktion macht (aus gutem Grund). Ich hätte wohl aber auch „Manche mögen’s leicht“ ausgewählt – dass die konkrete Bedeutung sich durch den Text erklärt, ist normal, man könnte sagen, das Prinzip von Überschrift. Ihre Kritik kann ich da nicht recht nachvollziehen: Wenn ich’s richtig verstanden habe, war der Film für Sie schwerer, komplizierter als ein anderer; meine Formulierung bezieht sich aber nicht relativ auf Ihre Filmografie, sondern auf den Umgang mit/den Zugriff auf Nazi/Film/Geschichte. Und wenn man das nicht versteht aus dem Text (was nicht gut wäre), dann steht da doch zumindest nicht: Brüggemann macht es sich leichter als bei seinen anderen Filmen.

    (Fun Fact: Die Formulierung kam mir wohl nur in den Sinn, weil ich bei der Vorbereitung auf den Text über die Pseudo-Plagiatsnummer in Ihrem Blog gelesen hatte und da von „Some like it hot/not“.)

    Warum ich in einen Text schreiben sollte, dass ich den Film zweimal gesehen habe, erschließt sich mir nicht, macht ja den Text nicht automatisch besser (Vom Klempner will man nicht wissen, wie die Anfahrt war, sondern dass er die Heizung repariert). Auch da gibt es Kolleginnen, die so was öfter machen. Was das Draufhauen angeht: Ich bin sicherlich kein Kind von Traurigkeit, ich würde aber auch denken, dass so was für Lesers hilfreich ist; dass was los ist im Text, Deutlichkeit, argumentiertes Urteil. Als Freude an der Auseinandersetzung, nicht um jemanden runterzumachen.

    Weshalb ich meinen Text von „haut drauf“ verfehlt finde. Ich kann natürlich nichts daran ändern, wenn Sie sagen, ich verstehe den Text aber so, möchte aber doch drauf hinweisen, dass sich meine Kritik immer nur gegen den Film richtet (und nicht gegen Sie als Person). Dass durchaus positive Aspekte genannt werden – bis zu dem Absatz „In dieser Runde sitzt auch“ wird viel beschrieben und ein bisschen gewertet, das aber nur positiv („munter“, „bemerkenswert“).

    Und dass ich Sätze wie „Grafisch betrachtet eine Mordsgaudi, bildpolitisch völlig hohl“ als Ausdruck meines Bemühens um Differenzierung sehen würde. Ich sage damit, was man daran gut und was man daran problematisch finden kann (wobei das Problematische für mich schwerer wiegt, was sich beim Lesen mitteilen soll). Wenn Sie dann sagen: „Das war der berühmte Satzteil vor dem ‚aber‘, der ja bekanntlich nicht so viel wert ist“, dann stimmt das eben nicht, weil da kein „aber“ steht (Sie kritisieren ja auch zurecht, wenn ich meinen Nazibegriff in ihre „Neonazi“-Frage blende) – und zwar bewusst, nämlich aus der Absicht, – ich wiederhole mich – dem Film auch in seinen positiven Aspekten gerecht werden zu wollen. Was Grammatik so alles kann.

    Warum wiegt die hohle Bildpolitik für mich schwerer als die gute grafische Ausführung? Weil letztere nur Mittel zum Zweck ist, einem Zweck, der mir auch nicht klarer wird, wenn Sie schreiben, der Vorspann stecke uns (am unklarsten: wer damit alles gemeint ist) in die Geschichtsbilder hinein – wozu, was wird damit erzählt (dass es schick aussieht, mal als Schleyer zu posieren, ist als Erzählung irrelevant)? Ich kann mir gut vorstellen, dass der Vorspann ein Spitzengeschenk der „Tagesschau“-Redaktion für Jan Hofer wäre, wenn der mal in Rente geht – weil das, was das Material seiner Arbeit war, verkörpert würde von den lieben Kollegen. Aber welchen Sinn macht das für den Film? Würde man nicht auch verstehen, dass es um „Deutschland“ geht, wenn die Nachrichtenbilder ohne die Reinmontierungen zu sehen wären?

    Und wenn man sagte, es ginge nicht um Sinn, dann ist der Rest des Films zu wenig dadaistisch und zu konventionell in Moralverteilung und Sinnproduktion, um diese Annahme zu bestärken. Das meine ich mit Indifferenz: Der Film zieht viele verschiedene Register, die nicht zusammenstimmen. Der Film hat nicht mit der Trivialisierung der Nachrichtenbilder angefangen (was meine Kritik auch nicht meinte), aber warum wird dann überhaupt auf die Bilder zurückgegriffen? Sie sagen: als Kritik an der Trivialisierung. Halte ich für eine ziemliche Herausforderung, Trivialisierung durch Trivialisierung auszutreiben (schon weil das sehr viel „trivial“ auf einmal ist). Wenn man sagte, da wird ein zu Tode zitiertes Bildarsenal abgeräumt („popkulturelle Verkommenheit um die Ohren hauen“), damit danach neue, treffende Bilder gefunden werden (das wäre zumindest der Sinn, den ich so ’nem Ansatz unterstellen würde), dann stimmt das nicht mehr, wenn man die Springerstiefel-Bomberjacken-Nazis sieht – ein olles, abgenutztes Bild (Und dafür ist es egal, dass das bei Ihnen Kasper sind und bei der „Kriegerin“ nicht – was sich als Nazi heute zeigt, kriegen Sie damit nicht zu fassen, die fahren ja auch zurück in die Geschichte und stellen 1939 nach).

    Ein andere Antwort, die für mich bekräftigt, was ich mit Indifferenz meine: dass Sie selbst sagen, Sie hätten die Lanz-Petition so betrachtet, wie von mir beschrieben (als Empowerment), dann aber interessant gefunden, dass Adam Angst das mal so sieht (als die Banalität, für die sie von einem Großteil der veröffentlichten Meinung schließlich befunden wurde). Nichts gegen Toleranz, aber warum wählt man sich Gewährsbands, die das Gegenteil der eigenen Ansicht singen?

    Ich verstehe ja Ihren Brass auf die „Kriegerin“, ich finde, wie schon beschrieben, es auch problematisch, dass sich die bürgerliche Mitte, die ins Kino geht, alle paar Jahre an der Gewalt und dem Grusel delektiert, der von solchen Schockern ausgeht. Diese Filme wollen nichts wissen, die wollen bloß von der Bundeszentrale für politische Bildung promotet werden. Aber „Heil“ macht es sich zu leicht, dass alles lächerlich zu machen. Oder ist dann eben nur der betriebsinterne Scherz und nicht der Film, der etwas über Gegenwart/auf der Höhe des Diskurses erzählt.

    Und was die „Euphemismus-Tretmühle“ angeht – finde ich einen merkwürdigen Begriff. Was wird denn beschönigt, wenn man jemanden, der in Deutschland geboren, aufgewachsen ist und wohnt wie die Bestsellerautorenfigur im Film, nicht als „Ausländer“ bezeichnet? Es wirkt nur für uns weiße Herkunftsdeutsche anstrengend, die richtigen Begriffe zu benutzen für Leute, die nicht so aussehen wir (als Ausdruck dieser Anstrengung würde ich „Tretmühle“ verstehen), dabei ist es das Normalste der Welt. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, wenn er mit einem 16er-Schlüssel eine 8er-Mutter nicht zu fassen kriegt, der 8er-Mutter vorzuwerfen, sie solle sich mal nicht so haben. (Das haben Sie jetzt nicht gesagt, das liegt nur in der Linie einer Kritik am Sprachwandel, der für mich aus „Tretmühle“ und „gab es noch“ spricht). „Ausländerfeindlichkeit“ wäre für mich der Euphemismus, weil darin falsch Grenzen gezogen werden (der afrodeutsche Bestsellerautor ist ein Deutscher, kein Ausländer) und weil damit verschwiegen wird, worum es eigentlich geht (Rassismus). Der Zusammenhang ist interessant; wie da etwas überdeckt wird, wie der „Ausländer“/die „Ausländerfeindlichkeit“ gebraucht wird, weil über Rassismus nach 1945 keiner reden will.

  8. dietrich says:

    Ach herrje. Das nichstattfindende Zusammenkommen findet weiter nicht statt. Nein, ich kann nichts daran ändern, daß ich Ihre Rezension deutlich polemischer (und damit verkürzender und einseitiger) fand, als es nach dem von Ihnen selbst geschilderten Rezeptionsvorgang angemessen gewesen wäre. Um mal einen vorgefundenen Spieß umzudrehen: Wer das so sieht, dann aber so schreibt, der macht es sich zu leicht. Okay, ich räume ein: Im Anfangsteil ist sie durchaus noch nicht so. Da haben Sie recht. Am Ende aber halt doch. Und nein, ich finde nicht, daß ein Filmkritiker wie ein Klempner ist, der eine Heizung reparieren soll. Trivialisierung mit Trivialisierung beantworten ist Teil einer Strategie namens Überaffirmation, die auch im Rest des Films eine gewisse Rolle spielt. Die Frage, ob der Vorspann auch ohne die reinmontierten Namen funktioniert hätte, ist verräterisch. Natürlich hätte er das. Aber das ist halt mal wieder die gute alte deutsche Haltung: Protestantische Sparsamkeit. Schwäbische Hausfrau. Sobald etwas irritiert, schillert, überschüssig ist, barocke Formen annimmt, sich nicht sofort vor den Karren der Sinnvermittlung spannen läßt, sagen wir: Was soll denn das? Ist das wirklich notwendig? Wer braucht das? Könnte man das nicht einsparen? Das gilt in ähnlicher Weise für die ersten drei Bilder mit dem Zusatz „70 Jahre später“, die Sie ja gut finden, für die andere mich aber wiederum am liebsten in die Klapsmühle einweisen würden. Und der Springerstiefelnazi, mit dem es dann weitergeht, ist ja, ich sag’s zum hundertsten Mal, auch nicht die Conclusio vom Fülm, sondern nur der Setup, der dann zu ganz anderen Payoffs führt. Meine Haltung zur Lanz-Petition war hinwiederum nicht so tief in den Kern meiner Persönlichkeit eingesickert, als daß ich die Zeile im Abspannsong nicht hätte zulassen können. Euphemismus-Tretmühle ist schließlich ein bekannter Begriff, den habe ich mir nicht ausgedacht, der beschreibt das Phänomen, daß neue Wörter, die man in bester Absicht einführt, oft die Konnotation des alten, pejorativ besetzten Begriffs einnehmen. Aus „Krüppel“ wird dann „Behinderter“, und wenn „behindert“ auf den Schulhöfen zum Schimpfwort geworden ist, sagt man „Menschen mit Behinderungen“ und hat dabei immer noch ein schlechtes Gewissen, weil man eigentlich am liebsten gar keine Unterschiede machen und nur noch „Menschen“ sagen würde, was aber auch den Behinderten überhaupt nicht recht wäre, denn die haben schon ihre eigene Agenda und spezifische Forderungen an die Gesellschaft. Ich weiß, wovon ich rede, meine Schwester ist behindert. Und einer meiner besten Freunde ist übrigens ein schwarzer Deutscher (spielt im Film die Hauptrolle). Also, nichts gegen Sprachkritik und -Wandel, aber das, was man damit eigentlich erreichen möchte, nämlich Wandel im Denken, ist keinswegs garantiert. Das Wort „Ausländerfeindlichkeit“ war 2006 anscheinend noch in den Köpfen, und auf diese Köpfe bezog sich vermutlich mein Text von damals. Und schließlich: Wie das mit dem Schlußstrich gemeint war? Hmm, wie könnte das gemeint gewesen sein? Vielleicht als ganz sanfter Scherz? Soll ich mal den Witz erklären? In all seiner Subtilität (oder Plumpheit)? Okay: Sie hatten dieses dämliche Wort ursprünglich aufs Tapet gebracht. Ich hatte mich dagegen verwahrt, es dann am Ende wieder aufgegriffen, um damit zu signalisieren: Alles nicht so schlimm, man kann dieses böse Wort auch entschärfen, sozusagen verbal abrüsten, indem man das Wort einfach auf die Größe dieser kleinen Debatte zurechtschneidet, und einander damit signalisiert: Wir haben einen gewissen Konsens, niemand will hier den berühmten NS-Schlußstrich machen, und wir sind auch so zivilisiert, es uns gegenseitig nicht zu unterstellen. Diese kleine Debatte hier ist eben nur eine kleine Blogdebatte, nicht die Zukunft der Nation. So nett war das gemeint. Muß man nicht so verstehen, aber Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

  9. Matthias Dell says:

    Dass „Euphemismus-Tretmühle“ ein stehender Begriff sein soll, ist mir tatsächlich neu, insofern danke für den Hinweis. Ich finde das Bild dennoch schief, was für mich eine Erklärung wäre, warum der Begriff keine große Karriere gemacht hat. Und die dahinterstehende Idee ist für meinen Geschmack auch etwas plan – ich verstehe schon, was gemeint ist, dass mit „Migrationshintergrund“ genauso schematisch gedisst werden kann wie mit „Ausländer“, würde aber auch sagen, dass diese Vorstellung zu nichts führt. Die Sprache wandelt sich trotzdem, ob das Herrn Pinker (oder jedem anderen) passt oder nicht. Und was wäre die Alternative – weiter „Ausländer“ zu Leuten sagen, die Deutsche sind? Bei allem, was an so nem Begriff wie „Migrationshintergrund“ problematisch ist (oder sich an Problematischem in ihm verlängert) – der ändert schon was an der Perspektive (deshalb gibt es ihn auch, ist er notwendig geworden, könnte man sagen).

    Ich würde Ihnen auch in einem anderen Punkt widersprechen: Ich denke schon, dass man viele der Begriffe viel seltener braucht, als das gemeinhin praktiziert wird (für politische Forderungen von Gruppen freilich ist es unabdinglich). Weil, das wäre noch ein Unterschied, ich fest davon überzeugt bin, dass kein Mensch sich in den Schubladen wahrnimmt, in die ihn die Außenwelt steckt. Ganz schön ist das zu sehen, ganz anderer Bereich, in dem Noah-Baumbach-Interview in Blickpunkt:Film 30/15 (Journalismus ist natürlich Home of the Schublade). Da wird der nämlich gleich mit drei solchen Außenbildern konfrontiert (Hipster, zugänglichster Film, New Yorker Filmemacher) und muss dann immer erst mal zurückrudern: „Und ich würde mich niemanden mit den Worten vorstellen: ‚Ich bin ein New Yorker Filmemacher.'“ Da ist doch hübsch.

    Aber jetzt bin ich weit rausgeschwommen. Ich wollte mich eigentlich nur noch mal melden, um ein Missverständnis aufzulösen: Ich hatte die Anspielung mit dem Schlussstrich in Ihrem ersten Antwort-Post schon genau so verstanden, wie Sie noch mal erklärt haben. Mein „Weiß nicht“ bezog sich darauf, dass ich nicht sicher war, ob Sie mir mit dieser Anspielung am Ende Ihres Posts zu verstehen geben wollten, dass für Sie die Diskussion an dieser Stelle eigentlich beendet sein sollte. Das war alles. Jetzt kommt der Hinweis – so oder so – etwas verzögert bei mir an, insofern ich allein deshalb jetzt hier enden würde, weil ich Ihnen ja schon – das war der Ausgangspunkt unseres Austauschs hier – mit einem Text Verdruss bereitet habe; das mit weiteren Posts erneut zu tun, wäre noch weniger meine Absicht und führt zu nichts.

    Ich würde trotzdem sagen, den Versuch war es wert, und verbleibe mit besten Grüßen

  10. dietrich says:

    Ach, ich würde jetzt auch gern versöhnlich enden, aber ach, ich fürchte, der Versuch war’s nicht wert. Gerade habe ich mal ein wenig herumgegoogelt, mit wem ich da eigentlich zu tun habe, und was finde ich da? Einen älteren Text von Matthias Dell zu „Kreuzweg“, in dem feststellt, daß man das Ganze ja auch als Heiligenlegende lesen könnte. Was natürlich völlig richtig und von uns auch so geplant war. Aber er findet das nicht gut, er beschwert sich darüber. Solcherlei Zweideutigkeit ist für meine Begriffe Teil der großen Magie des Kinos, zugleich auch eine Respektbezeugung vor der noch größeren Komplexität des Lebens, wo des einen Horrorgeschichte eben des anderen Heiligenlegende ist, aber wer so etwas nicht haben will, der, ähm – ich will das jetzt gar nicht werten, aber der spielt halt nicht in meiner Mannschaft. Vielleicht sogar in einer ganz anderen Sportart. Das macht jetzt außerdem natürlich ein ganz und gar neues Faß auf, in das ich jetzt nicht auch noch hineinspringen will, also lassen wir jetzt endlich mal die Worte schweigen, den Vorhang zu und alle Fässer offen.

  11. Matthias Dell says:

    Ich jetzt doch noch mal und gleich mit der Bitte um Entschuldigung dafür – hätten Sie das mit dem Versuch, den’s nicht wert war, mal früher gesagt (wahrscheinlich meinte das schon Ihre „Schlussstrich“-Formulierung aus dem ersten Post und ich hab’s nicht gecheckt); ich hatte nämlich noch mal überlegt, was von unserem Austausch hier interessant sein könnte für so was wie Diskurs/Leser und hab deswegen noch mal mit einem Rechtsextremismuskenner über Bilder von Nazis in Filmen gesprochen:
    https://www.freitag.de/autoren/mdell/filmnazis-sind-so-1991

  12. dietrich says:

    Das bezieht sich wieder auf lauter Sachen, über die wir uns hier schon ausführlich ausgetauscht haben – oder auch nicht ausgetauscht, denn alles, was ich dazu zu sagen hatte, wurde anscheinend lautlos vom Winde verweht, was mich dann zu der traurigen Schlußfolgerung führt, daß der Versuch es nicht wert war (was natürlich nicht heißt, das wir nicht trotzdem noch einige Runden so weitermachen und unsere Argumente jeweils wiederholen könnten).

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