Heute schreibe ich mal über Filme. Auch wenn ich eigentlich keine Ahnung habe. Und das kam so.
Es zählt zu den schmutzigen Geheimnissen des Kinos, dass ein Film zwar irgendwie eine Handlung braucht (oder auch nicht, dann läuft er im Forum), aber sehr viele Leute sehr oft die Handlung einfach nicht kapieren. Und dazu zähle ich mich selbst. Ich glaube, ich habe z.B. noch in bisher keinem James-Bond-Film wirklich gerafft, wer was warum von wem wollte. Und ich kenne nicht wenige, denen es ganz genauso geht. Wir, die von diesem Defekt bzw. dieser Neurodivergenz betroffen sind, sprechen aber nicht darüber. Wir schämen uns im Stillen. Wir haben keine Lobby. Wir sind unsichtbar. Ich möchte aber diese Mauer des Schweigens aufbrechen und für eine bessere, inklusivere Welt kämpfen. Nicht der Filmnichtkapierer ist dumm, sondern die Situation, in der er lebt! Beispielsweise, wenn man nur noch einen Platz ziemlich weit vorn bekommen hat und die Leinwand riesig ist und der Film auf Chinesisch und die Untertitel natürlich ganz unten und dazu in zwei Sprachen. Kognitiver Overkill. Kaum möglich, alles zu lesen. Außerdem kommt hinzu, dass die Berlinale und ganz allgemein die Kinosituation inspirierend ist. Filme bringen mich auf Gedanken, diesen Gedanken folge ich, zack, schon bin ich plotmäßig aus der Kurve geflogen, habe den Gag verpennt und den Schuß nicht gehört.
Erschwerend kommt dann noch hinzu, dass man auf der Berlinale öfter mal total im Eimer ist, nicht etwa, weil man am Vorabend ungeheuer viel gesoffen hat (also zumindest ich nicht, andere schon), sondern weil man trotz konservativem Trink- und Feierverhalten und okay viel Schlaf einfach so im Eimer ist. “Idiopathisch” sagen Ärzte, wenn sie keine Ursache finden. Auf diese Weise zieht ein chinesischer Berliner-Schule-Film namens “Shanghai Daughter” mit traumwandlerischer Distanz an mir vorbei, die Bilder sind sehr schön, die Hauptdarstellerin ebenfalls (merkwürdig, denke ich mir, dass das unabhängige Kino sich als Gegenentwurf zur formatierten Zuckerbäckerei der Kulturindustrie versteht, hier wird kurzlebigen Dopamin-Reizen misstraut, die Handlung ist rudimentär bis nichtvorhanden, aber der Fokus auf schöne, junge, zumeist weibliche Menschen ist hier wie da derselbe), eine wie gesagt überdurchschnittliche gutaussehende Dame fährt in die chinesische Provinz, um auf den Spuren ihrer in der Kulturrevolution aufs Land geschickten Mutter zu wandeln (glaube ich), das China, das ich hier sehe, ist interessant, da will ich auch mal hin, und zwischendurch gibt es ausführliche Interviews mit Bauern, die darüber reden, wie man Gummibäume anzapft. Über den Film kann ich abschließend trotzdem nicht viel sagen.
Dafür habe ich gelernt, was ein englischer Abschied ist. Allerdings nicht in diesem Film, sondern am Abend zuvor, beim immateriellen Weltkulturerbe Party-Smalltalk. Den sogenannten “Polnischen“ kennt man ja, “englischer Abschied” aber war mir neu und bedeutet: Jacke anziehen, sich verabschieden, dann aber nicht gehen. Es gibt ja auch Filme, die das so machen. “Das Leben der Anderen” hatte beispielsweise mindestens drei oder vier Momente, bei denen man jeweils dachte: Tolles Ende! Aus! Abspann! – aber dann ging er doch noch weiter. Ein gutes Ende finden ist nicht einfach. Viele Filme overstayen ihr welcome, wie wir auf Englisch sagen, ich übersetze das mal ins Deutsche: Überziehen ihre Willkommenheit. Die Aufmerksamkeitsspannen werden ja immer kürzer – darüber wird allenthalben geklagt, aber ich schweife dann immer ab – die Filme hingegen werden immer länger, was ihnen oft nicht gut tut. Mir fallen spontan zwei Filme ein, die ich grandios supertoll fand bzw. gefunden hätte, wenn sie nach spätestens 115 Minuten vorbei gewesen wären. Das war ein israelischer Film namens “Yes” sowie “Eddington” von Ari Aster. Allerdings beide nicht auf der Berlinale, sondern woanders, damit hier irrelevant, denn relevant ist auf der Berlinale nur die Berlinale.
“Scheidung auf Italienisch” bedeutet übrigens, dass man seinen Ehegatten umbringt, das fällt mir gerade noch ein, und ich weiß nicht, wie man das nennt, wenn jemand gefeuert wird, indem man ihm sagt: Ihre Kündigung wird akzeptiert. Das ist ungefähr so wie ein Rauswurf mit “Ich habe gehört, ihr wollt gehen”. Ich nenne es einfach mal “Kalifornische Kündigung” bzw. “Albanischer Abschied”, das ist aber wahllos random, man könnte auch “bolivianisch” und “senegalesisch” sagen. Man kann den Spieß übrigens auch umdrehen und eine Kündigung öffentlich als freiwilligen Abgang verkaufen, ich weiß von spektakulären Beispielen, deren Namen ich hier nicht nennen kann, weil ich meiner Klatschkolumne sonst das Wasser abgraben und mir irgendwann keiner mehr was erzählen würde.
Aber ich wollte ja eigentlich über Filme schreiben, und die elegante Überleitung hatten wir gerade schon, ich habe nämlich soeben einen Film gesehen, in dem genau dieser Satz gesagt wird: Your resignation will be accepted. Der Film heißt “Dust”, läuft im Wettbewerb, und er ist gleichzeitig gut und schlecht. Wir schreiben das Jahr 1999, zwei Männer um die 50 haben zusammen in Belgien eine Firma, die in den letzten Jahren Bilanzen gefälscht hat, um den Börsenwert zu erhöhen, und in der das Geld zahlreicher Kleinanleger steckt. Dann kommt ein Journalist und verkündet ihnen, dass er sie jetzt hochgehen lässt, Montag früh platzt die Bombe, und dann begleiten wir die beiden durch das restliche Wochenende. Der eine ist nebenbei verkappt schwul, der andere hat anscheinend Magenprobleme, zumindest kotzt er immer mal wieder in die Landschaft. Klingt etwas komisch, aber der Film hat das richtige Tempo, guten Rhythmus, gute Bilder, eigenwilliges Sounddesign, ist klug geschrieben, toll besetzt, souverän gespielt, hat zudem genau die richtige Dosis Humor, die ein Berlinale-Wettbewerbsfilm haben muss, also 2,3 auf einer Skala von eins bis zehn. Ich mag ihn. Und irgendwann mag ich ihn dann nicht mehr so.
Die Frage, ob Kunst “politisch” sein soll, taucht hier ja immer wieder auf. Wim Wenders (“The End of Violence”) ist dafür, Arundhati Roy (“Der Gott der kleinen Dinge”) ist dagegen – nein, Moment, es war ja umgekehrt. Vor Jahren zog ich mal irgendwo ein Buch aus einem Regal, der Autor hieß Norbert Bolz, ich schlug es irgendwo auf, und da stand (sinngemäß): “Komplex” heißt nicht “kompliziert”, nein, “komplex” bedeutet: Aus mehreren Blickwinkeln unterschiedlich erklärbar, wobei die verschiedenen Deutungen einander durchaus widersprechen können, ohne jeweils falsch zu sein. Nehmen wir z.B. die Wellen- und Teilchennatur des Lichts oder auch die vielen widerstreitenden ökonomische Theorien, die alle irgendwie stimmen.
So stand das da, und ich dachte: Stimmt. Und als Freund des humorigen Augenzwinkerns bebildere ich diese Idee jetzt folgendermaßen: Stellen wir uns eine platonische Höhle vor, da wirft jemand den quadratischen Schatten eines Objekts an die Wand und fragt: Welche Form hat dieses Objekt?, und wir sagen: Viereckig!
Dann folgt ein kreisrunder Schatten, und wir sagen: Rund!
Aber was stimmt?
Beides!
Bei dem Objekt handelt es sich nämlich um eine Rolle Toilettenpapier.
Toilettenpapier steht nicht im Ruf besonders großer Komplexität, Kunst schon mehr, und zumindest mein Kopf ist groß genug, um beide Positionen zu verstehen. Natürlich ist Kunst das Gegengewicht zur Politik, da hat Wim Wenders (“Falsche Bewegung”) schon recht, das muss so sein. Es ist das heilige Vorrecht der Kunst, sich die Politik am Allerwertesten vorbeigehen zu lassen. In gewisser Weise wäre nichts subversiver, als in einer Diktatur einfach Komödien zu drehen, und wenn man mit offenem Geist durch die Welt wandelt, dann wird das, was man von dieser Welt erzählt, schon ganz von allein implizit politisch. Und natürlich ist Kino (unter anderem) ein Abbild des Lebens, das Menschen überall auf der Welt führen, und je mehr die Politik im Leben dieser Menschen herumtrampelt, desto mehr wird sie in den Filmen auftauchen, die von diesem Leben erzählen, insofern stellt die Frage sich überhaupt nicht, natürlich ist Kino politisch, Punkt. Doof wird es halt nur, wenn man von einem Klischee ausgeht, wenn der Ausgangspunkt “Männer sind so” oder “Frauen sind so” oder “diese oder jene Regierung ist böse” lautet und dann filmisch bebildert wird, das zäumt die Kunst vom Schwanz her auf und vergewaltigt das Pferd bzw. den Film von hinten.
Man kann das nur nicht immer sicher auseinanderhalten. Beispielsweise der oben erwähnte “Dust” – erzählt der einfach das, was er erzählt? Oder sind die beiden Männer da vor allem Männer, weil sie halt Männer sind, und der Film erzählt vom Niedergang des alten weißen Mannes, und der unbestechliche Investigativjournalist ist selbstverständlich schwarz und die positiv-warmherzig gezeichnete Schwester des einen ist mit einem Mann von nichteuropäischer Herkunft zusammen, wenn ich das richtig gesehen habe? Fände ich etwas platt, und irgendwann nach einer Stunde habe ich es dann wirklich kapiert: Yo, okay, die beiden Typen sind Absturzkandidaten, lass sie noch irgendwas beklopptes machen und dann nochmal in den Matsch fliegen, vielleicht versteht es dann auch irgendwann der letzte begriffsstutzige weiße Mann in der vorletzten Reihe. Wenn der Film also einfach ein Film ist, dann finde ich ihn filmisch gut, als bebilderte Zeitgeist-Show eher nicht, wobei ich nicht prinzipiell gegen Zeitgeist bin, würde mich auch nie zur Verteidigung des alten weißen Mannes als Spezies aufschwingen, denn erstens ist 90% of everything crap und zweitens sollte man Menschen nicht auf Merkmale reduzieren, egal ob man sie danach unter “gut” oder unter “schlecht” einordnet. Ich finde Zeitgeist nicht per se falsch, nur tendenziell ein bißchen doof und daher zweitrangig. Mein eigener Film “Kreuzweg” war ja sehr im Zeitgeist, gegen die katholische Kirche geht immer, aber darum ging es mir damals auch nicht, sondern um etwas anderes.
Ethan Hawke (“Boyhood”) ist jetzt auch beim Festival und hat sich zur Poltikfrage geäußert. Das Schlußwort der heutigen Episode überlasse ich ihm: “The last place you probably want to look for advice in your spiritual counsel is a bunch of jet-lagged, drunk artists talking about their film… [but] anything that fights fascism, I’m all for it.” Auf Ex-Twitter findet man darunter gleich wieder ellenlange Kommentare, die erklären, warum das zynisch ist, und aussehen, als seien sie von ChatGPT geschrieben. Zu letzterem hätte ich auch eine lustige Geschichte, die kommt dann morgen.