Das wird man ja wohl noch herausschneiden dürfen.

Der Zeitgeist spaziert mal hierhin und mal dorthin. Mal sind leichtbekleidete 13jährige voll angesagt, dann Geschlechtsumwandlungen in derselben Altersgruppe, dann Corona-Maßnahmen, und vielleicht wird in ein paar Jahren eine Sau durchs Dorf getrieben und ein goldenes Kalb angebetet, von dem wir uns jetzt noch gar keine Vorstellung machen. Oft ist es außerdem so, dass der Zeitgeist von gestern gerade denjenigen, die ihn mit Begeisterung mitgemacht haben, ein bißchen peinlich ist.

Es gibt aber auch Werte wie künstlerische und menschliche Integrität (eigentlich beides dasselbe) oder einfach Anstand, die überzeitlich sind, also in jeder Zeit gelten. Integre Leute haben einen inneren Kompass, der ihnen sagt, wo der Zeitgeist falsch liegt, und weil sie den haben, stehen sie meist irgendwie quer zum Geist ihrer eigenen Zeit. Oder, anders gesagt: Es ist kein Zufall, dass in den Filmen von Werner Herzog (meines Wissens) bisher keine 13jährigen Mädchen im Bett mit 30jährigen Männern gesichtet wurden. Ich möchte mich nicht ungebührlich über Wim Wenders mokieren, aber wenn er selbst über sein jüngeres Ich sagt: “Er wollte irgendwie den Zeitgeist treffen” – dann sagt er damit mehr, als er zu sagen meint.

Ich finde den heutigen Zeitgeist mindestens so fragwürdig wie den der 68er. Die beiden Parteien, die einander hier gegenüberstehen, also die alten weißen Boomer und die angriffslustigen Gen-Z-Flintas, haben mehr gemeinsam, als sie glauben: Ausufernde Egozentrik, penetrantes Sendungsbewusstsein, moralische Überheblichkeit sowie weitgehende Abwesenheit jeglicher Selbstreflexion. Ich wäre sehr dafür, die 68er-Filme mal niedriger zu hängen, denn ich sehe da vor allem privilegierte junge Erwachsene, die sich danebenbenehmen wie verzogene Dreijährige, obwohl ihnen keiner was getan hat – aber der jeweilige Film erwartet, dass ich als Zuschauer sie toll finden soll, weil die Welt um sie herum ja spießig und doof ist.

Ich schweife ab. Auch wenn ich die 68er-Filme für überschätzt halte, bin ich trotzdem gegen Herumpfuscherei an Werken aus der Vergangenheit. Auch an eigenen. Sogar der geschätzte Michael Ende hat irgendwann in den 80ern, als der heutige Zeitgeist ganz allmählich am Horizont auftauchte, in “Jim Knopf”, dem schönsten seiner Bücher, das Land China in “Mandala” umbenannt. Als ich das irgendwann viel später mitbekam, war ich nicht wenig irritiert. Natürlich besteht ein erheblicher Teil des Spaßes dieser schönen Phantasiereise doch darin, dass ich schon als Kind keine Sekunde lang glaubte, die Chinesen hätten 25 Kindeskinder, die wie die Orgelpfeifen immer kleiner werden. Das Buch spielte aber in einer Spielwelt, in der das in China so war, und im Genuss dieser Absurdität lag große Freude – die mit “Mandala” irgendwie durch fade Beliebigkeit ersetzt war. Und der Witz mit dem “Kaiser von China”, der ja in unserer Sprache ein Bild für etwas unbegreiflich weit Entferntes ist, war auch weg.

Ich schweife schon wieder ab. Auch ein blindes Huhn findet Körner, und auch ein fragwürdiger Zeitgeist kann sich trotzdem berechtigten Anliegen zuwenden. Der Aufstand der selbstgefälligen 68er gegen den Muff von tausend Jahren hatte ja auch seine Berechtigung. Wenn man also mit Ende 20 nicht genug Anstand oder inneren Kompass hatte, den Geist der eigenen Zeit mit skeptischer Distanz zu betrachten, und der Geist einer späteren Zeit einen dann deswegen kritisiert, dann kann man genausogut sämtliche Zeitgeiste aus der Gleichung herauskürzen und sich einfach fragen: Was wäre hier anständig?

Die Frage beantwortet sich meines Erachtens von selbst, aber sicherheitshalber schreibe ich die Antwort trotzdem auf: Anständig wäre damals gewesen, das nicht zu drehen, und anständig wäre jetzt, es herauszuschneiden. Natürlich. Was denn sonst.

Und zwar nur in diesem einen einzigen, spezifischen Fall. Der Originalfilm bleibt ja trotzdem erhalten – er wird sogar auf erhebliches Interesse stoßen, wohingegen er ohne diesen Vorgang weiter in den Archiven verstaubt wäre. Das ist die Dialektik des sogenannten Streisand-Effekts. Aber die muss uns hier nicht kümmern. In sämtlichen anderen Fällen verbieten sich Änderungen an historischen Filmen, Bildern, Büchern und sonstigem. Und zwar nicht, weil sie sakrosankte Meisterwerke wären. Sind sie in den meisten Fällen nicht. Sondern weil sie Dokumente sind. Sie dokumentieren ihre Zeit.

Eine unserer Aufgaben als Menschen besteht darin, den Geist unserer eigenen Zeit kritisch zu hinterfragen. Wenn wir das nicht tun, sind wir eine Herde, die jeder Sau hinterläuft, die der jeweilige Zeitgeist durchs Dorf treibt, und wohin das führen kann, weiß jeder selbst. Damit wir das aber tun können (hinterfragen, nicht hinterherlaufen), brauchen wir den unverstellten Blick auf andere Zeiten. Wer die Dokumente der Vergangenheit verfälscht, der verunmöglicht diesen Blick. Deswegen müssen sie in Originalgestalt erhalten bleiben. Ganz einfach.

Es sei denn, eine damals 13jährige Schauspielerin, die da gegen ihren Willen in irgendetwas hineingenötigt wurde, das ihr überhaupt nicht recht war, aber ach, der Zeitgeist wollte es ja, und sie wünscht es sich jetzt – dann kann man den Fehler durchaus mal symbolisch korrigieren. Egal, ob sie danach glücklicher ist, und egal, welche Elemente sonst noch mitspielen. Spielt alles keine Rolle. Einfach machen. Die eigene Position als Säulenheiliger der Filmgeschichte wird dadurch nicht gefährdet. Eher im Gegenteil.

Und ansonsten bin ich natürlich sehr dafür, dass wir hier, wie von Wim Wenders gewünscht, diskutieren – aber andererseits frage ich mich, was man da eigentlich diskutieren will. Soll es eine staatlich eingesetzte (aber natürlich unabhängige!) Kommission geben, die alte Filme prüft und gegebenenfalls umschneidet? Nach welchen Kriterien? Alle fünf oder zehn oder zwanzig Jahre? Oder wie oder was? Wohin ich auch denke, ich lande nur bei Horrorszenarien. Wer die Vergangenheit dem eigenen Geschmack anpassen will, zeigt damit nur die Größe des eigenen Egos und den Absolutheitsanspruch der eigenen Weltsicht, also genau die Qualitäten, die in dieser Debatte zu recht problematisiert werden. Die großen Werke haben eine überzeitliche Qualität (der erwähnte Anstand ist meiner unmaßgeblichen Meinung nach ein Teil dieser Qualität), weswegen sie uns heute noch etwas sagen können. Die anderen gehen mit ihrer Zeit unter und sind irgendwann nur noch von historischem Interesse – aber dieses Interesse ist mindestens genauso legitim wie das am Kunstgenuss. Egal, ob ein alter Film also ein Meisterwerk oder schreckenerregend schlecht gealtert ist: Lasst ihn so, wie er ist, und kommt damit klar, dass Zeitgeist immer fragwürdig war – früher, ganz früher, in 30 oder 300 Jahren garantiert auch wieder, vor allem aber: Heute. Da leben wir nämlich, das geht uns in erster Linie an, und da sollten wir am genauesten hinschauen.

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