Berlinale, Tag 1: Kein Empfang beim Empfang

Ich kenne einen Filmproduzenten, der ist recht groß, an die 1,90m, und hat lockige Haare. Er läuft bei der Berlinale-Eröffnung herum, wir begrüßen uns und reden ein paar Worte. Eine Viertelstunde später sehe ich ihn in der Raucherecke wieder, und da fällt mir auf, dass er fliederfarbene, glänzende Leggins trägt. Als die Berlinale noch im Zoo-Palast stattfand, hätte man die Beine, die sich in diesen Leggins präsentieren, als “wohlgeformt” bezeichnet, da sind also zwei wohlgeformte Beine in Glitzerleggins, die dann erst ganz oben knapp unter dem ebenfalls wohlgeformten Gesäß in so einer Art Hose verschwinden. Spektakulär, denke ich mir, der lässt es krachen, außerdem voll im Geist der Zeit, weil queer und vielleicht auch trans und tradierte Geschlechterrollen hinterfragen und so weiter. Als ich dann aber mit meinem Blick nicht beim Gesäß verweile, sondern weiter nach oben schaue, bemerke ich, dass es sich da gar nicht um den besagten Produzenten handelt, sondern um eine Frau, die genauso hochgewachsen ist und außerdem exakt dieselbe Lockenfrisur trägt. Wobei “Frau” ja auch so eine waghalsige Zuschreibung ist, ich kann natürlich nicht sagen, ob sie bzw. er sich innerlich vielleicht als Mann oder gar als Filmproduzent fühlt, ich “lese” sie als Frau, und wenn ich nicht lesen könnte, würde ich sie vermutlich trotzdem als Frau lesen, vielleicht sogar gerade dann.


Der besagte Filmproduzent ist also doch nicht so zeitgeistig wie gedacht, aber da ist er nicht der einzige. Die Herren tragen auf der Berlinale-Eröffnung weiterhin Anzüge und die Damen sind auch mehr oder weniger angezogen, das war meines Wissens schon immer so und scheint sich auch nicht groß zu ändern. Ich selber wollte endlich mal auf den Zug der Zeit aufspringen und habe mir ein T-Shirt angezogen, auf dem in glitzernden Lettern “VIRTUE SIGNALING” steht, denn das muss man ja auf roten Teppichen tun, soviel habe ich mittlerweile mitbekommen, das Glanz-Glamour-Getue der Filmwelt muss als inhaltsleer entlarvt bzw. mit sinnvollem Inhalt angefüllt werden, indem man die Bühne nutzt, um auf die Ungerechtigkeiten in der Welt hinzuweisen. Auch damit bin ich aber zu spät. Außer mir virtue-signalt kaum jemand. Die Luft scheint raus zu sein.


Auch aus anderen Dingen ist die Luft raus. Die Berlinale verstand sich ja eigentlich immer als “politisch”, jetzt aber soll Wim Wenders gesagt haben, wir Filmemacher sollten uns aus der Politik raushalten. Das finden einige Leute skandalös, und ich finde selber skandalös, wie wenig skandalös ich das finde. Ich finde es sogar so unskandalös, dass ich den dazugehörigen Artikel gar nicht gelesen habe. Ich weiß also gar nicht, was Wim Wenders wirklich gesagt hat, und wenn er es gesagt hat, dann kann man das so sehen, man kann es aber auch anders sehen. Skandalös finde ich eher, dass ich neben dem Artikel über Wenders’s Aussage noch zwanzig andere Texte in Tabs offen habe, die ich allesamt auch nicht lese. Vor einigen Jahren kursierte der Slogan “Nicht politische Filme machen, Filme politisch machen”, oder vielleicht war es auch umgekehrt. Die große Oh-Gott-bitte-kein-Skandal-Gratwanderung war ohnehin letztes Jahr mit Tilda Swinton, dieses Jahr bekommt Michelle Yeoh den goldenen Ehrenbären, bekannt durch dezidiert unpolitische Kampfsportfilme (also Michelle, nicht der Bär) sowie durch den ebenfalls nicht wahnsinnig politischen “Everything Everywhere All At Once”, und dann passiert erfreulicherweise das nicht, was schon im letzten Jahr überhaupt nicht fehlte: Politikerreden, Grußworte und so weiter.

 

Letztes Jahr war der Eröffnungsfilm ungeheuer lang, dieses Jahr ist der auch kurz, allerdings nicht unpolitisch. Er spielt in Afghanistan, wurde jedoch komplett in Deutschland gedreht, Hut ab, man merkt es nicht, wie haben die das hingekriegt. Eine Kamerafrau beim Kabuler Fernsehsender freundet sich im Jahr 2021, also kurz bevor die USA das Feld den Taliban überlässt, mit einem introvertierten, älteren Reporterkollegen an. Der Film ist gut, und das ist bei einem Berlinale-Eröffnungsfilm ja eigentlich selbst schon ein Skandal, die sind nämlich sonst immer schlecht. Eins ist er allerdings nicht, nämlich divers, die Akteure sind alles Afghanen und Afghan*innen, niemand ist schwarz und niemand aus Norwegen. Auf Instagram sah ich kürzlich einen Moment aus einer Pressekonferenz irgendwo, in der Mads Mikkelsen die Frage gestellt bekommt, ob bei einem Film, der in Dänemark im Jahr 1750 spielt, nicht ein Mangel an Diversität zu beklagen sei. Die abgrundtiefe Bescheuertheit solcher Ansinnen steht monolithisch für sich, ich kommentiere sie nicht, bin ansonsten aber natürlich sehr für Diversität und Inklusion. Der Berlinale-Eröffnungsfilm “No Good Men” kriegt jedenfalls trotz fehlender Diversität Standing Ovations, und für einen Moment fühlt sich das an, als käme jetzt eine dieser Cannes-Momente, vier Stunden Standing Ovations, aber dann wollen doch alle so langsam raus und auf den Empfang.


A propos Empfang: Ich habe im Berlinale-Palast keinen Empfang und schreibe das einer Bekannten, sie kriegt die Nachricht aber erst, als ich wieder rausgehe, denn ich habe ja keinen Empfang, und dann denkt sie zunächst, es gäbe zur Berlinale-Eröffnung diesmal keinen Empfang. Den gibt es doch, diesmal aber nicht im Keller, wo man sonst zum Lachen hinging. Da scheint tote Hose und gähnende Leere zu sein. Auch die Taxifahrer, sagt man, berichten von weniger Stars und weniger Aufriss. Mag sein, dann kann es danach wieder größer werden. Eins bemerke ich aber, und zwar an mir selbst: Die Berlinale ist mir, mit Tricia Tuttle auf der Bühne, auf einmal ganz sympathisch. Das war bei Dieter Kosslick nicht so richtig der Fall, und von Carlo Chatrian kann ich es auch nicht behaupten. Vielleicht bin das ja nur ich. Trotzdem finde ich es erwähnenswert. Ich hoffe, das bleibt so.

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