Berlinale, Tag 2 – Smalltalk im Weltkulturerbe


Schauspieler A hat gerade mit Regisseur B eine Serie namens “Mord oder so” für Sender CDE mit Produktionsfirma FGH gedreht, es war wunderbar, tolle Kollegen, und ich habe nichts gegen Smalltalk. Ich finde Smalltalk sogar so schön, dass ich gern ein deutsches Wort dafür hätte. Vorschläge werden in den Kommentaren entgegengenommen.

Der amerikanische Science-Fiction-Autor Theodore Sturgeon wurde einst gefragt, warum er denn Science Fiction schreibe, dieses Genre bestünde doch zu 90% aus Mist (“crap”), worauf er zur Antwort gab: “90 per cent of everything is crap”. Diese lapidare Wahrheit (ich persönlich würde sogar auf 95% erhöhen) sollte man stets im Hinterkopf behalten, wenn es um kontroverse Themen wie Smalltalk, künstliche Intelligenz oder deutsche Filme geht. Es ist durchaus kein Widerspruch, wenn man sich einerseits als glühender Verehrer der Filmkunst zu erkennen gibt und andererseits feststellt, dass 90% aller Filme irrelevanter Blödsinn sind. Und bei Smalltalk ist es genau dasselbe. Natürlich sind 90% des insgesamt getalkten Smalltalks dämliches Gequatsche, das ist aber kein Grund, diese Kunstform als Ganzes zu verdammen. Man muss einfach das tun, was man auch im Kino tut: Die restlichen zehn Prozent suchen, finden oder selbst produzieren.

Das ist allerdings noch schwieriger als ohnehin schon, wenn man mit 800 Leuten in einer Bahnhofshalle steht und sich anschreit. Zuflucht vor dem Lärm bietet die Raucher*innenecke, die natürlich immer eine Raucherinnen-Außen-Ecke ist. Wenn man Glück hat, gibt es da ein Vordach. Wenn man kein Glück hat, regnet es ohne Vordach. Hier stehe ich mit dem Schriftsteller Christoph Nussbaumeder im Nieselschneeregen ohne Vordach, und wir stellen smalltalkenderweise fest, dass die Raucherecke eigentlich von der Unesco als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt werden sollte, so wie beispielsweise der innerstädtische Erwerbsgartenbau in Bamberg, die sächsischen Knabenchöre, das Biikebrennen, die Salzwirker-Brüderschaft in Thalew zu Halle, die Lindenkirchweih Limmersdorf, die Oberammergauer Passionsspiele, der rheinische Karneval und das Singen von Liedern der deutschen Arbeiter*innenbewegung. (All diese Beispiele entnahm ich dem einschlägigen Wikipedia Artikel, hinzugefügt habe ich nur die Gender-Ergänzung bei der Arbeiterbewegung, nicht jedoch bei der Salzwirker-Brüderschaft, weil eh niemand konsequent gendert.) Diese Idee beziehungsweise der Moment, in dem sie entstand, erscheint mir als Sternstunde des Smalltalks, und ich möchte sie bzw. ihn nicht missen.

Kommunikation hat ja (unter anderem) eine Sach- und eine Beziehungsebene. Auf der Sachebene mag es nicht so sensationell sein, dass Schauspieler A beim Dreh von “Mord oder so” eine gute Zeit hatte, aber wenn der Smalltalk hierüber allen Beteiligten Freude bereitet und man dann noch den Aufstieg zu lustigeren Themen wie beispielsweise dem Rauchereckenweltkulturerbe findet, dann hat da auf der Beziehungsebene ein nicht zu unterschätzender kommunikativer Akt stattgefunden, nämlich ein Aufbau von Vertrauen, eine Resonanz all dessen, was man unter “Humor” zusammenfasst, und das ist die Basis für alles weitere, was man dann miteinander anstellen könnte, also zum Beispiel das gemeinsame Entwickeln und Drehen eines Films oder auch einer Serie, die dann z.B. “Mord sofort” heißt. Kurzgefasster Call to Action: Macht nach Herzenslust Smalltalk, und wenn es langweilig ist, lauft weg. und macht mit anderen Leuten Smalltalk.

Das Thema “Weglaufen” führt uns direkt zur nächsten drolligen Begebenheit. Das Wetter ist beschissen, ich schwinge mich beschwingt mit dem Fahrrad von Empfang zu Empfang, komme früh zur Filmakademie, wo immer großartig gummiartige Käsebrezeln gibt, und betrete gleich als erstes mal das Weltkulturerbe, also die Raucherterrasse. Dort steht nur ein einziger Mensch. Ich kenne ihn. Es ist ein Kameramann, Verzeihung, Bildgestalter, der sich stets farbenprächtig-eigenwillig kleidet, also in bunte Tücher eingewickelt und so. Ich wertschätze das und sage: “Hallo, Herr N.N.!” Daraufhin wendet er sich ab und rennt förmlich vor mir davon. Also wirklich Vollgas, mit wehendem bunten Tuch, in einer dramatischen Kurve ganz nach hinten in die Ecke des Weltkulturerbes. Ich bin beeindruckt und renne ihm nicht hinterher. Womöglich hatte er gerade inspirierten Smalltalk mit sich selbst und befürchtete dessen Zerstörung durch meine Wenigkeit. (Leuten hinterherlaufen sollte man ohnehin nicht. Also niemandem und niemals. Würde ich nach einer einzigen Lebensregel gefragt, es wäre diese. Wohl aber sollte man sich nicht scheuen, wegzulaufen, wenn etwas zum Weglaufen ist.)

Dafür erscheint kurze Zeit später ein anderer Mensch aus der Tiefe des Raums und sagt zu mir etwas, das mich kolossal freut und das ich heute ungelogen schon zum zweiten Mal höre: Er sei, sagt er, ein großer Fan meines Films “3 Zimmer Küche Bad”. Den Jüngeren unter uns, die von diesem Film noch nie gehört haben, würde ich jetzt gern direkt den Streaminglink hier reinposten, es gibt nur leider keinen. Der Film existiert nur als DVD, kein Streamer streamt ihn, ich habe der Produktionsfirma UFA Fiction schon zahlreiche Mails geschrieben, ob dieser Zustand eventuell veränderbar sei, aber isser offenbar nicht. Hier also nur der Link zur gereimten Version, die wir in jugendlicher Frische damals nebenbei gedreht haben und die den ganzen Film in 40 Minuten zusammenfasst, und wenn sich da weiterhin nichts tut, stelle ich den Film vielleicht einfach mal so ins Netz, verklagt mich doch.

Bei der Filmakademie gibt es dann kurze Grußworte vom Präsdentenpaar. Bei dem Wort “Präsidentenpaar” denke ich an einen mittelamerikanischen 80er-Jahre-Diktator mit Fantasieuniform und Schnauzbart nebst mumienartig sonnengebräunter Gattin mit Explosionsfrisur, es handelt sich da aber in Wahrheit um Vicky Krieps und Florian Gallenberger, und meines Wissens sind sie kein Paar, nur ein Präsidentenpaar. In Köln ist dieser Tage Karneval, als Nichtkölner bin ich da raus, aber möglicherweise gibt es da auch Präsidentenpaare. Jedenfalls tritt dann der amtierende Kulturstaatsminister Wolfgang Weimer auf und hält eine launige, kurze Ansprache, bei der sich gleichwohl ein gewisser Unmut im Publikum regt, als er ungegendert und sternchenfrei von Regisseuren und Produzenten redet. Ich kann das verstehen, ich kann ohnehin alles verstehen, so verstehe ich meinen Beruf, trotzdem finde ich das Gendern, so wie es derzeit betrieben wird, deppert, und ich kann auch sagen warum, es ist nämlich ganz einfach:

Wir ersetzen Regel 1 (der “Radfahrer” ist so wenig Mann oder Frau wie der Plattenspieler) durch Regel 2 (“Radfahrer” bedeutet “Mann”, deswegen muss die Radfahrerin mit Sternchen drangehängt werden), und wenn jemand weiter nach Regel 1 verfährt, dann ist das falsch.
Soweit klar? Korrekt beschrieben? Glaube schon.
Dann gendern wir jetzt bitte mal den Satz “Hier kommen die Bürgermeisterkandidaten”.
Voila:
Hier kommen die Bürger*innenmeister*innenkandidat*innen.

Ja klar, natürlich kann man auch einfach “Bürgermeisterkandidat*innen” sagen, dann hat man halt nur Regel 1 wieder voll drin, die Bürger und die Meister sind generisches Maskulinum, und damit hat man preisgegeben, was das Gendern eigentlich ist: Performativ. Eine Theateraufführung. Virtue Signaling. Moral Posturing. Man hat die Regel nullstens geändert, man tut nur so, um vor seinesgleichen gut dazustehen und dazuzugehören und Teil der In-Group zu sein. Das ist ein Teil jener großen Manöverstrategie, mit der die kulturell herrschende Klasse, nämlich die obere Mittelschicht, sich nach unten abschottet und im Kampf um knapper werdende Ressourcen der eigenen moralischen Überlegenheit versichert. Ich kann nicht verhehlen, dass ich das nicht so richtig sympathisch finde, andererseits bin ich natürlich stets für Umgangsformen und Höflichkeit und dafür, dass man Damen und Herren als solche wertschätzend anredet, und in der Tat hat das Deutsche da eine gewisse Unschärfe, aber das kann man doch bitte als Anlass für spielerisch-elegantes Feuerwerk der Kreativität betrachten, anstatt sich bei jedem Satz dreimal rituell selber auf den Kopf zu hauen wie die Mönche in “Ritter der Kokosnuss”. (Da das Problem hier in der Struktur der Sprache drinsteckt und nicht rausgeht, und weil die unteren Gesellschaftsschichten genau diese überhebliche Pose zehn Meter gegen den Wind riechen, halte ich das Ganze für eine Zeiterscheinung, die sich nicht durchsetzen wird, aber vielleicht irre ich mich da auch oder das Deutsche ist in drei Generationen eh tot, weil alle nur noch grunzen oder per Gehirnwelle kommunizieren.)

Weimer gendert also nicht, für mich ist das gelebte Diversität, Genderer*innen und Nichtgenderer in einem Raum, und dass er hier sein darf, ist Inklusion, finden wir also auch super. Außerdem sagt er dann: Wir haben die Filmförderung einfach mal verdoppelt! Das ist natürlich toll, da beschließe ich sofort, meinen eigenen Output auch ab sofort zu halbieren, nein, zu vervierfachen, denn mit dem erhöhten Ausstoß wird natürlich die Qualität erstmal halbiert, 90% von allem ist eh Müll, also muss ich noch weiter steigern, damit überhaupt irgendwas durchkommt, und dann mache ich am Ende immerhin anderthalbmal soviele geförderte Filme wie bis gestern, und vielleicht sind sie zu zehn Prozent gut. Außerdem werde ich ab jetzt, immer wen ich irgendjemandem irgend ein Filmexpose schicke, dazuschreiben: Hey, Weimer hat die Filmförderung verdoppelt, da kann man das doch wirklich mal machen.

Später am Abend sagt mir ein Produzent, der seit den 90er Jahren im deutschen Kino gut unterwegs ist: Die großen Kinofilme werden ja leider immer langwieriger zu finanzieren.
Das stelle ich im Geiste neben Weimers Aussage und die ohnehin vorhandenen Fördermillionen in allen Bundesländern und überall, und unterm Strich habe ich dann auch keine Ahnung, verabschiede mich aus der Debatte und mache lieber Smalltalk im Weltkulturerbe.

Abends stehe ich dann mit einem Mann, der bei der Berlinale einiges zu melden hat, in der Bären-Lounge, und er erzählt, wie alle immer auf Compliance achten müssen und dass man in Teufels Küche kommen kann, wenn einem die falsche Person mal irgendwann einen Kaffee augegeben hat, und dass alle möglichen Dinge ein “geldwerter Vorteil” sind, den man versteuern muss. Und daraus ergibt sich ein weiterer schöner Smalltalk-Moment, als wir nämlich darauf kommen, dass es im Leben Vor- und Nachteile gibt, dass dem geldwerten Vorteil also eigentlich auch ein geldwerter Nachteil gegenüberstehen müsste, den man dementsprechend von der Steuer absetzen kann. Den gibt es in unserem Steuersystem nicht, und das finde ich eine skandalöse Lücke, das müsste mal irgendwer bis nach Karlsruhe durchfechten.

Im Kino war ich auch, aber davon morgen mehr, ich gehe jetzt ins Kino, und wenn ich hier jetzt noch weiterschreibe, habe ich morgen nichts mehr, worüber ich schreiben kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.