Berlinale, Tag 3 – Wenders triggert Roy

In einem merkwürdigen Akt der Synchronizität gehe ich mit demselben Freund wie letztes Jahr in den Berlinale-Palast, sitze dort auf denselben Plätzen wie letztes Jahr und sehe wie letztes Jahr einen mit wenig Budget gedrehten Film über einen amerikanischen Musik-Kulturschaffenden aus dem 20. Jahrhundert, der obendrein auch in Irland gedreht wurde, so wie der letztes Jahr. Letztes Jahr war das Richard Linklaters “Blue Moon”, dieses Jahr heißt der Film “Everybody Digs Bill Evans”. Bill Evans, 1929-1980,war Jazzpianist und außerdem der prototypische gequälte Künstler. Der Film ist sehr formbewusst, um nicht zu sagen artifiziell, es wird ungeheuer viel geraucht und auch öfter mal Heroin injiziert, so richtig in Fahrt kommt er aber erst, als die Eltern des gequälten Künstlers auftreten, gespielt von Bill Pullman (dem US-Präsidenten aus “Independence Day”) und Laurie Metcalf, beide toll, und vor allem Pullman hat einen ungeheuren Spaß an seiner Rolle, lässt die Sau raus und gibt dem Affen Zucker. Ich bin ja sehr gegen Overacting, aber das ist hier etwas völlig anderes. Overacting ist, wenn man das, was die Szene gerade jeweils erzählen will, dem Zuschauer überdeutlich unter die Nase reibt. Was Bill Pullman hier macht, ist Stimmenimitation. Er “channelt” die Essenz einer gewissen Sorte alter Sack, die jeder kennt und hundertmal erlebt hat. Er nagelt wie jeder gute Komödiant seinen Gegenstand präzise fest, und das tut diesem Film, der sonst ein wenig von des Gedankens Blässe und einer gewissen Schneideraum-Streberei durchzogen ist, sehr gut. Es ist so gut, dass ich auf der Stelle eine Filmsatire im Stil von Zucker/Abrahams/Zucker drehen möchte, in der Pullman seine damalige Rolle als Präsident nochmal spielt, nur diesmal so.

Danach gehe ich zum Empfang der ARD, gebe meine Jacke ab und bekomme dafür einen Garderobenzettel, auf dem steht “Keine Haftung für Inhalte”. Drin bzw. draußen, weil man ja erstmal ins Weltkulturerbe Raucherecke geht, steht der Produzent von “3 Zimmer Küche Bad” und “Kreuzweg”. Seit diesen zwei Filmen drehen wir nicht mehr in erster Linie Filme, sondern Zigaretten miteinander, das geht schneller und kostet weniger Geld, also bekommt er zwei Filter und ein Papierchen von mir, und dann erzählt er davon, wie er mal einen Tatort mit Dominik Graf gedreht hat.

Davor schon hat mir eine Schauspielerin von einem Film erzählt, den sie machen möchte, aber wenn sie Männern das Konzept erläutere, seien die immer getriggert. Als sie es dann erzählt und ich den einen oder anderen Einwand habe, sagt sie, ich sei jetzt getriggert. Ich erwidere: Nö, ich habe nur möglicherweise eine andere Meinung als du. Im weiteren Verlauf des Gesprächs ist sie dann irgendwann selber getriggert oder hat vielleicht einfach eine andere Meinung als ich.

Getriggert ist außerdem Arundhati Roy. Die gehört zu den Personen, deren Namen in der Presse-Diktion mit dem Titel des bekanntesten Werkes in Klammern fest verschmolzen ist, also: Arundhati Roy (“Der Gott der kleinen Dinge”) bleibt der Berlinale fern, weil Wim Wenders (“Der Himmel über Berlin”) gesagt hat, Kino solle der Politik fernbleiben, Kino sei das Gegengewicht zur Politik. Das findet Arundhati Roy (“Der Gott der kleinen Dinge”) so empörend, dass sie sich außerstande sieht, das Festival zu besuchen, wo sie anlässlich der Wiederaufführung eines alten Films eingeladen war.

Ich könnte dazu alles mögliche schreiben, lasse es aber bleiben. Es ist einfach zu ermüdend, man soll in sowas keine Energie stecken. Dann seid doch meinetwegen alle getriggert und bleibt zuhause oder kommt her und macht ein Fass auf und sagt: Das, was Wim Wenders (“Paris, Texas”) da sagt, halte ich für grundfalsch und das Gegenteil für richtig. Wie wär’s denn mal damit. Freie Rede und ebensolche Gegenrede war doch eigentlich immer ein grundlegender Wert in unserem wertewestlichen Wertekatalog. Pikiert absagen ist natürlich auch von Rede- und Reisefreiheit gedeckt, aber implizit, also auf der Beziehungsebene, lautet die Aussage dieser Absage: Die Präsenz dieses Menschen ist eine Ungeheuerlichkeit, ich kann mit ihm nicht in einem Raum sein, noch nicht mal in einem symbolischen namens “Berlinale”, daher brüskiere ich meinen Gastgeber mit einer kurzfristigen Absage und fordere damit eigentlich, dass der öffentliche Raum von Meinungen, die mir nicht passen, gereinigt wird. Also dass die Berlinale in diesem Fall Wim Wenders (“Alice in den Städten”) feuert und nie wieder einlädt.
Und das finde ich, Dietrich Brüggemann (“Kreuzweg”), falsch und hätte selbiges hiermit dann doch niedergeschrieben, auch wenn man da eigentlich keine Energie reinstecken sollte.

Das Wort “getriggert” hat übrigens einen interessanten Bedeutungswandel durchgemacht. Die sogenannte Triggerwarnung, von der man seit ca. 15 Jahren immer wieder hört, bezieht sich ja auf die Wiederauslösung psychischer Verwundung durch erneute Konfrontation mit den auslösenden Faktoren. Heute meinen die Leute aber was anderes, wenn sie “getriggert” sagen. Getriggert ist man jetzt, wenn man auf eine Sache ablehnend reagiert und diese Ablehnung emotional unterfüttert. Das Wort hat aber selber eine abwertende Komponente, es hat etwas von unerbetener Psychoanalyse, man stellt sich mit diesem Wort über den anderen und reduziert ihn auf jemanden, der seinen psychischen Impulsen hilflos ausgeliefert ist, und deswegen mag ich es nicht besonders. Andererseits sieht man ja tatsächlich oft Leute, die (vor allem im Netz) tierisch abgehen, sich in höchste Höhen echauffieren und vor allem jeglichem inhaltlichen Argument komplett unzugänglich sind. Der Sachverhalt existiert also in der Tat, was aber kein Grund ist, das dazugehörige Wort inflationär zu verwenden, denn das triggert mich.

Beim ARD-Empfang treffe ich auch einen Schauspieler, den ich in den letzten Jahren vor allem in getriggerten Wortgefechten auf Damals-Noch-Twitter erlebt habe. Wir rennen aufeinander zu, überschütten uns gegenseitig mit den übelsten Schulhofpöbeleien, los geht’s bei “Hurensohn” und dann auf der nach oben offenen Richter-Skala steil bergauf – nein, falsch. Wir schütteln uns gepflegt die Hände und unterhalten uns ganz prächtig. Danach wird mir noch die Ehre zuteil, dem Regisseur Stefan Krohmer (“Sommer 04 an der Schlei”) die Hand zu schütteln und ihm nach vielen Jahren endlich mal persönlich zu sagen, dass ich seinen Debütfilm “Sie haben Knut” von 2003 irre, umwerfend, bitterböse, präzise, grenzensprengend großartig finde. Wer etwas über die Deutschen und ihre Neigung zu allseits getriggertem Polit-Groupthink und dazugehörigem Mobbing Andersdenkender lernen will, möge sich diesen Film anschauen.

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