Berlinale, Tag 6: Namedropping, Kurzfassing und Stefan Zweig

Kein geringerer als Daniel Kehlmann sagte mir mal, dass er sich einen falschen Bart anklebt und den Raum verlässt, wenn Leute mit Promi-Namedropping anfangen, und darauf erwiderte der ebenfalls anwesende Christoph Waltz, Helmut Dietl habe mal genau dasselbe zu Bernd Eichinger gesagt.

Ich versuche hier möglichst wenig Names zu droppen. Reicht ja schon, dass alle wissen, wer ich bin. Daher ohne Namensnennung: Ich habe endlich “Gelbe Briefe” gesehen und bin begeistert, und das ist zweifach toll, weil ich den Regisseur dieses Films sehr schätze. (Gesehen habe ich ihn am Sonntag, schreiben tue ich dies hinterherhinkenderweise erst am Donnerstag.)

Vor einiger Zeit las ich Stefan Zweigs “Die Welt von gestern”. Dort gibt es ein ganzes Kapitel über den belgischen Dichter Emile Verhaeren, mit dem Zweig befreundet war. Es ist eine umfassende Lobrede, sie nimmt und nimmt kein Ende, und da ich das Buch immer häppchenweise vor dem Einschlafen las, habe ich bestimmt drei Wochen mit Stefan Zweigs uferloser Verhaeren-Eloge verbracht. Erst ist es rührend, irgendwann nervt es, dann wird es langsam irre, und am Ende verspürt man nichts als innige Liebe. So ähnlich könnte ich mich über den Macher von “Gelbe Briefe” verbreiten, obwohl wir gar nicht so viel miteinander chillen wie Stefan Zweig und Emile Verhaeren. Man hat sich mal kennengelernt, war sich auf Anhieb sympathisch, er wohnte seinerzeit in Hamburg, ich war viel am Drehen, und weil ich gern befreundete Regisseure in kleinen Rollen besetze, spielte er in meinem Film “Nö” von 2020 eine lustige Rolle als Teilnehmer eines Schauspielworkshops und jetzt kürzlich in “Home Entertainment” wieder eine als Polizist, und es war einfach immer super.

Es gibt da so ein Ding, ich nenne es hiermit den internationalen informellen Club der Inspirierten, und egal aus welchem Land, man lernt einander kennen und weiß sofort: Ja, hier bin ich richtig, hier fließen die Gedanken ineinander, hier ist Musik, hier hat jemand ein offenes Ohr für die Vibrations des Universums und ähnlichen Hippie-Shit. “Gelbe Briefe” ist von so jemandem gemacht und handelt auch von so Leuten. Ich liebe die Leute im Film, also die Hybridwesen aus Figur und Schauspieler, vom ersten Moment an, die Geschichte ist klug geschrieben und durchdacht und warmherzig und trotzdem konsequent erzählt, ich könnte stundenlang weitermachen, und bei so einem schönen, seelenvollen Film ist mir auch egal, wie lang er ist, und mir ist auch egal, was die Kritiker schreiben, das kriegt man ohnehin nur mit, wenn man den Film selber gemacht hat, ich als Konsument muss es mir suchen, kann es aber auch lassen, die meisten waren glaube ich freundlich, ein paar haben gemäkelt, ist ja immer so. Der Film ist in gewisser Weise unspektakulär, er macht sich nicht breit, wirft sich nicht in Pose, er schreit nicht “ich bin KUNST!”, er schreit überhaupt nichts, er erzählt einfach, und gerade das ist das Tolle daran. Das ist Kino. Das ist der Grund, warum wir uns den ganzen Irrsinn mit Förderanträgen und Nachtdreh und Berlinale-Empfängen und Klinkenputzen bei Sendern und elf Drehbuchfassungen und acht Monaten im Schneideraum und Verzicht auf bürgerliche Existenz überhaupt antun.

Davon abgesehen werde ich mich jetzt kurz fassen. Habe nämlich in alte Berlinale-Blogbeiträge von mir selber reingelesen. Fand nicht alles gut. Einiges zu geschwätzig. Einer aber war im Telegrammstil und top.

Ein Regiekollege war am Tag vor der Berlinale Skifahren. Danach beschädigtes Knie. Er überlegte, sich eine Gehstütze zu besorgen. Oder gar einen Rollator, das wäre schön makaber, damit auf Berlinale-Empfängen aufzukreuzen. Ich empfahl einen historischen Spazierstock vom Trödler. Danach haben wir uns nicht mehr gesehen. Weiß nicht, was er gemacht hat.

Wir sehen eine indonesische Horrorkomödie namens “Monster Pabrik Rambut”. Englischer Titel: “Sleep no more”. Kurze Irritation: Heißt “Schlaf” auf Indonesisch etwa “Monster”? Das wäre ja drollig. Aber das Google (meine serbischen Freunde sagen “the google”) klärt auf: Der Titel bedeutet “Haarfabrik-Monster”. Genau davon handelt der Film. Er ist lustig, dann tritt er auf der Stelle, dann großes Finale. Hinterher Q&A. Der Regisseur spricht eigenwilliges Englisch. Eine Zuschauerin fragt: Ich hab jetzt zwei indonesische Filme gesehen, beide so herrlich verrückt, was ist denn bei euch bloß im Trinkwasser? Darauf nimmt die Schauspielerin das Mikro und sagt überraschenderweise auf Deutsch: Dasselbe wie hier bei euch, ihr habt ja den Struwwelpeter, Kinder auf der ganzen Welt lieben so crazy Horrorgeschichten. Sie wohnt, wie sich herausstellt, in Hannover und wirkt ungeheuer sympathisch. Ich will sie sofort besetzen. Kann nur leider nicht so viele Filme machen, wie ich Schauspieler toll finde. Versuche es aber.

Hinterher ist das Fahrradschloss meiner Gefährtin eingefroren. Ein eingefrorenes Fahrradschloss erwärmt man mit Mund-zu-Schloss-Beatmung. Ihre Gangschaltung ist auch eingefroren, sie fährt im kleinsten Gang mit hoher Pedalfrequenz im Schneckentempo, wir fahren rechts ran, ich schaue mir das mal an. Wir befinden uns ausgerechnet vor der russischen Botschaft. Ein Mann in Uniform nähert sich. Ich mache Mund-zu-Gangschaltungs-Beatmung. Bringt nichts. Putins Scherge kommt näher. Gleich wird er uns maßregeln. Dann sagt er was Nettes, leuchtet uns mit seiner Taschenlampe und ist ein Berliner Polizist. Natürlich werden Botschaften nicht von Polizisten des eigenen Landes bewacht, ich Depp.

Wir wollen noch zur Revolver-Party. Da war die letzten Jahre nicht so viel los. Man traf halt die 20- bis 30-jährigen von vor 20 bis 30 Jahren. Jetzt steht da eine ungeheure Schlange bei 27 Grad unter Null. Das sparen wir uns und gehen einen trinken. Im Hinterzimmer der Kneipe in der Dresdener Straße laufen irgendwelche Underground-Videos. Leute jubeln und tanzen. So habe ich mir Berlin immer vorgestellt. Everything Else is Noise. Das war ein Film im Forum. Mehr dazu morgen.

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