“LMAA” sagte man früher, wenn man nicht genug Zeit hatte für “leck mich am Arsch”. Heute sagt man “LLM”, das bedeutet “Large Language Model”. Ein LLM ist ein Übergrößen-Model, das Fremdsprachen beherrscht. Der Bedarf hieran ist weltweit überschaubar. Könnte man meinen. Doch weit gefehlt, LLMs sind bekanntlich das Ding der Stunde. Das bekannteste LLM nennt sich Chatchibitchy, so zumindest sagt es die Tochter eines befreundeten Filmproduzenten, finde ich gut, übernehme ich hiermit.
Eine Schauspielerin erzählt, sie habe Chatchibitchy die Gästeliste eines Empfangs vorgelegt und nach Strategien für Partygespräche gefragt. Mein Name stand da auch. Immerhin schaffte Chatchibitchy es, meine Filme korrekt zu identifizieren (anders als z.B. bei Jakob M. Erwa, Regisseur von “Fack ju Göhte 3”). Empfohlener Gesprächseinstieg, nein, Pitch-Hook: „Kreuzweg hat mich filmsprachlich sehr beeindruckt.“ Für Sherry Hormann: „Wüstenblume war für mich ein Benchmark für internationale deutsche Filme.“ Außerdem generierte Chatchibitchy eine Liste namens Fünf Fehler in Gesprächen:
- Zu früh sagen „Ich bin Schauspieler“.
Punkt 2 bis 5 spare ich mir, ich verspüre nämlich AI-Fatigue, das ist eine bleischwere Müdigkeit, die einen überkommt, wenn man über Chatchibitchy schreibt. Da hilft nur Themenwechsel. Beispielsweise zur Politik. Leider verspüre ich da auch bleischwere Müdigkeit. Also gehe ich ins Kino und gucke einen unpolitischen Film. Er stammt aus Indien, wurde 1989 gedreht, spielt im Jahr 1974 und erzählt von einer Klasse von Architekturstudenten, die sich auf ihren Abschluss vorbereiten. Der Film ist sehr lustig. Das Drehbuch stammt von Arundhati Roy (“Der Gott der kleinen Dinge”). Außerdem ist die Hauptdarstellerin großartig. Sie heißt auch Arundhati Roy. Politisch ist der Film nur am Rande, wenn Roy die gesellschaftliche Rolle der Architektur hinterfragt und dann auch gleich die Gegenfrage nach einer Lösung hinterfragt. Der sonstige Großteil ist eine fidele Studentenkomödie, aus der ich nebenbei eine ganze Menge über Indien in den 70er Jahren erfahre. Vielleicht ist das ja auch politisch.
Was meinen die Leute eigentlich, wenn sie “politisch” sagen? Ich lehne mich aus dem Fenster und sage: „Politisch“ bedeutet nicht einfach irgendetwas aus dem weiten Feld der Politik, „politisch“ bedeutet immer nur ein jeweils aktuelles Ding. Über dessen inhaltliche Berechtigung ist damit noch nichts gesagt, aber strukturell ist es halt so. Vor einigen Jahren habe ich mit ein paar Freunden auch was Politisches gemacht. Wir waren allerdings nicht für die herrschende Meinung, sondern dagegen. Daher folgte dann kein wohlwollendes Schulterklopfen für “politisches Engagement”, sondern Hass, Hetze und Entsetzen. Wenn man heute unter “normale”, also nicht dem akademisierten Mittelschichtsmilieu angehörige Leute geht, dann ist die allgemeine Meinung zu diesem Thema fünf Jahre später nicht weit weg von der, für die uns damals weite Teile der deutschen Öffentlichkeit symbolisch hingerichtet haben. Es bereitet mir dieser Tage große Freude, über die Berlinale zu spazieren und Leute, von denen ich weiß, dass sie mich vor fünf Jahren als Sündenbock in die Wüste jagen wollten, freundlichst zu begrüßen.
“Politisch” ist also nur, wenn es in die richtige Richtung geht. Die richtige Richtung ist meist nicht schwer herauszufinden, und dann muss man einfach das machen, was die anderen machen: Bedeutendes Gesicht aufsetzen, vor Flagge oder symbolbeladenem Bild posieren, Hashtag posten, fertig. Wie gesagt: Inhaltlich kann das berechtigt sein oder auch nicht. Beim diesjährigen Berlinale-Polit-Komplex mit Wenders-Aussage, Roy-Absage und obligatorischem offenen Brief ist es nun leider komplizierter. Es fehlt die große, berauschende Einigkeit. Die hierzulandige Staatsmacht schlägt sich sehr auf die eine Seite, die Internationale der Kulturschaffenden sehr auf die andere. Und weil das, was sich alle Beteiligten unter politisch vorstellen, nur pathetisch geht, mit totaler Einigkeit und heiligem Zorn, ist Verständigung nicht möglich. Zwei Pathos-Fronten stehen einander waffenstarrend gegenüber. Versuche des Abwägens, Neutralität oder Skepsis werden als Verrat behandelt und mit Hass beantwortet. Eine Lösung ist also prinzipiell ausgeschlossen.
Daher anderes Thema: Fünf Regeln für Partygespräche. Diesmal nicht von Chatchibitchy, sondern von mir.
- Dräng dich nicht auf.
- Rechne nicht damit, dass du einen Gedanken zu Ende bringen wirst. Es kommt immer jemand, der sich aufdrängt.
- Wer sich aufdrängt, ist freundlich zu begrüßen.
- Nicht klebenbleiben, sondern woanders hingehen und dann siehe 1.
- Auf Partys macht man keine ernsthaften Gesprächstermine.
- Sag nicht “Entschuldigung, ich muss mal kurz irgendwas” und renn dann weg.
- Nette Leute finden sich von selbst, beim Rest muss man keine Energie reinstecken.
- Politik vermeiden. Auch die jeweils durchs Dorf getriebene Sau.
- Nicht nerven.
Das waren nicht fünf, sondern neun. Neun Meter ist auch mindestens die Höhe, aus der eine Bierflasche in der Akademie der Künste herunterfallen würde, wenn man sie über die Brüstung fallenließe. Mir erzählte mal einer der Betreiber des “Silent Green” im ehemaligen Krematorium Wedding, sie dürften dort die erste Galerie (in vier Meter Höhe) fürs Publikum öffnen, die zweite jedoch nicht, da eine aus acht Metern Höhe auf den Kopf fallende Bierflasche tödlich sein kann. Aus vier Metern also offenbar nicht. Das gibt Hoffnung. In der Akademie der Künste hingegen ist keine Hoffnung, und falls da mal jemand beim Arte-Empfang – ich will gar nicht daran denken, sonst gibt es nächstes Jahr nur noch Plastikbecher.
Noch ein Film: Everything Else is Noise. Eine Cellistin öffnet ihre Wohnung einer Komponistin, damit die dort ein Fernsehinterview geben kann. Leider fällt dauernd der Strom aus und nebenan bellt ein Hund. Der Film ist ein schönes, verrücktes, lustiges, absurdes, grundsympathisches Kammerspiel und läuft natürlich im Forum, wo sonst, da findet man die tollsten Sachen. Vor vielen Jahren beispielsweise ein Film namens “The Woman in the Septic Tank”, das war eine unglaublich lustige Satire aufs Filmemachen und das System der Festivals. Den würde ich gern nochmal sehen. Falls jemand ihn hat: Her damit.
Und jetzt doch noch was Politisches. Thom Yorke wurde vor Jahren mal von Ken Loach angepflaumt, weil er mit seiner Band Radiohead in Israel spielte. Er erwiderte:
Playing in a country isn’t the same as endorsing its government.
We’ve played in Israel for over 20 years through a succession of governments, some more liberal than others.
As we have in America.
We don’t endorse Netanyahu any more than Trump, but we still play in America.
Music, art and academia is about crossing borders not building them, about open minds not closed ones, about shared humanity, dialogue and freedom of expression. I hope that makes it clear Ken.
Keine Ahnung, ob Thom Yorke das immer noch so sieht. Bei Ken Loach bin ich mir dagegen sicher, dass er seine Position nicht geändert hat.
Die Berlinale ist fast vorbei, aber mein Mitteilungsdrang ist ungebrochen, ich muss noch ungeheuer viel loswerden, das mache ich aber erst irgendwann nächste Woche. Das vorläufige Schlusswort überlasse ich Chatchibitchy:
Magischer Satz statt Jobfrage:
„Ich arbeite als Schauspieler und liebe es, über Regieprozesse zu sprechen.“
Das öffnet Türen ohne Druck.