Berlinale, Tag 8 bis Ende: Spiel mir das Lied vom Ausfall

Die Berlinale ist mal wieder vorbei. Daher jetzt Resteverwertung im Schnelldurchlauf.

Ein Produzent erzählt von einem Kinostart: “Wenn wir mit dem Geld von der Verleihförderung Kinotickets gekauft und verschenkt hätten, dann hätten wir unterm Strich mehr Zuschauer gehabt.”

Das erste, was ich von der diesjährigen Berlinale zu Gesicht bekam, war ein mit Autos beladener LKW. Der transportierte sieben oder acht PKW und fiel mir nur auf, weil einige der Autos in dramatischer Schieflage in den Himmel ragten wie schräge Raketen. Dann wurden in diesen Autos zehn Tage lang Ehrengäste vom Hyatt zum Roten Teppich gefahren, also 50 Meter Luftlinie. Jetzt sind sie schon wieder irgendwoanders, und wer dereinst eines davon als Mietwagen mietet oder als Jahreswagen kauft, wird keine Ahnung haben, dass in seinem Auto vielleicht mal Wim Wenders (“Berlin Chamissoplatz”) drinsaß, nicht jedoch Arundhati Roy (“Der Gott der kleinen Dinge”), denn die kam ja nicht.

Die Urania ist wieder Berlinale-Spielstätte. Sehr schöner Saal und unerhört breite (oder eher: lange) Reihen. 38 Sitze dicht an dicht und mit wenig Abstand zum Vordersitz. Das führt zu drolligen Durchdrängel-Aktivitäten. Jemand quetscht sich an 20 Leuten vorbei, die dafür alle aufstehen müssen, fragt zwei Reihen nach hinten, ob da was frei ist, quetscht sich an denselben 20 Leuten vorbei wieder raus und dann in die hintere Reihe rein. Wir entwickeln aus dieser Beobachtung spontan eine Filmidee: Zwei Leute sitzen im Kino, Film geht bald los, da klingelt irgendein Notfall auf dem Handy, sie müssen raus – aber die Reihe nimmt und nimmt kein Ende. Es geht einfach immer weiter. 90 Minuten Durchdrängeln in der Urania. Natürlich kehrt man dann zwischendurch auch mal um, weil man was vergessen hat, bekommt neue Nachrichten, streitet sich, versöhnt sich und so weiter. Gedreht idealerweise in einer einzigen Einstellung, und zwar von einem ferngesteuerten Kran (ich wüßte nicht, wie sonst, Drohne macht zuviel Krach und fliegt nicht 90 Minuten). Das wäre eine hübsche Variante auf das Thema “hermetische Welt”, du kommst hier nicht raus, Buñuels “Würgeengel” und so weiter. Nicht ganz billig, Remote-Kran und Komparsen und VFX, aber Weimer hat ja die Filmförderung verdoppelt, also lass machen.

Das Festival endet mit einem verdienten Goldenen Bären für “Gelbe Briefe”. Ich feiere das lautstark. Den Film und seine Macher habe ich ja bereits gefeiert. Fatih Akin (“Solino”) reklamiert diesen Erfolg für eine Entität namens “KÄNÄKS”. Stimmt bestimmt, ich verweise zusätzlich auf die hier bereits erwähnte Entität “internationaler informeller Club der Inspirierten”, der ist nämlich divers und inklusiv, da kann jeder beitreten, wenn er nicht eh schon drin ist, auch Fatih Akin (“Im Juli”) und Wim Wenders (“Mann fährt, Frau schläft”) und Dietrich Brüggemann (“Neun Szenen”).

Bei letzterem fällt mir ein Jubiläum ein: Mein Hochschulabschlussfilm mit dem obengenannten sperrigen hängengebliebenen Arbeitstitel hatte im Jahr 2006 am allerletzten Berlinale-Tag Premiere in der Sektion “Perspektive Deutsches Kino”. Also Sonntag abend, als alle schon im Koma lagen. Absurder Termin. Würde ich heute nicht mehr machen. War trotzdem eine sehr nette Premiere. Zog dann nur wenig nach sich. Diese ganze Festivalstrippenziehtaktiererei nervt ohnehin. Ist aber karriererelevant.

Aufmerksamen Lesern wird nicht entgangen sein, dass ich Wim Wenders (“Fitzcarraldo”) oben fälschlicherweise zwei Filme von Rudolf Thome (“Rote Sonne”) zugeschoben habe und dann gleich noch einen von Werner Herzog (“Schrei aus Stahl”). Ich finde die journalistische Gepflogenheit der Verschmelzung von Autorennamen und eingeklammertem Werktitel irgendwie lustig, das wurde hier ein rennender Scherz, und zum krönenden Abschluss karnevalisiere ich es.

Ein hochinteressanter Dokumentarfilm: “Szenario” von Marie Wilke. Nördlich von Magdeburg ist ein großes Truppenübungsgelände, dort steht eine Kleinstadt namens “Schnöggersburg”, die nur dazu dient, Soldat*innen im Häuserkampf auszubilden. Dementsprechend sehen die Gebäude aus: Betonklötze, die die Form von Wohnhäusern imitieren. Auf dem Weg bin ich am Kulturforum vorbeigefahren, da wird gerade eine neue Kunsthalle errichtet, die sieht genauso aus. Der Film hält sich nüchtern beobachtend zurück und ist gerade dadurch sehr erhellend. Besuchergruppen werden durchgeführt, Rekruten werden überraschend geschreifrei ausgebildet, Witze werden gemacht, Handy heißt “Bildschirmschiebegerät”. Nach dem Film erwähnt die Regisseurin, was schon im Film auffiel: Das Wort “Tod” wird vermieden. Es heißt “Wirkung erzielen” (wenn der Tod beim Gegner eintritt) oder “mit dem Leben nicht vereinbare Verletzung” oder einfach “Ausfall”. Dann machen wir uns einen Spaß daraus, berühmte Filmtitel entsprechend umzubauen: “Wirkung erzielt in Venedig” und “Die mit dem Leben nicht vereinbare Verletzung steht ihr gut”.

Ich wiederhole mich. Das fiel mir beim Blick in Beiträge aus den vergangenen Jahren auf. Die Filme sind zwar jeweils andere, aber die Berlinale ist im Grunde immer dieselbe.

Letzte Worte zum Aufreger der Saison: Polit-Bekundungen sind hohl, selbst wenn sie berechtigt sind. Außerdem sind sie wohlfeil. Selbst bei Anliegen, die ich voll und ganz unterstütze, war ich schon immer skeptisch, wenn Kulturinstitutionen sich in Pose werfen. Entweder man widerspricht der eigenen Regierung, das ist mutig, und dann ist man bald seinen Job los. Oder man wiederspricht der Regierung eines anderen Landes, das ist nicht mutig, zieht nichts nach sich, ist nur eine Pose. Vor allem muss man dann immer weitermachen, wenn man mal angefangen hat, und irgendwann ist man nur noch eine Statement-Schleuder.

Die US-Regierung richtet eine Stelle ein für deutsche Ärzte, die politisch verfolgt werden, weil sie in der Corona-Zeit Maskenatteste ausgestellt haben. Ja, genau: Politisch. Die Sinnfreiheit der Maskenpflicht ist mittlerweile belegt. In Spanien wurden die Corona-Maßnahmen für verfassungswidrig erklärt, und es gab eine Amnestie. Hier warten zahlreiche Filmstoffe auf jemanden, der sich traut, sie zu machen. Vielleicht wird die Berlinale, das politischste aller Festivals, die Filme dann zeigen.

Ein Filmfestival spricht nicht durch Verlautbarungen und “Statements”. Ein Filmfestival spricht durch die Filme, die es zeigt. Das kann hochpolitisch sein.

Und ein Filmemacher spricht durch die Filme, die er macht. Dieses Tagebuch habe ich seinerzeit angefangen, weil ich mich fragte, ob es eigentlich sinnvoll ist, auf die Berlinale zu gehen. Meine Antwort war damals: Dann schreibe ich wenigstens darüber.

Das ist zehn Jahre her. Hiermit beende ich es. Wir sehen uns auf der Berlinale.

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