Berlinale, Tag 1

Soeben habe ich beschlossen, dieses Jahr wieder die innere Klatschkolumnistin rauszulassen und mein Berlinale-Blog zu reaktivieren. Hier also meine Eindrücke vom ersten Berlinale-Tag. Ich war allerdings leider nicht da, denn ich habe den Filmbetrieb geschwänzt, weil ich mit meiner Bandkollegin einen Auftritt im Literaturbetrieb hatte, und zwar in Hamburg, also müssen jetzt meine Erinnerungen aus den letzten fünfzehn Eröffnungsabenden herhalten. Letztes Jahr hat meine Schwester Anna ein sogenanntes Faß aufgemacht, indem sie öffentlich die Idee verkündet hat, es sei keineswegs ein Naturgesetz, daß Frauen sich bei öffentlichen Repräsentationsveranstaltungen so kleiden müssen, als seien sie ein Bonbon, das ausgepackt werden will oder größtenteils schon ausgepackt worden ist. Das behaupte ich ja sowieso seit Urzeiten, und mittlerweile habe ich da eine Verschwörungstheorie entwickelt: Es gibt da irgendwo einen kleinen, mächtigen Geheimbund von Männern, die einen merkwürdigen High-Heels-Dekolleté-Glitzerkleid-Fetisch pflegen und es in den letzten 200 Jahren irgendwie geschafft haben, der ganzen restlichen Menschheit diesen Fetisch aufzuzwingen. Deswegen glaubt jetzt die ganze Welt, nur das sei attraktiv und begehrenswert. Was habe ich mir schon bei befreundeten Schauspielerinnen den Kopf eingerannt: Zieh doch einfach die Sneaker an, die du da anhast! Du sitzt da in Jogginghosen und irgendeinem T-Shirt auf diesem Küchenstuhl vor mir und weißt gar nicht, wie unfaßbar toll du aussiehst! Dein Körper ist ein Musikstück, dein Gesicht ist ein Kunstwerk! Fühl dich wohl, laß es strahlen! Aber nee, geht nicht, sie zwängen sie sich doch wieder in diese Fetischklamotten, fühlen sich unwohl und lassen sich von alten Säcken begaffen. Oder gehen halt lieber gar nicht hin und überlassen das Feld den Poser=innen (das Gender-Gleichheitszeichen habe ich gerade erfunden, das bedeutet, daß der Unterschied zwischen den Geschlechtern nicht so wichtig ist). Es ging jedenfalls darum, diesen Zwang aufzubrechen, neue Räume aufzumachen, die Spielräume zu erweitern, mehr Spaß zu haben, aber dann schreiben wieder irgendwelche Vollidioten, die zu lange keinen Sex mehr hatten: Jetzt wollen sie auch noch Schauspielerinnen auf dem roten Teppich zu Sack und Asche verdonnern.

Zur Berlinale-Eröffnung muß man ja überhaupt erstmal eingeladen sein. Wie bei jeder Veranstaltung ist das entweder eine Ehre für den Gast oder für den Gastgeber, je nach Status. Wenn ich zur Nobelpreisverleihung geladen werde, ist das eine große Ehre für mich. Wenn hingegen Ryan Gosling zur Eröffnung der Köpenicker Kiezkurzfilmwoche  erscheint, dann eher umgekehrt. Unter höflichen Menschen thematisiert man das natürlich nicht, sondern tut stets so, als wäre man selber der Geehrte. Ich war also ehrenvoll eingeladen, aber leider literaturbetriebsmäßig verhindert, meine Schwester und Co-Preisträgerin von 2014 hingegen war weder verhindert noch eingeladen. Das fanden wir ziemlich lustig. Vielleicht die Strafe für mangelndes Bravsein auf dem Roten Teppich? Oder hatte man einfach den Einladungsverteiler etwas entrümpelt, ups, sorry, wir brauchen jetzt mal mehr Youtuber, Influencer und Instagrammer? War uns auch irgendwie egal, ich war ja eh verhindert, dann war Anna auf einmal doch eingeladen, und alles löste sich in Wohlgefallen auf.

Wie wohlgefällig der gestrige Eröffnungsfilm nun war, das kann ich nicht sagen, denn ich war ja nicht da, ich kann nur die Quersumme der vergangenen Jahre verkünden, und die lautet: Es gibt gute und schlechte. In unguter Erinnerung habe ich beispielsweise den Eröffnungsfilm von 2015 namens „Nobody Wants the Night“. Ganz fürchterlich war auch einer namens „Snow Cake“, da spielt Sigourney Weaver eine Autistin, die einen Kuchen aus Schnee bäckt. Ersterer war von einer Frau, letzterer von einem Mann inszeniert, die Genderquote beim Thema „Miserable Berlinale-Eröffnugsfilme, die mir spontan einfallen“ beträgt also ideale 50 Prozent. Ein guter Eröffnungsfilm muß Stars auf den roten Teppich holen, so sagt es die konventionelle Weisheit, ich aber sage: Stars sind piepegal, ein guter Eröffnungsfilm muß vor allem selber eine große Party sein. „Hail, Caesar!“ von den Coen-Brüdern (Regie zu 200% männlich, miserable Quote) fand ich total toll, schnell, intelligent, überraschend, elegant, mußte dann aber zu meiner nicht geringen Verwunderung anhören, wie alle möglichen Leute alles mögliche daran auszusetzen hatten. Den letztjährigen, „Isle of Dogs“ von Wes Anderson, empfand ich dagegen als genau so quälend wie fast alles von Wes Anderson, denn ich sehe da immer nur ein riesengroßes Puppenhaus, das eigentlich ein Gefängnis ist. Ich glaube übrigens, es ist ein reines Männergefängnis. Vielleicht auch ein Männerpuppenhaus.

Heute sind dann gleichzeitig zwei kollidierende Filmpremieren von zwei sehr guten Freund=innen, nämlich Erik Schmitt und Nora Fingscheidt, und mir bleibt die knallharte Entscheidung erspart, zu welcher ich hingehen soll, da ich gezwungenermaßen beide verpassen werde, weil wir nämlich schon wieder was mit der Band haben. Wie es da nicht war, schreibe ich dann morgen.

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