Berlinale, Tag 4 – Ich esse drei Vasaci und höre Deep Garage

Drei Vasaci, sagt der Mann vor mir am Essensausgabestand beim Medienboard-Empfang, und ich denke mir: Ja, krass, da gibt es halt schon wieder irgendeinen Food-Trend, den ich nicht mitbekommen habe, auf einmal ist der überall, so wie die Pizza vor ein paar Jahren plötzlich überall Gesellschaft von der Pinsa bekam, oder wie man sich in den 90ern (steinalte Menschen erinnern sich) auf einmal vor Sushi nicht retten konnte. Jetzt also Vasaci. Muss ich mal googeln, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Beim weiteren Verfolgen des Gesprächs wird mir dann aber klar, dass er einfach “Reiberdatschi” gesagt hat, was der bayerische Ausdruck für die Kartoffelpuffer ist, die hier serviert werden.

Am Eingang wollte ich mich in die Reihe einreihen, die zur Fotowand führte. Ist zwar komplett sinnfrei, macht man aber halt so, und aus mehreren möglichen Gründen:

  1. Man ist so prominent, dass man dem Gastgeber ein Foto schuldig ist, weil der eigene Glanz auf die Veranstaltung abstrahlt.
  2. Man trägt gesponsorte Kleider und ist dem Sponsor ein Foto schuldig, weil der Glanz der Veranstaltung auf die gesponsorten Kleider abstrahlt.
  3. Man hat eine Bortschaft zu verkünden (siehe Tag 1, “virtue signaling”).
  4. Man will Selfies machen.
  5. Man ist an einem Film beteiligt, der auf dem Festival läuft, dadurch ist man Teil einer “Gang”, und diese Gang “macht Teppich”.
  6. Man will der Fachwelt zeigen, dass man nicht tot ist.

Keiner dieser Punkte trifft auf mich zu. Zwar trage ich heute ein schönes T-Shirt mit der Aufschrift “MAKE WAR NOT LOVE”, kleiner Gruß an die zeitgleich stattfindende Münchner Sicherheitskonferenz, Punkt 3 käme also in Frage, muss aber auch nicht sein, und deswegen bin ich nicht betrübt, dass mir mitgeteilt wird, für einen Auftritt vor der Fotowand hätte man vorher einen “Slot” buchen müssen. Vermutlich hätte ich den auch gar nicht selber buchen können, sondern das Medienboard hätte eher mich dafür gebucht oder wie auch immer, whatever, let them.

Als Gesamtphänomen sind diese Fotowand-Menschenmassen-Aufläufe ohnehin von einer beeindruckenden Sinnfreiheit. Es wäre durchaus vorstellbar, dass die Fotografen all die Bilder, die sie da machen, hinterher sofort wieder löschen. So etwas ähnliches habe ich am Vorabend bei der ARD getan, da stand ich in einer endlosen Reihe, die sich vor der Fotowand staute, mindestens 20 Minuten, hieß es, also durchbrach ich eine Absperrung und holte mir ein Bier, löschte also das Fotowand-Foto von mir selbst, bevor es überhaupt entstehen konnte. Wenn Sie irgendwo mal ein Foto sehen, zu dem es heißt: “Dietrich Brüggemann (‘Home Entertainment’) bei der ARD Blue Hour 2026”, dann ist es mit Sicherheit eine Fälschung.

Diesen Satz las ich vergangenen Sommer übrigens so ähnlich bei Werner Herzog, der in seinen Memoiren schreibt: Wenn Sie jemals ein Profil mit meinem Namen auf einer Social-Media-Plattform sehen, dann ist es mit Sicherheit eine Fälschung. Danach legte ich das Buch zur Seite, öffnete Instagram und sah als erstes Werner Herzog, der sich ein Steak grillte und mich auf seiner neuen Instagram-Präsenz begrüßte. Kurz war ich versucht, den oben zitierten Satz als Kommentar darunterzuschreiben, aber dann ließ ich es, denn das wäre Smart-Boy-Klugscheißer-Besserwisserei, niedrigenergetisch und doof, Menschen sind voller Widersprüche, passt scho, gell, Werner.

Medienboard-Mitarbeiter tragen hier auf dem Empfang die Aufschrift “MBB”, und wenn ich das sehe, denke ich immer an den Rüstungskonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm, der sich genauso abkürzt, aber das ist eine genauso falsche Fährte wie “Drei Vasaci”. Auf dem Weg hierher musste ich an der Tiefgaragenausfahrt des Alexa-Shoppingcenter halten, die eine eigene Ampel besitzt, und da dachte ich mir: Wenn man “Tiefgarage” wörtlich ins Englische überträgt, heißt es “Deep Garage”, und das könnte ein Musikstil aus den Nullerjahren sein. Noch ein schöner Hörfehler passierte mir heute (zwei Tage später, meine Berlinale-Klatschkolumne ist wie ein nichtlinear erzählter Forumsfilm, sie springt assoziativ durch die Timeline), jedenfalls erwähnte da ein Regisseur im Filmgespräch “drug addiction”, ich verstand aber “dog addiction”. Genaue Definition müsste man für all diese Sachen noch finden, aber eine poetische Qualität haben sie allesamt, finde ich.

Der Medienboard-Empfang zeichnet sich seit jeher durch eine gewisse Krassheit aus. Früher war es in einem riesigen Hotelballsaal, da liefen Sponsoring-Geschenkverteilfrauen mit Bauchläden voller Zigaretten herum, alle rauchten wie die Schlote und warfen die Asche auf den Teppich. Das war krass. Jetzt ist es auf dem Holzmarkt-Gelände, weitgehend im Freien, somit krass kalt, außerdem im dazugehörigen Restaurant, daher krass eng. Wer das vor allem zu spüren bekommt, sind die Mitarbeiter, die sich mit Tabletts voller Getränken und Flaschen und Gläsern und Tabletts mit Essen und leeren und vollen Bierkisten und marinierten Schweinehälften und gebratenen Ochsen und Styroporboxen voll Eis irgendwie durch die Menge zwängen. Ich bewundere das stets aufs Neue.

Man sieht ja im Nachtleben generell eine interessante Zweiteilung aus “Personal” und “amüsierwilliger Masse”. Bei Branchenempfängen, wo alles umsonst ist, verschärft sich das nochmal. Man fühlt sich da als Gast irgendwie parasitär. Hierüber habe ich mir schon vor exakt zehn Jahren und zwei Tagen ein paar Gedanken gemacht, das mache ich jetzt nicht nochmal. Es gibt im Publikum aber auch eine Zweiteilung. Es gibt natürlich sehr viele Zweiteilungen. Einige davon werden seit einiger Zeit ungeheuer durch die Öffentlichkeit gejagt. Beispielsweise die zwischen Mann und Frau oder die zwischen verschiedenen Hautfarben. Von anderen Unterschieden redet keiner. Einige sind immerhin noch sichtbar, beispielsweise der Unterschied zwischen jung und alt. Andere sind komplett unsichtbar, zum Beispiel der Unterschied zwischen denen, die aus gutsituiertem Hause kommen und von Papi alles an Kohle und Kontakten mit auf den Weg bekamen, und denen, die ein beschissenes und zudem bettelarmes Elternhaus hatten. Wenn also eine Frau aus der ersten Kategorie einem Mann aus der zweiten Kategorie sagt, er sitze als weißer Mann auf einem Berg an Privilegien, aber das werde sie als Frau jetzt endlich ändern, was so ähnlich in meiner Gegenwart durchaus schon vorgekommen ist, dann denke ich mir: Fick dein Leben, Bitch, ich komm von der Straße und da reden wir so.

Die folgenreichste der unsichtbaren Unterteilungen ist aber die zwischen Leuten, die jeden Monat ihr sicheres Gehalt auf der Bank haben, und denen, die für jedes Projekt ihre Haut neu zu Markte tragen müssen und dann nie wissen, wie lang die Kohle reichen muss. Die erste Kategorie zerfällt bei genauerer Betrachtung noch in die der Angestellten, deren Job auch jederzeit evaporieren kann und die dann eines Tages drei Euro Rente kriegen, und diejenigen in Staats- und Senderdiensten, deren Job felsenfest sicher steht und dereinst in eine üppige Pension münden wird. If you can’t beat them, join them, sage ich ja immer gern, aber das habe ich dann leider doch noch nicht hingekriegt, nehme es aber keinem übel, im Gegenteil: Werdet Förderer und Redakteure! Ich “für meinen Teil” (welchen sonst) würde aber gern mal einen Dokumentarfilm über irgendeine deutsche Filmförderanstalt drehen. Zwar mache ich keine Dokumentarfilme, weil das so irre viel Zeit kostet, aber wenn es statt meiner jemand machen will, nur zu, ich würde mich freuen und glaube, es hätte dokumentarischen Wert, wenn z.B. jemand in hundert Jahren mal etwas über unsere Zeit wissen wollen würde.

Der diesjährige MBB-Empfang hört irgendwie auf, sobald er angefangen hat. Ich wandere über diesen großen Hof, alles hat irgendwie schon zu, direkt nachdem es aufgemacht hat, hier wird eine Tür geschlossen und da ein Laden runtergelassen, die Halle mit der lauten Musik hat irgendwann auch nur noch einen einzigen Eingang, vor dem es sich staut und man ganz kurz denkt, wenn hier einer “Panik” schreit, gibt’s Tote, und wenn man es dann wieder in den Hof raus geschafft hat, steht da eine Kette von Aufpassern und lässt einen nicht mehr in den hinteren Teil, aber dann geht man halt runter ans Wasser und kommt da doch noch problemlos mit Jesang ins Restaurang, und diese Inkonsequenz ist mir sehr sympathisch.

Früher konnte man sein Bändchen irgendwie übers Handgelenk würgen und dann jemandem mitgeben, der rausging und es dort jemand anderem gab, und dann kamen beide wieder rein und irgendwann waren alle drin. Heute werden bei den meisten Veranstaltungen die Bändchen beim Rausgehen abgeschnitten, damit auch ja keine Unbefugten reinkommen. Ich finde das dämlich. Die Unbefugten sind nämlich die Befugten von morgen. Sie sind die Schönsten, Aufregendsten, Feierfreudigsten. Würde ich eine Berlinale-Förderungsparty veranstalten, dann würde ich überhaupt nur die reinlassen, die kein Bändchen haben. Man könnte auch einfach ab 22:30 Uhr oder irgendwann die Tür für alle öffnen, moderaten Eintritt nehmen, jeder zahlt sein Bier selbst und dann wird gefeiert, als gäbe es kein Morgen. So funktionieren ohnehin die besten Partys, und nirgends steht geschrieben, dass eine Filmförderung zwingend eine All-you-can-drink-Party für die Branche machen muss.

Kein elegante Schlußformel, ich muss jetzt ins Kino und schaue mir den Film von Arundhati Roy (“Der Gott der kleinen Dinge”) an. Ciao Kakao, morgen mehr.

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