Cinemascopeverbot und fast keine Experimente

Als ich am vergangenen Freitag in Wiesbaden war, weil „Stau“ den deutschen Fernsehkrimipreis gewann, hatte ich keine Dankesrede vorbereitet, denn irgendwas fällt einem ja immer spontan ein. Während nun die Preisverleihung so vor sich hinlief, kam mir aber ein Gedanke, und der verwandelte sich im Lauf der folgenden 20 Minuten in eine flammende Rede, die ich dann aus dem Stegreif hielt. Was hier folgt, ist die stark erweiterte und ausformulierte Version. Es hat ja seine Gründe, daß man Reden schreibt, bevor man sie hält, aber in Ausnahmefällen kann man es auch hinterher tun. Los ging es natürlich mit einem ausführlichen Dankeschön in alle Himmelsrichtungen, denn Filme macht man bekanntlich nicht allein, au contraire, und nun zur Sache, sehr geehrte Damen und Herren.

Wenn Sie nach der Preisverleihung in diesem Saal sitzenbleiben und unseren Film nochmal anschauen, werden Sie feststellen, daß er im Breitwandformat 1:2,35 gedreht ist (umgangssprachlich „Cinemascope“ oder kurz „Scope“). Wenn das Bild also auf dieser Leinwand gleich breiter wird, dann ist das Absicht. Wenn es stattdessen oben und unten schwarze Balken bekäme, wäre das auch Absicht, in diesem Kinosaal aber trotzdem verkehrt, denn der Platz links und rechts wäre ja vorhanden.

Mir fiel vorhin beim Zusammenschnitt der nominierten Filme auf, daß da einige in Cinemascope waren. Und gerade in diesen Tagen lief im Ersten ein umwerfender Zweiteiler, der rein gar nichts von der Betulichkeit hatte, die im deutschen TV oft so nervt. „Gladbeck“ war ein rasantes Stück Kino im Fernsehen, und natürlich auch in Cinemascope, denn dieses Bildformat ist wundervoll – nicht nur für Western-Panoramen, sondern genausogut für intime Kammerspiele. In Cinemascope kriegt man nämlich viel eleganter zwei oder mehr Menschen gleichberechtigt in ein Bild. Meine Filme sind immer Ensemblefilme, und deswegen drehe ich immer in Cinemascope. Das fernsehübliche 16:9-Format mag ich eigentlich überhaupt nicht. Darin kann man meinetwegen Tagesschau drehen, aber keine Spielfilme.

Nun geht der deutsche Fernsehkrimipreis also an einen Cinemascope-Tatort, aber es wird leider der letzte gewesen sein, denn kurz nach unseren Dreharbeiten wurde das in der ARD verboten. Ab sofort darf es in der ARD keine Filme in Cinemascope mehr geben. Grund? Unklar. Vermutlich haben sich von den schätzungsweise dreißig Zuschauern, die noch auf 30cm-Röhrenfernsehern gucken, zwei oder drei über die Balken im Bild beschwert. Diese Neuregelung kam von ganz oben, von irgendwelchen Leuten auf der Programmdirektionsebene, mit denen ich als kleiner Filmemacher ohnehin nie zu tun habe, also kann ich sie auch ungeniert beleidigen, indem ich hier ungefiltert wiedergebe, was ich als erstes dachte, als mir das zu Ohren kam, nämlich: Was für Vollidioten.

Als dann unser „Tatort“ vor einem halben Jahr ausgestrahlt wurde, schrieb irgendjemand: Ein gelungenes Experiment.
Schön, dachte ich, aber andererseits: Experiment? Ich habe einfach versucht, das Genre ein wenig weiterzudenken, das Rad etwas weiterzudrehen, und allerhand Sachen weggelassen, die ich beim „Tatort“ schon immer doof fand. Ist das schon ein Experiment? Wenn ja, dann wäre das sehr traurig, denn Experimente wird es beim Tatort ab sofort nur noch zweimal im Jahr geben. Auch das ist nämlich eine neue Regelung, die die ARD-Programmdirektion sich in ihrer Weisheit ausgedacht hat: Ab sofort nur noch zwei experimentelle „Tatorte“ pro Jahr. Alle anderen haben bitteschön unexperimentell zu sein.

Das wirft natürlich Fragen auf, die kaum zu beantworten sind: Ab wann ist ein Film experimentell? Kriege ich dann beim nächsten Tatort bitte eine möglichst detaillierte Checkliste, was alles gewährleistet sein muß, damit er als unexperimenteller Tatort durchgeht?

Man kann aber noch weiter ausholen und den Begriff des Experiments hinterfragen. Der ist zwar seit Jahrzehnten modern, hat aber meiner Meinung nach in der Kunst nichts zu suchen. Wer Kunst macht, sollte nicht herumprobieren, sondern gefälligst wissen, was er will. Wer Kunst macht, hat aber umgekehrt auch die verdammte Pflicht, das Rad jeweils neu zu erfinden. Also irgendetwas zu machen, das vorher noch niemand so gemacht hat. Und wenn das schon experimentell ist, dann interessiert mich überhaupt nur das Experimentelle, und dann hätte ich von der ARD gern nicht zwei, sondern vierzig experimentelle Tatorte pro Jahr. Stattdessen bekomme ich Durchschnittsware, bei der ich nach fünf Minuten abschalte, wenn ich überhaupt mal einschalte. Diejenigen Tatorte, die unter „experimentell“ laufen, finde ich beileibe nicht immer so toll, aber immer noch deutlich erfrischender als das, was man sonst so sieht.

Also, zusammengefasst: Wir stehen in der Blüte eines goldenen TV-Zeitalters, überall auf der Welt entstehen aufsehenerregende Seriengesamtkunstwerke, und der Boom ist endlich auch in Deutschland angekommen, nach Jahrzehnten der öffentlich-rechtlichen Monokultur kommt endlich Leben in die Bude, auf einmal entstehen hier wirklich tolle Sachen, alle freuen sich, nur die ARD-Programmdirektion hält es für eine gute Idee, den experimentellen Tatort, was immer das sein soll, auf zwei Stück pro Jahr zu beschränken und Cinemascope zu verbieten.

Haben die eigentlich den Schuß nicht gehört?
Haben die aus dem Untergang der DDR nichts gelernt?

Es geht hier nicht darum, mal wieder die alte Front zwischen den Kreativen und den doofen Sendern aufzumachen. Die ist falsch. Die gibt es so nicht. Die Front verläuft vielmehr zwischen den guten Leuten, die gute Sachen machen wollen, und den Apparatschiks, die alles verhindern wollen, was auch nur irgendwen irgendwo stören könnte. Und die guten Leute, die sitzen natürlich auch in großer Zahl in den Sendern. Das sind diejenigen Redakteure und Fernsehspielchefs, denen noch nicht alles egal ist, die vom eigenen sicheren Job noch nicht korrumpiert wurden oder sich in selbstgefällige Bonzen verwandelt haben. Die gute Filme machen wollen und die ich stets als äußerst faire und engagierte Partner erlebt habe. Gerade diese guten Leute haben im eigenen Haus ständig zu kämpfen mit Sparzwängen und der Konkurrenz von Nachrichten und Unterhaltung und Sport. Diese Leute brauchen wir, und diese Leute brauchen jede erdenkliche Unterstützung von uns. Die sind nämlich ständig unter Beschuß und führen einen zermürbenden Dauerkampf in alle Richtungen gleichzeitig. Aber ohne die könnten wir alle einpacken und nach Amerika auswandern.

All denen sei dieser Preis gewidmet. Wenn ich jemals wieder einen Tatort machen sollte, dann in Cinemascope. Und experimentell wird er vermutlich am Ende auch.

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13 Responses to Cinemascopeverbot und fast keine Experimente

  1. Mary Reili says:

    Großartig! Danke! Flammende Rede! Mutiger Mensch!

  2. Großartig, höchste Zeit, dass sich da etwas tut. Die ARD oder das deutsche Fernsehen insgesamt sind dabei, die Zeichen der Zeit zu verschlafen . Waren die Sender schon bislang immer 10 Jahre hinter den internationalen Entwicklungen zu Gange, wird das jetzt sehr bedrohlich: seit Jahren zeigen internationale Serien z.B. , dass Qualität wieder ganz Oben steht. Und dass Drehbücher wichtig sind für erfolgreiches Storytelling. Das kostet Geld, sicher. Aber vielleicht wäre es ja eine Idee, die vorhandenen Mittel verstärkt ins Programm steckt, zumindest dürfte nicht das Sparen höchste Priorität bei Produktionen haben. Man möchte gar nicht raten wie wenig des Budgets tatsächlich ins Programm geht und stattdessen in der aufgeblasenen und vielfach vorhandenen Verwaltung versickert… es wäre höchste Zeit.

  3. Irene Ittekkot says:

    Der einzige Tatort 2017, an den ich mich erinnere und dessen Handlungsverlauf ich noch halbwegs beschreiben könnte, war „Stau“. Mehr davon, bitte!

  4. Klaus Zmorek says:

    Ei Laff iu Mister Brüggemann, aber ehrlich!

  5. Jan says:

    Erst „mussten“ die Leute von ihrem gewohnten 4:3 auf 16:9 umstellen, um aktuelle Werke ohne schwarze Balken oben und unten zu sehen, und nun geht der Trend hin zu Cinemascope, und damit man weiterhin das Bild ohne störende Streifen (sprich: Platzverschwendung) oben und unten genießen kann, muss man sich jetzt also einen 21:9-Fernseher kaufen.

    Wenn das so weitergeht, verläuft die Entwicklung hin zu einem schmalen Sehschlitz, drei- bis viermal so breit wie hoch.

    Im Endergebnis sieht man immer weniger Bild, dafür dies aber immer breiter verteilt.

    Was soll das?

    • Martin Lippert says:

      Wer so argumentiert, hat den Artikel nicht verstanden. Tut mir wirklich sehr leid.

    • Dietrich Brüggemann says:

      Das ist so ähnlich, als würde man sich beim Orchester darüber beschweren, daß so nicht immer alle Instrumente gleichzeitig spielen. Einige haben sogar fast gar nichts zu tun. Was für eine Verschwendung.

    • Daniel Boehme says:

      16:9 oder besser noch Cinemascope ist das Format, in dem Menschen sehen, bzw. visuelle Informationen verarbeiten. Das hat weniger damit zu tun, dass unsere Augen horizontal nebeneinander stehen. Vor allem liegt es daran, dass wir nicht fliegen können und unser natürlicher Lebensraum dementsprechend die Horizontale ist. Vertikale Entfernungen erscheinen uns sehr viel größer. Die 200m zum Bäcker sind ein Katzensprung – die Kugel des Berliner Fernsehturms dagegen befindet sich in unerreichbaren 200m Höhe. Wenn wir einen Raum betreten, schauen wir uns ‚um‘, also nach links und rechts, fast nie nach oben und unten.
      Das breite Bild ist die Art, wie unser Gehirn die sensorischen Daten interpretiert.
      Das soll das. 😉

  6. Karim says:

    Klatsch Klatsch. Mit einem Echo aus der Schweiz. Auch hier wollen wir Scope was man vielleicht auch als Bewegung titulieren könnte: Hope for more scope.

  7. Olaf Zander says:

    Vielen Dank für Ihren Kommentar, der richtig toll und wichtig war, denn die Oberen der Öffentlichen Senderanstalten sollten sich nicht so derart die Zukunft verbauen oder sich immer nur an die wenigen altbackenen Beschwerer orientieren die am liebsten nie etwas ändern würden.

    Es gibt sie halt nunmal in noch in einer gewissen Menge, die Menschen die einfach nichts mit Experimenten oder anderen Formaten zu tun haben wollen. Die wollen sich am Sonntag Abend vor der Glotze versammeln, den gewohnten Tatort sehen, spätestens nach einer halben Stunde eingeschlafen sein und kurz vorm Ende wieder durch dramatischere odcer lautere Musik aufgeschreckt werden. damit man dann noch kurz mitbekommen kann wer der oder die Täter waren und dazu dann den Kommentar parat haben: Das habe ich doch gleich gewußt. Und können dann mit diesem Glücksgefühl ihr angefangenes Schläfchen im Bett fortsetzen und so das Wochenende in vollster Glückseligkeit abschliessen.
    Für diese Leute sind alle anderen Filme mordsgefährlich, denn sie müssten ja wirklich mal während der ganzen Geschichte wach bleiben und dies kann dann einfach zu wenig Schlaf am Ende bedeuten.
    Wenn dann auch noch mit unterschiedlichen Formaten dahergekommen wird, dann stört dies schon von vorneherein das gewohnte Bild und löst krampfartigen Widerwillen hervor. Auch dies kann zu schweren Magenbeschwerden in der anschließenden Nacht führen und die Schlafstörungen sind vorprogrammiert.
    Diese Menschen nutzen dieses Medium ja auch selten dazu sich gut unterhalten zu lassen, sondern die schalten es nur aus Gewohnheit und als bestes Schlafmittels des Landes ein.

    Also wenn es dabei bleiben sollte, dass sie nie wieder Tatorts machen, wäre dieser sicher sehr schade, denn es war ein einmalig gutes Exemplar dieser Reihe, was auch der Deutsche Fernsehkrimi-Preis und auch die Nominierung zum Grimmepreis beweisen. Aber man wird ihre Filme dann auch weiterhin auf anderen Kanälen oder im Kino geniessen dürfen.

  8. Urs Bender says:

    Ähm, als langjähriger Filmvorführer möchte ich kurz einräumen, Breitwand sind auch folgende Formate, das europäische 1:1,66 und das amerikanische 1:1,85. Cinemascope ist neben dem Bildverhältnis 1:2,35 vor allem ein Aufzeichnungs- und Abspielverfahren, bei dem anamorphotische Linsen zum Einsatz kommen, die neben dem Bildverhältnis den tatsächlichen Look von Cinemascope ausmachen.

    Meine Frage an Sie Herr Brüggemann, bzw. Ihren Bildgestalter, kamen beim Dreh anamorphotische Linsen zum Einsatz oder wurden schlicht Balken auf das Bild geklatscht um irgendwie nach Kino auszusehen?

  9. dietrich says:

    Als ebenfalls ehemaliger Filmvorführer ist mir die Materie auch vertraut. Also, das stimmt im Prinzip, aber der vorrangige Zweck von Cinemascope war es, auf einem 35mm-Bildfeld ein Bild im Format 1:2,35 unterzubringen. Der Anamorphoten-Look ist ein Nebenprodukt, das man gern in Kauf nahm, aber in erster Linie ging es nicht darum, sondern um das Seitenverhältnis. So riesig ist der Unterschied im Look außerdem auch wieder nicht. Seit Entwicklungen wie Super 35mm, 3perf, 2perf und zuletzt digitalen Kameras war es aber durchaus üblich, Filme in 1:2,35 abgekascht zu drehen, weil die Optiken da a) leichter und b) lichtstärker und c) kleiner und d) billiger sind. In diesem Verfahren sind durchaus Klassiker entstanden. „Fight Club“, um nur ein Beispiel zu nennen, ist auf gekaschtem Super 35 gedreht, also „Balken auf das Bild geklatscht, um irgendwie nach Kino auszusehen“, wie Sie es nennen. Die anderen Breitwandverfahren 1:1,85 und 1:1,66 arbeiten ja übrigens genaus, wie Sie als Vorführer vermutlich wissen, da werden auch Balken draufgeklatscht. Meine bisherigen Filme sind allesamt gekascht gedreht, weil sich das bei Digitalkameras mit Super35-Chip erstens anbietet und zweitens Anamorphoten wirklich schwer und teuer und umständlich sind. Echtes Scope werden wir aber garantiert auch mal machen, wenn wir steinreich sind und Filme mit Riesenbudget machen. Kann nur noch eine Frage der Zeit sein.

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