Können Sie dazu Stellung beziehen?

Gestern abend erreichte mich folgende Email. Ich dokumentiere sie hier, darunter mein Antwortschreiben.

Sehr geehrter Herr Brüggemann,

die Bildungsstätte Anne Frank kritisiert bei Twitter eine Ihrer Aussagen in Ihrem Clip zu #allesdichtmachen: https://twitter.com/BS_AnneFrank/status/1385536582795595778

Die Bildungsstätte schreibt: „Nach 75 friedlichen Jahren sind uns die Geschichten längst ausgegangen, wir brauchen neue (…) also (liebe Politiker) lasst es eskalieren!“ (Dietrich Brüggemann, Filmregisseur). Kleiner als NS-Vergleiche geht es nicht? (…) Wir haben mehr als genug geschmacklose KZ-Uniformen, Anne-Frank-Vergleiche und Judensterne auf Querdenken-Demos gesehen. Promis, die bei ihrer Kritik jetzt mit NS-Vergleichen operieren, bestärken eine Szene, die ohnehin kaum noch Zurückhaltung kennt.)“

Können Sie dazu Stellung beziehen?
Vielen Dank bereits im Voraus!

Mit freundlichen Grüßen
XXX
dpa

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Guten Tag!

Na klar. Verzeihen Sie mir, wenn ich dazu etwas ausholen muß. Man erklärt ja immer ungern den Witz, aber wenn es sein muß, voila.

Man muß schon um einige Ecken denken, um in einen Verweis auf 75 friedliche Jahre einen NS-Vergleich hineinzukonstruieren. Aber selbst das geht an der Sache vorbei.

Die Sache ist nämlich:
Wir haben es hier nicht mit einem Sachreferat zu tun, sondern mit einem eindeutig ironisch gehaltenen Video. Inhaltlich ist es eine Travestie. Dramaturgisch: Komödie. Die Figur, die da steht, ist also eine Kunstfigur und sagt Dinge, die ich als Privatmann möglicherweise genau umgekehrt sehe. Aber nicht zwingend. Einige Aussagen sind „straight“ und uncodiert, andere stehen auf dem Kopf, andere sind ins äußerste Extrem übertrieben. Um herauszufinden, was was ist, müßte man den Text decodieren und mit seinen eigenen Vorstellungen abgleichen. Das ist die Aufgabe des Zuschauers in der Komödie.

Man kann in diesem Video die Aussage finden, daß die darstellende Kunst ihre Stoffe oft dort sucht, wo es Menschen schlecht geht. Krisen sind Stoff für Bücher und Filme.

Man kann dort auch Kritik an diesem Sachverhalt herauslesen und sich fragen: Muß das so sein? Und: Stimmt das überhaupt?

Man kann sich dann daran erinnern, daß die NS-Zeit ja wirklich oft herhalten muß für Filme jedweder Qualität. Man könnte auch hieran Kritik herauslesen. Sollte die ARD vielleicht mal ihre Stoffe woanders finden? Vielleicht brauchen wir gar nicht so viele historische Schmonzetten?

Man kann sich fragen: Stimmt es, daß die Corona-Zeit eines Tages Stoff für Historienepen hergeben wird? Also: Könnten all diese Bilder von Polizeigewalt, die wir derzeit sehen, vielleicht eines Tages wirklich umcodiert werden von „gerechtfertigt“ zu „skandalös“?

Man kann nicht zuletzt auch die Aussage herauslesen, daß diese Zeit für viele Menschen aus vielen Gründen eine ungeheure Belastung ist, und je drakonischer die Regierung agiert, desto größer ist die Belastung.

Was man jedoch nicht herauslesen kann, ist die Aussage „das ist jetzt wie damals“. Der ironische Aufruf zur Eskalation enthält nämlich klar die Aussage: Das ist jetzt nicht wie damals. Ganz einfach.

Was auch immer man aus dem Text herausliest – Komödie lebt stets von der optimistischen Annahme, daß es zwischen Werk und Publikum einen Grundkonsens gibt. Dieser wird in der Komödie stets aufs Neue getestet und neu austariert. Wer diesen Grundkonsens aufgibt und dem anderen nur noch Böses unterstellt, der spielt seine eigene Komödie, und die heißt: Von einem der auszog, überall Nazis zu entlarven. Und die ist ähnlich traurig wie die Geschichte vom Mann, für den die Welt aus Nägeln besteht, weil er nur einen Hammer besitzt.

Beste Grüße
Dietrich Brüggemann






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