Berlinale, Tag 4 – Kritik am Katzenbaby

Heute gehe ich endlich mal ins Kino, wobei „Kino“ nicht ganz zutrifft, denn ich gehe in den Friedrichstadtpalast. Als dieses Gebäude errichtet wurde, waren die Menschen vermutlich noch kleiner, hatten aber auf jeden Fall kürzere Beine. Die Sitze stehen fürchterlich eng und haben aus irgendeinem Grund Lüftungsschlitze oben in der Lehne. Man weiß zweieinhalb Stunden lang nicht, wo man seine Knie hintun soll. Ein guter Film könnte bewirken, daß man zweieinhalb Stunden lang die eigenen Knie vergißt, aber dieser bewirkt das leider nicht. Er handelt von ein paar Männern in Lyon, die einen katholischen Priester zur Strecke bringen, der sie als Kinder sexuell mißbraucht hat. Ich muß scharf nachdenken, wem meine Sympathie gehört – es dauert so zwischen einer und zwei Sekunden, dann weiß ich es. Dieses Phänomen, nennen wir es den Ritt auf der sowieso schon durchs Dorf getriebenen Sau, greift leider um sich. Sexueller Mißbrauch in der katholischen Kirche ist als Thema ungefähr so komplex wie ein Bild von einem Katzenbaby: Der Reiz ist sehr klar und die Reaktionen nicht besonders variantenreich.

Für mein Gefühl gibt es zur Zeit etwas zu viele Filme, die schon mit ihrer Themenwahl eindeutige Knöpfe drücken und genau wissen, wohin die Sympathie gehört. Geht in Ordnung, kann man machen, selbstverständlich sympathisiere ich mit jedem transsexuellen Coming-of-Age-Kampf überall auf der Welt, mit jeder lesbischen Beziehung in feindseliger viktorianischer Umwelt und jeder illegalen Abtreibung im Spätmittelalter, wirklich, ich sage das nicht nur so, mir ist alles willkommen, was die Weltherrschaft der gräßlichen alten Männer unterminiert, aber wenn darüber Filme gemacht werden, dann reißen die mich oft nicht so richtig vom Hocker, beziehungsweise reißt es mich gar nicht erst auf den sprichwörtlichen Hocker, auf dem ich den Film dann überhaupt erst angucken würde, denn da muß man ja erstmal hin. Weil die moralischen Gewichte aber immer so dringlich und so eindeutig verteilt sind, ist es kaum möglich, diese Art von Festivalfilmen als Film zu kritisieren, ohne daß es gleich so aussieht, als würde man auch ihre Moral kritisieren, und dann steht man da wie ein Unhold aus der Steinzeit. Vor zwei Jahren gab es übrigens einen amerikanischen Film namens „Get Out“, der triumphal vorgemacht hat, daß es auch anders geht, aber der lief nicht bei der Berlinale, sondern in Sundance, was leider oft vorkommt.

„Grâce à Dieu“, der Priestermißbrauchsfilm, ist auch gar nicht so schlimm, er ist einfach etwas langweilig und eine halbe Stunde zu lang, und spätestens mit eingezwängten Knien im Friedrichstadtpalastgestühl fühlt er sich selber wie eine zähe katholische Messe an, aber weil er weder im Me-Too-Fahrwasser schwimmt noch im großen Gender-Queer-Politik-Zirkus herumspringt, sondern auf einer seit zehn Jahren durchs Dorf getriebenen Sau herumreitet, die inzwischen schon eine ziemlich müde Sau ist, kann ich ihn hier fröhlich kritisieren, ohne dafür hinterher zur Beichte zu müssen. Genau deswegen lasse ich das jetzt aber bleiben und gehe woandershin, nämlich nach dem Film zunächst aufs Klo (das ist banal, aber nach einem 137-Minuten-Film im Friedrichstadtpalast doch erwähnenswert) und danach zum Medienboard-Empfang. Da sind alle, da kann man sich schön ans Geländer stellen, auf den Eingang heruntergucken und in trauter Runde ein wenig politisieren.

Von meiner Kindheit bis in das Jahr, in dem ich beim Film anfing, hieß der deutsche Kanzler Helmut Kohl, und von meinem allerersten ahnungslosen Berlinale-Besuch einige Jahre nach Kohls Abtreten bis zum heutigen Tag hieß der Festivalleiter Dieter Kosslick. Jetzt hört er auf, und ein neuer kommt. Stinknormaler Vorgang, sollte man meinen, aber wäre natürlich toll, wenn das Verfahren solide und der Nachfolger (männliches Wort, neutrale Bedeutung) eine integre und kompetente Person (weibliches Wort, neutrale Bedeutung) wäre. Wenn 80 Leute in einem offenen Brief genau das fordern, dann kann man eigentlich wenig dagegen einwenden. Dachte ich zumindest. Offenbar hatte es aber eine Wirkung wie ein Stich ins Wespennest, ein Kanonenschlag im Hühnerhof oder eine Stinkbombe beim Galadiner. Ich höre das immer nur aus zweiter Hand, aber anscheinend sind immer noch einige hundert Menschen innerhalb und außerhalb der Berlinale beleidigt, pikiert, empört, gekränkt, indigniert, verschnupft und auf den Schlips getreten. Vielleicht wollten die alle den Job insgeheim selber haben. Einige der Unterzeichneten begannen nach Veröffentlichung des Schreibens auch zu schwanken und zurückzurudern, und da fehlt mir dann das Verständnis. Unterschreibt halt keine offenen Briefe, wenn ihr so dolle Angst vor Gegenwind habt. Da lobe ich mir meine Freunde von der Berliner Schule und meine anderen Freunde vom Neuköllner Mumblecore: Nichts miteinander gemeinsam, leben auf völlig unterschiedlichen Planeten, aber jeweils total geradlinig und keine Angst vor gar nix. Berlinale-Leiter würde ich übrigens wirklich nicht werden wollen, nur über meine Leiche, als Leiche wäre der Job vielleicht reizvoll, aber erstmal wünsche ich Carlo Chatrian aus vollem Herzen alles Gute. Möge er ein tolles Festival machen, und mögen sie ihn um Gottes Willen machen lassen. Wehe, ihr legt dem Steine in den Weg, sonst komme ich und sperre euch mit den dreihundert langweiligsten Wettbewerbsfilmen aus 70 Jahren Berlinale einen Monat lang in den Friedrichstadtpalast.

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