Berlinale, Tag 5 – Alle Autos sind groß

Wenn man am Samstag fröhlich feiernd durch Nachtleben hüpft, dann hüpft man am Sonntag nicht so fröhlich früh aus dem Bett, und dann findet der Film, über den ich hier hätte schreiben können, ohne mich statt. Das ist nicht weiter schlimm, denn eigentlich will ich hier auf gar keinen Fall über Filme schreiben, das ziemt sich nicht, außerdem tun das schon zahlreiche andere Leute klug und ausführlich, beispielsweise Rüdiger Suchsland, dessen Texte ich immer interessant finde. Einige Leute mögen ihn nicht, ich schon. Ich bin sowieso oft irritiert, wenn Leute über Leute reden. Da steht zum Beispiel Person A auf einem Berlinale-Empfang und sagt zu Person B: Person C ist ein eingebildetes, eitles Ekel. Fünf Minuten später und einige Meter weiter sagt Person C zu Person D: Person A ist ein arroganter Arsch. Ich bin nacheinander Zeuge beider Gespräche und denke mir jeweils nur: Wieso, A bis D sind doch alle eigentlich sehr nett. Und darin komme ich mir immer wahnsinnig naiv vor. Ich fühle mich dann wie ein Grundschüler, der sich auf dem Pausenhof in die Raucherecke verirrt hat, wo die coolen Typen aus der Oberstufe sich gegenseitig erzählen, welcher Lehrer Alkoholiker ist oder mit welcher Lehrerin fremdgeht oder regelmäßig im Puff der nächstgelegenen Kleinstadt gesichtet wird. Der kleine Grundschüler kann da nicht mitreden, er hat sowieso nur eine höchst vage Vorstellung darüber, was ein Puff ist, er steht da mit großen Augen und denkt: Boah, die kennen sich aber aus. Ungefähr so fühle ich mich, wenn Leute ihre Geringschätzung über andere Leute äußern, die ich eigentlich, nun ja, ganz nett finde.

Fairerweise muß ich aber hinzufügen, daß solche Übungen in übler Nachrede die Ausnahme sind. Die allermeisten Gespräche auf der Berlinale drehen sich eher darum, wer jetzt was mit Netflix macht.

Moment, höre ich da Stimmen aus dem Off, du ziehst doch selber dauernd hier über Leute her!
Tue ich das? Keineswegs! Ich mache mich hier über alles mögliche lustig, nee, das stimmt auch nicht, sehr viele Dinge sind doch einfach von selber lustig, und ich schreibe auf, was ich so erlebe und gegebenenfalls lustig finde. Es gibt doch nichts schöneres, als Leute zu loben und zu feiern, ob das nun die intellektuelle Speerspitze der Berliner Schule ist oder die von mir ohnehin ins Herz geschlossene Impro-Gemeinde oder Sonja Heiss oder oder den Produzenten, der mich mit Verve ausschimpft. Ja, sogar den! All diese Leute wurden hier schon ausführlich gepriesen und gefeiert, der schimpfende Produzent vielleicht etwas weniger, aber auch den mag ich am Ende sehr, das wiederhole ich nochmal ausdrücklich. Wenn Leser*innen sich aber schon beleidigt fühlen, weil ich Parallelen zwischen den Mechanismen der Filmauswahl und den Mechanismen der Tierzuchtwahl ziehe, dann tut mir das leid, äh, nee, dann tut mir das überhaupt nicht. Es ist ein großer Trend unserer Zeit, daß Leute von Dingen, die auf überraschende und irgendwie verbotene Art plausibel sind, also vom klassischen Material jeglicher Satire, verunsichert und vorsichtshalber beleidigt sind. In diese Richtung hiermit ein fröhliches Schimpfwort, ich schreibe keines hin, denkt euch selber eins und seid dann beleidigt.

Heute treffe ich die Ladies vom SWR, und wir reden über einen möglichen nächsten „Tatort“. Da kommt wieder das Cinemascope-Verbot in der ARD zur Sprache, und da ist es mit dem naiven Erstklässler in der Raucherecke endgültig vorbei, da schöpfe ich aus dem Vollen und belege die Verantwortlichen mit alttestamentarischen Flüchen. Die Ladies vom SWR sind nicht grundlegend anderer Ansicht, sie würden liebend gern wundervolle Filme in allen möglichen Bildformaten drehen, aber das ist per Anordnung aus dem zentralen ARD-Todesstern verboten. Zum Glück kommt mir aber eine Idee, wie man das Verbot umgehen könnte: Wir drehen einen sensiblen TV-Zweiteiler über eine arabische Frau zwischen religiös verbrämter Familientradition und Moderne, wir halten uns ganz nah an der Hauptfigur, und zwar so nah, daß wir den gesamten Film aus ihrer Perspektive drehen. Weil sie aber einen Gesichtsschleier trägt, sind oben und unten schwarze Streifen im Bild, und damit haben wir unser gewünschtes Bildformat durchgesetzt, da kann auch die ARD-Zentrale nichts mehr einwenden.

Danach gehe ich ins Kino und sehe Fatih Akins „Der goldene Handschuh“.
Soll ich überhaupt darüber schreiben?
Habe ich nicht eben erst verkündet, das nicht mehr tun zu wollen?
Na gut, dann hier was völlig anderes: Nachdenken über Schönheit.

Man liest in letzter Zeit, wenn man so durchs Internet flaniert, hin und wieder die Behauptung, alle Menschen seien schön. Das ist als Kampfansage gegen herrschende Schönheitsideale gedacht und löst in mir zwei konträre Reaktionen aus, zwei Seelen sitzen da in meiner Brust, und die eine sagt: Na klar, dieser Beauty-Terror überall ist doch furchtbar, wir alle sollten im eigenen Herzen die Schönheit finden und zum Strahlen bringen, denn selbstverständlich sind wir alle schön! Die Schönheit, auf die es eigentlich ankommt, die tragen wir nämlich alle in uns. Die andere Seele sieht das anders und sagt: Das ist ungefähr so sinnvoll, wie wenn ich sage: Alle Autos sind groß. Wenn alle Menschen schön und alle Autos groß sind, brauchen wir ja die Wörter „schön“ und „groß“ nicht mehr, die schaffen wir ab, dann werden unschöne Menschen und kleine Autos nicht mehr diskriminiert, aber dann wird der Volksmund oder der Schulhofmund bald neue Wörter mit vergleichbarer Bedeutung erfinden. So spricht die zweite Seele, dann streiten sie sich, und dann sind sie beide traurig.
Welche Seele liegt richtig? Ich gebe zunächst beiden recht und werde am Ende dieses Textes eine Münze werfen.

Wenn man jedenfalls einen handfesten Gegenbeweis zu dieser universellen Schönheitsbehauptung sucht, dann ist man bei „Der goldene Handschuh“ genau richtig, denn hier ist niemand auch nur ansatzweise schön. Die Hauptfigur spielt der schöne Schauspieler Jonas Dassler, der sich per Maskenbildnerei in ein verunstaltetes Monster verwandelt hat. Das Monster basiert auf einer realen Figur, nämlich dem Serienmörder Fritz Honka, der in den 70er Jahren in Hamburg lebte. Wenn nach überstandenem Film Fotos des realen Honka sieht, dann denkt man: Och, halb so wild, sieht doch vergleichsweise vorzeigbar aus. Ähnlich ging es mir übrigens bei dem „Gladbeck“-Zweiteiler, der im letzten Frühjahr im ZDF lief (in Cinemascope, wäre also in der ARD verboten gewesen) – der Film war toll, und das schwitzende, aufgedunsene Monster, das Sascha Gersak als Geiselnehmer hier spielte, war beeindruckend, aber der reale Geiselnehmer von damals sieht auf Fotos nicht halb so fertig aus. Ich weiß nicht genau, warum Filmemacher (ohne Gendersonderzeichen, ich kenne das nur von Männern, aber vermutlich machen das auch Frauen) da so gern auf die Kacke hauen. Da fliegt dann halt die Kacke durch die Gegend, allerdings nur metaphorisch, andererseits ist Kacke so ziemlich das einzige, das hier nicht durch die Gegend fliegt. Fritz Honka vergewaltigt, quält, mißhandelt und erschlägt im Vollsuff eine Frau nach der anderen, die Frauen sind erst aufgedunsene Alkoholleichen und dann nur noch Leichen, Honka zerstückelt und zersägt sie, Honka grunzt und röchelt, ich will hier weg. Freude macht das offensichtlich keine, allenfalls im Kontrasteffekt, denn so schlimm ist mein Leben ja immerhin nicht, aber das reicht nicht aus, um mich bei der Stange zu halten, ich will hier weg. Ohnehin sieht man Filme ganz anders, wenn man sich zur Angewohnheit gemacht hat, sie konsequent nur noch dann abzusitzen, wenn sie wirklich interessant sind, und sonst einfach zu gehen. Das ist natürlich Spielverderberei, denn das Spiel namens „Kino“ enthält ja die Verabredung, daß man drinbleibt, auch wenn es schlimm ist, aber es ist nach 15 oder 20 Jahrgängen Berlinale andererseits einfach Notwehr und Selbstschutz. Ich will mir diese endlose Vergewaltigerei mit Kochlöffeln, diese Gewaltexzesse, diese besoffene Totschlägerei nicht ansehen, bleibe aber doch, weil sonst zehn Leute wegen mir aufstehen müßten. Die Trennlinie zwischen Darstellung und Verherrlichung, der moralische Unterschied zwischen einem Mord auf der Bühne und einem Mord im echten Leben, all das wird brüchig bei Verbrechen, die die Seele zerstören. Ein sehr gut mit mit befreundeter Schauspieler mußte mal für einen Film eine Vergewaltigung spielen und erzählte hinterher, wie er sich vor sich selbst ekelte und es eigentlich lieber nicht gemacht hätte, und ich weiß genau, warum. Man sieht immer wieder solche Szenen, man ist dann erstmal beeindruckt und sagt: Ja, die Szene war stark, aber dann denkt man genauer nach und stellt fest: Nein, sie war nicht stark, sie war einfach nur ein Schlag ins Gesicht, und ich könnte meine Mitmenschen auch jederzeit ins Gesicht schlagen, lasse es aber bleiben. Frauen im Film zu mißhandeln ist wahnsinnig einfach, es ist immer schockierend, es kostet keinerlei künstlerische Anstrengung, man betritt hier kein Neuland, sondern geht immer nur zurück in die Steinzeit. Es ist genauso einfach wie ein Kind anzuschreien oder sich beim Medienboard-Empfang vollaufen zu lassen. Ich will es nicht mehr sehen. Ich weiß, daß die Welt voll davon ist, aber das ist kein hinreichender Grund, es zwei Stunden lang im Kino zu anzusehen, denn es vergewaltigt auch meine Seele, und das ist mit voller Absicht so dramatisch formuliert. Einen Lichtblick hat der Film, das ist ein Auftritt von Marc Hosemann, der große Freude macht, aber der ist schnell wieder weg. Und dann gibt es einen Moment, in dem vielleicht der heimliche Kern des ganzen Vorhabens liegt. Da sitzt nämlich die griechische Familie in der Wohnung unter Honka beim Essen, anständig und gut gekleidet, und aus der Decke fallen auf einmal Maden, die sich da jahrelang durch die eingelagerten Leichenteile gefressen haben. Die Ausländer sind sauber und sympathisch, während ein Stockwerk darüber ein deutsches Monster Leichen zerlegt – vielleicht ist das der Payoff für ein ganzes Leben, in dem man sich von sauberen Deutschen als dreckiger Gastarbeiter beschimpfen lassen mußte. Diesen Moment mag ich sehr, genau wie einige andere Momente des Films, der ja nicht von ungefähr toll gemacht und souverän inszeniert ist. Während ich dies schreibe, falle mir immer mehr davon ein, der Film ist ein fuchtbares, großes Portrait eines völlig verkrüppelten Landes, 30 Jahre nach dem großen Krieg, dieser Eindruck ist stark und bleibt haften, aber dann wird doch wieder eine dicke Frau zwanzigmal mit dem Kopf auf den Tisch geschmettert und alles zu Brei gehauen.

Ja, jetzt habe ich doch etwas über den Film geschrieben. Es sind nur höchst subjektive Eindrücke, ich bin kein Kritiker, ich erlaube es mir, warum eigentlich nicht. Würde Fatih Akin einen Blog schreiben, in dem er darlegt, was er bei einem Film von mir empfindet, ich fände es nicht weiter schlimm. Eigentlich fände ich es sogar gut, wenn mehr Leute das tun würden.

Harter Schnitt: Party! Die besten Berlinale-Partys sind die, in die jeder reinkommt. Also beispielsweise die Revolver-Party, die „Familienfeier“ aus dem Sehr-Gute-Filme-Kreis oder die Lass-Brüder-Party im SO36. Letztere ist am Sonntag, und es ist jedesmal ein wunderschönes großes Fest der Harmonie und Freude. Kein Business, kein Blödsinn, wir freuen uns übereinander und tanzen. Und hier ist der oben angekündigte Münzwurf gar nicht mehr nötig. Der Schöngeist hat gewonnen, hier sind alle wunderschön –  ganz egal wie sie aussehen.

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One Response to Berlinale, Tag 5 – Alle Autos sind groß

  1. Annette says:

    Gibt es Seelenverwandschaft? Ich bin zum Thema Vergewaltigung ganz Deiner Meinung und lehne jegliche Verfilmung des Themas ab. Es gibt Dinge, damit sollte man weder Geld verdienen noch ein Publikum durcheinander bringen. Es reicht, wenn grausame Tatsachen in den Nachrichten zur Kenntnis gegeben werden, selbst das muss ja nicht sein. Grüsse von der Seelen-Schutz-Beauftragten aus Unterfranken und viele schöne Eindrücke und Erlebnisse weiterhin auf der Berlinale. Danke für die Be-Bloggung des Erlebten, ich bin etwas traurig in diesem Jahr nicht „vor Ort“ zu sein.

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