Berlinale, Tag 6 – Mit Werner Badge nach Norddeich Mole

Der Montag, von dem ich hier erzählen will, war ja eigentlich der fünfte Tag war, trotzdem bin ich in der Zählung schon bei sechs, während heute wiederum Donnerstag, also der achte Tag ist. Das soll noch einer kapieren. Am Montag also findet die Berlinale ohne mich statt, denn wir machen einen Ausflug an die Nordsee und besichtigen Fähren, auf denen wir drehen wollen. Der Film sollte eigentlich längst fertig sein, und wir hatten längst eine wunderschöne Fähre, aber irgendwas geht ja immer schief, und jetzt ist unsere Fähre gesunken, zumindest terminlich, wir brauchen eine neue. Heute also keine Berlinale-Berichte, sondern nur ein paar Kleinigkeiten aus den vergangenen Tagen, die mir so einfallen.

Erstens: Niemand trägt mehr sein Badge um den Hals. „Badge“ könnte auch ein niedersächsischer Familienname sein, guten Tach, mein Name ist Werner Badge, aber es wird englisch ausgesprochen und bezeichnet die Plastikkarte, mit der man sich als Festivalteilnehmer ausweist. Vor einigen Jahren haben alle den sich noch um den Hals gehängt. Ich auch. Man denkt, das wäre praktisch, denn man braucht man das Ding ja ständig. In Wahrheit braucht man es allenfalls fünfmal am Tag, aber man hängt es sich um, um als Szene-Insider erkennbar zu sein. In wahrster Wahrheit sieht man damit aber nicht insidermäßig aus, sondern eher wie ein Teilnehmer eines komischen Gruppenausflugs oder ein Sektenmitglied. Diese Erkenntnis erwischte mich schon vor mehreren Jahren, seitdem stecke mir das Ding einfach nur ins Portemonnaie. In Cannes haben immer noch alle den Ausweis um den Hals, glaube ich zumindest, ich war da schon länger nicht mehr, aber in Cannes muß man ihn auch wirklich dauernd vorzeigen. In Cannes steht vor jeder Toilette ein Aufpasser im beigen Anzug und will sehen, ob du auch die richtige Klokategorie auf dem Badge hast, und wenn du aus dem Klo wieder rauswillst, will er es nochmal sehen, deswegen tragen es alle um den Hals, aber in Berlin hat das irgendwie aufgehört. Niemand trägt mehr Badge. Vielleicht heißt das auch einfach, daß der Glamour des Kinos am Verblassen ist. Man will sich nicht mehr stolz als Teil der Gemeinde ausweisen, man trägt es lieber diskret, weil es auch irgendwie ein bißchen peinlich ist. Es ist wie so eine Studentenverbindungs-Schärpe, das war vor 150 Jahren ziemlich cool, aber heute wird man damit wird sehr komisch angeguckt. Vielleicht ist das so. Wer weiß. (EDIT: Ich wurde darauf hingewiesen, daß ich möglicherweise in den falschen Kreisen abhänge, nämlich in der Partyschickeria, in der eh niemand Filme schaut. Wenn das so wäre, wäre es niederschmetternd, war ich doch immer ein stolzer fünf-Filme-pro-Tag-Konsument, aber das bin ich tatsächlich nicht mehr. Ich werde darauf achten.)

Zweitens: Die Hitlergruß-Umarmung. Zu grauer Väter Vorzeit zog man voreinander den Hut, dann irgendwann setzte sich der Handschlag durch, heute wird umarmt. Und das ist auch völlig in Ordnung. Die Sitten ändern sich. Niemals würde ich spöttisch-kulturpessimistische Beschwerden über die allgemeine Umarmerei hier hinschreiben. Das überlasse ich den alten Herren von der FAZ. Vielleicht wird man in 50 Jahren zur Begrüßung einen Purzelbaum schlagen, und auch das wird dann völlig in Ordnung sein. Aber es ist schon ziemlich lustig, wie die Umarmung oft eingeleitet wird: Man reckt den rechten Arm in die Höhe, als wäre mal wieder Reichsparteitag. Dann bewegt man sich aufeinander zu, und dann wird klar, wohin die Reise geht, aber für diesen kurzen Moment steht man voreinander und macht einen veritablen Hitlergruß.

Drittens: Positives Feedback! Ich sitze mitterweile im Zug, zurück von Norddeich Mole. Sechs Stunden hin, sechs zurück, dazwischen vier Fähren. Neben mir sitzt unser unverwüstlich gutgelaunter Aufnahmeleiter und spielt auf Quizduell mit dem Kameramann und der Szenenbildnerin, während ich so danebensitze und vor mich hintippe wie der letzte Depp. Irgendwann fragt er mich: Bist du eigentlich geistig noch da, oder schreibst du da nur noch einen langen Rant? Gute Frage, sage ich. Und dann sagt er: Deine Berlinale-Tagesberichte haben immer so die richtige Länge für einen etwas ausgedehnteren, ääh, Klogang. Die gute Laune, mit der diese Worte ausgesprochen werden, kann ich schriftlich gar nicht so recht wiedergeben, aber:
Finde ich gut!
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Like!
Superlike!
Weiß doch jeder, in welchem Zimmer Smartphones am meisten genutzt werden.

Viertens: Der Anti-Piraterie-Trailer! Da ist ein 15 Jahre altes Tastenhandy abgebildet! Wie süß! Und eine ebenfalls steinalte Videokamera. Den haben sie seit mindestens 12 Jahren nicht geändert, diesen Trailer. Und da fällt mir auf: Redet eigentlich noch irgendwer von Raubkopiererei? Oder ist das Thema erledigt, weil es ja doch einen gewissen technischen Aufwand fordert, sich an ein Torrent-Netz dranzuhängen, und die legalen Alternativen einfach bequemer sind? Wurde das Kino durch die Piraterie beschädigt? Ich glaube nicht, genausowenig wie die Musikbranche. Was die Musikbranche wirklich beschädigt hat, oder besser gesagt die Musiker, das ist Geschäftsmodell von Spotify: Das Geld wird so homöopathisch verdünnt, daß es am Ende nicht mehr nachweisbar ist. Vielleicht sollte Spotify es konsequent so machen wie Netflix und gleich den ganzen Content selber produzieren und dafür wenigstens auch kostendeckend bezahlen. Vielleicht sollte Netflix sich umgekehrt eher wie Spotify als Plattform betrachten, auf dem unabhängige Produzenten ihre Sachen anbieten können. Wäre mal Anlaß für eine längere Überlegung. Also nicht jetzt.

Fünftens eine Erinnerung aus dem letzten Jahr: Ich radle nachts nach Hause, es ist eiskalt, auf dem Potsdamer Platz steht wie ein Ufo dieser seltsame weiße l’Oréal-Container. Davor sitzt ein Wachmann, ich halte kurz an, weil er da ein sehr interessantes Fahrrad stehen hat, das nach Eigenbau aussieht. Wir kommen ins Gespräch. Ich frage: Ist das nicht total unerträglich, bei dieser Kälte die ganze Nacht draußen sitzen? Nein, sagt er, ich hab hier meinen Tee. Er wirkt ganz gut gelaunt. Muß er als Wachmann gelegentlich einschreiten? Ja, da kommen schon öfter mal Kinder, die den Container ansprayen wollen. Schlecht erzogen, verwahrlost, die gefallen ihm nicht. Was ist er eigentlich selber für ein Landsmann? Er hat irgendeinen Akzent, aber ich kann ihn nicht identifizieren. Türke, sagt er, mit zwölf nach Deutschland gekommen. Wir unterhalten uns ein Weilchen sehr nett, das meiste habe ich inzwischen vergessen, weil es ja schon ein Jahr her ist, aber diese Begegnung ist tatsächlich das erste und für eine ganze Weile auch das einzige, das mir von der letztjährigen Berlinale einfällt.

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