Brief an keinen Freund

Lieber Freund,

es gibt dich nicht, und damit bist du vermutlich der einzige Mensch auf der Welt, der sich zur Zeit nicht die Haare rauft oder den Kopf gegen die Wand haut. Alle tun das. Nur die Gründe sind unterschiedlich.

Das letzte Buch, das ich gelesen habe, bevor das alles losging, hieß „This is Your Brain on Parasites“. Darin wurde erwähnt, daß viele Religionen im Kern eigentlich Strategien der Seuchenabwehr sind. So macht Religion sogar erstaunlich viel Sinn. In diesen ganzen Reinheits- und Waschungsvorschriften steckt ein Wissen über Krankheitskeime, die unsichtbar sind und per Kontakt übertragen werden können. Ein Gott, der alles sieht, ist ein wirkungsvolles Mittel der Disziplinierung, und er taucht historisch an dem Punkt auf, als Menschen in größeren Gruppen zusammenlebten. Vorher, bei Nomaden und einzelnen Bauern, brauchte man den nicht. Auch die traditionelle Moral hat Elemente von Seuchenbekämpfung. Man geht nicht mit jedem ins Bett und am besten vor der Ehe mit niemandem. Im frühen 20. Jahrhundert gab es große Verbesserungen der Gesundheitsvorsorge (Antibiotika, Impfungen, sauberes Trinkwasser etcetera), und was machte die erste Generation, die in dieser Welt aufgewachsen war? Sie machte freie Liebe und allgemeine Liberalisierung. Nun ist Koinzidenz keine Kausalität (was in diesen Tagen oft vergessen wird), aber der Zusammenhang ist doch recht klar. Die Idee der Reinheit, also der Seuchenabwehr, steckt in vielen Religionen drin, und umgekehrt liegt man wohl nicht falsch, wenn man in unseren Seuchenabwehrstrategien auch eine religiöse Komponente sieht. Wie in jeder Religion gibt es da Rituale und äußere Erkennungszeichen, es gibt Strenggläubige und Halbherzige, und wie jede Religion bringt sie eine gewisse Doppelmoral hervor, denn die strengen Vorschriften einer Religion lassen sich nie konsequent einhalten. Sie sind immer gerade so streng, daß man öfter mal sündigt und dann ein schlechtes Gewissen hat. So sichert die Religion ihre Herrschaft. Ich bin für meine Generation mit untypisch viel Religion aufgewachsen, ich kenne das ganz gut.

Die jetzige Lage ist dilemmatös. Wir sitzen also wieder zwecks Virusbekämpfung zuhause. Wir wollen da aber immer noch Licht anschalten. Und duschen und heizen und was essen und im Internet einkaufen und Fernsehen gucken. Und die Müllabfuhr soll auch kommen. Und die Krankenhäuser müssen weiter funktionieren, dafür muß die Krankenschwester ihr Kind in die Kita bringen können, dafür muß die Erzieherin an den Arbeitsplatz kommen, dafür muß die U-Bahn fahren, und den Rettungswagen muß auch jemand betanken und reparieren, und der muß wiederum zur Arbeit kommen und das benötigte Material muß da sein und so weiter. Und unsere Internetbestellungen wollen wir ja auch ausgeliefert haben.
Vielleicht fällt uns an dieser Stelle auf, dass all die Leute, die jetzt weiter zur Arbeit gehen müssen, eins gemeinsam haben: Sie haben größtenteils nicht studiert. Eine Schicht von Intellektuellen und (teilweise immer noch) Besserverdienenden setzt sich also in ihre Wohnungen und läßt sich von den weniger Privilegierten bedienen. Letztere tragen die ganze Infektionsgefahr. Das ist noch kein Argument für oder gegen irgendwas, aber man sollte sich es in aller Deutlichkeit vor Augen halten. Ein gewisses Element von religionstypischer Doppelmoral steckt da schon drin, würde ich sagen.
Zweitens fällt auf, dass da eine ganze Menge an Kontakten und Aktivitäten zusammenkommt. Das Virus wird nach einem Lockdown also kaum aus der Welt sein. Es ist immer noch da, und dann kann alles wieder von vorn losgehen. Das ist eigentlich banal, aber ich höre merkwürdig viele Stimmen, die das offenbar anders sehen.

Zu meiner eigenen Position in dieser Debatte: Ich finde vieles, was gerade hierzulande geschieht, nicht gut. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der Kritik an politischem Handeln selbstverständlich war. Neuerdings ist man aber, wenn man Kritik äußert, anscheinend ein Menschenfeind. Oder psychisch krank. Oder gar „rechts“. Ich bin ein wenig verwundert, mit was für Begriffen hier hantiert wird. Nur kurz zu den zwei häufigsten Vorwürfen, nämlich Verharmlosung und Verschwörungstheorie: Verharmlosung ist das Gegenstück zur Panikmache. Eine Giftschlange streicheln ist nicht gut. Vor einer Fliege schreiend davonrennen auch nicht. Evolutionär ist letzteres aber erfolgreicher. Wer nur einmal eine reale Gefahr verharmloste, konnte schon gefressen werden. Wer hundertmal unnötig Panik machte, kam davon. Wir dürfen also vermuten, daß wir als Spezies eher zur unnötigen Panik tendieren, weil das in unseren Genen liegt. Wenn nun jeder Versuch einer sinnvollen Einordnung als „Verharmlosung“ beschimpft wird, dann könnte das genau an diesem evolutionären Panik-Bias liegen, und dann wäre es im Gegenzug durchaus berechtigt, dieses Verhalten wiederum als Panikmache anzuprangern, und dann sollte man sich vielleicht in der Mitte treffen. Was Verschwörungen anbetrifft, kann ich nur von mir selber reden – aber wenn ich hier eine Verschwörung dunkler Mächte vermuten würde, dann würde ich mir nicht einbilden, ich könnte was dagegen ausrichten. Nö, dann würde ich mich ins Zimmer setzen, eine Flasche Wein aufmachen und den Dingen ihren Lauf lassen. Netflix and chill. Da ich aber an Weltverschwörungen nicht glaube, wohl aber an Vernunft, Evidenz, Demokratie und Debatte, tue ich das nicht, sondern mache den Mund auf. Das bringt wahrscheinlich auch nichts, aber vielleicht ein bißchen was. Ich kenne übrigens viele andere, die das ähnlich sehen wie ich, aber ihren Mund nicht aufmachen. Die das Coronavirus keineswegs verharmlosen wollen, aber die Politik und die daran hängende öffentliche Meinung kritisch sehen. Da ist eine seltsame Dissonanz zwischen dem, was öffentlich verkündet wird, und dem, was die Leute privat denken. Auch so etwas passiert in Gesellschaften unter der Herrschaft einer Religion.

Also: Ich halte es für inhuman und verantwortungslos, bei einer grassierenden Krankheit nicht genau zu untersuchen, welche Bevölkerungsgruppe sie am meisten betrifft, und diese entsprechend zu schützen. Und zwar sollte man das unabhängig davon betrachten, was man mit dem Rest der Bevölkerung macht. Damals bei AIDS ist auch niemand auf die Idee zu kommen, der gesamten Menschheit den Geschlechtsverkehr zu verbieten, bis ein Impfstoff da ist. Der CSU-Politiker Peter Gauweiler wollte Schwule in Lager sperren, durchgesetzt hat sich zum Glück aber ein anderer Ansatz. Bei Corona sagt jede Statistik dasselbe: Alte, geschwächte Menschen sind einige hundert Mal so gefährdet wie junge, gesunde. Rund die Hälfte der Corona-Toten kommt aus Alten- und Pflegeheimen. Es ist skandalös, dass hier keine Vorsorge getroffen wurde, also Schnelltests, Einkaufszeiten, Masken, ÖPNV-Vermeidung. Der Tübinger OB Boris Palmer hat genau das umgesetzt, und die Erfolge können sich sehen lassen – ja, selbst wenn ihm dabei einige Fälle durch die Lappen gegangen sind oder im Landkreis die Zahlen anders sind als in der Stadt. Der Ansatz ist so einleuchtend, daß ich mich frage, warum man ihn überhaupt diskutieren muß. Es erscheint mir unverzeihlich, den Leuten, die wirklich gefährdet sind, diese Maßnahmen vorzuenthalten. Warum bitteschön muß meine Mutter (78 und topfit) sich jedesmal zwischen hustende und niesende Menschen in den Bus zwängen, wenn sie irgendwo hinwill? Welcher Lockdown-Hardliner kann mir das schlüssig erklären? Aber nein, man wird regelmäßig angeblafft: Du kannst die Alten nicht wegsperren! Dabei redet kein vernünftiger Mensch von „Wegsperren“. Fokussierter Schutz wäre dagegen ein Gebot der Vernunft und der Humanität, und das kann man unabhängig diskutieren von der Frage, ob man alle anderen auch in Lockdowns schickt oder nicht.

Ich fürchte aber, die bittere Wahrheit ist: Man hat diese „focused protection“ bisher nicht umgesetzt (ganz allmählich gibt es zaghafte Ansätze), ja noch nicht mal ernsthaft diskutiert, weil die damit verbundene Aussage eine Kehrseite gehabt hätte. Und die hätte gelautet:
Für die Jüngeren ist es nicht ganz so gefährlich wie für die Alten.
Was ja zweifellos stimmt. Aber das auszusprechen ist undenkbar. Panik kennt keine Schattierungen, Panik kennt nur den einseitigen Komparativ: Für die Alten ist es gefährlicher als für die Jungen, aber für die Jungen nicht weniger gefährlich als für die Alten. Das ist zwar logisch nicht ganz sauber, aber so ist die Struktur des panischen Denkens. Auch vorsichtige Entwarnungen sind nicht möglich. Gute Nachrichten können nicht überbracht werden. Stattdessen überzog man die gesamte Bevölkerung mit einem monatelangen Daueralarm, der zwangsläufig zur Abstumpfung führen mußte, weil die Leute den permanenten Maßnahmen-Sound mit ihrer eigenen Lebensrealität nicht mehr zur Deckung bringen konnten. Die sah nämlich anders aus, da war das Kind zum dritten Mal in Quarantäne und drehte durch, Freunde und Bekannte waren positiv getestet und hatten einen Schnupfen und vielleicht Fieber. Gleichzeitig verlangten Politik und Medien in gebieterischem Tonfall einen weitgehenden Verzicht auf menschliche Grundbedürfnisse wie Nähe und Kontakt, und zwar auf unbestimmte Zeit. Das ist, sorry, hoffnungslos weltfremd. Genauso weltfremd wie Christian Drostens „pandemischer Imperativ“, nach dem ich stets so handeln soll, als wäre ich infektiös und mein Mitmensch auch. Ich sage noch nicht mal: Falsch. Ich sage nur: Weltfremd. Kein Mensch kann das konsequent monatelang durchziehen. Jeder lässt irgendwann nach Feierabend fünfe gerade sein. Sogar in unseren gebildeten Grünenwählerkreisen. Erst recht in der breiten Masse.

Bei einem HFF-Dreh vor vielen Jahren fand ich mal eine alte Postkarte aus DDR-Zeiten, auf der stand: „Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind. Andere gibt’s nicht.“ Angeblich stammt der Satz von Konrad Adenauer, aber es steckt trotzdem zweierlei Weisheit über die DDR darin: Erstens gab es für den DDR-Bürger ja wirklich noch weniger andere Menschen als für den Bewohner eines westlichen Landes, der irgendwohin reisen konnte, wo es vielleicht doch andere Menschen gab. Und zweitens beschreibt es ziemlich genau das Problem des realen Sozialismus: Man will den neuen Menschen erschaffen, und daran scheitert man dann am Ende. Die Leute sind nämlich immer irgendwie gleich. Sie haben keinen Bock mehr, sie wollen sich besaufen und dabei Westfernsehen gucken.

In meinem Umfeld beschweren sich zur Zeit viele Leute in anklagendem bis herablassenden Tonfall über andere. Man schimpft über „Verharmloser“, Querdenker oder was auch immer, die zu wenig Disziplin hatten und denen wir das Schlamassel jetzt angeblich zu verdanken haben. (Bei der Betrachtung anderer Länder ist das merkwürdigerweise nicht so – niemand wirft den Schweden vor, sie hätten zuwenig Disziplin gehabt, nein, da ist die Politik schuld.) Dieses Mit-dem-Finger-auf-andere-Zeigen erscheint mir, na ja, reichlich doof. Das ist Populismus, gewürzt mit einem Schuß Arroganz, und ich finde es erschreckend, daß meine eigene Schicht und Generation in solche Reflexe verfällt. Aber vor allem ist es inhaltlich verfehlt. Man kann die Leute nicht einfach so ändern. Sehr viele Menschen in unserem angeblich so reichen Land hatten schon vor der Pandemie nicht viel zu lachen. Die kamen im Alltag irgendwie gerade so klar – finanziell, logistisch, psychisch. Andere haben schlicht und einfach keinen Bock, keinen Nerv, keine Ahnung. Das ist schlimm, da können wir uns moralisch echauffieren, aber was bringt uns das? Außer, daß wir uns besser als die fühlen?

Eine kluge Politik, die ihr Ziel erreichen will, muß die Menschen so nehmen, wie sie sind, denn andere gibt es nicht. Wenn die Corona-Maßnahmen nicht funktionieren und die Intensivstationen voll sind, dann sind da nicht irgendwelche Corona-Verharmloser dran schuld, sondern die Politik, die von einem falschen Menschenbild ausgegangen ist. Anstatt hämisch aufzutrumpfen, weil der „schwedische Sonderweg“ angeblich gescheitert ist, könnten wir genausogut sagen: Der deutsche Weg ist gescheitert. Die Politik ist daran gescheitert, eine Strategie auszuarbeiten, bei der die Risikogruppen, allen voran Senioren- und Pflegeheime, ausreichend geschützt werden, und die von einer breiten Bevölkerungsmehrheit über viele Monate getragen werden kann. Stattdessen haben wir jetzt volle Intensivstationen und Lockdown. Die Politik ist übrigens auch an der naheliegenden Aufgabe gescheitert, die Folgekosten und Schäden dieser Lockdowns seriös zu evaluieren. Zumindest ist mir nichts derartiges bekannt. Und sie ist auch an der sehr einfachen Aufgabe gescheitert, die von Epidemiologen in Interviews immer als zentral wichtig bezeichnet wird: Herausfinden, wie weit die Krankheit sich überhaupt schon in der Bevölkerung verbreitet hat. Wie groß also die Dunkelziffer ist. Schon im Frühjahr wurden derartige Studien angekündigt, seitdem habe ich nichts mehr davon gehört. Dafür haben wir eine App, die schlecht funktioniert, und Appelle, die folgenlos bleiben, weil Appelle sowieso immer folgenlos bleiben. Und zahlreiche Anekdoten von Leuten, die schon im vergangenen Winter Geschmacks- und Geruchsverlust und unklare Lungenentzündungen hatten, und am Ende das Gefühl, daß Corona schon viel weiter verbreitet ist als gedacht.

Die Gesellschaft selber ist auch gescheitert, aber nicht bei der Pandemiebekämpfung, sondern an der Aufgabe, ebendiese Aufgabe zivilisiert und ohne Panik anzugehen. Stattdessen: Moralisches Posing auf Social Media, Ausgrenzungs- und Abwertungsreflexe und eine aufgeheizte Medienberichterstattung, die sich auf eine Linie festlegt und jede abweichende Aussage durch „Faktenchecks“ wegbügeln will, welche oft keiner näheren Betrachtung standhalten. Mir wurde das klar, als schon im März auf Radio Eins ein Interview mit der Virologin Karin Moelling erschien, die sachlich abwägend zum Thema sprach. Kurz danach sah die Redaktion sich bemüßigt, auf der Website einen Disclaimer darunterzusetzen: Das ist nur eine Einzelmeinung, wir wollen auf keinen Fall verharmlosen. Holla, dachte ich da, das kann ja heiter werden, wenn Sachthemen jetzt so moralisch aufgeladen werden. Zumal der Modus „das hier ist die Wahrheit und alles andere ist Fake News“ ja schon vorher derselbe gewesen war, nur um 180 Grad gedreht. Bis Anfang März herrschte in den Medien allgemeine Einigkeit, man müsse sich keine Sorgen über das Virus machen, wohl aber über Fake News und rechte Verschwörungstheorien. Hier ein Beispiel und hier noch eins. Wenn ich Leute sehe, die in diesem demagogischen Tonfall vor laufender Kamera andere runtermachen, kriege ich sehr ungute Gefühle, und zwar unabhängig davon, in welche Richtung es geht. In der internationalen Wissenschaft wird zu Corona eine durchaus erhitzte Debatte geführt, da kann jeder sich unschwer auf Twitter von überzeugen, aber sie findet in den hiesigen Medien so gut wie gar nicht statt. Einzig ein Hendrik Streeck wird zur tragischen Figur und muß sich Haßattacken gefallen lassen wie zum Beispiel den Hashtag „Sterben mit Streeck“ und Hinweise darauf, daß sein Großvater in Auschwitz die Hände im Spiel hatte. Diesen Tonfall kennen wir schon von der RIP-JK-Rowling-Meute. Was da auf Twitter vor unseren Augen passiert, ist die Wiederkehr des Lynchmobs. Ich bin entsetzt über diese Entwicklung, aber man konnte sie kommen sehen.

Fazit: Ich halte Corona ganz und gar nicht für harmlos. Daß es gefährlich ist, kann ja jeder sehen. Es ist für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe sogar so gefährlich, daß man dieser Gruppe zwingend besonderen Schutz anbieten muß, und wenn man den versäumt, dann kriegt man volle Krankenhäuser. Ich finde aber die scheinbare Rationalität, aus der heraus man nach immer mehr Lockdowns ruft, ebenso gefährlich. Jeder gedankliche Schritt mag für sich folgerichtig sein, aber das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, und am Ende entsteht aus lauter Einzelschritten ein monströses Ganzes. Ich finde den Tunnelblick höchst problematisch, mit dem die gigantischen Schäden von Lockdowns ausgeblendet werden. Durch die unguten Strukturen des Diskurses spalten wir unsere Gesellschaft auf Jahre hinaus. Und wie gefährlich das Virus nun genau ist, dazu kann eigentlich niemand etwas seriöses sagen, solange wir nicht wissen, wie verbreitet es eigentlich schon ist, wo also die Dunkelziffer liegt. Bei bisher 1,5 Millionen bestätigten Infektionen liegt durchaus im Bereich des Möglichen, daß 15 Millionen Deutsche es schon hatten. Es wäre interessant, die herauszufinden, aber das könnte am Ende auf „Verharmlosung“ hinauslaufen und wird daher unterlassen. Diese Kausalität ist nur eine Vermutung meinerseits. Es wird unterlassen, Grund unklar, soviel kann man sagen.

Und vor allem: Die unausgesprochene Maxime, die hinter allen Maßnahmen steht, lautet „das Virus muß weg“. Es darf nicht existieren. Fakt ist aber: Es ist schon überall. Wir kriegen es nicht mehr weg. Unser Werkzeug paßt also nicht zum Problem. Wir hauen mit dem Hammer auf eine Schraube, anstatt den Hammer wegzulegen und einen Schraubenzieher zu holen. Aus langjähriger Fahrrad- und Autoschrauberei ahne ich: Das könnte schiefgehen.

An Corona sind bisher hierzulande 2772 Menschen unter 69 Jahren gestorben. Nehmen wir mal an, die sind alle wirklich an diesem Virus gestorben und hatten nicht außerdem noch Krebs im Endstadium. Das statistische Risiko für gesunde Menschen bis 69, an Corona zu sterben, wäre dann im Bereich eines Autounfalls (wir haben jedes Jahr ca. 3000 Verkehrstote). Das ist nicht nichts. Unfälle sind grauenhaft. Dreitausend Verkehrstote würden uns sehr unangenehm auffallen, wenn wir vorher null gehabt hätten. Diese dreitausend sind außerdem nur die Spitze eines Eisbergs von Schwerverletzten, deren Leben nie wieder so sein wird wie zuvor. Wir haben uns daran gewöhnt. Wir haben es in unser psychisches Immunsystem integriert. Ob das gut oder schlecht ist, mögen andere entscheiden, aber bei Corona wird es ähnlich laufen. Die Menschen schultern das Risiko und leben ihr Leben weiter. So sind sie, die Menschen. Andere gibt’s nicht.

Weil wir es mit religiösen Strukturen zu tun haben, klaffen Reden und Handeln erstmal auseinander. Man bekennt sich zum einen und tut das andere. Aber irgendwann erodiert die Religion, und dann kommt beides wieder zueinander, allmählich oder mit einem Knall.

Das wären sie so ungefähr, meine Standpunkte. Wer mich jetzt als „Aluhut“ bezeichnen will, möge das tun, dann werde ich mir im Gegenzug auch ein Schimpfwort ausdenken und dann können wir handgreiflich werden oder schweigend auseinandergehen. Mit Leuten, die andere beschimpfen und dabei gar nicht mehr merken, was für einen Ton sie am Leibe halten, ist kein Austausch möglich. Und die oft gehörte Behauptung, Kritik an der Corona-Politk sei „rechts“, ist so ungeheuer dämlich, daß ich mich weigere, dazu überhaupt irgendwas zu sagen. Ja, „dämlich“ ist auch ein Schimpfwort. Das habt ihr jetzt davon.

Seit ich denken kann, war um mich herum Krisengeschrei. Es gab Waldsterben und Atomtod und sauren Regen und Wirtschaftskrise und Rezession und sechs Millionen Arbeitslose und Agenda 2010 und Fukushima und BSE und Schweinegrippe und Vogelgrippe und Elefantengrippe. Es war immer fünf vor zwölf. Nichts davon ist wirklich bei mir angekommen. Zumindest brach die ganz schlimme Katastrophe, die immer vor der Tür stand und uns alle umbringen würde, dann doch nie so richtig herein. Das Leben ging immer weiter. Ich habe immer gesagt: Das wird nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Aber das ist diesmal anders. Ich fürchte, diesmal wird es mindestens so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

Das ist ein schönes Schlußwort. Belassen wir es dabei.

Liebe Grüße
Dietrich

P.S.
Wo bleibt das Positive? Hast du einen besseren Vorschlag? Nein, ich selber nicht, aber ich bin ja immer dafür, auf Fachleute zu hören. In den letzten Monaten wurde ich ein glühender Fan des Internisten Matthias Schrappe, der mit einer Gruppe von Fachleuten stoisch ein Thesenpapier nach dem anderen erarbeitet, das von der Politik dann ignoriert wird. Hier ein paar Ausschnitte aus einem Interview mit der WELT vom 18.11., also genau vor einem Monat. Alles, was er da vorhersagt, hat sich bewahrheitet. Das ganze Interview ist hier, leider hinter der Bezahlschranke, aber wer ein bißchen googelt, findet den Text auch in voller Länge. Ich hoffe, ich kriege für dieses lange Zitat jetzt keine Copyright-Ärger mit Springer, aber mir ist wirklich wichtig, daß sich das herumspricht.

WELT: Herr Schrappe, Sie haben mit acht Wissenschaftlern ein Papier über die Bundesregierung und ihre Corona-Politik verfasst. War das nötig?
Matthias Schrappe: Ja. Weil nichts zu erkennen ist, was nach einer brauchbaren Strategie aussieht. Das fängt bei den Corona-Tests an und endet sicher nicht bei dem, was die Regierung für angezeigt hält bei den Schutzkonzepten für Risikogruppen. Wir hatten schon im April klargemacht, dass es Infektionsherde in Krankenhäusern und Pflegeheimen geben würde. Es hätte umgehend spezifischer Maßnahmen bedurft. Das gilt immer noch, weil fast die Hälfte der Todesfälle auf diese Institutionen zurückgeht. Aber die Bundesregierung ist beratungsresistent. Am Sonntag veröffentlichen wir dennoch ein Thesenpapier, wie man Pflegeheime und Krankenhäuser wirkungsvoll schützen kann. Wir machen das zum sechsten Mal, und beim Formulieren ist es uns schwergefallen, nicht immer das Gleiche zu wiederholen. Notwendig war es trotzdem, weil die Deutschen jetzt den harten Weg antreten müssen. Dabei werden besonders gefährdete Menschen auf der Strecke bleiben. Es gibt keine geeigneten Schutzkonzepte für sie.

WELT: Kein Schutz für ältere Menschen? Nennen Sie mir das Pflegeheim, das jetzt noch unbegrenzt Besucher empfängt.
Schrappe: Wenn in Deutschland von Schutz die Rede ist, dann kann man sich darauf verlassen, dass damit wegsperren gemeint ist. Ich habe meine klinische Karriere in den Anfängen der Aids-Jahre gemacht und zur HIV-Infektion habilitiert. Damals ist man auf die homosexuellen Männer zugegangen, hat sie angesprochen als Risikogruppe, sie beraten. So kam es zur Safer-Sex-Kampagne, die äußerst erfolgreich war. Niemand wäre auf die Idee gekommen, Kontakte zu verbieten oder Sex. Wir haben gegen alle Widerstände in winzigen Schritten durchgesetzt, dass Drogensüchtige Polamidon bekamen. So hieß das damalige Methadon, das heute Standard ist. Wir bekamen empörte, wüste Drohungen. Unter anderem lehnten Psychiater das Verfahren grundsätzlich ab. Ich erzähle das, um für das zu werben, was man seit damals unter zielgruppenspezifischen Präventionsanstrengungen versteht. Wegschließen gehört sicher nicht dazu.

WELT: Was stattdessen?
Schrappe: Menschlichkeit und ein wohlwollender Schutz, der von der Persönlichkeit und der Würde der Betroffenen ausgeht. Das kann man sich offenbar nur schwer vorstellen. Warum gibt es in Corona-Zeiten für ältere Menschen kein Taxi zum Preis eines ÖPNV-Tickets? Wo sind die Hilfsprogramme für ambulant zu pflegende Personen? Warum können denn Studenten, deren Kellnerjob weggebrochen ist, nicht für das gleiche Geld vor den Seniorenheimen stehen und Abstriche machen? Oder Einkaufsdienste für Senioren? Oder die ambulante Pflege entlasten? Man muss in dieser Zeit doch den Zusammenhalt wecken, die Fantasie anregen, wie man sich und die Mitmenschen schützt. Aber das ist eine Führungsaufgabe, dazu müsste die Bundesregierung bereit sein, mit Präventionsideen zu experimentieren, sie müsste es ausprobieren, und sie sollte vor allem auf diese permanenten Lockdown-Drohungen verzichten.

NOCH EIN NACHTRAG: Kommentare funktionieren aus irgendeinem Grund derzeit nicht. Ich kann sie freischalten, aber sie werden nicht angezeigt. Wir arbeiten dran.

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