Es ist nicht kompliziert





Es ist ganz einfach: Der Staat darf nicht eine Gruppe von Bürgern aktiv schädigen, um eine andere zu schützen. Er darf nicht sagen: Ich breche dir das Bein, damit dein Mitmensch sich nicht den Arm bricht. Er darf auch nicht dem einen das Bein brechen, weil der andere sonst eine Krankheit kriegen und eventuell sterben könnte. Wenn der Staat das tut, dann ist die Linie zur Willkür überschritten. 
Es ist also eigentlich ganz einfach.



Die Debatte sieht aber trotzdem kompliziert aus. Und zwar meistens ungefähr so:



Ich sehe das ja irgendwie ähnlich, es geht mir stellenweise auch zu weit, ach herrje, seufz, schwierig, man hätte mit den Schulen, Impfungen, Kleingewerbetreibenden, und das mit der ganzen Kulturbranche ist ja auch kompliziert und ich möchte nicht in der Haut unserer Poltiker stecken, aber andererseits sind die Zahlen ja schon wieder langsamer gesunken und die Leute sind alle so unvernünftig und ohne die ganzen Leugner hätten wir das Problem gar nicht und ich finde es ja auch doof daß die Restaurantbetreiber jetzt pleite gehen und jetzt scheint die Sonne und alle gehen raus und stecken sich an und in zehn Tagen kriegen wir bestimmt die Quittung und man kann es doch nicht einfach so laufen lassen und ich selber fühle mich eigentlich kaum eingeschränkt so weiter und so weiter.



Ich mag das Wort „schwurbeln“ nicht, aber auf diese Art der Wortmeldung paßt es ganz gut.



Der Sound erinnert an Debatten, wie sie vor einigen Jahrzehnten in West- und auch Ostdeutschland über die DDR geführt wurden. Darf ein Staat eine Mauer bauen und Leute erschießen, die rauswollen? Nö. Darf er nicht. Sehr einfache Sache. Viele Intellektuelle sahen sich aber nicht in der Lage, diesen simplen Sachverhalt beim Namen zu nennen. Man hatte große Angst, sonst als „rechts“ zu gelten. Beifall von der falschen Seite, Springer-Presse, Franz Josef Strauß. Man war da in der eigenen SPD-wählenden Toskana-Soziologen-Bubble schnell untendurch. Also eigentlich war die DDR ja im Grunde, also im Prinzip, also von der Idee her, schon eine gute Idee. Nur das mit der Mauer, hmja, und der Schießbefehl, klar ist das kompliziert. Man wand sich in tausend Argumentationsschleifen und führte einen hochkomplizierten Eiertanz auf. 



Es gibt heute ein anderes Thema, bei dem wir ein intaktes Tabu haben: Die Todesstrafe. Da sagen wir ganz klar: Geht nicht. Machen wir nicht. Gibt es nicht. Man könnte sich aber durchaus eine Gesellschaft vorstellen, in der dieses Tabu kippt. In der es also doch die Todesstrafe gibt – für Kinderschänder (wird ja von rechts öfter mal verlangt) oder für rechte Gewalttäter oder was auch immer ein möglicher Zeitgeist an Opfern fordert. In dieser hypothetischen Gesellschaft wäre dann auch mal ein Unschuldiger unter den Hingerichteten, und die Debatten wären vermutlich genauso:

Nun ja, ich sehe ja durchaus, daß es kompliziert ist, man muß da abwägen, es gilt halt einerseits das Recht auf Leben und Unversehrtheit und der Abschreckungseffekt und das Risiko eines Justizirrtums ist eigentlich minimal, aber man kann das so oder so gewichten, es ist schrecklich komplex und so weiter und so fort.



Ich behaupte: Es ist in allen drei Fällen derselbe Eiertanz. Man eiert herum, weil man aus irgendeinem Grund nicht in der Lage ist, das Offensichtliche beim Namen zu nennen.



Da solche Krisen immer die Stunde der Demagogen sind, sehe ich die Kommentare schon vor mir: Jetzt ist er endgültig abgedriftet, jetzt vergleicht er die Corona-Maßnahmen mit Schießbefehl und Todesstrafe. Nein, liebe Freunde, das tue ich nicht, und wer mir das vorwirft, ist entweder böswillig oder ein bisserl deppert oder selber abgedriftet. Ich vergleiche nur die Debatten. DDR-Unrecht ist etwas anderes als hypothetische Todesstrafe für irgendwen, und das ist wieder was anderes als Corona-Maßnahmen. Es gibt jedoch ein verbindendes Element in allen drei Beispielen: Der Staat nimmt sich etwas heraus, das er nicht darf, und viele Leute schaffen es nicht, das beim Namen zu nennen.



Es sind jeweils zivilisatorische Errungenschaften. Man sperrt seine Bürger nicht ein, man erschießt sie nicht an der Grenze, man richtet Verbrecher nicht hin, und man verbietet nicht weite Teile des öffentlichen und kulturellen Lebens, woraufhin Menschen ihre Existenz verlieren, in Armut und Depression abstürzen, und Kinder und Jugendliche ein Jahr oder mehr ihrer Entwicklung versäumen (nicht weil Schule ausfällt, sondern weil ALLES ausfällt).

Lockdown, Todesstrafe und Mauerbau haben außerdem noch eine andere Gemeinsamkeit: Jeder Tabubruch ist ein Dammbruch. Wenn man mal Todesstrafe hat, kann man sie auch für immer kleinere Vergehen verhängen. Wenn die Mauer steht, ist der Schießbefehl nicht mehr weit weg. Wenn der erste Lockdown glatt durchgegangen ist und die Zahlen dann (trotz oder wegen oder mit oder an) Lockdown irgendwann gesunken sind und dann wieder hochgehen, dann dauert der zweite Lockdown doppelt so lang und bei der nächsten Grippewelle machen wir sicherheitshaber gleich wieder einen und vielleicht in Zukunft einfach jeden Winter. Und nach so einem Tabubruch, wenn die Maßstäbe dann mal verschoben sind, findet man sich typischerweise in völlig monströsen Diskussionen wieder. Man redet ganz ungerührt über Hinrichtungsmethoden respektive darüber, bei welchem „Inzidenzwert“ man vielleicht eines Tages den Leuten wieder erlauben sollte, ihren gottverdammten Beruf auszuüben und sich mit mehr als einer Person zu treffen.

An dieser Stelle wäre dann wohl mal wieder Zeit für das dööfste (ja, mit Doppel-ö) aller Argumente, man kann die Uhr danach stellen, es kommt immer, und es lautet: Du willst also, daß viele Leute sterben und die Gesundheitssysteme überlastet sind?


Klar. Jeder, der Lockdowns kritisiert, will das. Allesamt egoistische Unmenschen. 
Hier die wesentlichen Fakten. Keine Sorge, es ist ein Twitter-Thread, der liest sich schnell durch.

Wir fassen zusammen: Es sehr einfach. 
Der Staat darf das nicht. 
Punkt.

 Dieser Standpunkt war bis vor einem Jahr so selbstverständlich, daß er als Standpunkt kaum wahrnehmbar war. Ich habe ihn einfach nie verlassen. Viele andere schon. Und denen kann man jetzt zuschauen, wie sie den großen Einerseits-Andererseits-Eiertanz aufführen, gerade wo das Ganze so richtig mit Getöse an die Wand fährt und Schweden auf einmal doch besser dasteht als wir und Florida seit Ende September offen ist und die vorhergesagte Katastrophe ausblieb so weiter.



Daß es zum Risiko geworden ist, diese Selbstverständlichkeit zu sagen, gibt mir zu denken. Es ist aber auch ein Grund, es zu tun. Wozu bin ich denn überhaupt auf der Welt, wenn nicht dazu, in so einem Moment den Mund aufzumachen? 


Na gut, vielleicht dazu, meinen eigenen Allerwertesten zu retten und mir im Rahmen der Gegebenheiten ein schönes Leben zu machen? Okay. Vielleicht sollte ich allmählich dazu übergehen. Und dann werde ich eines Tages auch so Sachen sagen wie: Die Corona-Maßnahmen damals, hmja, kompliziert, mir tat das natürlich auch weh, daß so viele Leute dran glauben mußten, aber Güterabwägung, ach herrje, es ist schwierig, jedoch mein Aktiendepot hat sich bestens entwickelt, hallo Ludmilla, Sie können jetzt im Salon staubsaugen, und sagen Sie dem Gärtner, daß er einen neuen Strauß Rosen in die Eingangshalle stellen soll.



Klingt  auch gar nicht verkehrt, dieses Szenario.

4 Responses to Es ist nicht kompliziert

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.