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Berlinale, Nachtrag – Das Publikum ist ein aufgesperrtes Riesenmaul

Schon wieder acht Tage vergangen seit der vergangenen Berlinale. Alles vergeht. Was bleibt? Welche Filme haben nach acht Tagen noch Bestand? Oder nach acht Jahren? Was lief auf der Berlinale 2008? Kann sich noch jemand erinnern? Ich für meinen Teil erinnere mich ja beispielsweise gern an die Urania. Als Kino eigentlich gar nicht besonders toll, aber trotzdem irgendwie gemütlich, und in diesen absurd langen Sitzreihen entstand immer so ein lustiges Festivalcampingplatzgefühl. Irgendwann wurde die Urania dann nicht mehr bespielt.
Schade.

Anstatt mit hier aber in Nostalgie zu wälzen, wollte ich eigentlich nur noch was zum Publikum sagen, weil der letzte Berlinaletag ja Publikumstag heißt. Als junger Mensch, vielleicht mit 19 oder 20, las ich Egon Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“, was ohnehin ein ganz großartiges Buch ist, und da fand ich eine Passage, die mich damals sehr beeindruckte und seither beeinflußt hat und das auch heute noch tut. Man kann diese Worte auch heute noch zitieren, also tue ich das jetzt. Alles wesentliche zum Publikum sei damit gesagt.

„Durch die Jahrhunderte klingt die Klage der Verleger, Zeitungsherausgeber, Konzertagenten, Bühnenleiter: man dürfe dem Publikum nun einmal nichts Neues, nichts Tiefes, nichts Ernstes vorsetzen, sein Geschmack sei immer nur auf platte Unterhaltung, auf Kitsch und Konvention gerichtet. Das ist aber ganz einfach eine Umkehrung des wahren Sachverhalts: die rückständigen, ordinären und oberflächlichen Elemente sind die Fachleute. Das Publikum ist nichts als ein aufgesperrtes Riesenmaul, das alles in sich hineinschlingt, was man ihm vorsetzt. Daß es aber lieber Gutes verschlingt als Schlechtes, steht außer allem Zweifel.

Das erweist sich sofort ganz unzweideutig, wenn man den Blick auf größere Zeiträume ausdehnt. Woher kommt es, daß von alle den Moderomanen und Theaterschlagern, die seinerzeit so gierig konsumiert wurden, heute nur noch ein paar Seminaristen etwas zu erzählen wissen? Warum leben die erfolgreichsten Gassenhauer und Schmachtfetzen zwar in aller Munde, aber immer nur eine Saison lang? Und umgekehrt: gibt es eine einzige Zelebrität, die mehr als hundert Jahre alt ist und nicht verdiente, eine Zelebrität zu sein? Sind Homer und Dante denn nicht wirklich die größten Epiker, Plato und Kant die größten Philosophen? Und wenn man eine Theaterstatistik der letzten hundert Jahre aufstellen würde, so würde sich als meistgespielter Dramatiker ganz bestimmt Shakespeare herausstellen.
Wer hat also diesen Männern den ihnen gebührenden Platz mit so untrüglich sicherem Urteil angewiesen? Etwa die Literaturprofessoren? Die nehmen ein Genie doch erst ernst, wenn es schon der letzte Postbeamte verdaut hat. Niemand anders als das Publikum trifft diese kunstsinnigen und verständnisvollen Entscheidungen; man muß ihm nur ein wenig Zeit lassen. Wird ihm von der niedrigen Gesinnung der sogenannten kompetenten Faktoren minderwertige Nahrung geboten, so akzeptiert es auch diese, aber nur weil es keine bessere bekommt; und früher oder später wird es von seinem Instinkt, trotz aller Hemmungen, die ihm die leitenden Kreise bereiten, doch an die richtige Quelle geführt werden.“

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Berlinale, Tag 11 – Ende, aus, weitermachen

Schon wieder eine Berlinale vorbei. Das alljährliche Geschimpfe und Gejammmer, es scheint mir nachgelassen zu haben. Gut so! Ist doch eine tolle Sache, die Berlinale. Man möge sich nur mal vorstellen, es gäbe sie nicht – wir schließen die Augen und stellen uns vor: ein Leben ohne Berlinale – – – na, was sehen wir? Winter, Nieselregen und Traurigkeit! Das Berlinale-Genörgel vieler Kritiker scheint mir ähnlich beschaffen zu sein wie das Genörgel, das man oft in sogenannten Liebesbeziehungen findet. Ständig hat man was am Partner auszusetzen, eigentlich nervt er die ganze Zeit, aber warum trennt man sich dann nicht einfach? Nein, das wäre wirklich schrecklich.

Ist aber eh nur ein Kritikerproblem. Das Publikum findet die Berlinale einfach nur super. Heute ist Publikumstag. Der Publikumstag, könnte man denken, ist der einzige Tag, an dem Publikum reingelassen wird. Cannes könnte so einen Tag mal brauchen. In Berlin ist es aber einfach ein Extra-Tag für noch mehr Publikum, nachdem zehn Tage lang schon sehr viel Publikum da war. Man ist alle Jahre wieder geplättet angesichts der Menschenmassen, die sich in sperrigstes Kunstkino wälzen. Wurde schon viel drüber räsoniert. Habe nichts neues beizutragen. Ich will auch heute gar nichts neues gucken, sondern nur altes.

Und zwar als erstes: Es, Ulrich Schamoni, 1966, nach einer Vorlage von Stephen King. Meines Wissens der einzige Fall, in dem ein Roman 20 Jahre vor seinem Erscheinen verfilmt wurde. Entschuldigung, dieser Witz mußte endlich mal gemacht werden, der spukt seit auch mindestens 20 Jahren irgendwo herum. Witz beiseite, toller Film. Wirklich! Welch jugendliche Freiheit! Welch spielerische Verspieltheit! Was für ein eleganter Humor! Und trotzdem ganz nüchterner Ernst im Umgang mit dem Thema! Wieso hat das deutsche Kino nicht in diesem Stil weitergemacht? Übrigens auch ein merkwürdig schizophrener Film. Mann und Frau teilen Wohnung und Bett, ihr ganzes Leben, doch als sie schwanger ist, erzählt sie ihm nichts davon, den ganzen Film hindurch. Sie rennt von Arzt zu Arzt auf der Suche nach Abtreibungsgelegenheit. Er theoretisiert zum selben Thema, redet über Kinder und mutmaßt, wie es wäre, wenn. Das ganze vielleicht ein Symptom für die Beschaffenheit einer ganzen Generation: Theorie und Praxis schlafen in einem Bett, aber wenn es um die Wurst geht, haben sie sich nichts zu sagen. Das gemeinsam gezeugte Kind erblickt noch nicht mal das Licht der Welt, weil die Praxis es nicht haben will. So war das bei euch, ihr 68er.

Danach: Spur der Steine, Frank Beyer, DDR 1966. Den habe ich erstmals im Sommer 2000 gesehen, vorbereitenderweise für die Aufnahmeprüfung an der Babelsberger Filmhochschule. In der Münchner Stadtbibliothek gab es ganze vier Defa-Spielfilme auf VHS. Ich wollte ja mal wissen, wohin ich mich da begebe, also lieh ich sie aus und sah sie mir an. An Ort und Stelle, also in Babelsberg, war man dann einigermaßen beeindruckt. Ein junger Wessi, der in der Aufnahmeprüfung sagt: Ich hab mal einen Blick in eure Tradition geworfen, weil‘s mich interessiert hat. Und dann sagt er noch: Spur der Steine fand ich fantastisch. Vermutlich hat das den Ausschlag gegeben, den jungen Wessi zum Studium zuzulassen. So gesehen hätte ich meine gesamte Laufbahn diesem Film zu verdanken. Und es ist ein toller Film. Was für große, sehnsuchtsvolle Western-Cinemascope-Bilder, was für Schauspieler, was für Texte. Manfred Krug läßt so ungeniert die Sau raus, daß man ihn gleich heiraten will. Und überhaupt, ich will sofort mit diesen Männern und Frauen auf diese dreckige Baustelle in Sachsen und da den Sozialismus aufbauen und mein Feierabendbier trinken und morgens wieder anpacken. Aber am Ende verheddert er sich in Diskussionen und Debatten und auslaufenden Plot-Verästelungen, da geht die Energie ziemlich in den Keller, wenn nicht gerade der große Manfred Krug sie wieder hochzieht. Vielleicht auch dieser Film ein Symptom seiner Zeit und seines Landes: Gestartet mit den besten Absichten und großer Energie (und stalinistischer Leutevernichtung, okay), aber am Ende ist so die Luft raus, da wird nur noch ein Brief verlesen, in dem die weibliche Hauptfigur ungefähr sagt: Äh, Leute, ich mach woanders weiter.

Und dann noch: Berlin um die Ecke, Gerhard Klein, 1965. Inhaltlich dasselbe in grün: Konflikte am industriellen Arbeitsplatz. Überhaupt war die ganze DDR ein einziger Arbeitsplatz. Christian Petzold kann hochspannende Interviews geben. Ich könnte mich tagelang nur mit Christian-Petzold-Interviews beschäftigen und wäre ein glücklicher Leser. Gern würde ich jetzt eines verlinken, aber finde es nicht mehr, in dem er darauf hinweist, daß im DDR-Fernsehen, wenn man Volkes Stimme hören wollte, die Menschen typischerweise am Arbeitsplatz befragt wurden, in der BRD dagegen die Passanten in den Fußgängerzonen. Die DDR war von der Arbeit her gedacht, die BRD vom Konsum. Leider fällt mir der Konsum dieses Films aber deutlich schwerer als bei den vorigen beiden. Große Momente hat er, zwingend ist er nicht. Zu viel Defa-Holzschnitzarbeit für meinen Geschmack. Ist aber nur mein Geschmack. Aber dann immer diese Männer, die Frauen obsessiv hinterherlaufen! Männer, hört auf damit! Es bringt nix! Sei wie ein Hubschrauberpilot: Erkenne, wo du landen kannst. Und wo du nicht landen kannst, da versuche nicht zu landen, sonst wird es allenfalls eine Bruchlandung.

Wir werden in dieser Vorführung Zeuge, wie sich ein faszinierender Kreis schließt bzw. nicht schließt. Vor uns sitzt nämlich ein Mensch, der mit Nachnamen tatsächlich Defa heißt, also genauso wie das DDR-Filmstudio, der aber kein Wort vom Film versteht. Es handelt sich nämlich um den amerikanischen Filmemacher Dustin Defa. Der wollte sich mal einen Defa-Film angucken. Aber da der Film keine Untertitel hat, kann Defa mit dem Defa-Film beim besten Willen nix anfangen.

Und das ist jetzt ein Sinnbild genau wofür?
Verehrte Leser, ich sag‘s mit Brecht: Vorhang zu, Fragen offen.
Oder, wie die Sesamstraße es formulierte: Denkt euch selber mal was aus. Zum Beispiel das große, besinnliche Schlußwort, das ich jetzt hier nicht halte.

Weil heute Publikumstag ist, zum Schluß noch ein bedenkenswertes Zitat übers Publikum – ach nee, das gibt‘s morgen. Ich bin ja jetzt als Klatschkolumnistin so eine Art Social-Media-Schlampe geworden, da muß man seine Goodies häppchenweise unter die Crowd bringen, um die Follower bei der Stange zu halten, und nicht alles auf einmal rausballern (also anders als Hans Balla, der Brigadeführer aus Spur der Steine).

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Berlinale, Tag 10 – Jetzt wird wieder in den Bücherstand gerutscht

Heute hier, morgen dort. Gestern lang, heute kurz. Gestern Jugendstil, heute Telegrammstil. Also: Preisverleihung. Roter Teppich. Bin kein Freund dieses Rituals. So wie Tschechien und die Slovakei sich irgendwann getrennt haben, sollte man auch mal die Filmfestivalwelt aufspalten in Filmfestivals und Roter-Teppich-Festivals. Bei den einen werden nur Filme gezeigt, bei den anderen gehen nur Leute über rote Teppiche. Vor lauter Dämlichfinden macht man (=ich) dann immer irgendwelchen Quatsch. Den sieht man hinterher wiederum auf Fotos und denkt: Oh Gott! Resultat: Teufelskreis. Sehe zum Glück fast nie welche von den tausend Fotos, die da entstehen. Können meinetwegen alle gelöscht werden. Bärenverleihung dieses Jahr auch im zackigen Eiltempo. Engelke moderiert in tadelloser Haltung, soweit in diesem Kleid erkennbar. Preisverteilung wirkt OK (sofern Filme selbst gesehen). Großer Jurypreis für „Tod in Sarajevo“, der nie ganz das Kataloghafte vieler festivalorientierter Balkanfilme abstreifen kann? Na gut, meinetwegen. Hauptpreisträger wie erwartet. Wird direkt danach gezeigt. Bin beeindruckt.

Hinterher: Herumstehen im Foyer. Ins Gespräch mit einem Uraltfreund mischt sich ein bizarrer Fremder. Redet fortwährend Blödsinn und sagt Sachen wie „ja toll, daß man sich hier einfach so gegenseitig kennenlernt“. Läßt sich ums Verrecken nicht abschütteln. Wir gehen rauchen, er kommt mit. Wir gehen wieder rein, er kommt mit. Renne nach 25min davon, weil ich Freundin versprochen habe, sie vorm Kino abzuholen. Dort: Warten. Ist nämlich ein Forumsfilm. Im Forum wird nach dem Film geredet. Lang und extensiv. „Intensiv“ hieße vertiefend, „extensiv“ heißt verlängernd. Filmgespräche sind fast immer extensiv. Allein die Fragen dauern schon irre lang. Und dann erst die Antworten. Dann Schlußwort, alle stehen auf, Moderator ruft: Stop! Do I see one more question? Ja, jemand hatte noch die Hand gehoben und fängt mit seiner Frage vorsichtshalber erstmal bei Adam und Eva an. Also alle erstmal wieder hinsetzen. Sowas passiert vermutlich gerade im Saal. Ich sitze ja draußen auf der Treppe und warte. Dämmere langsam weg. Der Berlinale-Bücherstand, der hier war, ist auch weggedämmert. Schon seit Jahren frage ich mich, was diese Rutsch-Röhre im Cinemaxx eigentlich zu bedeuten hat. So eine Art Notausgang für Filme, aus denen man besonders schnell fliehen will? Dann würde man bei der Landung aber den Bücherstand zum Einsturz bringen. Wäre schade.

Bin weggepennt. Filmgespräch scheint vorbei zu sein. Treppe weiterhin unbequem. Stehe auf. Bin um Jahre gealtert. Party? Was für ne Party? Irgendwer weiß irgendwas in Neukölln. Oder die Bärenfeier im Crackers. Crackers hieß früher mal Cookies. Davor vermutlich Bahlsens. Als nächstes heißt es dann Hustenbonbons. Es regnet. Zum Glück nur draußen. Nicht auszudenken, wenn es drinnen regnen würde. Auf Spiegel Online steht, der polnische Film, der fürs Drehbuch gewonnen hat, sei frauenfeindlich. Ich kenne den Regisseur. Das ist ein irrsinnig netter, freundlicher, schwuler – verdammt, darf ich jetzt hier schreiben, daß der schwul ist? Also, wenn jemand außerstande ist, einen frauenfeindlichen Film zu machen, dann der. Vielleicht wollte er nur was sehr dramatisches machen und irgendwer hat das dann in den falschen Hals gekriegt. Ach herrje, man kann so viel falsch machen und so wenig richtig, und dann wird man auch noch falsch verstanden.

Allerdings, andererseits: Wenn man was falsch macht und selbiges dann falsch verstanden wird – ist dann im Resultat alles wieder richtig?

Frage zu kompliziert. Zurück zum Telegrammstil.
Entscheidung: Keine Party.
Stattdessen: Pennen.

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Berlinale, Tag 9 – Ich bin ein Marsmensch, Madame

Vorneweg eine Warnung: Dieser Text ist lang, und die hammerwichtigen Polit-Themen kommen erst am Ende. Wenn Sie Mann, Frau oder Feminist sind, dann scrollen Sie am besten gleich runter ins letzte Drittel. Für alle anderen: Zur Sache.

Aufmerksame Leser werden sich fragen: Wo ist der achte Tag geblieben? Ja, liebe aufmerksame Leser, das weiß ich auch nicht. Er kam mir irgendwie abhanden. Vermutlich, weil ich schon seit 28 Stunden vor dieser Bar stehe und sich nichts bewegt. Vor mir steht eine Mauer aus Menschen. Alle kehren mir den Rücken zu. Hinter der Bar, da bewegt es sich, aber nur sehr langsam, da werden meterweise Gurken geschnitten und Limetten gevierteilt und Petersilie gehäckselt und ellenlage Cocktailkochrezepte abgearbeitet. Dauert jedesmal Stunden. Ich will doch nur ´ne Flasche Bier, so wie einst Gerhard Schröder. Das würde fünf Sekunden dauern. Aber die Menschenmauer vor mir besteht aus Liebhabern kompliziert zuzubereitender Cocktails. Unter den Luxusproblemen, von denen wir in Mitteleuropa ja zahlreiche haben, ist dies eins der brennendsten. Führt doch mal getrennte Theken ein für Freunde der Flasche und Liebhaber des Longdrinks. Ein Luxusproblem weniger, mehr Zeit für echte Probleme.

Überhaupt, was mache ich hier eigentlich? Man möchte sich geistvoll unterhalten, versteht aber sein eigenes Wort nicht, man kann sich nur geistlos anbrüllen. Die Musik nervt, es ist einer dieser DJs, die nicht ausschließlich entseelten Tanzfunktionsmüll spielen, sondern alle sechs oder sieben Stücke mal was beschwingt-einladendes daruntermischen, so daß man denkt: Hey, jetzt wird‘s besser. Wird es aber nicht. Ständige Enttäuschung frustriert mehr als ein zuverlässig andauerndes Qualitätstief. Alle, die ich treffe, sind gerade am Gehen oder gerade am Kommen oder oder gerade am Anstehen oder hauen mich, weil ich sie nicht erkenne, oder hauen mich, weil sie mich erkennen, oder hauen mich, weil ich was lustiges gesagt habe (darüber sollte man auch mal eine Kolumne schreiben: Frauen, die einen hauen, wenn man Witze macht, ja, es sind leider Frauen, zumindest mich hat noch nie ein Mann wegen eines Scherzes scherzhaft geschlagen, andererseits muß ich natürlich hinzusetzen, daß ganz bestimmt nur ein oder zwei Prozent aller Frauen so drauf sind, die allermeisten sind nett und zivilisiert). Die Hälfte der Leute raucht, die andere Hälfte läuft blau an und kriegt Asthmaanfälle. Schrecklich stinken werden sie alle, wenn sie nach Hause kommen, genau wie ich, dann werden sie ihre nach Aschenbecher duftenden Pullover über die Heizung legen, damit man selbige morgen nochmal anziehen kann, und werden sagen:
War wieder geil.

Ich habe diesen Ort freiwillig betreten und wußte ungefähr, was mich erwartet (auch wenn das mit den Gemüseschnipselwartezeiten an der Bar nicht absehbar war) – warum also tat ich es? Meine Theorie zum Attraktionswert von Partys ist, daß sie Bergtouren gleichen, die ihren emotionalen Wert auch erst in der Rückschau erhalten, im zufriedenen Blick auf gemeisterte Strapazen. Wenn man stundenlang durch Forststraßen bergauf latscht und dann durch Latschenkiefern und dann über Felsen und noch mehr Felsen und noch mehr Felsen, dann denkt man sich, und zwar stundenlang: Ich Vollidiot, wie konnte ich nur? Wenn man dann mit weichen Knien bei sinkender Sonne tausend Höhenmeter absteigt und vor lauter Überanstrengung nur noch hysterisch kichern kann, denkt man ähnliches. Aber am Abend, da sitzt man dann mit einem Bier in der Hand vor irgendeiner Hütte, blickt mit angenehm leerem Kopf auf leuchtende Gipfel und denkt das, was die Partybesucher am nächsten Morgen auch denken: Mann, was waren wir durch den Wind/im Eimer/besoffen, und hey, was haben wir mit nacktem Hintern getanzt/Gipfel gestürmt/uns auf der Herrentoilette die Kante gegeben/den Vorstoß in spirituelle Dimensionen gewagt. Letzteres geht in beiden Fällen, also auf Partys und Bergtouren. Es gibt ja Leute, die behaupten, in der Einsamkeit der menschenleeren Natur auf Gott zu treffen. Und ich finde das gut, denn es ist ein Gott, der nichts von mir will.

Eigentlich wollen Götter ja immer irgendwas. Zumindest fällt mir keine Religion ein, deren Gott zum Menschen sagt: Macht, was ihr wollt, es ist mir gepflegt egal. Götter machen Vorschriften. Immer soll man irgendwas anziehen oder nicht anziehen oder sich einen Bart wachsen lassen oder die Beine rasieren oder irgendein Körperteil abschneiden oder irgendwo hinfahren und sich da in den Staub werfen oder zu einer bestimmten Tages- oder Jahreszeit irgendwas nicht essen oder ein Tier schlachten oder weiß der Geier was. Wenn man sich mal in das subjektive Empfinden der anderen Seite versetzt (als Filmemacher und als Mensch sollte man das können), dann offenbart sich eine gewisse Lächerlichkeit solcher Götter. Da bist du also Gott, hast vor 20 Milliarden Jahren ein ganzes unendliches Universum mit Millionen Milliarden von Sternen erschaffen (oder meinetwegen vor 4000 Jahren intelligent designt), dann ist da auf diesem winzigen Planeten diese eine Spezies, die in tausende Völker und Religionen zerfällt, und du bestehst darauf, daß eine dieser Splittergruppen donnerstags keine Brezeln ißt oder siebenmal am Tag im Kopfstand betet, während alle anderen Splittergruppen sich leider irren und einen Gott anbeten, den es gar nicht gibt? Im Ernst? Nix besseres zu tun? Dann doch lieber der schweigende Gott der Bergwelt oder des Party-Deliriums. Natürlich geben Religionen auch ganz lebenspraktische Hinweise zum zwischenmenschlichen Verhalten, die sind aber auch ohne Religion zu haben, das nennt sich dann „Ethik“, da kommt man mit etwas Nachdenken auch selber drauf. Aber wenn sinnfreie Vorschriften zu irgendwelchen Ritualen und heiligen Handlungen gemacht werden, kann man fast sicher sein, daß da irgendein Gott im Raum steht, ob man ihn nun so nennt oder nicht. Also sollte man ihn identifizieren und dann ganz in Ruhe entscheiden, ob man ihn okay findet oder nicht.

Mein Gott! Was schwafle ich hier von Gott! Muß wohl an der Grippe liegen. Die Grippe schlägt in der zweiten Berlinale-Hälfte so sicher zu wie das Amen in der Kirche. Kann man die Uhr nach stellen. Bin zuhause geblieben, heute also keine Meinungen zu Filmen oder Kapitulationen vor der Inhaltswiedergabe. Der Berlinale-Aspekt diese Blogs wird zugegebenermaßen heute stark verwässert. Ich habe furchtbar viel Zeit, dieser Text wird furchtbar lang. Die Filme, die ich heute gucke, sind dafür eher kurz. Das Internet ist mittlerweile voller toller Video-Essays, in denen Filmliebhaber, meistens Amerikaner, kenntnisreich und unterhaltsam über alle denkbaren Aspekte der Filmkunst berichten. Hier zum Beispiel einer, der sagt: Computeranimation sieht beileibe nicht immer scheiße aus, sie sieht vielmehr oft so gut aus, daß sie völlig unbemerkt an uns vorbeizieht, wir erkennen nur die schlechte und denken darob, sie sei immer schlecht. Oder, auch toll auf Youtube: Dokumentarische Filmschnipsel aus allen Teilen der Welt, in denen irgendwas schrecklich schiefgeht oder spektakulär gelingt. Der Kenner kennt sie unter dem Namen „Failvideos“, das Genre genießt einen zweifelhaften Ruf, irgendwo zwischen Ballerspiel und aufblasbarem Todesstern, aber ich finde es großartig. Diese schnellen, unsentimentalen Einblicke in das, was mir der gleichnamige Film nicht so richtig gezeigt hat, nämlich das Leben der anderen! Und dieser gnadenlos funktionale Schnitt! Es geht immer nur um den entscheidenden Moment und die paar Sekunden davor, die man braucht, um zu kapieren, wo man ist. Und dann noch den Aufprall und den Schmerzensschrei. So muß man Filme machen.

Da habe ich mich jetzt frei an einen Punkt assoziiert, von dem es gar nicht so leicht ist, sich irgendwohin weiterzuassoziieren. Macht nix, denn auch wenn man sich in die Sackgasse manövriert hat, kann man notfalls immer da weitermachen, wo man sowieso schon ist, nämlich beim deutschen Film. Es wird in diesen Tagen allenthalben geklagt über die mangelnde Präsenz deutscher Filme in der Festivalwelt, jetzt sogar bei der Berlinale. Gleichermaßen wird geklagt über die mangelnde Präsenz von Frauen in der Filmwelt. Finde ich beides gut. Also die Klagen. Vielleicht könnte man beides mit einer Quote regeln. Oder mit einer Qualitätsoffensive. Oder sowohl als auch. Du Zyniker, du Arsch, höre ich sie schon anheben, die innere Frauenstimme, doch mit männlicher Entschlossenheit verbiete ich ihr sogleich den Mund und erwidere: Laß mich doch erstmal ausreden! Das einzige, was mich wirklich interessiert, sind die wirklich radikalen Filme (dazu gehören auch die radikal guten Mainstreamfilme), und um solche hierzulande herzustellen, also gegen die Trägheit der Apparate und die eingerosteten erprobten Rezepte, dazu kann jede Hilfestellung nur willkommen sein, und sei es ein amerikanischer Kritiker, der uns alle in Bausch und Bogen ins Mittelmaß schreibt. Ob die Filmemacher dann Männer oder Frauen sind, ist mir egal, denn der Künstler oder die Künstlerin hat gefälligst seine bzw. ihre Biologie zu transzendieren und das Universelle in Stein und Marmor zu meißeln. Amen. Und wenn nur Männer Filme machen, heißt das ja offensichtlich, daß die Weiber einen Tritt in den Hintern, nein, Verzeihung, jede Form von Unterstützung benötigen, daß der Apparat, der Frauen am Fortkommen hindert, also einen Tritt in die Eier verdient hat.

Ha! Schon wieder dieses Kokettieren mit der Sprache des Sexismus! Und sich gleich darauf die Hände in Unschuld waschen! – Ja, verehrte Leserschaft, anders geht‘s nicht! Wenn Sie es politisch korrekt wollen, dann lesen Sie doch den „Freitag“! Bei der politischen Korrektheit haben wir die unschöne Situation, daß eine fragwürdige Sache übertroffen wird von der Schlimmheit ihrer Feinde. Der von mir innigst verehrte Max Goldt sagte mal, die „Anti-PC-Giftknilche“ seien das allerschlimmste, und recht hat er, wie immer. Als Mensch, der wie ich in einer politisch korrekten Filterblase lebt, kennt man natürlich längst das Argumentationsmodell „ich bin ja kein, aber“. Auch wenn man niemanden kennt, der so argumentiert, dann kennt man es aus seinen zahlreichen öffentlichen Schlachtungen. Ich habe da nichts hinzuzufügen, nur umzudrehen, ich sage jetzt hiermit feierlich:
Ich bin ja kein Feminist, aber.

Also, ich bin ja kein Feminist. Ich habe etwas gegen hysterische Shitstorms, gegen Symbolpolitik, generell gegen die strunzdumme Lagerbildung in den „sozialen Medien“, wo Leute sich gegenseitig ihre ohnehin übereinstimmenden Meinungen in die Timeline schreien und sich wahrhaftig einbilden, damit ließe sich irgendwas erreichen. Und vor allem habe ich ganz entschieden etwas dagegen, wenn Leute die Kunst in ihre politische Agenda zwängen und beschneiden und zensieren wollen. Kunst muß Dämonen heraufbeschwören und den Konsens hinterfragen dürfen. Kunst ist keine Bauanleitung fürs Leben. Oft eher im Gegenteil. Wenn irgendwer von feministischer Seite beshitstormt wird, beispielsweise die Band Wanda oder die Autorin Ronja von Rönne oder das Zusammenwirken der beiden in einem Musikvideo, dann ist das für mich oft überhaupt erst ein Hinweis, daß da irgendwas interessant sein könnte. Schlachtet mich jetzt meinetwegen, ich erwidere mit Wanda: Es ist egal, ob wir heute in die Kirche gehen oder ins Spital.

Aber!

Alles, was man sagt, bevor man „aber“ sagt, ist irrelevant, das habe ich mal aus irgendeinem Film gelernt. Hinter dem „aber“ kommt nämlich erst das, was man eigentlich sagen wollte. Also, ich hole erstmal etwas weiter aus: Ich bin kein Mann, sondern ein Marsmensch. Klingt komisch, ist aber so. Wenn irgendwer mich als „Mann“ bezeichnet, möchte ich immer impulsiv protestieren. Nicht weil ich mich für eine Frau halten würde, sondern weil ich das als primäres Merkmal irgendwie entwürdigend finde. Dabei stehe ich keineswegs auf dem Standpunkt, das sei alles nur ein soziales Konstrukt, so wie ein Reisepaß oder der Bundestag. Nö, wir sind schon Säugetiere. Aber wir haben da dieses Ding namens Zivilisation, das besteht größtenteils darin, unsere Säugetiernatur in ihre Schranken zu weisen. Jeder, wirklich jeder halbwegs interessante Mensch, den ich kenne, hat zahllose interessante Eigenschaften und Facetten, und die Eigenschaft Mann bzw. Frau kommt da immer eher weit hinten. Seine Geschlechtsidentität in den Vordergrund spielen, den Mann rauskehren oder die Frau raushängen lassen, das ist wie Nationalstolz, also was für Leute, die sonst nicht so viel zu bieten haben. Es reicht schon, wenn man Mann oder Frau oder Deutscher ist, man muß nicht noch darauf herumreiten. Hinzu kommt, daß man, wenn man sich im Schlamm der Künste suhlt, eigentlich nie Mann oder Frau ist, sondern vor allem Kind. Und außerdem bin ich ein Marsmensch. Das basiert auf einer Empfehlung des amerikanischen Psychologen Eric Berne, der in der 60er Jahren ein paar hochspannende Bücher schrieb. Der schrieb, man solle die Dinge vom „martian view“ aus betrachten, also vom Standpunkt eines Marsmenschen, der von den ungeschriebenen Regeln und Ritualen unserer Gesellschaft keine Ahnung hat und dadurch einfach das wahrnimmt, was sich tatsächlich meßbar abspielt. Die Empfehlung fiel bei mir auf fruchtbaren Boden, denn so hatte ich mich sowieso schon immer gefühlt.

Wenn man also ein Filmfestival mit den Augen eines Marsmenschen betrachtet, dann wird einem auffallen, daß die eine Hälfte der Teilnehmer sich unauffällig schwarz kleidet und Pinguinen gleicht, während die andere Hälfte sich in fragiles, funktional fragwürdiges Schuhwerk zwängt, sich in alle Arten von kostbaren Gewändern kleidet, auf den roten Teppichen auf- und abstolziert und im Extremfall aussieht wie ein Bonbon, das ausgepackt werden möchte. Machen die das freiwillig? Oder ist da irgendein unsichtbarer Gott, der das von ihnen verlangt?

Hurra, da hätten wir ihn endlich geschlagen, den Bogen. Eigentlich habe ich den ganzen Exkurs zu Gott vorhin ja nur gemacht, um jetzt darauf zurückzukommen. Im folgenden werde ich jetzt ein wenig mansplainen. „Mansplaining“ ist ein feministischer Kampfbegriff, ein Konstrukt aus „man“ und „explaining“, es beschreibt also Männer, die Frauen von oben herab irgendwelche Sachverhalte erläutern. Als Wortspiel finde ich es handwerklich ziemlich mißglückt, vom Sachverhalt aber gerechtfertigt, auch wenn es wie alle Kampfbegriffe zum Mißbrauch verleitet, denn im Zweifelsfall kann man jeden, der überhaupt irgendeine Meinung äußert, des „mansplainings“ beschuldigen, sofern er ein Mann ist. Jammern ist da natürlich die verkehrte Antwort, man muß sich den Vorwurf kreativ aneignen, daher wird jetzt voller Stolz gemansplaint.

Also, wir befinden uns auf dem Empfang einer großen deutschen Filmförderungsgesellschaft. Neben mir sitzt Lea van Acken, für die ich, seit wir miteinander „Kreuzweg“ gedreht haben, nicht nur große Freundschaft hege, sondern auch ein wenig väterliches Verantwortungsgefühl, selbst wenn das vielleicht doof und unnötig sein sollte. Ist halt so. Lea berichtet über die Unbequemheit ihrer Schuhe und daß sie die jetzt ausgezogen habe. Ich streiche mir daraufhin gravitätisch durch meinen Karl-Marx-Patriarchenbart, falte gütig die Hände über meiner respektablen Wampe und sage: Mädel, jetzt hör mir mal gut zu, du naives junges Ding, ich erklär dir jetzt die Welt. Der Blick des Kinos auf selbige ist nämlich immer noch ein primär männlicher. In der Überzahl der Filme ist der Mann die aktive Person, das Subjekt zum Andocken und Mitgehen, und die Frau ist die Trophäe. Also das, was erobert wird. Der Preis, den der Held am Ende erringt. Und das spiegelt sich in den Ritualen der Festivals. Jede Festivität ist letztendlich wie ein Theaterstück, das für einen imaginären Zuschauer aufgeführt wird. Im Theater glaubt ja keiner daran, daß das Geschehen auf der Bühne wirklich stattfindet. Es gibt eine unsichtbare Zuschauerinstanz, deren Blick man symbolisch einnimmt. Und dieser Blick ist hier und jetzt männlich, denn er richtet sich auf die Frauen. Frauen brezeln sich auf und präsentieren sich und lassen sich angucken, weil sie denken, es würde von ihnen erwartet. Wird es auch, aber weißte was? Scheiß drauf. Wenn du zwölf Zentimeter hohe Schuhe und Seidenkleider und irgendwas glitzerndes anziehen willst, kein Problem, laß es krachen. Wenn nicht, dann geh in Turnschuhen. Es gibt hier keinen unsichtbaren Gott, der sagt, daß Frauen irgendwie herumzulaufen haben. Oder vielmehr: Es gibt ihn, aber er ist so menschengemacht wie jeder Gott, wir schulden ihm weder Anbetung noch Gehorsam, wir können ihn modifizieren und neu erfinden. Denn es geht ja übrigens gar nicht darum, den männlichen Blick auszulöschen oder zu neutralisieren. Nein, es geht darum, ihn zu ergänzen, zu konterkarieren, auf den Kopf zu stellen oder zum Tanzen zu bringen. Der Blick eines Films kann noch so männlich sein, es ist trotzdem schon viel gewonnen, wenn die Frauenfiguren gefühlvoll zu Ende gedacht sind und ein würdevolles Eigenleben haben, anstatt nur Babes aus der Schablone zu sein. Die wirklich coolen Männer respektieren Frauen als Menschen, nicht als Kleiderständer auf wackligem Schuhwerk, also bilde dir nicht ein, von dir würde irgendwas erwartet, sondern definier deine eigene Version von großer Abendgarderobe, und wenn es ein Faß ohne Boden ist. Ich als hoffnungslos in 60er-Jahre-Psychologiebüchern steckengebliebener „Mann“ freue mich über wirklich jede Frau, die in Sneakers auf Filmpremieren herumhüpft. Denn es ist jedesmal ein kleiner Tritt in den Hintern oder vielmehr in die Eier des imaginären Gottes, der hier die Regeln macht und der ein sexistischer alter Sack mit einem komischen High-Heels-Fetisch ist. Außerdem sehen Turnschuhe doch oft viel besser aus. Finde ich persönlich. Es geht es ja nicht darum, scheiße auszusehen und in Sack und Asche und Burka aufzutreten. Au contraire, Mademoiselle. Und schließlich sind die wirklich coolen Leute weder Mann noch Frau, sondern erstmal Marsmensch.

Soweit mein Mansplaining-Monolog. Hinterherschieben könnte man noch die Geschichte von einer Freundin meiner Freundin, die sich bei der Servicefirma bewarb, die das Einlasspersonal im Berlinale-Palast stellt. Der Chef besah sich das junge Gemüse und sagte zu ihr: Bei dir müssen wir noch was machen. Entweder hohe Schuhe oder Hochsteckfrisur. Man muß dazu wissen, daß die Person, um die es hier geht, nicht nur unfaßbar hübsch ist, sondern auch zahlreiche Sprachen spricht und nicht auf den Mund gefallen ist. Also erwiderte sie, sinngemäß: Ich soll hier zwölf Stunden am Tag dekorativ herumstehen, und du verlangst von mir, daß ich das in unbequemen Schuhen tue?
Der Chef erwiderte: Die Berlinale ist ein Bilderfestival.
Daraufhin die erwähnte Person: Sie können mich mal, ich kündige.

Ein Hoch auf diese Person! Sie lebe hoch, und zwar in flachen Schuhen.

Später spricht sich dann herum, daß auf der Party einer Produktionsfirma, die so heißt wie der römische Kaiser, der das Christentum erstmals tolerierte, eine Stripperin aufgetreten sei, also eine Dame, die ihren Lebensunterhalt damit verdient, vor den Augen anderer Stück für Stück ihre Oberbekleidung abzulegen. Diese bewußt sachliche Formulierung möge meiner Irritation Ausdruck verleihen. Ich persönlich finde keinen großen Gewinn in der Betrachtung solcher Darbietungen, und ich finde Männer, die es tun, immer ein bißchen eklig. Warum eigentlich? Vor Jahren, als ich noch Musikvideoregieassistent war, erschien auf einer Musikvideoproduktionsfirmenfeier, die in einer großen Autowerkstatthalle stattfand, auch eine Stripperin. Ein Musikvideoregisseur, dessen Durchbruch mit Bushido-Videos damals noch bevorstand, drehte sich zu mir um und lallte, denn er war schon ein wenig betrunken, sinngemäß ungefähr folgendes: Ich finde, wer sich das nicht anschaut, ist doof, das ist doch einfach ästhetisch, Mann ey.
Habe ich also keinen Sinn für Ästhetik?
Was man auch oft findet, ist das Argument der Uneigentlichkeit. Zahlreiche Musikvideokonzepte oder Werbespotideen habe ich schon gelesen, die verkündeten, man werde sich charmant-ironisch über Geschlechterklischees lustig machen, es werde überspitzt und gebrochen, aber wenn man hinterher das fertige Produkt sah, war es einfach nur sexistischer Müll, wo Frauen in weltweit verständlicher Körpersprache sagten: Fick mich. Von Überspitzung oder Brechung keine Spur.
Oder habe ich einfach keinen Sinn für Ironie?

Oft hilft es ja, die Betroffenen einfach selber zu fragen, ob sie sich betroffen fühlen. Wäre ich auf einer Party mit einem männlichen Stripper konfrontiert und der unvermeidlichen Horde an kreischenden Frauen, zu der das führt, dann würde ich aus bereits erwähnten Gründen das Weite und angenehmere Gesellschaft suchen, mich persönlich aber nicht besonders destabilisiert fühlen. Aber weil Männer eben keine Frauen sind, was man auch in der Kriminalstatistik unter „Vergewaltigung“ nachlesen kann, ist es doch noch was anderes. Kurze Spontanumfrage unter Menschen, deren Urteil ich respektiere und die nebenher Frauen sind. Meine (leider längst verstorbene) Oma kreischt: Ne Stripperin? Geil! Wieso war ich da nicht? Aber da ist sie die einzige, alle anderen sind irritiert. Meine Freundin macht ein ungeniertes Gedankenexperiment: Ihr würdet doch auch nicht zehn kleine Negerlein im Baströckchen auf der Theke tanzen lassen, oder? Und dann den Leuten, die sich beschweren, auf die Schulter hauen und ins Ohr schreien, sie sollen sich mal locker machen?

Ich finde diesen Vergleich sehr gut, denn wie jedes gute Gedankenexperiment umzingelt er das Problem. Also mansplaine ich noch ein bißchen weiter und erkläre meiner Freundin, warum sie recht hat. Ich folge da zunächst der Argumentation des weißen, männlichen, höchstwahrscheinlich heterosexuellen Philosophen Robert Pfaller, der sagt: Es gibt beim Feiern ein unausgesprochenes Gebot. Pfeif auf die erwachsene Vernunft und feiere mit! Wer mit einem Mineralwasser und sauertöpfischem Blick in der Ecke steht, ist ein Spielverderber. Kombiniert man das mit dem anonymen Betrachter (ebenfalls bei Pfaller geklaut), für den hier ein Schauspiel namens „Party“ aufgeführt wird, dann hat man (glaube ich) den Übeltäter am Kragen gepackt. Also, wenn auf einer Feierlichkeit eine Darbietung geboten wird, dann ist es verdammt nochmal geboten, sich daran zu erfreuen. Wer es verweigert, ist ein doofer Spielverderber. Ich bin verpflichtet, die Perspektive des imaginären Zuschauers einzunehmen, für den das Schauspiel aufgeführt wird. Das heißt in diesem Fall, daß ich mich in die Menge zu stellen und zu denken habe: Scharfe Alte, heißes Gerät, geile Titten! Andernfalls bin ich halt ein spaßfeindlicher Spielverderber. Und wie immer, wenn man vor eine unmögliche Wahl gestellt wird, bei der man nur verlieren kann, sollte man dem Gegenüber mit männlicher Tatkraft eine reinhauen und abhauen. Oder gar nicht erst hingehen! Ich war ja auch gar nicht da! Ich war ja noch nicht mal eingeladen. Wahrscheinlich werde ich da auch nie eingeladen. Jetzt erst recht nicht mehr. Ist mir aber egal. Als Marsmensch habe ich da eh nix zu suchen.

Anscheinend bin ich doch Feminist, zumindest wenn ich diese Checkliste lese. Komisch, ich dachte immer, das hieße „Gentleman“. Ein echter Gentleman behandelt Frauen einfach auch nur wie Menschen und kann nonchalant die verschiedenen Stockwerke des Menschseins parallel bespielen. Er hat Humor, redet sich nicht in Rage, haut nicht auf den Tisch und bricht keinen Atomkrieg vom Zaun. So sollten wir alle sein. Nebenher können wir dann ja immer noch Männer oder Frauen sein. Oder, idealerweise, Marsmenschen.

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Berlinale, Tag 7 – Mein Kino ist kaputt

Vor ungefähr 16 Jahren hatte ich mal eine Idee für einen Kurzfilm: Zwei Leute finden heraus, daß die ganzen Windmühlen, mit denen Deutschland so nach und nach vollgestellt wird, in Wahrheit gar nicht vom Wind angetrieben werden, sondern vielmehr umgekehrt. Es handelt sich da um eine Verschwörung. Die Windräder funktionieren wie Propeller, die ein Flugzeug antreiben, sie beschleunigen die Erdrotation, woraufhin die Erde sich immer schneller dreht und wir alle immer weniger Zeit haben. Unsere zwei Helden ziehen also in einen Kampf gegen Windmühlenflügel, während ihnen buchstäblich die Zeit davonläuft. Den Film habe ich dann nie gemacht, aber was mir an der Idee immer noch gefällt, ist die Verwechslung von Ursache und Wirkung und der darin wohnende Wahnsinn.

Nach einer Woche Berlinale weiß ich auch nicht mehr so genau, was Ursache und was Wirkung ist, und irgendwo wohnt der Wahnsinn. Man sieht ja normalerweise nicht das, was man sieht, sondern das, was man weiß, weil der Kopf von vornherein einen Filter auf die Wahrnehmungen legt, und das ist auch gut so. Ich treffe meinen lieben Freund Andrew Bird, genannt Birdy, der einen Film für einen Regisseur namens Omer Fast geschnitten hat, und stelle die wahnsinnig naheliegende Frage: Is it a fast film? Birdy ist auf diese Koinzidenz tatsächlich noch gar nicht gekommen, bei ihm funktioniert der Filter noch, meiner ist im Eimer. Ich sehe, daß an der Tafel hinter irgendeiner Bar „Erdinger“ steht, und lese: Eidinger. Ich unterhalte mich mit Fernsehredakteuren über einen Kollegen, der mit Vornamen Burkhardt heißt, und höre mich sagen: Eigentlich interessant, daß dieser ehrwürdige deutsche Vorname klingt wie ein afghanisches Vollverschleierungskleidungsstück. Die Wahrnehmungen, sie zerfallen mir im Kopf wie modrige Pilze. Und ich erkenne niemanden mehr. Also wirklich niemanden. Auf einer Party steht plötzlich eine gutaussehende Dame im besten Alter vor mir und begrüßt mich mit großer Herzlichkeit. Ich komme kurz ins Grübeln: Wir sollten uns kennen, nicht wahr? Ja, erwidert die Dame, ich bin deine Mutter. Dann spricht mich eine wunderhübsche blonde junge Frau an und behauptet, sie wäre meine Schwester Anna. Ich kann mich dunkel an sie erinnern. Sie erzählt von zahlreichen Schauspielkollegen, die zu ihr kommen und sagen: Du, sag mal, dein Bruder, der mag mich nicht, oder? Doch, ich mag euch alle heiß und innig, ich habe nur einfach keine Ahnung, wer ihr seid. Nehmt es als Kompliment, denn den Glöckner von Notre Dame, den Sänger von Rammstein oder den Elefantenmensch würde ich jederzeit wiedererkennen. Der Sänger von Rammstein lief übrigens auf der gestrigen Party herum, hat mich aber nicht erkannt, obwohl ich vor 12 Jahren mal Regieassistent bei einem Rammstein-Video war. Ich bin ihm nicht böse. Aber mir sind sie böse. Tolle Leute, mit denen ich schon bestens zusammengearbeitet habe, stehen vor mir wie Fremde und gucken mich vorwurfsvoll an. Und wenn sie dann noch stark zu- oder beträchlich abgenommen oder sich irgendwelche Frisurvarianten zugelegt haben. Da hat man doch gleich gar keine Chance mehr. Es ist ein Grauen. Wenigstens weiß ich noch, wovon meine eigene Arbeit handelt:

My work explores the relationship between gender politics and copycat violence. With influences as diverse as Wittgenstein and John Lennon, new tensions are created from both orderly and random discourse. Ever since I was a teenager I have been fascinated by the ephemeral nature of relationships. What starts out as triumph soon becomes corroded into a manifesto of distress, leaving only a sense of chaos and the chance of a new understanding. As subtle forms become reconfigured through boundaried and critical practice, the viewer is left with a clue to the darkness of our culture.

Das habe ich allerdings nicht selber geschrieben, so etwas kann man sich im Internet automatisch generieren lassen. Bis vor wenigen Jahren war ja das herrschende Narrativ, also das allgemeine Gequatsche, in das Kulturschaffende verfallen, wenn man sie nach ihrer Arbeit fragt, vorwiegend geprägt von Begriffen wie Zersplitterung, Fragmentierung, Risse, Brüche, Spalten, Löcher, Ende der großen Erzählungen. Das hat sich für mein Gefühl in den letzten Jahren ein wenig geändert, das typische Künstlerbekenntnis handelt heute eher von ich, ich und ich, Transformation des Selbst, Metamorphosen, fluiden Identitäten und derlei mehr. Ich kann mich mit beidem komplett identifizieren, meine großen Erzählungen sind auch beendet, die Wahrnehmungen sind zersplittert, und meine Identität fließt mal hierhin, mal dorthin. Übrigens wurde bei der Erzählung vom Ende der großen Erzählungen ja immer verschwiegen, wie sie denn nun eigentlich enden, die Erzählungen. Ist es ein trauriges, ein fröhliches oder gar ein offenes Ende? Oder eher so wie das Nicht-Ende, das sich ergibt, wenn man den Film vorzeitig verläßt?

Ich gehe mal wieder in der Retrospektive: „Preis der Freiheit“, ein Fernsehfilm von 1966. Es geht irgendwie um Grenzsoldaten auf beiden Seiten der Grenze. Ich kapiere: Nichts. Wer sind jetzt die Ossis und wer die Wessis? Warum fährt die NVA mit einem Jeep herum? Wer will was von wem? Irgendwo lauert da eine große Erzählung, ich beende sie und gehe raus, weil ich schon wieder eine Karte für einen anderen Film habe: Zero Days, ein Dokumentarfilm über einen Computervirus, läuft im Wettbewerb. Auch hier wieder eine Welt, die in digitale Fragmente zerfällt. Der Film knallt ordentlich. Amerikanische Dokumentarfilme scheren sich einen Dreck um das Ende der großen Erzählungen, die machen aus jedem Sujet einen Thriller. Ich muß aber auch hier leider wieder früher raus, weil ich schon wieder woandershin muß. Die Berlinale geht in den Kiez. Im Union Kino in Friedrichshagen läuft das Fragebuch der Anne Tank, nee, umgekehrt, Verzeihung, und da spielt die entzückende Lea van Acken die Hauptrolle. Ich habe Lea seinerzeit „entdeckt“ und darf deswegen eine kleine Einführungsrede halten. Das Kino ist wunderschön. Ich möchte in ruhigeren Zeiten mal eine kleine Rundreise durch Berliner Kiezkinos machen. Es gibt hier sogar eine Raucherkabine im Kinosaal: Zwei alte Sofas, davor eine Glaswand. Der Anblick erinnert ein bißchen an diese Hinrichtungszuschauerkabinen in Filmen, in denen man drinsitzt und dem Tod bei der Arbeit zusieht. Auch hier im Kiezkino haben wir es wieder mit postmoderner Zersplitterung zu tun: Ich bin da, Lea ist ganz woanders, die mußte nämlich wieder zur Schule gehen. Auf die Lea-van-Acken-Entdeckung bilde ich mir übrigens nicht so wahnsinnig viel ein, Lea hat sich selber entdeckt, ich mußte nur zugreifen. Wenn ich jemanden entdeckt habe, dann zum Beispiel Heiner Hardt, der war nämlich schon 50, als ich ihn kennenlernte, und den besetze ich stur und gnadenlos in jedem Film, bis Deutschland endlich mal merkt, was für ein toller Schauspieler das ist. Schauspielerkarrieren sind mir sowieso ein völliges Rätsel. Am Anfang sehe ich gute und schlechte Leute, die gehen dann in eine Art Black Box hinein, was in dieser Box passiert, ist völlig unklar, heraus kommen erfolgreiche und erfolglose Schauspieler, die gleichmäßig aus den guten und schlechten, den interessanten und den langweiligen durchmischt sind. Einige werden irgendwann „entdeckt“, andere nicht. Wer, warum und wie? Keine Ahnung.

Hergekommen bin ich mit einem Berlinale-Fahrer in einem makellos nagelneuen Audi, bei dem die Sitze so computeranimiert sauber sind, daß man Angst hat, sich draufzusetzen. Wohl aufgrund der allgemeinen Fragmentierung ist der Fahrer dann aber versehentlich ohne mich wieder weggefahren, also geht es mit dem Taxi zurück. Die Taxifahrerin fährt seelenruhig über eine knallrote Ampel. Ich sage: Das war ja knallrot. Sie erweist sich ebenfalls als Expertin für Ursache-Wirkungs-Vertauschung und erwidert: Nee, ich fahr nur bei Grün, also war die Ampel grün.

Abends dann eine persönliche Premiere. Alle gehen immer ins Borchardt. Ich war noch nie im Borchardt. Eine gleichermaßen große und sympathische Produktionsfirma (doch, das gibt es) lädt zum Essen ein, und zwar ins Borchardt, also gehe ich endlich mal ins Borchardt. Im Borchardt sitzen schon sehr viele Leute, das sind wahrscheinlich alles Promis, aber ich erkenne sie nicht, weil ich ja eh niemanden erkenne. Außerdem ist es irre laut im Borchardt. Solche Läden sind auf visuelle Beeindruckung angelegt, majestätische Blickachsen und raumgreifendes Raumgefühl, das führt dann andererseits zu Bahnhofshallenakustik. Wir schreien uns die ganze Zeit an. WAS MACHEN SIE BERUFLICH? brülle ich meiner Nachbarin ins Ohr. ALLERDINGS! brüllt sie zurück. MAGST DU NOCH EINE AUSTER? kreischt es von gegenüber über den Tisch. SEHR GERN! schreie ich. Das ist natürlich maßlos übertrieben. Ohnehin darf man den Wahrheitsgehalt dieses Tagebuchs nicht überschätzen. Ich bin jetzt so eine Art Klatschkolumnistin geworden, das ist eine Rolle, die ich mir gern anziehe, aber ich muß darauf hinweisen, daß ich eigentlich die ganze Zeit nur über mich selber schreibe. Wenn doch mal andere Leute auftauchen, dann habe ich sie zu literarische Figuren verfremdet (außer den Gregors im gestrigen Beitrag, die sind unverfremdbar). Auch meine Freundin, die hier gelegentlich auftaucht, die habe ich mir eigentlich nur ausgedacht, und die echte hat mit der ausgedachten nix zu tun.

Meine beiden Freundinnen, also die echte und die ausgedachte, haben vor einiger Zeit mal auf der Berlinale gearbeitet und Tickets gescannt, und eines Tages sagten sie den unsterblich schönen Satz:
Mein Kino ist kaputt.

Ja, das Kino, vor dem sie stand und Karten kontrollierte, war kaputt. Und so etwas geht überhaupt erst seit einiger Zeit. Früher, da konnte vielleicht mal ein Film reißen, eine Lampe durchbrennen oder eine Filmkopie in den Orkus fahren, aber das ganze Kino ging kaum kaputt. Mein bisher bleibendster Beitrag zur Filmgeschichte ist, daß ich als Vorführer beim Filmfest München 1999 eine Kopie eines Films namens „Pola X“ vernichtete. Es war nachts um drei, ich baute den Film ab, wie man damals sagte, also ich spulte im Halbschlaf die einzelnen Akte vom Teller, anscheinend fuhr ich etwas zu schnell, dann geriet der Teller ins Vibrieren, es tat einen Schlag, und drei Kilometer Film flogen mir um die Ohren. Filme konnten also schon immer kaputtgehen, Kinos erst neuerdings. Da kommt der Vorführer morgens an den Arbeitsplatz und will sich in den DCP-Server einloggen, geht aber nicht, keine Zugriffsrechte, nix zu machen. Anscheinend hat sich nachts irgendwer mit höheren Zugriffsrechten eingeloggt und die Möbel umgestellt. Oder es war der Computervirus aus dem amerikanischen Wettbewerbsfilm. Oder die Heinzelmännchen. Oder irgendwas. Dann setzt sich in London ein Techniker ins Flugzeug und in München ein Spezialist in den Zug und man schafft ein Ersatzteil aus Los Angeles herbei und schleppt einen Ersatzserver in den Vorführraum und muß dafür erstmal die Tür ausbauen. Das war früher einfacher. So richtig postmodern zersplittert ist die Welt erst, seit alles digital ist.

Ich bin ja übrigens kein Zelluloid-Nostalgiker. Steven Soderbergh erwiderte mal auf die Frage, ob er 35mm vermißt: In den 60ern und 70ern, da gab es eine kreative Freiheit und einen Enthusiasmus und Aufbruchsstimmung, das ist heute alles verschwunden, das vermisse ich schmerzlich, aber doch nicht diese alten Filmbüchsen. Ich finde, das hat er gut gesagt. Letzten Endes ist es egal, und in 1000 Jahren ist eh alles weg. Was nicht egal ist, sind die Leute, die daran hängen. Wenn an jedem DCP-Server ein Nerd sitzen würde, der komische Klamotten trägt und sich seltsame Scherzpostkarten in den Vorführraum hängt und alle Filme kennt und Witze macht, die nur er versteht, dann fände ich das toll. Aber genau dieses Soziotop wurde von der Digitalisierung weggefegt, und das finde ich schade. Genau wie die Videotheken, das waren greifbare Orte, an denen Film als Alltagskultur stattfand. Der Zelluloid-Nostalgiker Quentin Tarantino war vor seiner Regiekarriere Videothekar, und wenn aus den Millionen Videotheken der Welt alle zehn Jahre ein Tarantino entspränge, dann hätte sich die Sache doch gelohnt. Dabei bin ich ja selber noch nicht mal ein besonderer Tarantino-Fan, aber ohne ihn würde was fehlen, und ohne Videotheken und Vorführraum-Nerds fehlt auch was.
Also: Schade.

Aber Nostalgie-Trip war ja gestern, heute geht es um postmoderne Zersplitterung und das Ende der großen Erzählungen. Dementsprechend ist auch dieser Text ganz und gar zersplittert. Das Wort „dementsprechend“ kann man schön falsch trennen, dann heißt es „dement sprechend“, und ungefähr so komme ich mir die ganze Zeit schon vor. Heinz Rudolf Kunze sagte, nee, sang mal: Auf der Leinwand steht nicht Ende, sondern Schluß. Ich sage: Mein Kino ist kaputt. Aber vielleicht wird ja morgen schon das Ersatzteil geliefert. Also bis morgen, liebe Leser innen und außen.

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Berlinale, Tag 6 – Früher war alles früher

Alles ist in den letzten Jahren unglaublich angeschwollen beim Film. Nicht finanziell, im Gegenteil. Auch die Leute selbst, zumindest in meinem Umfeld, sind nicht wahrnehmbar dicker geworden. Aber die Gesamtmenge an Filmen, die ist angeschwollen. Tausende Filme (und acht Milliarden Kurzfilme) werden produziert, tausende von Festivals verteilen sich übers Jahr, für jedes Festival arbeiten nicht etwa tausende, sondern vergleichsweise wenige Leute, die sich Monate im Vorfeld durch die tausenden eingereichten Filme wühlen und ackern und schuften und wie in einem riesengroßen Heuhaufen nicht nach einer Stecknadel suchen, sondern nach einer ganz bestimmten Sorte von Grashalm, was bedeutet, daß man jeden einzelnen Halm ganz genau angucken muß. Es ist ein Job, den ich niemals machen könnte. Selbst wenn man die Filme bei Desinteresse nach einer Vierstelstunde herauswirft, was man natürlich tut, bleibt es eine Siysphosarbeit mit Tantalusqualen und der Frage, ob man jetzt wirklich das richtige herausgefischt hat. Man kennt ja diese Geschichten von Börsenprofis, die gegen einen Affen antreten, und am Ende hat der Affe sein Geld besser vermehrt als die Experten. Ähnlich macht es das „Random Film Festival“. Aus genau diesem Gefühl heraus, daß man der Flut des Filmschaffens mit so etwas wie „Auswahl“ nicht mehr beikommen kann, stellt dieses Festival sein Programm per Zufall aus den eingereichten Filmen zusammen und verleiht auch die Preise per Zufallsgenerator. Sogar Ort und Termin des Festivals werden ausgewürfelt. Ich war nie da, aber es muß eine tolle Veranstaltung sein. Für mich ist die Berlinale aber ohnehin eine Art Random Film Festival. Unmöglich, sich angesichts der Katalogtexte einen Reim zu machen, also guckt man irgendwas oder geht einfach nach Namen: Leute, die man schon mal gut fand, und Filme von Freunden. Der Rest ist Zufall und Retrospektive. Retro geht immer. Alte Filme sind sogar dann interessant, wenn sie eigentlich schlecht sind.

Heute ergibt sich für mich ein Retrospektivag, also eigentlich gestern, aber ich schreibe mal weiter in der Gegenwartsform. Darf man das als „Abschied von Gestern“ bezeichnen, wenn man das Gestern einfach als Heute umetikettiert? Oder wie hat Alexander Kluge das gemeint? Spricht es nicht Bände, daß meine Generation (also ich, aber es fühlt sich so toll an, „meine Generation“ zu sagen) der inhaltlichen Dringlichkeit der damaligen Generation nichts als solche postmodern-hohlen Sprachspiele entgegenzusetzen hat? Hat man nicht eigentlich die Verpflichtung, sich so quer wie nur möglich gegen die eigene Generation zu stellen, denn Kind seiner Zeit ist man ja sowieso schon, aus der Nummer kommt man im Leben nicht raus? Schweife ich ab? Ist der deutsche Film noch so toll wie damals? Damals, ja damals, da konnte man noch, da war man noch ein toller Kerl. Mein Verhältnis zu den Helden alter Tage ist zwiespältig: Wenn Leute in epischer Breite Anekdoten zum besten geben und wenn die Anekdoten am Ende nur noch aus den Namen längst vergessener Produzenten und Redakteure und Kritiker bestehen und wenn die Länge der Anekdote ins Endlose ausufert und die Fallhöhe der Schlußpointe im umgekehrten Verhältnis dazu schrumpft und das ganze dann noch im selbstgefälligen Altherrentonfall stattfindet und auf einer Bühne vor einem Auditorium, aus dem zu fliehen jetzt wirklich übelster Affront wäre, dann schaue ich in meine eigene Zukunft und rufe voll Schrecken aus: Dietrich, mir graut vor dir! Es gibt aber auch Leute, die ganz genauso auf denselben Bühnen stehen und von früher erzählen, und man will sie einfach nur liebhaben. Beim Preis der deutschen Filmkritik wurde ein Ehrenpreis an Joachim von Mengershausen verliehen. Das war so einer. Den wollte ich aus dem Publikum heraus mit zehn Meter langen Armen umarmen und habe ihn beneidet um seine Vergangenheit.

Alte Filme sind immer ein Blick auf die andere Seite, sie sind die fünfte Dimension unserer zweidimensionalen Kunst (die vierte ist natürlich der Ton, und die dritte ist natürlich 3D), sie sind ein Bick in eine andere Zeit, in andere Denkstrukturen, das finde ich ganz ganz ganz toll und könnte es mir tage- und wochenlang „reinziehen“, wie die Jugend es heute formuliert. Ein toller Zehnminüter von Michael Klier, in dem ein junger Mann über seine Autoleidenschaft räsoniert und wie das mit der Zuneigung der Damenwelt zusammenhängt und ob die reiche Tante nach dem Jaguar möglicherweise auch noch einen Ferrari finanzieren wird. Ein toller Animationsfilm, in dem ein Mann zwischen zahlreichen Linien eine Maschine baut, was als politische Parabel gemeint ist, die sich mir aber erst nach Lektüre des Begleittextes erschließt. „Katz und Maus“ von Hansjürgen Pohland, Günter-Grass-Verfilmung, in der Hauptrolle die beiden anderen Söhne von Willy Brandt, ziemlich sperrig und ziemlich lustig und von einer Freiheit des Denkens und Bildererfindes, die mich weghaut. Und die Macher dieser Filme, die sind alle eine ganze Ecke jünger als ich. Wenders drehte „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ mit 25 Jahren, also in einem Alter, in dem man sich heute an der Filmhochschule bewirbt. Godard war bei „Außer Atem“ 31. Früher war alles früher.

Abends ist dann der zweite Teil meines privaten kleinen Nostalgie-Festivals. Der Kameramann des eben erwähnten Animationsfilms lädt zum Abendessen. Der heißt nämlich Heinz Badewitz und schmeißt jedes Jahr zur Berlinale einen Abend in einer Weinhandlung im Westend, wo die Veteranen nur so herumwuseln, stundenlang könnte man jetzt namedroppen, ich droppe aber nur ein paar names, zum Beispiel Thomas Mauch, der Kameramann, der mit Werner Herzog das sagenumwobene Schiff über den ebensolchen Berg zog. Der ist immer da und ist das Gegenteil der oben beschriebenen Altherrenanekdotenschleuder, der ist trocken und knapp und lustig. Und dann meine ganz persönlichen Helden: Erika und Ulrich Gregor. Die waren schon immer dabei. Die haben alles miterlebt. Die stecken so voller toller Anekdoten (denn ich bin ja kein prinzipieller Feind der Anekdote, genausowenig wie ich ein Feind der Filmkunst bin), da sitzt die personifizierte Geschichte vor einem, die haben noch Sachen erlebt, zum Beispiel den Kulturattaché der deutschen Botschaft in Paris oder sonstwo, der bei Schlöndorffs „Der junge Törless“ empört aufstand und rief: Das ist kein deutscher Film! Oder irgendein anderer Diplomat, der zu Ulrich Gregor sagte: Ich würde sie jetzt ja zum Duell fordern, aber leider sind Sie nicht satisfaktionsfähig! Oder die frühen Tage des Berlinale-Forums, als man endlos diskutierte und im Zweifelsfall den Film ein zweites Mal sichtete. Ich, also meine Generation, also ich würde gern das gesamte erlebte Wissen dieses wunderbaren Paares irgendwie herunterladen und für die Nachwelt retten. Im „Schnitt“ hatten die Gregors mal eine Kolumne, die nur aus Anekdoten bestand, aber ach, der „Schnitt“ ging auch den Bach herunter, genau wie die Kudamm-Kinos und der Royal-Palast und 35mm und überhaupt alles und demnächst auch wir selbst, es ist so schlimm und schrecklich. Nostalgie ist andererseits völliger Mist, denn die Zeit, die man selber damit verbringt, in Nostalgie zu schwelgen, die ist ja in doppelter Hinsicht verloren, an die kann man sich später nämlich noch nicht mal nostalgisch erinnern. Ach, was waren wir damals nostalgisch, weißt du noch, im Jahr 1998, als wir von den guten alten 70er Jahren schwärmten? Eben, völliger Quatsch.

Ich bin jetzt, am folgenden Morgen, da ich den Abschied von gestern unter anderem darin zelebriere, daß ich diese Worte auf einem (auch schon wieder fünf Jahre alten) Laptop schreibe und nicht auf einer Triumph-Adler-Olivetti-Olympia, trotzdem schon wieder nostalgisch, und zwar in Bezug auf die allerjüngste Vergangenheit, also den gestrigen Abend. Das letzte Bild, das in meinem Kopf bleibt, ist die Silhouette des Ehepaars Gregor, wie sie nachts um zwei die Straße hinuntergehen, allmählich weg von unserer Gruppe, mit den langsamen Schritten, die man macht, wenn man schon seit 83 Jahren auf diesem Planeten wandelt. Eine Straßenlaterne wirft ihren Schatten zu uns hin, und je näher sie der Laterne kommen, desto größer wird der Schatten. Es sieht schon wieder aus wie ein Filmbild. Die beiden werfen ihren Schatten nicht voraus, sondern ziehen ihn hinter sich her, ein Schatten aus Jahrzehnten voller Geschichten und Menschen und längst und gefeierten und vergessenen Filmen, die wie stumme Schatten immer noch in irgendwelchen Archiven liegen, bis irgendjemand sie vielleicht eines Tages wieder herausholt und in den Projektor einlegt und das Licht ausgeht und die Schatten zum Leben erwachen.

Ach, wäre das ein tolles Ende für einen tollen Text, der Herzen öffnet und Emotionsfeelings abruft! Wie herrlich wäre es! Geneigter Leser, Sie können jetzt hier eigentlich aufhören, dann nehmen Sie wenigstens ein warmes Herz mit in die kalte Welt und schätzen mich für meine Menschlichkeit.

Immer noch da?

Okay, selber schuld. Es gibt nämlich leider noch das krasse nostalgiefreie Kontrastprogramm, auf genau derselben Veranstaltung, zwei Tische neben den großartigen Gregors. Eine geschätzte Regiekollegin schilt und schmäht mich für meine öffentliche Beschreibung des sogenannten „Lolasaufens“. Ich zeihe sie im Gegenzug der Humorlosigkeit. Mache ich natürlich nicht, ich weise nur darauf hin, daß man dann dem „Random Film Festival“ dieselben Vorwürfe machen könnte. Oder sogar den Berlinale-Sichtungsleuten, die garantiert nicht jeden Film bis zum Ende gucken. Was für eine Respektlosigkeit den Filmen gegenüber! Und den beteiligten Einzelleistungen! Nee, so schlagfertig bin ich leider auch nicht. Ich lande doch wieder bei der Humorlosigkeit. Das ganze ist doch erstens eine Parodie auf Auswahl- und Bewertungsprozesse, eine karnevalistisch-ausgelassene Feier dessen, was eigentlich verboten ist. Und darin ein Gegenmodell zum staatstragenden Ernst der Akademie, zum Durchdrungensein von der eigenen Bedeutung. Gelegenheit macht Diebe, und Pathos macht Verarschung, das sind nun mal zwei Naturgesetze. Und schließlich ist es ohnehin der Modus, in dem fast alle es machen. Zumindest weiß ich nicht, wie die Leute 30 ganze Filme in ihren ohnehin vollgepackten Alltag quetschen wollen. Jeder kickt halb geguckte Filme raus, keiner gibt es zu, aber wenn es einer zugibt und es dann sogar noch mit kreativem Mehrwert in ein lustiges Ritual verwandelt, dann muß man den natürlich aufs schärfste kritisieren. Und dann heißt es noch, ich würde mich selber drüberstellen oder rausnehmen. Da erblicke ich mal wieder eine Wortspielsteilvorlage, denn rausnehmen muß ich mich aus der Kiste nun wirklich nicht, und auch das, was gemeint ist, ist falsch, denn ich nehme mich nirgendwo raus. Jeder kann sich in meinen Filmen so langweilen oder empören, wie er will, und sie nach zwei Sekunden empört in die Ecke pfeffern. Jeder darf mit meinem Gesamtwerk Brüggemanngesamtwerksaufen spielen. Das fände ich sogar ziemlich lustig. Ja, ich fände saulustig, und zwar mit gänzlich reinem Herzen, ohne Koketterie, Tand und Eitelkeit. Soviel gesunde Distanz zum kläglichen eigenen Streben muß man als souveräner Mensch doch haben. Wenn ich die Akademie wäre, dann fände ich auch das Lolasaufen sehr lustig und würde es in den ständigen Veranstaltungskalender übernehmen. Na gut, letzteres vielleicht nicht, aber soviel gesunde Distanz zu sich selbst muß man als souveräne Institution doch haben. Wenn nicht, dann auweia.

Uff, immer diese hammerschweren Themen. Weg damit. Zurück zu Nostalgie. War schön jewesen jestern. Wird heute wieder schön. Und jetzt mal ab ins Kino.

 

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Berlinale, Tag 5 – Der Film als Briefmarke auf Kniehöhe

Kino ist Heimat.
Oder, schmalziger: Kino ist ein Rückfahrticket ins verlorene Paradies. Amerikanische Hirnforscher haben nämlich herausgefunden, daß die Erinnerung an einen Film exakt in denselben Gehirnregionen abgespeichert wird wie Erinnerung an eigene Erlebnisse. Deutsche Hirnforscher haben zwar gleich danach herausgefunden, daß ich mir das nur ausgedacht habe, aber es klingt doch ganz überzeugend. Allerdings gibt es auch Filme, bei denen die Erinnerung an den Film sich deutlich von echten Erinnerungen an Selbsterlebtes unterscheidet.
Einige davon sind bei mir:

Any Given Sunday (Oliver Stone, 2000).
Der Felsen (Dominik Graf, 2002).
Unknown Identity (Jaume Collet-Serra, 2011).
Victoria (Sebastian Schipper, 2015).

Diese vier Filme (und einige andere) sind in meiner Erinnerung klein, verzerrt und auf Kniehöhe. Das liegt daran, daß ich sie im Berlinale-Palast vom zweiten Rang aus gesehen habe. Man sitzt ganz oben, der Film ist ganz unten, was eine skandalöse Umkehrung der Verhältnisse ist, denn der Film soll gefälligst auf mich herabschauen, nicht umgekehrt, und die Leinwandgöttinnen und -Götter, sie müssen überlebensgroß auf mich herabstrahlen und nicht als kleine perspektivisch verzeichnete Briefmarke irgendwo im Tiefparterre herumzappeln. Also war es mir ein Herzensanliegen, bei der Premiere von „Kreuzweg“ vor zwei Jahren fröhlich hinaufzugrüßen in den zweiten Rang und den Leuten zuzurufen: Ich weiß, wie es euch geht, ich war auch sehr oft dort oben, es ist nicht toll dort, wo ihr seid, aber um so toller, daß ihr trotzdem da seid!

Hach, ich werde nostalgisch. Ein Jahr später sitzt man dann wieder ganz oben. Oder auch ganz links außen. Nämlich da, wo sie im Friedrichstadtpalast die Zuspätkommer hinschicken. Dort guckt man dann schräg von außen auf die Leinwand, wo Julia Jentsch und Bjarne Mädel ihr zweites Kind erwarten. Wenn sie links im Bild steht, ist sie riesengroß und er winzig klein. Wenn umgekehrt, dann umgekehrt. Das halte ich nicht lange aus, ich raffe meine Sachen zusammen, hoffe, daß keine Aufpasserin mich maßregeln wird, überklettere ein Absperrseil und begebe mich ins Parkett. Dort sind zwar die Sitze steinhart und die Reihen enger als bei Ryanair, man kann hier am eigenen Leibe den medizinisch seltenen und spannenden Fall erleben, daß einem nicht nur die Füße einschlafen, sondern gleich alles vom Hintern abwärts, dafür ist wenigstens der Film schön groß, und ich bin ziemlich nah dran.

Ziemlich nah dran ist der Film aber ohnehin an seinen Leuten. Vorgestern habe ich die kategorische Forderung nach emotionaler Andock- und Mitfahrgelegenheit ja noch scharf kritisiert, heute fallen alle Schranken, und es wird nach Herzenslust angedockt und mitgegangen. Das klingt jetzt sarkastischer, als es gemeint ist. Der Film ist gut. Ich bin nicht der größte Andocker der Welt – ich möchte zwar vorn sitzen, aber emotional sitze ich nicht so weit vorn wie viele andere Leute. Ich weine auch fast nie im Kino. Ich komme nicht aus Filmen raus und bin total krass fix und alle und dehydriert und erschossen. Aber ich mag diesen Film (er heißt „24 Wochen“) trotzdem. Das wird einem ja oft nicht geglaubt. Es gibt Leute, die finden, man müsse die Wertschätzung für ein Kunstwerk durch körperliche Extremzustände unter Beweis stellen. All diesen Menschen rufe ich hiermit zu: Seid gnädig! Nicht jeder, der weniger heult als du, ist herzlos! So mancher hat nicht nah am, sondern fern vom Wasser gebaut, und doch wird ihm der Keller überschwemmt. Man sieht das dem Haus nur von außen nicht an.

Im Saal bin ich aber wohl in der Minderzahl. Die Leute kippen um. Und zwar wirklich. Irgendwann werden Rufe nach einem Arzt laut. Tumult und Getuschel. Dann geht das Licht an. War der Film so ergreifend? Oder ist vielleicht jemandem auf dem stahlharten Friedrichstadtpalastsitzen der Hintern so tief eingeschlafen, daß ein Arzt gerufen werden muß? Der Film läuft jedenfalls erstmal weiter, ziemlich lang sogar, bevor sie ihn irgendwann stoppen. Und jetzt zeigt sich ein Vorteil meiner entspannt-distanzierten Rezeptionshaltung. Die ganzen nah am Wasser gebauten Emotions-Mitgeher, die sind nämlich schlagartig weg, wenn im Saal irgendwas passiert, das noch emotionaler ist als der Film. Die drehen sich alle auf ihren Sitzen um und gucken oder machen aufgeregte Geräusche oder sind aufgewühlt und betroffen. Ich dagegen denke mir: Alles, was hier getan werden kann, wird bereits ohne mein Zutun getan. Das sinn- und respektvollste, was ich tun kann, ist einfach dem Film weiter folgen. Also tue ich das.

Im Film geht es um die späte Abtreibung eines Kindes mit Down-Syndrom und Herzfehler. Fast alle Eltern, deren Kind mit Down diagnostiziert wird, treiben ab, schon ganz ohne Herzfehler, Trisomie 21 allein reicht völlig. In meiner Verwandtschaft gab es einen Fall, bei dem die Diagnose sehr wahrscheinlich war, und die Mutter wurde von der Ärtzeschaft fast schon zum Abbruch genötigt. Sie weigerte sich, das Kind ist jetzt elf Jahre alt, will dauernd irgendwelche dämlichen Computerspiele spielen, erfreut sich aber ansonsten bester Gesundheit. Heißt alles gar nix, kann man sich ewig argumentativ dran aufreiben, bin selber mit einer behinderten Schwester aufgewachsen und finde, das muß eine Gesellschaft eigentlich hinkriegen, interessant ist aber ohnehin ein anderer Punkt, den der Film eher nebenbei abhandelt: Die wenigsten Leute, die ein Kind wegen Behinderung abtreiben, geben das hinterher zu. Die behaupten fast immer, es wäre von selber passiert. Ich finde, da liegt ein interessanter Hase im Pfeffer, den man eigentlich mal separat herausholen und braten müßte: Die Diskrepanz zwischen dem eigenen Handeln und der Erzählung, die man hinterher daraus macht.

Unser medizinischer Notfall endet dann auch mit einer Erzählung. Nach dem Film tritt jemand auf die Bühne und gibt bekannt, der Dame, die vorhin herausgetragen wurde, gehe es gut, das sei nur ein Schwächeanfall gewesen. Und ich kann mir nicht helfen, ich frage mich:  Mal angenommen, die Frau sei verstorben – würde man das auch so verkünden? Verehrte Zuschauer, die Zuschauerin, wegen der wir den Film kurz anhalten mußten, ist jetzt leider tot. Sorry. Wir haben draußen ein bißchen psychologische Betreuung organisiert. Jetzt machen wir mal eben eine Schweigeminute.

Wenn ich einen Kinosaal managen würde, in dem jemand stirbt, dann würde ich abtreiben, und wenn mein Kind behindert wäre, dann würde ich die Zuschauer anlügen. Diese doofe Vertauschung der Elemente sei ein Hinweis auf die letztendliche Sinnlosigkeit solcher Denkanstöße. Sie taugen als Anstoß für lange, tiefe, gute Lagerfeuergespräche im Pfadfinderlager. Mit anderen Worten: Als Gesellschaftsspiel. Im echten Leben ist dann eh immer alles ganz anders, viel verwirrender und irgendwas zwischen kafkaesk und bekloppt. Deswegen gehen wir ja ins Kino, da ist Erinnerung, da ist Heimat, da ist es gemütlich, ganz egal, was für schreckliche Dinge der Film schildert.

Zum Abschluß noch ein Witz, den ich aus dem heutigen Wettbewerbsbeitrag „Death in Sarajevo“ mitgebracht habe.
Ein kleiner Wurm fragt seinen Vater:
–Papa, gibt es tatsächlich Würmer, die in Äpfeln wohnen?
–Ja, mein Sohn, die gibt es.
–Papa, aber gibt es auch Würmer, die in Fleisch wohnen?
–Ja, auch die gibt es.
–Aber Papa, warum wohnen wir dann in einem Stück Scheiße?
–Mein Sohn, das ist unsere Heimat.

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Berlinale, Tag 4 – Ich bin ein Dichter, ihr lieben Mäusegesichter

Ich komme nach Hause, greife zum schärfsten Küchenmesser, setze es an mein Handgelenk, direkt an die Pulsader, und ziehe einmal energisch durch. Fühlt sich jedesmal an wie Selbstmord, ist aber nur das Abschneiden des sogenannten Bändchens. Das Bändchen ist der Eintrittsausweis für die Party, und das Bändchen trennt die Leute zweimal in zwei Gruppen: Einerseits die Eingeladenen und die Uneingeladenen, andererseits die Feiernden und die Arbeitenden (und dann nochmal die Normalos und die VIPs, aber das hatten wir ja schon).

Wer wie ich in den 80er Jahren ein Kind war, der kam an Frederick nicht vorbei. Frederick war ein Kinderbuch über eine faule Maus, die keinen Bock auf Arbeit hat, sich von den anderen Mäusen durchfüttern läßt und ihnen im Gegenzug irgendwas von Sonnenstrahlen und Farben vorfaselt, woraufhin die anderen Mäuse ihn nicht etwa davonjagen, sondern als Künstler feiern. Im Buch ist Frederick allerdings der Held. Die arbeitenden Mäuse sind eher so Komparsen und haben keine höheren geistigen Interessen. Frederick muß ihnen erst die Augen öffnen. Die Botschaft war klar: Man sollte so sein wie Frederick. Unsere Kindergärtnerinnen, die damals noch nicht Erzieherinnen hießen, lasen uns das Buch vor, und am Ende, wenn es auf die Pointe zulief, verlangsamten die Kindergärtnerinnen ihre Stimme und wurden im Tonfall ganz bedeutsam, denn am Ende sind die doofen Körnersammelspießermäuse sehr ergriffen, nachdem Frederick seinen Sonnenstrahlenmonolog beendet hat, und das Buch endet mit folgendem Schlagabtausch:

Frederick, du bist ja ein Dichter!
Ich weiß es, ihr lieben Mäusegesichter.

Ich kann mich erinnern, daß ich das schon als Kind ziemlich mies fand. Erst läßt Frederick die anderen arbeiten und macht keinen Finger krumm, dann quittiert er das Lob mit einem blasierten „weiß ich längst“, und dann kommt noch so ein Reim aus der Brechstangenabteilung. Wenn Kunst, dann bitte nicht so.

Es gibt ja im Volke dieses stets köchelnde Ressentiment, daß Künstler eigentlich nur Parasiten seien, Schmarotzer am kraftstrotzenden Körper der wahren Wirtschaft, wo wahre Hände in wahrer Arbeit wahre Werte schöpfen. Wollte man Belege für diese These suchen, so würde man auf Berlinale-Partys einige finden. Die einen betrinken sich mit Freibier, die anderen schleppen die dazugehörigen Bierkästen über die Köpfe der Menge, stehen sich am Einlaß die Beine in den Bauch, lächeln stets freundlich und haben Anweisung, das Bändchen auch schön festzuziehen, damit es nicht an Unbefugte weitergereicht wird. Hätte ich einen dieser Jobs, dann hätte ich nichts als Verachtung im Herzen. Trinkgeld gibt es eh keins, dafür garstige Wortgefechte mit Leuten, die nicht auf der Liste stehen, dann kommen sie alle nach und nach wieder hinausgewankt, beschweren sich über ihre unbequemen Schuhe, kreischen sich gegenseitig irgendwas zu, fallen einander um den Hals und dann in die bereitstehenden Taxis, zur nächsten Party oder nach Hause in den Prenzlauer Berg, wo ihnen keiner sagen wird: Du bist ja ein Dichter.

Ich selber falle immerhin nicht kreischend in Taxis, sondern schwinge mich schweigend aufs Fahrrad, aber von der oben beschriebenen Fremdscham fällt dann wieder ein Stück auf mich selber ab, denn ich bin ja selber Teil der freibiertrinkenden Bändchen-Crowd, und auf die Radfahrerei sollte ich mir auch nix einbilden, denn Taxifahrer wollen doch nur ein bißchen Geld verdienen, bevor das selbstfahrende Google-Auto sie demnächst ins Jobcenter schickt. Sind wir also Parasiten beziehungsweise so wie Frederick, die Maus? Sollten die normalen Mäuse uns verachten? Oder bewundern?

Eins an der Geschichte von Frederick ist jedenfalls völlig falsch. Ob J.S. Bach jede Woche eine Kantate komponiert oder ein deutsches Filmteam in 22 Tagen einen „Tatort“ raushaut oder Michelangelo ein Schiff über den Berg zieht oder Werner Herzog 12 Stunden pro Tag, auf einem Gerüst auf dem Rücken liegend die sixtinische Kapelle ausmalt – Kunst (zählen wir den Tatort mal dazu) macht einen Haufen Arbeit. Indem sie das verschweigt, befördert die Geschichte von Frederick genau das, was sie bekämpfen will, nämlich das Ressentiment vom parasitären Künstler. Wäre die Geschichte realistischer, dann würde Frederick den ganzen Sommer 12 Stunden täglich am Schreibtisch sitzen und sich gelegentlich die Haare raufen, am Ende des Herbstes hätte er dann eine Tragödie in fünf Akten fertiggestellt und würde sie selbst uraufführen, die Reaktion der anderen Mäuse auf die Uraufführung wäre zwiespältig, es gäbe ein paar saftige Verrisse und ein paar wohlmeinende Worte, drei Tage später würde keiner mehr drüber reden, und Frederick würde sich auf der Berlinale-Party einer erfolgreichen Produktionsfirma frustriert die Kante geben. Aber sowas kann man Fünfjährigen ja nicht erzählen.

Die Arbeit ist ja auch nicht identisch mit der Kunst. Sie zerfällt in jede Menge Scheißjobs, die eigentlich unerträglich wären, wenn sie nicht für die Kunst wären. Teppiche schrubben ist ein Scheißjob (den ich auch schon gemacht habe, oh ja, das muß man als Kulturschaffender erwähnen, um dem Parasiten-Ressentiment etwas entgegenzusetzen) – Teppiche schrubben, weil sie Teil eines Filmsets werden sollen, ist dagegen vergleichsweise okay, denn man ist Teil eines größeren Ganzen. Und das ist keine Illusion, das ist wirklich so. Ist ja auch gar nicht so schlimm. Ohne Arbeit kein Feierabend, und Feierabend ist doch eine der prächtigsten Sachen, die der Alltag so zu bieten hat.

Was es aber auch gibt, es ist mittlerweile ein eigenes kleines Genre geworden: Der Scheißjobfilm. Im Forum läuft ein sehr schöner Scheißjobfilm, „Yarden“ von Måns Månsson. Ein erfolgloser Schriftsteller arbeitet auf einem riesenhaften Auto-Verschiebe-Parkplatz im Hafen von Malmö. Bis zum Horizont fabrikneue Audi und VW mit weißen Klebefolien und Schonbezügen. Es folgen die klassischen Elemente der Scheißjobfilmdramaturgie: Miese Bezahlung, kafkaeskes Reglement, der Mensch wird zur Nummer, Denunziation wird belohnt, irgendwann steht man vorm Pförtner und kriegt mitgeteilt, daß man gefeuert wurde, Klamotten bitte sofort ausziehen und hierlassen. Das mag alles nicht brandneu sein, aber ich mochte den Film sehr, denn ihn treibt ein bohrendes Interesse und eine ästhetische Unbedingtheit, die auch wieder sehr klar „Kunstkino“ sagt, aber egal, ich mochte ihn sehr, denn er war gut verdichtete Zeit (siehe gestern). Audi, also einer der Hersteller der Autos, aus denen der Film besteht, ist ja übrigens auch Berlinale-Sponsor und hat sich gegenüber vom Berlinale-Palast einen eigenen kleinen Palast errichtet. Ehrengäste werden in nagelneuen Audis zum roten Teppich kutschiert, dafür steht überall Audi drauf. Irgendeiner muß halt die Rechnung zahlen für die vielen Fredericks, die keine Vorräte anlegen, sondern Sonnenstrahlen sammeln. Es ist ja letztendlich nur ein Austausch von Waren: Wir produzieren „Glamour“, Audi produziert Autos, und beide Seiten des Handels geben sich gegenseitig was davon ab, weil sie jeweils mehr produzieren, als sie selber brauchen. Die Ware würde sonst nur vergammeln, also auf Autohalden in Malmö bzw. zwischen dem achten und neunten Cocktail auf Berlinale-Partys. Das ist einfach Marktwirtschaft. Also Kapitalismus. Soweit okay.

Nicht okay ist, wenn der Kapitalismus sich ganze Stadtviertel baut, die in denen er dann noch nicht mal selber wohnen will. Meine erste Berlinale im Jahr 2000 war auch die erste am Potsdamer Platz. Damals war alles nagelneu, die Berlinale-Veteranen fremdelten, aber heute, 15 Jahre später, redet keiner mehr davon, heute ist der Potsdamer Platz längst ein pulsierendes Stadtviertel, kleine Gemüsehändler sitzen vor ihren Läden, paffen ein Zigarettchen und blinzeln zufrieden in die Nachmittagssonne, im Sommer spielen die Kinder auf der Straße, aus den offenen Fenstern hört man strebsame 15jährige Cello üben, sympathische Kultur-Hipster sitzen scharenweise in irre netten Cafés – haha, saulustig, in Wahrheit ist hier: Nix. Die Hochhäuser stehen überwiegend leer. Wer in die Berlinale-Büros im 4. Stock geht und aus dem Fenster guckt, der guckt gegenüber in große leere Etagen. Die ganzen Wirtschaftsprüfer und Anwaltskanzleien und Architekturbüros, die hier mal als Mieter gedacht waren, sind anscheinend woanders. Und da wird es interessant. Denn daß der gräßliche globale Shareholder-Investoren-Kapitalismus die Fähigkeit verloren hat, lebenswerte Orte herzustellen, wie es der personengebunde Großkapitalisten-Kapitalismus vergangener Tage wohl noch konnte, das ist ja ein alter Hut. Aber daß der Kapitalismus sich in seinen Palästen noch nicht mal selber wohlfühlt, das scheint mir ein vergleichsweise neuer Hut zu sein.

Allerdings weiß ich nicht so genau, auf welchen Kopf man diesen Hut setzen sollte. Möglicherweise sollte man mit dem Kapitalismus umgehen wie mit einem Kind, dem man sagt: Tu dir nicht so viel auf den Teller, iß das erstmal auf, dann kannste dir immer noch mehr nehmen. Also, Kapitalismus, bau dir nicht so riesige Paläste, die du hinterher nicht vollmachen kannst, bau erstmal kleinere, dann kannst du die Mieten auch niedriger halten und so weiter und so fort.

Ach, schon wieder in allgemeinen Betrachtungen versackt. Gestern nochmal im Kino gewesen, „L‘Avenir“, mit Mutter und Freundin. Mutter mochte ihn, Freundin nicht, ich sitze so dazwischen. Dieser Film ist wie Frederick, die Maus. Er ist zu nichts nutze, er macht lauter feinsinnige Beobachtungen, eine nach der anderen, er ist wie Gespräch mit einer klugen Freundin, die bei jeder hochinteressanten Seitenbemerkung ständig vom Thema abkommt, er mäandert so durch seine hundert Minuten, eigentlich finde ich ihn im Rückblick doch ziemlich gut und rufe hiermit: Frederick, du bist ja ein Dichter! Und als solcher mußt du jetzt leider einen Scheißjob auf einem Autoverschiebebahnhof in Malmö annehmen.

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Berlinale, Tag 3 – Guckst du Filme?

Leute begegnen mir und freuen sich über meine Bloggerei. Das freut mich hinwiederum. Dankeschön. Man sollte es aber nicht überbewerten, die meisten kenne ich und hätte es ihnen auch einfach per Mail rüberschicken können. Außerdem, wie jeder Dramaturg weiß, ist das allein schon Grund genug, irgendwas anders zu machen, denn sobald das Muster erkennbar ist, muß man es brechen.

Schluß jetzt also mit der Filmpolitik. Hinfort, Sarkasmus und eitle Wortspielerei. Stattdessen heute ein paar besinnliche Betrachtungen zum Thema:

Zeit.

Letztes Jahr fand ich bei Seneca einen Gedanken, der mich nicht mehr losließ. Nein, ich lese nicht ständig römische Philosophen. Eigentlich lese ich nie römische Philosophen. Aber da war diese Büchlein, meine Freundin hatte es angeschleppt, ich entwendete es ihr, und darin stand sinngemäß: Die Leute unternehmen enorme Anstrengungen, ziehen Mauern und Gräben und Stacheldracht, um Fremde von ihren Besitztümern fernzuhalten. Das wertvollste aller Besitztümer, die Lebenszeit, verschenken sie aber freigiebig. Jeder darf sich ein Stück nehmen, Stück für Stück wirft man sie hierhin und dorthin und weiß noch nicht einmal, wieviel man eigentlich hat. Irgendwann ist dann plötzlich Schluß. Und dann ist das Geschrei groß.

Soweit Seneca.
Man merkt das nur nicht so, setze ich jetzt selber hinzu, weil man sich der Illusion hingibt, die Zeit sei irgendwie ein Kreis – die Jahreszeiten kommen immer wieder, die Berlinale kommt immer wieder, der Medienboard-Empfang kommt jedes Jahr wieder. Vermutlich braucht man diese Illusion zum Leben, aber wenn man es sich mal nüchtern anschaut, wird man feststellen, daß die Zeit kein Kreis ist, sondern gnadenlos und brutal linear. Der doofe Spruch „Live every day as if it were your last“ stimmt insofern, als daß jeder Tag tatsächlich der letzte ist. Gestern zum Beispiel war der letzte 13. Februar 2016. Er wird nie wiederkommen. Er ist vorbei. Für immer. Tschüs, dreizehnter Februar 2016.

Und sie vergeht leider auch, die Zeit, wenn man nicht an sie denkt. Kurz mal Facebook runtergescrollt: Zack, schon wieder 30 unwiderbringliche Minuten vom Lebensfaden abgeschnitten. Kurz mal auf dem Medienboard-Empfang geschätzte fünfzig Zigaretten geraucht und einfach so auf den Teppich geworfen, weil das jeder macht – kawumm, schon wieder drei Stunden weg. Und währenddesen man da so vor sich hinvernichtet, kommt gelegentlich die Smalltalkfrage:
Guckst du Filme?
Oh ja, ich gucke Filme, denn das ist eine der wenigen Methoden, die Zeit nicht nur zu vernichten, sondern dabei wenigstens auch zu verdichten, damit man mehr rauskriegt, als man hergibt. Der österreichische Filmemacher Nikolaus Geyrhalter beispielsweise hat Monate damit zugebracht, in alle möglichen Gegenden der Welt zu fahren und dort einen Film über von Menschen verlassene Orte zu drehen. Der Film heißt „Homo Sapiens“, hunderte oder tausende Stunden von Arbeit zahlreicher Menschen sind in diese neunzig Minuten geflossen, die ich mir heute ansehen durfte, und besser läßt die Zeit sich kaum verdichten. Es war eine Reise, die ich in der Realität wohl nicht in neunzig Minuten hätte machen konnen. Vielmehr hätte ich Wochen und Monate meines Lebens drangeben müssen.

Ansonsten waren heute die Empfänge der Schauspielagenturen. Seltsame Sache. Da stehen sie alle herum und wissen nicht so genau, was von ihnen erwartet wird. Ich liebe Schauspieler. Sie sind Helden, und sie sind tragische Helden. Es gibt kaum eine Art, sich selbst so zum Abschuß freizugeben, wie vor einer Filmkamera. Jeder darf dich angucken und dich scheiße finden. Immer muß du irgendwie aussehen. Aber du wolltest es ja so. Keiner hat dich gezwungen. Was natürlich nicht stimmt, denn die Kunst kam einfach so herbeispaziert und hat im Befehlston gesagt: Du! Du machst das jetzt. Zack-zack, keine Widerrede.
Wie hält man das aus? Es gibt tausend Strategien, keine funktioniert garantiert. Die meisten Kompensationsmanöver für die seelische Dauerüberhitzung des Schauspielerberufs bewegen sich irgendwo entlang einer Spannbreite, an deren einem Ende „Saufen“ steht und am anderen Ende „Yoga“.

Doch wenn ich meine Lebenszeit sowieso mit jedem Atemzug vernichte, dann doch gern in Gesellschaft meiner liebsten Schauspieler. Man muß da gar nicht viel reden. Es gibt Schauspieler, die ich liebe und mit denen ich mich nächtelang bestens unterhalten kann.  Andere liebe ich ganz genauso, weiß aber eigentlich gar nicht, was ich mit ihnen reden soll. Das macht aber gar nichts, man liebt sich einfach so. Es gibt ja gelegentlich auch Frauen bzw. Männner, mit denen man ganz wunderbar tanzen kann, obwohl man sich nicht richtig viel zu sagen hat. Man steht einfach beieinander, vernichtet in aller Gemütsruhe schweigend ein wenig Zeit miteinander und weiß: Es könnte jederzeit Musik einsetzen, und dann würde man tanzen. Im Rahmen der gewählten Metapher hieße das natürlich: Drehen. Also miteinander unerhörte Mengen von Zeit vernichten und verdichten, damit irgendjemand anders, den man vermutlich nie kennenlernen wird, damit wieder anderthalb Stunden seines Leben auffächern kann in ein Vielfaches.

Eigentlich ein ganz fairer Deal.

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Berlinale, Tag 2 – Ich brauche was zum Andocken

Gegen Mittag besuche ich meine Freundin, die ein wenig auf der Berlinale arbeitet. Meine Freundin ist eine Powerfrau, energisch und liebenswert. Danach kurz zu Roland, dem Schrauber, der soeben mein uraltes Auto durch den Tüv schraubt. Roland ist ein ehrlicher Kumpeltyp und ebenfalls liebenswert. Danach Kaffee mit Carola, einer uralten Freundin aus München, die zur Berlinale in der Stadt ist. Carola ist eine toughe, aber verletzliche, äh, ebenfalls Powerfrau, und außerdem auch liebenswert. Warum diese bescheuerten Phrasen? Habe ich noch alle Tassen im Schrank?

Stellen wir die Frage mal kurz zurück und gehen ins nächste Meeting. Ich habe jetzt nämlich die einmalige Chance, einigen Top-Entscheidern der deutschen Filmbranche mein nächstes Projekt zu präsentieren. Es wird diesmal ein Genrefilm. Und den stelle ich mir folgendermaßen vor: Der personifizierte Tod kommt in eine kleine Stadt, pachtet ein Grundstück direkt neben dem Friedhof, baut sich da ein Haus und umgibt es mit einer unendlich hohen Mauer (wir zeigen im Film niemals die obere Mauerkante, also ist sie unendlich hoch). Dann setzt der Tod sich neben ein verliebtes Pärchen in eine Gaststätte, und als die Dame kurz mal aufs Klo verschwindet, ist ihr Mann mit dem Tod fortgegangen. Sie geht ihm nach, landet vor der riesenhaften Mauer und sieht auf einmal eine Prozession von Geistern auf sich zukommen, die durch die Mauer hindurchgehen. Der Tod läßt auch sie ein und führt sie in eine Halle voller brennender Kerzen. Jede Kerze ist ein Lebenslicht. Jedes wird irgendwann verlöschen. Wenn die Frau ihren Geliebten vom Tod zurückhaben möchte, dann darf sie dreimal versuchen, einen Todgeweihten zu retten. Wird sie es schaffen?

Weil die drei Versuche im Morgenland, in Venedig und in China spielen, wird der Film recht teuer, aber zum Glück sind all meine Gesprächspartner mit Begeisterung dabei, nee, Schmarrn, der Film existiert längst, er ist von 1921 und heißt „Der müde Tod“. Damals fand man ihn angeblich nicht so gut, sagt zumindest Wikipedia, den Kritikern war er nicht deutsch genug, was immer das heißen mag, dafür ist es längst ein Klassiker, der weltweit Spuren hinterließ, zum Beispiel in den Köpfen von Alfred Hitchcock, Douglas Fairbanks und Luis Bunuel. Und überhaupt: Dämonische Leinwand! Das Weimarer Kino! Was für großartige Filme entstanden damals hierzulande! Wo ist sie hin, diese Tradition?

Stellen wir auch diese Frage einstweilen zurück und eilen weiter in den nächsten Film. „Midnight Special“ von Jeff Nichols im Wettbewerb. Ein unglaubliches Ding. Ein unglaublicher Sog. Die reale amerikanische Tristesse abseits der großen Städte, das Land der einsamen Tankstellen, wo man in der Tiefe der Nacht einen geschmacklosen Kaffee und etwas Chemie-Junkfood mitnimmt, um dann weiter stundenlang durchs Nichts zu fahren, das Land der öden Vorstädte mit ihren öden Gemeindezentren und Versammlungshallen, seltsam verschränkt mit einer seltsamen Fantasy-Geschichte: Ein Vater fährt mit seinem Sohn übers Land, fort von der gruseligen Sekte, bei der sie gelebt haben, der Sohn hat übersinnliche Kräfte, manchmal leuchten seine Augen, das FBI nimmt die gesamte Sekte fest und fragt sie aus, der Vater wird verfolgt, der Junge ist krank und darf das Tageslicht nicht sehen. Klingt alles exakt genauso seltsam wie „Der müde Tod“, wirkt genauso unheimlich und zwingend und seltsam.

Da ist sie also hin, die dämonische Leinwand. Und noch während der Film läuft, überlege ich: Was ist so toll an diesen Charakteren mit ihren zerfurchten Gesichtern und der stoischen Unbeirrbarkeit, mit der sie durch den Film wandeln?
Vielleicht folgendes:
Sie sind nicht liebenswert.
Sie sind erwachsen.
Sie sind einfach das, was sie sind.

Vor einigen Tagen richtete ich ja an dieser Stelle einen Appell ans deutsche Kino: Hör auf, so ernst zu sein. Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Es gibt den öden Alltags-Ernst. Ein Brief von der Stadtverwaltung ist ernst. Und es gibt den heiligen Ernst. Eine Wagner-Oper oder ein WM-Finale sind ernst. Andererseits gibt es den Unernst, und auch den gibt es zweimal. Es gibt den großen, existenziellen Unernst eines Billy Wilder oder Woody Allen oder der Coen-Brüder. Und es gibt den gräßlichen Unernst einer bestimmten Sorte von Film, die ihren Figuren und auch den Zuschauern fortwährend auf die Schulter klopfen und sagen: Alles nicht so schlimm. Wenn irgendwann mal jemand so einen Film macht und sich dabei auf meinen Appell zum Unernst beruft, dann muß ich mir leider die Kugel geben.

Leider sind wir in Deutschland ziemlich weit vorn, was diese infantile Sorte Film angeht. Wohin man schaut, sieht man liebenswert-patente Senioren, die sich nicht unterkriegen lassen, liebenswert schrullige Kumpeltypen, die sich nicht unterkriegen lassen, liebenswerte zwanghafte Beamtentypen, die in ein exotisches Land fahren und dort  total crazy Leuten begegnen und das Leben zu schätzen lernen und sich natürlich auch nicht unterkriegen lassen. Und damit wären wir wieder beim Anfang dieses Textes. Wenn ich die Menschen um mich herum in diesem Vokabular beschreiben würde, dann wäre ich ein Vollidiot. Es gibt also keine Rechtfertigung, seine Filmfiguren so zu behandeln. Dieses infantilisierende, pädagogisch wohlmeinende, betuliche, drollige, niedliche, dem vermeintlichen Publikumswunsch eilfertig hinterherlaufende, das kann man gar nicht ausführlich genug beschimpfen. Es ist eine doppelte Entmündigung, nämlich des Zuschauers und der Filmfiguren. Und nein, es ist natürlich kein rein deutsches Phänomen, ich habe sowas auch schon aus Frankreich gesehen, und zwar im offiziellen Programm von Cannes.

Jedenfalls widerspreche ich mir jetzt selbst und rufe lautstark: Hört auf, so liebenswert zu sein! Her mit dem heiligen Ernst!

Richtig schlimm wird es dann aber, wenn Leute aus so tollen, vielschichtigen, unterschiedlichen Filmen wie „Midnight Special“ oder „Hail Caesar“ kommen und dasselbe sagen, nämlich: Mir hat irgendwie was zum Andocken gefehlt. Ich wußte nicht, bei welcher Figur ich mitgehen sollte. Eigentlich müßte man darauf erwidern: Dann geh doch heim zu deiner Mami, da hast du eine Figur zum Andocken. Ein Film ist nicht dafür da, dich an der Hand zu nehmen und mit dir auf den Spielplatz zu gehen und dich auf der Schaukel anzuschubsen. Werd erwachsen. Im Idealfall kannst du dann irgendwann sogar auf erwachsene Art erwachsen sein, nämlich nicht wie ein altkluger Jugendlicher, der alles besser weiß, sondern wie ein Erwachsener, der weiß, daß nicht alle Widersprüche aufzulösen sind und man auch mal auf das eigene Erwachsensein pfeifen muß.

Zack, schon wieder mittendrin in filmpolitischen Pauschalaussagen. Wollte ich ja eigentlich gar nicht. Vielmehr wollte ich zart-impressionistisch-feinsinnig von meiner persönlichen Berlinale berichten. Also, weiter ging es zu einer Veranstaltung namens „Blue Hour“. Die Stunde um Sonnenuntergang, wenn das Licht aus allen Richtungen zugleich zu kommen scheint und die Dinge von innen leuchten, nennt man die „blaue Stunde“. Ein toller Ausdruck. Im Englischen sagt man „Magic Hour“. Auch ein toller Ausdruck. Aber „Blue Hour“? Na ja. Heißt halt so. Anwesend unter anderem: Der liebenswert-jugendliche Produzent Jochen Laube. Der liebenswert-knorrige Verleiher Torsten Frehse. Der liebenswerte Programmdirektor der ARD, der liebenswert-energische Produzent Michael Lehmann und die liebenswert-ätherische Schauspielerin Odine Johne. Eigentlich wollte ich ja spät nachts betrunken bloggen, letzte Nacht hat meine Freundin protestiert, also bin ich ihrem Wunsch gefolgt und habe diesen Text morgens geschrieben. Schließlich brauche ich ja was zum Andocken, nee, das klingt zu dämlich, ich brauche was zum Mitgehen, und außerdem bin ich liebenswert.

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Berlinale, erster Tag – I am very important

Alzheimerpatienten denken meistens, sie wären um die 30 Jahre alt. Daher wundern sie sich fortwährend darüber, wie sie von ihrer Umwelt behandelt werden, und erschrecken vor ihrem eigenen Spiegelbild. Ich selber fühle mich kein Stück anders als ein 21-jähriger, der sich planlos an Filmhochschulen bewirbt, erschrecke immer öfter auch vor meinem eigenen Spiegelbild, bin aber, wie ich aus dem Verhalten meiner Umwelt erschließen kann, keine 21 mehr, sondern VIP, zumindest heute, denn ich sitze in der Sponsoren-Lounge der Berlinale-Eröffnung und unterhalte mich mit meinem geschätzten ehemaligen Regieprofessor von der Filmhochschule, der heute einen rosafarbenen Plüschhasen als Hut auf dem Kopfe trägt und ebenfalls VIP ist. VIP steht für „very important person“ und ist die todsichere Methode, eine Party zu killen, denn es zerstört die Illusion der aufgehobenen Unterschiede, von denen jede gute Party lebt, denn die einen sind draußen und fühlen sich doof, weil sie nicht very important sind, die anderen sind drin und bilden sich ein, sie hätten das verdientermaßen verdient, oder haben ein schlechtes Gewissen, weil andere draußen sind. Ist nicht Europa eigentlich ein einziger großer VIP-Bereich? Welch naheliegender Gedanke! Sagt aber so niemand, obwohl auf der Bühne wirklich jeder was zur Flüchtlingsthematik sagt. Es würde sich auch einfach zu doof anfühlen, ein Filmfestival zu feiern, ohne den brennenden Problemen der Tagespolitik wenigstens kurz zuzunicken.  Dann wird der Eröffnungsfilm gezeigt, „Hail Caesar“ von den Coen Brüdern, ein unfaßbar hemmungsloser, hochintelligenter Spaß und zugleich der politischste Film, den ich je gesehen habe, denn er nennt die Probleme kurz und klar beim Namen, zeigt sich zugleich aber völlig illusionslos, was deren etwaige Lösung anbetrifft. Allgemeine Begeisterung, nee, von wegen, hinterher wird gemäkelt, viele Leute haben irgendwas vermißt. Kulturloses Fußvolk! Banausen! Was hab ich mit euch zu schaffen, ich begebe mich lieber mal weg von euch in den VIP-Bereich, wo die Coen-Brüder und George Clooney und Humphrey Bogart mit Selma Lagerlöf den Jitterbug tanzen. An der Tür dann allerdings Ernüchterung: Man läßt mich nicht rein, ich bin also doch keine VIP, sondern nur eine P. War ja auch klar, ich bin ja nur ein 21jähriger, der sich planlos an Filmhochschulen bewirbt – nee, Moment mal. Versuchen wir es doch mal, wie wir es sonst aus Gründen der Selbstachtung nicht versuchen, also ungefähr so: Tschuldijung, Brüggemann mein Name, ick hab hier mal vor zwee Jahren so‘n silbernet Tier jewonnen, so‘n Wurfjeschoß, dürfte ick eventuell…? Aha. Moment bitte. Frau in Uniform geht ab. Frau in Uniform tritt wieder auf. Nee, kommen Sie in ner halben Stunde wieder. Okay. Fairer Deal. (An dieser Stelle kurzes Hohelied auf die ganzen Einlasser-Garderoben-Nachtschichten-Menschen. Die sind die wahren VIPs. Gebt ihnen Trinkgeld. Hab ich heute an der Garderobe einer Veranstaltung mit 800 Anzugträgern einfach mal gemacht. Fühlte sich etwas komisch an. Wurde mit ungläubiger Freude quittiert.) Also zurück zum Non-VIP-Fußvolk, dort erleichterte Feststellung: Ist doch total nett hier. Anwesend unter anderem die Non-VIPs Sebastian Schipper, Christian Petzold, Hans-Christian Schmid und Tom Tykwer. Moment mal, wenn diese Titanen für die Berlinale keine Sehr Wichtigen Personen sind, wer denn dann? Lassen wir die Frage einstweilen unbeantwortet im Raum herumstehen und unterhalten uns mit Tom Tykwer. Der erzählt, warum sein neuer Film nicht auf der Berlinale läuft. Es lag am fehlenden Armbändchen. Sie haben ihn nicht reingelassen. Diese Quatsch-Erklärung ist natürlich nur Platzhalter für den wahren Grund, der interessant ist, aber nur in VIP-Kreisen verbreitet werden darf. Halbe Stunde später, nüscht wie rin ins VIP-Areal, und da tummelt sich:
Niemand.
Gähnende Leere.
Wenn die demografische Entwicklung so weitergeht, dann wird das Betreten unserer schönen VIP-Area namens Deutschland in ein paar Jahrzehnten genauso vonstatten gehen. Man denkt: Hurra, geil, endlich lassense mich rein, dann kommt man rein, und da sind gerade noch zwei Leute, die den Müll zusammenfegen und die Lichter ausmachen.
Weil man aber nicht gleich immer die große Deutschland-Metapher aufmachen muß, nochmal eine Nummer kleiner. Irgendwie ist das auch ganz toll. Ein Moment von abstrakter Schönheit. Verweile doch, du bist so schön.
Und drittens: Ey Männo, get real! Das ist doch immer so, Mähäänsch! Sponsoren müssen bei Laune gehalten werden und Finanziers und Geld und überhaupt und werd erstmal erwachsen und komm mal klar, du Pappnase!
Okay, ich bin ja eigentlich erst 21 und etcetera, ich halte jetzt den Mund.
Epilog: Bei den VIP-Rauchern, da ist dann doch noch was los. Kleine VIP-Fachsimpelei mit einer befreundeten Berlinale-Insiderin, die mir sagt: Schreib das aber nicht auf deinen Blog, sonst wirste nie wieder eingeladen.
Na klar. Immer gern.
Dieser Text versteht sich als Anfang einer sportlichen Übung: Jede Nacht vorm Schlafengehen und selbstverständlich stocknüchtern ungefiltert aufschreiben, was mir vom Berlinale-Tag hängenblieb, und sofort ohne nochmaliges Lesen veröffentlichen. Wenn mir nix mehr einfällt oder ich feststelle, daß ich einfach zu nüchtern bin, lasse ich es halt wieder bleiben.

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Lolasaufen

Die „Kiste“ ist mal wieder da. Die „Kiste“ ist in Wahrheit eine Mappe mit sehr vielen DVDs. Auf den DVDs sind die Filme, die für den Deutschen Filmpreis vornominiert wurden. Also von geschätzten achthundert deutschen Spielfilmen des letzten Jahres die besten 30. Was sind die besten? Wie immer in der Kunst sind die Kriterien subjektiv. Am anderen Ende der Skala, bei den schlechtesten, da herrscht meist mehr Einigkeit. Man könnte die schönen Künste vergleichen mit dem 100-Meter-Lauf der Männer ohne Orientierungssinn bei Monty Python: Alle kauern auf der gleichen Startlinie, dann erklingt der Startschuß, und zehn Leute rennen in zehn verschiedene Richtungen davon. Unmöglich, am Ende einen Sieger zu bestimmen, aber wenn einer nach zehn Metern versackt, dann läßt sich das doch recht klar konstatieren. Sollte man denken. Aber manchmal regen sich Zweifel. Durchaus auch bei Betrachtung der „Kiste“.

(Ich selber habe mit der Kiste übrigens nichts zu tun, ich bin nicht in der Filmakademie, und meine Filme liegen nie in der Kiste. Ist mir auch egal, wobei, wenn man mal an die obszönen Geldbeträge denkt, die die Branche sich da austeilt, äh, ich schweife ab, aber mal ehrlich, „Kreuzweg“ ging ja so’n bißchen um die Welt, blamiert sich die Filmakademie da möglicherweise doch ein wenig, wenn sie den noch nicht mal unter die brauchbaren 30 wählt? Nein, denn man muß fairerweise dazusagen, daß die Vorauswahlkommission schon tagte, als die Berlinale ihr Programm noch nicht bekanntgegeben hatte, die Kommission mußte also ganz allein entscheiden, ob der Film gut oder schlecht ist. Keiner half ihnen. Das ist wie Weinprobe mit verbundenen Augen und ohne Geschmacksnerven.) (EDIT: Ich wurde von einer Regiekollegin scharf kritisiert und der Lüge bezichtigt, denn anscheinend war diese Information falsch, sie wußten es doch. Na gut. So gefährliche Worte wie „Lüge“ sollte man da nicht gleich aus der Garage fahren. Mir lagen einfach andere Informationen vor. Was das jetzt am Sachverhalt ändert und wie man den Weinprobenvergleich modifizieren müßte, kann sich jeder selber zusammenbauen.)

Eher per Zufall habe ich nun vor zwei Jahren mit einem guten Freund, der seinerseits Kistenbesitzer ist, eine gar herrliche Art entdeckt, sich mit der Kiste einen netten Abend zu machen. Es ist ein Spiel für zwei oder mehr Mitspieler, und es geht so: Man stelle eine Flasche Schnaps bereit (Wodka, Whisky, irgendwas, was knallt) sowie für jeden Spieler ein Gläslein. Dann legt man irgendeinen Film ein und läßt ihn in stiller Größe auf sich einwirken. Wer es als erstes nicht mehr aushält, schreit „Stop!“ und muß zur Strafe ein Glas Schnaps trinken. Wenn ein anderer Spieler den Film auch nicht gut fand, darf er sich solidarisieren und ein Glas mittrinken. Auf diese Weise schafft man zehn bis fünfzehn Filme an einem Abend, ist hinterher anständig blau und hat a gscheit verbotne Fetzngaudi. Das Spiel nennt sich „Lolasaufen“, und jeder Kistenbesitzer kann es zuhause nachspielen. (EDIT: Dieselbe Kollegin, die mich schon im letzten Absatz tadelte, findet auch dieses Spiel nicht lustig. Mehr dazu hier.)

Also, verehrte Zuschauer, wir haben uns hier mal wieder eingefunden zu einer Aufführung eines alten bürgerlichen Trauerspiels namens: Der Deutsche Film.

Stop! Hört auf mit dem Bashing! Diese Selbstgeißelung, das ist so furchtbar deutsch! – Ja, auch diese Zwischenrufe aus dem Publikum sind mittlerweile Bestandteil des Dramas. Und nichts läge mir ferner, als zu bashen. Ich kam mit Liebe im Herzen. Ich floh aus der grauen, bösen Welt und entdeckte das Kino. Dieses Glück, sich in einem dunklen Raum zu verkriechen und dort von einem Film aufsaugen zu lassen. Doch die andere Seite dieses Glückes ist eben das Unglück, wenn ein Film so finsterlich mißraten ist, daß man aus dem dunklen Saal wieder fliehen möchte hinaus in die graue, böse Welt. Ich fände es großartig, wenn die Filme aus meinem Land großartig wären. Ich würde singend und jubilierend dreimal die Woche in deutsche Filme rennen. Stattdessen denkt man zu oft beim Gucken: Echt jetzt? Soll ich euch das glauben? Haben diese Dialogsätze, diese Dramaturgieschablonen, diese Bilder, haben die nicht schon meterlange Bärte, Bärte aus den Tiefen des vorigen Jahrhunderts? Bärte, die schon damals, als sie kürzer waren, nicht gut aussahen? Ich fürchte also, daß wir es hier keineswegs nur mit einer verzerrten Wahrnehmung zu tun haben. Die Freude, die man beim Gucken nicht hat, ist schon ein ganz verläßlicher Indikator für die Qualität, die der Film nicht hat. Die Bestandsaufnahme wäre niederschmetternd, wenn man nicht ohnehin schon seit Jahren niedergeschmettert wäre.

Das haben auch andere erkannt, nämlich zahlreiche internationale Festivals, auf denen das deutsche Kino derzeit keine besondere Rolle mehr spielt. Und das hat wiederum der Verband der Deutschen Filmkritik erkannt und schmeißt aus diesem Anlaß einen lustigen Diskussionsabend unter dem beschwingten Titel: „Kino machen andere – warum der deutsche Film einem toten Elch gleicht, den selbst die Geier naserümpfend verschmähen.“ Den zweiten Teil des Titels habe ich mir leider nur ausgedacht. Die Veranstaltung ist heute abend. Ich würde normalerweise hingehen, zuhören und wissend nicken. Bin aber schon länger woanders verplant. Werde also nicht hingehen. Eigentlich sehr schade. Eigentlich egal.

Zunächst aber ein ernstgemeintes Kompliment. Endlich sagt‘s mal einer. Es war überfällig. Uns fehlt nicht nur Qualität, sondern auch eine qualitätvolle Debatte über selbige. Gespräche unter Filmschaffenden in Deutschland drehen sich allesamt, immer, jedesmal nach spätestens achteinhalb Minuten in eine einzige Richtung: Geld. MBB, BKM, NRW, FFF, FFHSH, die FFA schmeißt Til Schweiger fünf Fantastilliarden hinterher, wegen MDM müssen wir fünf Wochen in Halle herumsitzen, der WDR würde uns mehr Geld geben, aber das will der NDR nicht, weil dann der BR nicht mehr federführend wäre und die Frau vom SWR mit dem vom HR gut klarkommt, aber nicht mit dem Pförtner von Radio Bremen. Alle Beispiele sind verfremdet und außerdem ausgedacht. Nie würde ich in die Hand beißen, die mich füttert. (Ähnlich dämlich sind übrigens die Fachsimpeleien, in die man unter internationalen Filmemachern gerät, da geht es nur um Cannes und Toronto und nordamerikanische Premiere und wenn Sofia, dann nicht San Sebastian, man wirft sich Festivalorte an den Kopf, als wären es Automarken, und es ist genauso hirnlähmend.) Also, wo sind sie, die begeisterten Runden, die sich wenigstens mal in Euphorie und Rage reden angesichts einer unbedingt zu erzählenden Geschichte, eines filmischen Glücksmoments, der die Leinwände der Welt zum Beben bringen wird? Oder die diesen Glücksmoment dann sogar herstellen? Deutscher Film, du fauler Sack, was ist los?

Die Probleme sind schnell aufgezählt und wurden oft schon von klügeren, zumindest aber ernsteren Leuten als mir benannt. Zuviel Fernsehen in den Fördergremien, überhaupt zu viele Leute in den Fördergremien, überhaupt die Fördergremien, überhaupt alles. An dieser Stelle ein kleiner Ausflug nach Dänemark:

Die Filmförderung ist zweigeteilt: Einmal künstlerisch, einmal kommerziell.
Über kommerzielle Filmprojekte entscheidet ein kleines Gremium.
Über die künstlerische Förderung entscheidet EINER ALLEIN.
Der muß dann auch hinterher dafür geradestehen.
Weil jeder mal einen blinden Fleck haben kann, ist die Stelle doppelt besetzt.
Und nach fünf Jahren ist Schluß, dann kommt jemand anders.

So macht man das, Deutschland.

Und jetzt eine kleine Anekdote aus der eigenen Lebenserfahrung. Es wird ja immer gern auf Redakteure geschimpft. Ich selber kann da nicht mitschimpfen. Hatte nur gute Erfahrungen mit denen. Bis auf die, mit denen ich gar keine Erfahrungen habe, weil wir nie zusammenkamen. Und das kam so. Zu Filmhochschulzeiten drehte ich in fröhlicher Autistik (Wort soeben erfunden) recht seltsame Filme. Einer hieß „Warum läuft Herr V. Amok?“ und handelte von einem Paar, das sich im Kino „Alien V“ ansehen will, aber vom Vordermann daran gehindert wird, der seinen Hut nicht abnehmen will, weil er Fassbinder-Imitator ist, und behauptet, der Film sei gar nicht „Alien V“, sondern „Angst essen Seele auf“. Der Film lief auf der Berlinale, dann auf keinem weiteren deutschen Festival, aber ein bißchen im Rest der Welt. Dann gab es an der HFF immer den Besuchs- und  Kontakteinfädelungstag für Produzenten und Redakteure. Da lief mein Film. Und dann wurden links und rechts von mir Kontakte eingefädelt, kleine Fernsehspiele eingetütet, die Redakteure schlugen ein, daß die Heide wackelte, nur bei mir nicht. Ich fühlte mich klein und einsam. Und irgendwann sagte ich mir: Okay, dann mache ich jetzt halt mal einen deutschen Film. Menschen reden in zehn Minuten langen Einstellungen über ihre Familienprobleme. Ätsch, ich kann das auch. Das Resultat war „Neun Szenen“, der hätte dann deutlich besser laufen können, wenn er weniger lustig gewesen wäre und wir die Farben mehr in Richtung Berliner-Schule-Blässe gedreht hätten, aber er lief gut genug, um alles nachfolgende zu ermöglichen. Den Quatsch mit Alien V gegen Fassbinder hätte ich mir jedenfalls sparen können.

Was lernen wir daraus? Es gibt keine zu beschimpfenden Individuen, aber einen zu beschimpfenden Geist. Anstatt also Gruppen wie Redakteuren, Förderern, Festivals, Kritikern oder sich selbst die Schuld zuzuschieben, sollte man lieber den gemeinsamen Grund finden. Und der ist in den Köpfen. Da sitzt er, der deutsche Film, in all unseren Köpfen. Man muß ihn sich vorstellen wie einen durchaus freundlichen, leider ziemlich unattraktiven, etwas umständlichen, nicht übermäßig intelligenten kleinen grauen Beamten, über dessen Schreibtisch jede Idee geht, und der dann, wenn es gar zu aufregend wird, bedauernd den Kopf schüttelt und sagt: Nee. Geht nicht. Das ist kein deutscher Film. Und zum Spielen gehnse bitte rüber in die Kinderabteilung.

Dieser kleine Beamte, der gehört totgeschlagen und aus dem Fenster geworfen.
Das ist der notwendige erste Schritt.
Danach kommt alles andere.

So sehr ich die heutige kritische Veranstaltung begrüße, so habe ich doch auch Kritik daran anzumelden. Ich fürchte nämlich erstens, daß man da versucht, das Problem im gleichen Tonfall zu lösen, in dem es entsteht, nämlich mit den gravitätischen Stirnfalten des ernstelnden deutschen Kulturmenschen. („Ernsteln“ ist ein Wort, das Robert Gernhardt mal als Pendant zum ihm vorgeworfenen „Blödeln“ vorgeschlagen hat und das ich hiermit freudig begrüße). Zweitens darf auch die Gegenwelt, die da aufgemacht wird, nämlich die internationalen Festivals, nicht unhinterfragt im Raum stehen bleiben. Dieser gläubige Blick nach Cannes, wo angeblich das Wahre, Gute und Edle stattfindet, den mache ich nicht so ohne weiteres mit. (Und drittens steckt da auch so eine kleine Portion Wichtigtuerei drin: Je kränker der Patient, desto wichtiger der Arzt. Das aber nur in Klammern. Klammer zu.)

Also, erstens: Deutsche Podiumsdebatten sind wie deutsche Drehbuchgespräche. Ritualisiert, zu lang, zu wenig Energie, irgendwas kommt am Ende schon rum, aber kaum je ein entscheidender Durchbruch. Man problematisiert sich so durch den Nachmittag und wäre gern woanders. Großartigerweise hat man sich aber internationale Gäste eingeladen. In England und Amerika, da ist es nämlich anders. Da kommt vielleicht am Ende auch nichts rum, aber in England, meine Güte, da machen die Leute selbst bei todernsten Anlässen erstmal Witze, und die sind dann auch noch meistens richtig gut. In so einer Geisteshaltung ließe sich vielleicht auch der deutsche Film effektiv in den Hintern treten.
Ließe.
Konjunktiv.

Zweitens: Das internationale Kino zerfällt doch auch immer mehr in zwei Kontinente, nämlich den zunehmend dämlichen Mainstream und das zunehmend sektiererische Festivalkino. Es sollte ja eigentlich so sein, daß die Festivals einfach das spielen, was gerade irre aufregend und total neu oder einfach sehr gut ist, aber so ist es halt nicht. War in früheren Jahrzehnten ein Film noch ein Kommunikationsangebot, eine ausgestreckte Hand, die der Filmemacher dem Zuschauer aus seiner Welt herüberreichte, war das Filmemachen eine Herausforderung, die eigene künstlerische Position verständlich zu machen (was eine Aussage mit zwei gleichwertigen Teilen ist, nämlich „Position“ und „verständlich“), so scheint es mir heute mehr und mehr darum zu gehen, die eigene Idiosynkrasie und den eigenen Narzißmus möglichst ungefiltert auszustellen, wie auch immer sie und er aussehen mögen, und wenn man Glück hat, wird man dafür aufs Podest gehoben. Außerdem haben die Festivals selber auch so einen kleinen Beamten im Kopf, der hat einen Stempel namens „Kunst“ in der Hand, der hat nicht immer, aber oft eine Abneigung gegen alles Komische, der mag es gern still und meditativ und ein bißchen abweisend. Das merken natürlich auch die Filmemacher und machen ihre Filme für diesen Beamten. So kriegt man dann lauter Filme, die sich von vornherein in die Kunst-Pose werfen. Was hinten runterfällt, sind einerseits Filme, die stilistisch nicht in die gerade herrschende Mode passen, und andererseits ganz einfach Filme, die sehr gut sind, ohne in irgendeine Richtung spektakulär zu sein. Die einfach die guten alten Tugenden besitzen, die in der Beschreibung ihrer Welt und ihrer Figuren extrem präzise und treffsicher sind, ohne sich in irgendeine Pose zu werfen. (So einen im besten Sinne normalen Film habe ich übrigens vor wenigen Tagen gesehen, nämlich Micha Lewinskys „Nichts passiert“, und ich finde es äußerst betrüblich, daß die Berlinale für so etwas anscheinend keinen Platz mehr hat. Ist mir selber aber auch schon passiert, und „Kreuzweg“ war bei aller Ernsthaftigkeit auch eine Reaktion darauf, daß die Festivals anscheinend blind für die Qualität des Unspektakulären sind.)

Exkurs beiseite, Fazit: Man kann nicht die Festivalabwesenheit des deutschen Films problematisieren, ohne dabei die Probleme des Festivalbetriebs mitzuproblematisieren.

Hinzu kommen ein paar Denkfallen, in die auch kluge Leute immer wieder rennen. Das eine ist die angenommene Höherwertigkeit des Künstlerischen und Experimentellen über das Handwerkliche und Erzählerische. In vielen Kritikerköpfen ist ein System drin, nach dem „eigenwillig“ automatisch besser ist. Ist es aber nicht. Sind alles erstmal nur verschiedene Disziplinen, in denen man jeweils gut oder schlecht sein kann. Dann die Vorliebe der Kritik für das Unverständliche, ist aber andererseits klar, denn je obskurer das Werk, desto bedeutsamer der Exeget. Auch nicht selten ist die Geringschätzung als vorgefertigte Geisteshaltung. Läuft kaum ein deutscher Film auf der Berlinale, dann ist das schlimm, laufen viele, dann sind die halt erbärmlich. Und dann noch diese nicht auszurottende Marotte, „Wellen“ und „Schulen“ und „Bewegungen“ zu proklamieren. Da nimmt man irgendeine oberflächliche Gemeinsamkeit zum Anlaß, eine Strömung auszurufen, in die man lauter unterschiedliche Leute packt, die in Wahrheit nicht viel miteinander zu tun haben. Frédéric Jaeger hat es kürzlich mal wieder versucht, und ich würde mich totlachen, wenn tatsächlich eine Generation als „Freischwimmer“ in den Sprachgebrauch einginge. Dann doch lieber Seepferdchen. Der von mir durchaus geschätzte Rüdiger Suchsland schimpft auf hohem Nivau und fragt sich, ob die Erlösung vielleicht vom „Berliner Flow“, auch bekannt als „German Mumblecore“ kommen wird, und liefert die Antwort gleich mit: Nein. Ich pflichte bei, aber nur deswegen, weil Qualität ohnehin nicht von bekloppten Bandnamen kommt, sondern von Köpfen, und der Kopf ist ein Einzelphänomen. Wenn ich von irgendjemand hierzulande Großes erwarte, dann vielleicht am ehesten von den Lass-Brüdern, aber doch nicht von irgendeiner „Schule“.

Und jetzt mal zum Positiven. Dieser Text ist jetzt schon verdammt lang. Mein verdammt kluger Kollege Christoph Hochhäusler hat auf seinem Blog was verdammt kurzes geschrieben und damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich finde das so gut und richtig, daß ich es jetzt zitieren muß:

Aber wir haben eine Filmkultur, die in ihren besten Momenten bescheiden ist, während das Unbescheidene fast immer ohne Ambition bleibt. Kurz: der deutsche Film hat ein „protestantisches” Problem. Anders als die Autorengeneration der 70er Jahre, für die ein „katholisches” (performativ-polarisierendes) Verhältnis zur Öffentlichkeit eine Selbstverständlichkeit war, haben wir es heute meist mit Filmemachern zu tun, die versuchen, in gutem Einvernehmen zu leben sowohl mit der eigenen Szene, als auch den Mächten, die ihre Filme finanzieren.

Besser kann man es nicht sagen. Man könnte nur noch fragen: Wer sind eigentlich die Filmemacher in Deutschland? Was sind das für Menschen? Es ist ja unmodern geworden, Menschen mit Eigenschaften zu bezeichnen, es ist irgendwie diskriminierend, jeder ist schließlich schön. Ich mach‘s trotzdem, ich schaue mich um und sehe vor allem drei Typen, die hierzulande Filme machen:

Intellektuelle
Sozialpädagogen
und Proleten.

Hinzu kommen noch die Sachbearbeiter, aber die findet man eher im Fernsehen.
Und verstehnse mich mal nicht falsch: Nix gegen Intellektuelle, nix gegen Sozialpädagogen, und auch nix gegen Proleten. Es gibt großartige Proletenfilme! Und großartige Filmproleten! Aber wo sind die Spieler? Die Künstler? Die Abentheurer? Die Bonvivants? Die Tyrannen? Oder all die anderen Charaktere, die der große deutsche Filmemacher J.W. Goethe hier ausgebreitet hat? Warum werden Leute wie Max Goldt oder Bernd Begemann nicht Filmemacher? Vielleicht gibt es sie, aber vielleicht werfen sie irgendwann zwischen der achten und neunten Drehbuchfassung des seit fünfeinhalb Jahren geplanten Diplomfilms genervt das Handtuch.

Wenn sich was ändern soll, dann kann das also nur von uns selber kommen, also von den Filmemachern, womit nicht nur Regisseure gemeint sind, sondern auch Autoren und Produzenten. Es ist unsere Aufgabe, etwas herzustellen, das bestehen kann, und es mit Zähnen und Klauen zu verteidigen gegen alle, die es „verbessern“ wollen und damit umbringen. Mein Lieblingszitat ist von Nicholas Winding Refn, der gesagt hat: Künstlerische Freiheit wird einem nicht gegeben, man muß sie sich nehmen.

Nochmal zum Mitschreiben:
Künstlerische Freiheit wird einem nicht gegeben, man muß sie sich nehmen.

Also, schlagt den deutschen Film im Kopf tot. Macht, was ihr wollt. Zieht es durch. Und zuletzt das allerwichtigste (das geht jetzt vor allem an die Sozialpädagogen und die Intellektuellen): Hört auf, so furchtbar ernst zu sein. Ich treffe in Deutschland lauter interessante, humorvolle, mehrdimensionale, spannende Menschen, dann gucke ich mir Filme von denen an, und die sind entsetzlich dröge oder furchtbar brav oder beides, und ich möchte sie packen und schütteln und schreien: Warum? Was fällt dir ein, einen Film zu machen, der weniger spannend und vielschichtig und ja, UNTERHALTSAM ist als du selber? Gibt es da irgendeine Rechtfertigung? Nein, gibt es nicht. Den Langweilern ist nicht zu helfen, die sollen mal weiter langweilig sein, aber von den Nichtlangweilern erwarte ich Nichtlangeweile. Akzeptiert die Komplexität und Widersprüchlichkeit, Schrecklichkeit und Banalität der Welt. Sie führt zwangsläufig zu Komik, zu Interesse, zu Unterhaltsamkeit. Get over it. Das Leben ist trotzdem immer noch schlimm genug. Aber nicht so schlimm wie ein schlechter Film.

–––

Zum besinnlichen Ausklang hier noch ein Blick in den deutschen Kulturbegriff, gefunden in einem Studentenwohnheim in Stuttgart.

2010-08-1583

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Kritik der Kritik (2)

Meine kürzlich veröffentlichte Kritik der Kritik bezog sich auf Gemeinsamkeiten in diversen Rezensionen zu „Heil“. Eingehende Textanalyse war es damit keine, denn die müßte sich ja mit einzelnen Texten befassen. Also reiche ich hiermit eine nach. Beispielhaft erscheint mir da die Kritik von Matthias Dell, die in der taz erschien. Im Anfangsteil referiert er vor allem die Handlung, ab dem Mittelteil fängt er an zu werten, und damit werde ich mich jetzt Stück für Stück auseinandersetzen. Wenn man das eingehend machen will, wird man allerdings ungefähr zehnmal so lang wie der Ausgangstext. Das als Warnung vorneweg. Los geht‘s.

In dieser Runde sitzt auch eine Regisseursfigur namens Dietrich Brüggemann (gespielt vom Regisseur Tom Lass), der prophylaktisch die Frage gestellt wird, die „Heil“ als Problem auf sich zukommen sieht: „Darf man über Nazis Witze machen?“ Die Antwort: „Ja, aber das Lachen muss im Halse stecken bleiben.“ Und wem das zu ironisch ist,

Erstens: Im Film heißt es nicht Nazis, sondern Neonazis. Der Unterschied ist mir wichtig. Nicht weil Neonazis keine Nazis wären, sondern weil der Film heute spielt. Zweitens: Prophylaktisch hieße, daß man irgendetwas am Eintreten hindern will. Ich gebe mich aber nun kaum der Illusion hin, daß nach diesem Dialogsatz jemand sagen wird: Darf man das? Aha, das hat er im Film ja schon beantwortet, okay, man darf also. Es geht also eher um die Abbildung von Diskursen, die ohnehin stattfinden werden. Und drittens ist das nicht ironisch, sondern die Position, die man in Deutschland zu diesem Thema am meisten hört. Die ich auch nicht für falsch halte. Nur für etwas abgedroschen. Schon Robert Gernhardt, auf den ich im letzten Text schon hinwies, bemerkte einst, daß wir Deutschen Komik nicht dann am höchsten schätzen, wenn sie saukomisch ist, sondern dann, wenn sie die Tragödie streift. Bei dem Thema muß es aber leider oft genug wirklich im Hals steckenbleiben (bei Nazis noch mehr als bei Neonazis). Wenn man Komik aber nicht vom Effekt, sondern von der anderen Seite, vom Mechanismus her betrachtet, was sowieso der bessere Ansatz ist, dann war mein Ansatz ein anderer, ich habe ihn schon sehr oft benannt, aber meinetwegen nochmal: Witze nur über Akte des freien Willens. Und nur über das, was in unserer eigenen räumlichen und zeitlichen Nähe ist. Deswegen auch nix mit der NS-Zeit. Da geht es nämlich um Millionen Tote. Wir reden dagegen von Deutschland, hier und jetzt.

der kriegt noch den selbstbezüglichen Satz hinterher: „Ich finde deutsche Filme eigentlich nie witzig.“ Derart imprägniert sich der Film gegen eine Kritik, die nur ihre Humorlosigkeit beweisen kann, wenn sie ihm vorwirft, er nehme nichts ernst. Genau, grinst „Heil“ dann, ich mach mich über alles lustig, sogar über mich selbst.

Nee, das war mir schon klar, daß der halbsmarte taz-Kritiker genau das denken und bemäkeln wird. Der Satz ist auch eher resignativ: Man weiß schon, was auf einen zukommt. Und übrigens bezieht sich dieser Satz weniger auf mögliche einzelne Kritiken, schon gar nicht auf den Vorwurf, nichts ernstzunehmen, sondern auf das pauschale Geschimpfe aufs deutsche Kino, das man aus Teilen der Journaille, aber vor allem aus der Youtube-Kommentarhölle kennt. Das rollt jedesmal unvermeidbar heran wie ein Eisenbahnzug. Der Fahrplan am Bahnhof macht sich ja auch nicht über sich selbst lustig, auch nicht über den Zug, sondern sagt einfach, wann der Zug kommt.

Diskursiv tritt Brüggemann mit seinem Rundumschlag gegen alle möglichen medialen Sprecherpositionen scheinbar die Flucht nach vorn an, tatsächlich ist das eine Bewegung aus der Defensive.

„Flucht nach vorn“ sagt man gemeinhin, wenn jemand bedroht ist und sich in einen Angriff flüchtet bzw. bewußt in die Bedrohung hineinrennt. Das ist ohnehin schon eine Bewegung aus der Defensive. Der behauptete Gegensatz ist somit keiner. Den beabsichtigen Sinn dieser Aussage kann ich aber ohnehin nicht klar identifizieren. Ich sehe es eher als Kreisbewegung. Whatever.

Denn relevant ist nicht die Frage, ob man über Nazis Witze machen darf, sondern wozu.

Die Frage, ob die Witze dann eigentlich lustig sind, finde ich auch nicht ganz unwichtig, aber prinzipiell stimme ich zu.

Und darauf hat der Film keine Antwort.

Doch. Es geht bei der Auseinandersetzung mit Deutschland im NS-Kontext immer um die Frage: Ist er noch da? Haben wir Gemeinsamkeiten mit Nazis? Inhaltliche, strukturelle, ästhetische, tonfallbedingte? Welche Anteile der deutschen Geistesverfassung, die Hitler ermöglicht haben, sind heute noch wach? Diesen Fragen widmet sich der Film. Und zwar in Form eines Plots, in dem Neonazis ungehindert bzw. mit Unterstützung zahlreicher Deutscher nach Polen marschieren. Jede Szene (na gut, fast jede Szene) folgt dieser Fragestellung. Für die Antworten, die der Film da findet, lasse ich mich gern kritisieren. Aber der Autor ist hier so sehr mit pauschalem Abtun beschäftigt, daß er sich selber die Sicht auf den Film verbaut.

Er ist das quengelnde Kind, dem die ernsten Gespräche der Erwachsenen zu langweilig sind, weil es lieber spielen möchte.

Inhaltlich habe ich das schon kommentiert, die verwendete Metapher nötigt mich zu einem kurzen Ausflug in den Sarkasmus. Jawohl, Herr Studienrat! Die ernsten Gespräche der Erwachsenen zu so einem ernsten Thema wie Deutschland darf man natürlich nicht mit Gequengel stören. Und Spielen ist sowieso verboten.

Das zeigt sich schon im Vorspann, der die Titelcredits zu dynamischer Musik und einem entsprechenden Nachrichtenbilderpotpourri in alle möglichen Schriften deutscher Nachkriegsgeschichte montiert: Da wird also ein Schauspieler im ikonischen Stil des RAF-Bilds vom entführten Arbeitergeberpräsidenten Schleyer annonciert. Grafisch betrachtet eine Mordsgaudi, bildpolitisch völlig hohl.

Ja, der gesamte Vorspann ist in diesem Stil gehalten. Wir verwandeln unsere Namen in Willy-Brandt-Plakate, Kristina-Söderbaum-Vorspanntitel und Volkswagen-Werbung. Bildpolitisch ist das nicht völlig hohl, sondern sagt: Dieser Film reitet durch alles, was einem zum Thema „Deutschland“ so um die Ohren und durchs Hirn fliegt, und wir, also unsere Namen, stehen nicht in einer zweiten Ebene davor, sondern sind Teil der ganzen Chose. Wir stecken da alle drin. Soviel zur Bildpolitik. Grafisch betrachtet ist es außerdem natürlich eine Mordsgaudi, wofür ich vielmals um Verzeihung bitte.

„Heil“ ist in diesem Sinne höchstens halbsmart. Alles, was der Film durch Tempo, Gags und Überschuss reinholt, geht ihm an Reflexionskraft ab.

Bitte belegen und untermauern. So kann ich nur auf gleichem Niveau erwidern: Stimmt doch gar nicht (oder halbsmarte Retourkutschen fahren, was weiter oben schon erledigt wurde). „Reflexionskraft“ scheint mir aber auf die Suche nach dem „Eigentlichen“, nach der „Aussage“ hinauszulaufen, zu der ich mich zuvor schon geäußert habe.

Intellektuell siedelt er auf dem Niveau seines Rausschmeißersongs „Splitter von Granaten“, in dem Adam Angst unspezifisch-indifferenziert Unbehagen ausdrückt (“Doch worum es gerade geht, wissen wir selbst nicht so genau“).

Falsch, der Song ist ausgesprochen spezifisch – er ist eine Aufzählung von ganz konkreten Dingen, die in der Welt gerade aus dem Ruder laufen, und kontrastiert das mit unserem immer noch ganz beschaulichen deutschen Alltagsleben („der Hunger in der Dritten Welt hat keine Relevanz, aber wichtig sind uns Petitionen gegen Markus Lanz“). Grundgefühl ist der Verdacht, daß es hier auch irgendwann knallen könnte. „Indifferenziert“ ist kein gebräuchliches Wort, man ist entweder indifferent oder undifferenziert. Ich schätze, der Autor meint das letztere, und entgegne: Undifferenziertes Unbehagen ist doch erstmal gar keine so schlechte Sache, sofern man es mit präzise beobachteten Einzelheiten untermauert. Den Zuschauer mit undifferenziertem Unbehagen nach Hause zu schicken scheint mir ehrlicher als ein großes Fazit zu ziehen und als Lösung zu präsentieren. Das fände ich nämlich etwas anmaßend (außerdem, seien wir ehrlich, würde es dafür doch von der Kritik erst recht Kloppe geben).

Brüggemann will wirklich nur spielen, mit „deutschen Befindlichkeiten“ etwa, was für Nazis, die Menschen umbringen, aber eine, vorsichtig gesagt, ulkige Kategorie ist.

Achtung, bodenlos platter Witz: Es handelt sich ja auch um einen Spielfilm. Ich finde, in der Doppelbedeutung dieses Wortes im Deutschen steckt eine gewisse Weisheit. Der abschätzige Vorwurf, man wolle nur spielen, zeugt aber auch von einer gewissen Ahnungslosigkeit zum Thema „Spiel“. Matthias Dell war anscheinend schon lange nicht mehr Kind, sonst wüßte er: Spiel ist existentiell und todernst. Sieht man doch schon jedes Wochenende beim Fußball. Und schließlich will ich gar nicht nur spielen (im Sinne von heiti-teiti-lari-fari-lustig-tralala). Sonst hätte ich das Umbringen von Menschen komplett aus dem Film rausgelassen. Es passiert aber in aller Brutalität. Mitten aus dem Spiel heraus. Und um die Textanalyse mal in aller haarspalterischen Konsequenz zu Ende zu führen: Worauf bezieht sich der Begriff „Kategorie“? Auf deutsche Befindlichkeiten oder auf das Spielen-wollen? Spiel ist keine Kategorie, sondern zum einen soziale Praxis (bei Kindern), zum anderen ein Ritual mit festgelegten Regeln (Gesellschaftsspiele und Sport), drittens ein Modus in der Annäherung an ein Thema. Letzteres dürfte gemeint sein. Der Autor will also vermutlich sagen, daß der Ansatz des Films angesichts der ernsten Materie frivol sei. Kommentar dazu siehe oben. Vielleicht will er aber auch sagen, daß das Lächerlichmachen von „deutschen Befindlichkeiten“ angesichts mordbereiter Nazis ein ulkiger (lies: gefährlich naiver) Ansatz ist. Das sehe ich anders, denn das eine hat mit dem anderen zu tun.

In einer Kritik für das inzwischen eingestellte

Ich geb‘s zu, wir waren nicht stark genug.

Magazin Schnitt lobte der Regisseur als Kritiker 2006 an Armin Völckers Kurzfilm „Leroy räumt auf“, der von ähnlich grobkomödialer Gegensätzlichkeit lebte wie „Heil“ (afrodeutscher Teenager verliebt sich in Frau mit Nazi-Brüdern), „die Nonchalance, mit der er dem sonst oft tonnenschweren Deutsche-Skins-Ausländer-Thema einfach eine lange Nase dreht“.

Endlich haut mir mal einer meine alten Texte um die Ohren. Darauf warte ich schon die ganze Zeit. Ich war jung, und Geld gab‘s eh keins. Es gibt aus dieser Zeit vermutlich Texte, für die ich mich heute in Grund und Boden schämen müßte, aber diesen finde ich weiterhin vertretbar. Der Kurzfilm war gut. Der Langfilm dann nicht mehr so, weil nämlich genau diese die Nonchalance im Kurzfilm bestens funktioniert, während ein Langfilm mehr Schwungmasse benötigt.

Manche mögen‘s leicht.

Das hat er auch als Titel über den ganzen Text gesetzt. Man kann dazu allerhand einwenden.

Mögliche Antwort 1: So ein postpubertäres Filmreferenzwortspiel erscheint mir angesichts mordbereiter Nazis eine, vorsichtig gesagt, ulkige Kategorie.

Spaß beiseite, mögliche Antwort 2: Ja, zum Beispiel Kurt Tucholsky, als er 1931 angesichts des heraufziehenden Naziterrors in Schweden saß und „Schloß Gripsholm“ schrieb. Das führt uns direkt in die….

Mögliche Antwort 3: Hier schwingt wohl mal wieder das fatale deutsche Mißverständnis mit, Komik, und Leichtigkeit immer nur als eine Art Luxusprodukt zu betrachten, das man sich leisten kann, wenn man keinerlei Probleme hat und steinreich ist. Dabei weiß jeder, der auch nur mal ein bißchen über den eigenen Großstadt-Intelligenzia-Tellerrand geguckt hat (dafür reicht schon Zivildienst, meine Güte), daß Humor gerade bei den Benachteiligten, Entrechteten und Geknechteten dieser Welt eine Strategie des Überlebens und der Selbstbehauptung ist.

Mögliche Antwort 4: Der Titel „Some Like it Hot“ ist affirmativ, er fordert auf: Nehmt euch daran ein Beispiel! Traut euch in die Hitze! Der Autor dreht hier (vermutlich unbewußt) die Implikation um, er mag es gern schwer und findet das Leichte zumindest verdächtig. Dem variierten Filmtitel verleiht er damit einen tadelnden Unterton und tut seiner eigenen Sache keinen Gefallen. Wirkt nämlich ein bißchen unsympathisch.

Mögliche Antwort 5: „Heil“ ist nicht leicht. „3 Zimmer Küche Bad“ war leicht.

Sosehr man sich an institutionalisierter Erinnerungsroutine stoßen kann – der Wunsch, dass es mit dem Thema „Nazis – Ausländer“ auch mal locker vom Hocker gehen könnte, ist auf seine Weise naiv.

Was ich dagegen naiv finde, ist erstens die Unfähigkeit, zwischen Signifikant und Signifikat zu unterscheiden. Der Autor erscheint mir die ganze Zeit wie ein Theaterbesucher, der auf die Bühne stürmt, um Macbeth am Morden zu hindern. Und naiv ist zweitens die Weigerung, das Grausige und das Groteske nebeneinander zu ertragen. Was doch einfach eine gesteigerte Variante der Banalität des Bösen ist. (Übrigens, kleiner Gruß aus der Küche, niemand hat diesen Film „locker vom Hocker“ gemacht. Eher schon todernst auf dem Bürostuhl.)

Deutlicher gesprochen: die Nachgeborenenversion des Schlussstrichwunschs.

Oh, das hat ja lang gedauert, aber da kommt er endlich um die Ecke, der gute alte NS-Relativierungs-Vorwurf. Hallo, Deutschland.

Man muss sich „Heil“ deshalb als Verfilmung einer mittelmäßigen Facebook-Debatte vorstellen: Alle möglichen politischen Positionen verwandeln sich in lustiges Geplapper, die vielen Promi-Freunde liken

Das bezieht sich auf die zahlreichen Gastauftritte, für die es aber einen anderen Grund gibt. Es ist derselbe wie bei den Vorspanntiteln: Du bist Deutschland. Wir stecken alle drin. Beispielsweise ein Johnny Haeusler, der in unseren Medien für etwas bestimmtes steht, verleiht der Rolle sowohl symbolisch (durch seinen Namen, falls man ihn denn kennt) als auch auratisch (durch seine Präsenz als Mensch) eine andere Qualität, als wenn es einfach irgendwer gewesen wäre. (Am Rande: Dieser leicht mißgünstige Unterton bei „die vielen Promi-Freunde“, den man auch in anderen Kritiken findet, der ist auch ziemlich, sorry, deutsch. Ich drehe seit Jahren nebenher viele Musikvideos für fast kein Geld, das tue ich aus Liebe und Enthusiasmus, aber ganz bestimmt nicht, weil man dadurch „Promi-Freunde“ bekommt. Und Kunze war ein Vorschlag von einer Schauspielagentur. Ich finde außerdem, daß das den Film reicher und welthaltiger macht, weil das alles ganz prägnante Typen sind. Könnte man sich doch auch mal freuen. Stattdessen läßt man Mißgunst walten.) (Ganz am Rande: Der Vergleich stimmt nicht, denn im typischen Facebook-Thread findet man zumeist nicht alle möglichen politischen Positionen, sondern nur eine einzige, alle stimmen einander zu und echauffieren sich über einen Gegner, der aber gar nicht anwesend ist. Pöbelschlachten gibt es eher in Blogkommentarspalten. Vielleicht meint er auch einen Spaziergang durch die Timeline, aber dann soll er das schreiben.)

und ratzfatz ist man da, worüber sich der Anfang noch lustig machen wollte – bei Hitler.

Was bitteschön soll das heißen? Im Rahmen des gewählten Bildes, also bei Onlinedebatten, ist es ja klar, da landet man schnell bei Hitler, aber im Rahmen der hier behaupteten Analogie zum Film wüßte ich jetzt mal ganz gern, wie  ich den zweiten Teil verstehen darf. Beschuldigen im Film Leute sich gegenseitig, Nazis zu sein (so wie in Onlinedebatten)? Na klar, tun sie dauernd. Oder will Matthias Dell hier den Film selber in die NS-Ecke stellen? Und mir unterstellen, ich würde eine Schlußstrichdebatte fordern und wäre eigentlich wie Hitler?
Hallo?
Geht’s noch?
Wenn ja, dann dankeschön. Von genau dieser Idiotie handelt der Film. Proved my point.

Über Hitler wollte ich mich übrigens nie lustig machen. Nichts im Film deutet darauf hin. Wer das behauptet, ist böswillig oder hat im Film gepennt. Eigentlich wollte ich vor allem, daß alle Deutschen sich totlachen und dann von diesem Land nie wieder eine Gefahr ausgeht, weil alle tot sind. Und weil das wieder so ein Witz aus der Kategorie ist, bei der unser innerer Oberstudienrat gequält das Gesicht verzieht, versuche ich im letzten Absatz jetzt mal ein ernstgemeintes Fazit.

Die Diskussion über den Film erinnert mich an den alten katholischen Witz vom Pfarrer, der seinen Bischof fragt, ob er beim Beten rauchen darf. Die Antwort lautet: Natürlich nicht, das wäre respektlos. Ob man aber beim Rauchen beten darf? Na klar, beten darf man doch immer. Ersetzen wir mal „Beten“ durch „Nazis thematisieren“ und „Rauchen“ durch „Deutschland verarschen“, und schon hätten wir das Dilemma beim Kragen gepackt. Mit anderen Worten: Es kommt darauf an, was man als primär und was man als sekundär begreift. Beim Thema „Nazis“ stehen wir automatisch stramm, auf eine immer noch ziemlich deutsche Art. Da verbietet sich jeder Witz, weil Witz ja immer mit überraschenden Bedeutungswechseln hantiert, und an so etwas darf man da noch nicht mal denken. Beim Thema „Deutschland“ ist dagegen jeder Modus erlaubt, da kennt der Witz keine Grenzen, da ist auch der hemmungslose Idiotenklamauk eigentlich sogar Pflicht. Ein Film über Nazis muß also strammstehen und die Hacken zusammenknallen vor der Wichtigkeit des Themas. Okay. Aber den wollte ich nie machen. Es ist nämlich ein Film über Deutschland, hier und heute, anhand von Nazis. Und der ging leider nur als schwarze Komödie. Sorry. Was ich dabei nicht bedacht hatte: „Nazis“ ist immer noch so ein Reizwort, daß es automatisch zum Primärreiz wird. Und schon macht es alles mit sich voll und verbietet jeden Witz. Wir sind in der Zwickmühle: Genau das, was bei „Deutschland“ erlaubt bis geboten ist (durch den Kakao ziehen, und zwar mit Respekt vor gar nix), verbietet sich bei „Nazis“. Lösbar ist es nur, wenn man die beiden Felder voneinander separiert, indem man Nazithemen in die dafür vorgesehene Nazischublade legt und bei der Bearbeitung in den Nazimodus schaltet. Und genau das erscheint mir falsch. Denn es ist doch viel relevanter und wichtiger, das Thema eben nicht abgekapselt zu betrachten, als separates „Thema“, das man „thematisiert“, zu dem man die vorgeschriebenen Betroffenheitsgesten absolviert, das man dann wieder beschließt und weiter sein Bier trinkt. Sondern als eine logische Konsequenz des größeren Themas „Deutschland“, die uns nie verlassen wird und immer wieder mal den Kopf hervorstreckt, auch wenn man eigentlich gerade an was anderes denken wollte. Ich finde, das ist das Gegenteil einer Schlußstrichforderung.

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Kritik der Kritik

„Der von guten Schauspielern getragene Film attackiert gesellschaftliche Doppelmoral sowie die ,Wiederholbarkeit von Geschichte‘, ohne sonderliche inszenatorische Dichte und dramaturgisches Geschick zu entwickeln. Die Gelegenheit zu einer überzeugenden und entlarvenden Satire bleibt weitgehend ungenutzt.“

Eines meiner liebsten Bücher heißt „Some Like it Not“ und ist eine Kompilation von Verrissen zu Filmklassikern. Die Botschaft ist klar: Kritiker schreiben oft auch ziemlichen Mist. Man kann es aber auch gegen den Strich lesen, dann lautet die Message: So manchen Klassiker kann man auch mal etwas niedriger hängen. Man kann es außerdem, drittens, einfach als Dokument lesen, wie sich mit der Zeit die Blickwinkel verändern. Und man kann sich viertens auf gar keine Seite schlagen, sondern einen Schritt zurücktreten und sozusagen meditativ den Diskurs betrachten, der kein Wahr und kein Falsch kennt,  sondern wo alle nur fortwährend fröhlich aufeinander eindreschen. Dieser Standpunkt ist mir eigentlich sogar von allen der liebste, denn Film ist Diskurs. Drehbücher entwickelt man diskursiv, Dreh und Schnitt sind diskursive Prozesse, auch die Interaktion eines Films mit dem Publikum funktioniert letzten Endes so. Nur ganz am Ende kommt dann der Kritiker, fällt sein Urteil und hat das letzte Wort. Diskurs beendet. Schon als ich selber noch Filme rezensiert habe, fand ich das eigentlich seltsam.

Seit gestern läuft mein neuer Film „Heil“ in den Kinos. Die Reaktionen sind gemischt. Das bedeutet keineswegs, daß sie alle ablehnend sind. Es gibt genügend, die loben, jubeln, preisen oder kritisch würdigen. Ich bin sowieso in der angenehmen Lage, daß der Film schon bei zwei Gelegenheiten (Karlovy Vary und Jerusalem) von internationalem Publikum begeistert aufgenommen wurde, aber ich war natürlich gespannt, was die deutsche Presse dazu sagt, und werde mich im folgenden kurz zu dem äußern, was sie so sagt. Es sind vor allem zwei Punkte: Einerseits ein paar merkwürdig überzogene Wutanfälle, andererseits Dinge, die überhaupt nicht wahrgenommen werden, und zwar nicht in der Interpretation oder Wertung, sondern schon in der Analyse, also beim Inhalt des Films.

Zunächst, wie gesagt, ein paar Verrisse, teils als Wutanfall, teils eher herablassend. Der Tenor ist meistens: Deppenkomödie, Nazis als Witzfiguren, höhö, Schenkelklopfer, tumbe Skinheads im Osten, platt, doof, billig. Diese Sichtweise erscheint mir zum einen sehr verengt – die Komik im Film bespielt eine deutlich größere Bandbreite als das, was da in den Vordergrund behauptet wird. Auch thematisch ist es verengt, der Film handelt nicht nur von Nazis und spielt auch überwiegend nicht im Osten, sondern an Orten und Nicht-Orten in ganz Deutschland – private Eliteuniversitäten, Fernsehstudios, Berlin, Autobahnraststätten, informelle Treffen von Adel, Geldadel, Wirtschaft und Politik und so weiter. Aber selbst wenn man sich auf diese verengte Sicht einläßt, erscheint mir dieser pauschale Ruf nach mehr Niveau immer noch sehr fragwürdig. Lachen ist eine physische Entladung. Laut einem bekannten Spruch gibt es auch keinen niveauvollen Orgasmus. Der vielgepriesene britische Humor ist ja auch keineswegs nur subtil und niveauvoll, sondern pflegt eben ein gleichberechtigtes Nebeneinander von Intellektualität und ausgesprochener Drastik. Und vor allem finde ich dieses pauschale Platt-Finden selber etwas platt. Im Sinne von: Ungenau. Machen wir doch mal ein Experiment und reden in genau diesem Tonfall über ein paar andere Filme, beispielsweise diesen:

Männer in Frauenkleidern treten einer Damenkapelle bei, höhö, ein alter Sack rafft nicht, daß seine Angebetete eigentlich ein Mann ist, harhar, ein Festival des Schenkelklopfens, und dann muß auch noch die Mafia für abgeschmackte Witze herhalten. (Im eingangs erwähnten Buch finden sich übrigens tatsächlich Rezensionen diesen Inhalts). Oder dieser: Die doofe Masse rennt einem armen Wicht hinterher und hält ihn für den Messias, alle schreien im Chor „wir sind alle Individuen“, harhar! Sind die dämlich! Ich schmeiß mich weg! Die Widerstandsgruppen sind heillos zerstritten! Witz aus der Mottenkiste! Und dann dieser eitel tabubrecherische Gestus – eine Komödie über Jesus – höhö! Der fällt dann auch noch zu Aliens in ein Schrottraumschiff, dem er dann endgültig als Messias entsteigt, platter geht‘s nicht, so kommt man dem Phänomen Religion nicht bei, da ist ja keinerlei Erkenntnisinteresse oder Hintersinn, nichts wird hinterfragt, nur Oberfläche, immer nur das Naheliegende. – Wie wir sehen, klappt das hervorragend. Komik ist nämlich immer kontaminiert. Aus diesem Blickwinkel darf man einfach gar keine Komödien machen (oder sollte keine gucken). Wir brauchen also präzisere Instrumente.

Denn es gibt ja wirklich eine Art von Komik, mit der ich selber nichts zu tun haben will. Es gibt genug deutsche (und französische, amerikanische, sonstige) Komödien, die ich selber als unerträglich platt empfinde. Andere sind wiederum brillant, beispielsweise „Bridesmaids“ (den man aber auch mit dem obigen Vokabular verdammen könnte). Komik ist eben nicht nur Geschmackssache, kann man da durchaus fundiert argumentieren, ich empfehle hier Robert Gernhardts gesammelte Humorkritik, in der er sich auch eingehend mit der Rezeption der von ihm mitverantworteten ersten „Otto“-Filme auseinandersetzt. Also, wo liegen die Qualitäten? Ich schlage mal vor: 1. im Detail, 2. im Material, 3. in einer gewissen Weltoffenheit sowie 4. in thematischer Geschlossenheit. Die Detailarbeit läßt sich kaum beziffern, aber wer nicht böswillig oder vernagelt ist, erkennt sie. Das Material ist dagegen klar erkennbar. Unsere Richtschnur war immer: Witze nur über Dinge, die Leute aus freiem Willen tun. Also keine Scherze über Hautfarbe, sexuelle Orientierung (Sacha Baron Cohens „Brüno“ fand ich schon gleich am Anfang unerträglich), Körperumfang etcetera. Es wäre z.B. wahnsinnig naheliegend gewesen, sich darüber lustig zu machen, daß der sehr ausladende Neonazi Kalle nicht durch die Luke des Panzers paßt, aber wir haben es gelassen und vieles andere auch. Weltoffenheit bedeutet, daß ein Film sich nicht nur auf andere Filme bezieht und Genre-Formeln wiederholt, sondern sich auch für die Dinge interessiert, die da draußen passieren (was z.B. eine Qualität von „Fack ju Göhte“ war). Und thematische Geschlossenheit heißt, daß man nicht wahllos alles abschießt, was einem so einfällt, sondern sich mit einem Thema befaßt und es zu durchdringen versucht. Bei „Bridesmaids“ war das der absurde amerikanische Kult um die Eheschließung. Hier ist es: Deutschland heute. – Diese vier Kriterien wären mal ein Versuch, Instrumente der genaueren Analyse zu entwickeln. Man kann bestimmt auch noch andere finden. Ich kann nur sagen, daß ich mich auf all diesen Gebieten redlich bemüht habe. Da hätte man den Film durchaus kritisch betrachten können, es ist garantiert nicht alles perfekt gelungen, vielleicht ist er sogar nach solch präziseren Kriterien total schlecht, aber einfach nur „platt“ zu schreien erscheint mir platt.

(Edit: Es gibt natürlich noch eine fünfte, ganz grundlegende Kategorie, und das ist das Spiel. Komödienstandard ist hier: Übertreibung, zappeln, grimassieren, dem Affen immer noch ein Stück Zucker geben. Wurde von mir hier alles weitestgehend unterbunden zugunsten von Understatement, alltagsnahem Tonfall, Tempo. Hat erfreulicherweise jemand gemerkt, von dem ich es nicht gedacht hätte, siehe Zitat ganz unten.)

Es gibt dann noch einige Rezensionen, die sich im Ton vergreifen und persönlich werden. Peter Körte argwöhnt in der FAS, ich selber sähe mich da als einzige Instanz mit Durchblick, was ich aber nicht tue, im Gegenteil, und Rainer Gansera giftet in der SZ in einem Tonfall, der sich eigentlich selbst kommentiert, allerdings nicht nur über den Film, sondern vor allem über den Regisseur. Ich kenne Rainer Gansera nicht persönlich, ich habe keine Rechnung mit ihm offen, über den Film soll er schreiben, was er will, aber wenn er mich so persönlich anpöbeln will, dann kann er das gern in gleicher Münze zurückbekommen: Ganseras Text liest sich wie das selbstgerechte Gekeife eines bedauernswerten alten Mannes im Park, der spielende Kinder anschreit und herumschimpft, daß früher alles besser war. Bitteschön. Gern geschehen. War ganz einfach.

Zugleich ist dieser Tonfall aber auch eine merkwürdige Bestätigung. Was mir nämlich seit geraumer Zeit auffällt, ist der grobe Ton, mit dem in diesem Land öffentliche Debatten geführt werden. Der deutsche Feuilletonist, persönlich meist feinsinnig und zurückhaltend, verwandelt sich zuweilen in eine Giftspritze, wenn er zur Feder greift. Im Internet hat sich das nochmal verschärft. Viele der Dialoge des Films wurden direkt davon beeinflußt, wie die Leute im Netz miteinander umspringen. Der „Rant“ (ein schriftlicher Wutanfall) ist mittlerweile eine etablierte Textgattung. Ich finde das problematisch. Ich könnte sogar sagen: Ich finde das strukturell faschistoid. Mache ich aber nicht, denn die Leute, die sich sprachlich so munitionieren, sind Teil des Problems. Aber daß ein Film, der das aufspießt, selbst dann wieder genau dasselbe Geschimpfe auslöst, gibt mir auf traurige Weise recht.

Der zweite große Punkt ist aber ein anderer. In Filmkritiken referiert man ja meist kurz die Handlung und versucht den Film zu beschreiben. Und da gibt es eine Sache, die anscheinend niemandem aufgefallen ist. Man liest da in den Kritiken, und auch in den lobenden kommt es gelegentlich als Einwand: Der Film schießt hemmungslos in alle Richtungen, weiß gar nicht so richtig, was er will, ist eine Nummernrevue, hat am Ende kein sinnvolles Fazit, teilt in alle Richtungen aus und landet keinen Treffer. Und das, mit Verlaub, stimmt nicht. Es ist nämlich eigentlich ganz einfach:

Eine Horde Nazis will in Polen einmarschieren und kriegt Hilfe aus allen Teilen der deutschen Bevölkerung.
Das ist der Plot.
Fertig.

Damit erledigt sich der Vorwurf der Nummernrevue – natürlich ist eine Komödie auch immer eine Nummernrevue, aber jede Szene bringt unsere Leute ihrem Ziel ein Stück näher. Und die Deutschen, die ihnen helfen, sind nicht alles insgeheim noch Nazispießer (manche schon), sondern zu sehr mit sich selbst und ihren zweieinhalb Ideen beschäftigt, an denen sie sich ängstlich festklammern. Oder sie haben keine inhaltlichen, aber strukturelle Gemeinsamkeiten mit den Faschos. Oder sie haben sich eigentlich gar nichts zuschulden kommen lassen, aber stehen für einen Teil der deutschen Seele, der mir erzählenswert erschien. Die zahllosen Figuren stehen also keineswegs beziehungs- und richtungslos nebeneinander, sondern haben jeweils einen Zweck. Witzfiguren sind sie nicht aus Jux und Dollerei, sondern darin, daß sie den Nazis Hilfestellung leisten oder sich ihnen nicht entgegenstellen. Und während all das passiert, läßt die Bundesregierung sich ein neues Logo für „Deutschland als Marke“ designen, das nach Nazischrift aussieht, was aber keinen stört.

Wie gesagt, das ist keine mögliche Interpretation, die ich gern irgendwie gelesen hätte, sondern es sind die handfesten Dinge, die im Film gut sichtbar stattfinden und ineinandergreifen. Was offenbar keiner erkennt. Auf etwas schräge Weise doppelt das sogar die Handlung des Films (Nazis wollen in Polen einmarschieren, aber keiner kriegt es mit). Vielleicht habe ich mir das selbst zuzuschreiben. Vielleicht passiert einfach zu viel. Aber eigentlich liegt die Handlung doch offen zutage, dachte ich.

Interpretieren kann man es dann natürlich immer noch, indem man zum Beispiel Polen als Platzhalter für Griechenland nimmt. Kritisieren könnte man es auch, man kann das falsch finden oder ungehörig oder als bodenlose Spekulation abtun. Aber dafür müßte man es erstmal erkennen. Selbst wenn man es nicht erkennt, sollte man aber die Gewichtung erkennen und mir nicht wahllose Gleichmacherei vorwerfen – die Rechten bereiten einen Krieg vor und bringen reihenweise Leute um, die Linken sind zu sehr mit Terminologiestreitigkeiten und Grabenkämpfen beschäftigt, um sich ihnen in den Weg zu stellen, was ja in der Weimarer Republik nicht ganz anders war. Ich würde den Film auch niemals als präzises, ausgewogenes Portrait eines Landes bezeichnen, genausowenig wie „Funny Games“ eine heitere Landhauskomödie ist. Nein, es ist einfach ein nihilistischer Film über Deutschland als Alptraum.

Und wo bleibt das Positive? Das Fazit? Die große Linie? Der Erkenntnisgewinn? Einige Kritiken scheinen mir auf diese Frage hinauszulaufen. Erkenntnis wird sogar irgendwo wörtlich gefordert. Aber im Alptraum gibt es nichts Positives, kein Fazit, keine Erkenntnis. Vielleicht nach dem Aufwachen. Aber die Idee, daß ein Film sein Fazit eben nur in der Negation enthält, als Leerstelle, als Frage im Kopf des Zuschauers, damit ist anscheinend nicht so leicht klarzukommen (solange der Film nicht von vornherein im salbungsvollen Gestus des Fragestellens daherkommt und dem Kritiker die Interpretation von Anfang an serviert).

Der Rest ist meist Geschmackssache, aber auch nicht nur. Hans-Georg Rodek behauptet in einem ansonsten halbwegs wohlwollenden Text der „Welt“, unser Film nehme anders als „Four Lions“ die Handlungen seiner Figuren nicht ernst, weswegen sie nicht sterben müßten. Da muß ich widersprechen, denn sie sterben bei uns auch, das ist nicht Geschmackssache, sondern im Film deutlich erkennbar. Der Chef erschießt seine eigenen Leute und hält gleich darauf eine Heldenrede auf sie. So funktioniert Krieg nun mal. Der Chef selber überlebt allerdings und haut den Zuschauer zum Abschied ins Gesicht, denn ich hätte es als extrem falsch empfunden, diesen Film mit einem Happy Ending zu beschließen, bei dem die Nazis besiegt sind.

Das kursive Zitat ganz oben bezieht sich übrigens nicht auf „Heil“, sondern stand 1992 über „Schtonk!“ im Filmdienst. Habe es nicht lange gesucht, man findet es auf Wikipedia. So ist es nun mal, das deutsche Feuilleton. Dem Humor prinzipiell aufgeschlossen (wenngleich er in der ganz hohen Kunst natürlich nix verloren hat), aber doch bitte mit etwas mehr Niveau und am Ende einer faßbaren Conclusio. So ist das nun mal in diesem Land, davon handelt der Film, und daß er das am Ende auch wieder hervorruft, liegt in der Natur der Sache, denn Film ist nun mal Diskurs.

Nachtrag: Nebenbei fiel mir noch auf, daß der Film in wirklich sämtlichen Rezensionen komplett auf seinen Inhalt reduziert wird. Nie ein Wort zu den Schauspielern, zur Ästhetik, zu Kamera und Schnitt, zur Musik, zum audiovisuellen Gesamteindruck. Es geht immer nur um das, was nacherzählt werden kann. Finde ich schade, war aber zu erwarten, das Thema selbst macht in den Köpfen alles andere platt.

Nachtrag 2: Die internationale Presse hat einen etwas anderen Blickwinkel. Tom Christie schreibt auf Indiewire: „It’s precisely the sort of comedy Germany needs, not that they will necessarily appreciate it.“

Nachtrag 3: Ekkehard Knörer war nach meinem Berliner-Schule-Brief sauer und lebte das in zwei wütenden Verrissen zu meinen darauffolgenden Filmen aus. Ich dachte, das geht jetzt immer so weiter, aber stattdessen überraschte er mich in einem Kommentar auf Facebook, den ich vor lauter Freude hiermit hierher kopiere und damit konserviere: „…ich habe viel gelacht, hat gute Witze, hat gute schlechte Witze, hat gut bei den Pythons geklaute Witze (Weit Bauer) und ein paar Rohrkrepierer hat er auch. Gegen Ende ist es noch am ehesten doof, weil da plötzlich zu viel Plot noch zuende gebracht werden muss. Toll aber, was er aus den Darstellern rausholt, die sprechen sehr nah am Leben und haben fast ausnahmslos ein verdammt gutes Timing und man muss ja nur andere deutsche Komödien sehen, um zu wissen, was das für eine Kunst ist. Ich verstehe auch die ganzen Kritiken, die Haltung vermissen, nicht wirklich. Ist doch mehr als klar, wogegen das geht, Dummheit ist leider die am besten verteilte Sache der Welt, da muss man auf allen Seiten voll auf die Zwölf gehen, das ist nur konsequent. Am Ende wünschen sich die, die Niveau und Haltung fordern, womöglich sowas wie die „Anstalt“ oder die „heute-show“, gruselig, da ist „Heil“ aber tausendmal besser. Und der beste Brüggemann-Film sowieso.“

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Ideenklau

Seit einigen Tagen behaupten zwei Filmemacher aus Leipzig, mein neuer Film „Heil“ beruhte auf einer Idee, die ich ihnen geklaut hätte. Sie haben es nicht für nötig gehalten, sich erstmal bei mir oder den Produzenten zu melden, sondern sind damit gleich an die Öffentlichkeit gegangen. Ich habe ihnen soeben eine Mail geschrieben, und die veröffentliche ich jetzt auch. Hier wäre sie.

Hallo!

Ich mache jetzt mal das, was ihr nicht gemacht habt, und nehme direkten Kontakt auf.
Ihr seid also der Meinung, ich hätte eure Idee geklaut.
Wieso schreibt ihr uns dann nicht erstmal persönlich an, sondern geht stattdessen gleich zur Bildzeitung und ruft auf Facebook zum Shitstorm auf? Wenn ich den Verdacht hätte, daß mir eine Idee geklaut worden sei, dann würde ich das jedenfalls nicht so machen.

Aber erstmal zu den Fakten: Ich hatte von eurem Film bis gestern noch nie gehört. Auch nicht von dem Kurzfilm. Sorry. Eure Kampagne ging 2013 online. Wir haben unsere Idee seit 2012 entwickelt (was wir auch nachweisen können). Wir haben also parallel daran gearbeitet. Wenn mir jetzt jemand sagen würde: Dietrich! Da ist ein Film mit einer ganz ähnlichen Handlung! Die haben bei dir geklaut! – dann würde ich mir keine großen Gedanken machen. Und wenn ihr jetzt sagt: Hey, das ist so eine krasse Übereinstimmung – das ist OFFENSICHTLICH geklaut! – dann sage ich: Nein. Sowas kann tatsächlich passieren. Die Wahrheit ist nämlich: Die Idee ist nicht besonders originell. Weder eure noch meine. So etwas hat es in diversen Abwandlungen immer wieder gegeben. Ob es der schwarze Nazi bei Dave Chapelle ist oder der deutsche Film „Leroy“ von 2007, in dem ein schwarzer Junge sich in ein Mädchen verliebt, das aus einer Nazifamilie kommt und vier Skinhead-Brüder hat. Es geht immer um Gegensätze, die direkt aufeinanderprallen, entweder inmitten einer Person oder halt in einer engen Beziehung. Sowas kann man sich dutzendweise ausdenken. Ein paar Beispiele gefällig? Voila:

-Ein schwarzer Schauspieler, der wegen seiner Hautfarbe wenig Engagements beim Film hat, muß in einem Hörspiel Adolf Hitler sprechen und steigert sich so in die Rolle hinein, daß er am Ende glaubt, er wäre selbst Hitler.
-Eine Nazi geht in ein Dunkelrestaurant, verliebt sich in die Kellnerin, von der er immer nur die Stimme hört, und geht immer wieder in das Restaurant. Als er sie endlich bei Tageslicht sieht, ist sie schwarz. Oder ersatzweise: Radiosprecherin statt Dunkelrestaurantkellnerin.
-Ein Nazi bekommt bei einer Herztransplantation das Herz eines Schwarzen, stürzt in eine Identitätskrise und ist am Ende geläutert. Dann versagt das Herz, er bekommt ein neues, diesmal von einem Nazi, und alles ist wieder beim alten.
-Ein Schwarzer bekommt bei einer Herztransplantation das Herz eines Nazis und stellt auf einmal fest, daß er selber fremdenfeindliche Anwandlungen entwickelt und eine unkontrollierbare Tendenz zum Hitlergruß hat. Er macht das beste daraus, geht nach Afrika und wird Warlord.
-Ein Nazi und ein Schwarzer kriegen einen Stromschlag und erwachen im Körper des jeweils anderen. Der Nazi macht (als fremdenfeindlicher Schwarzer) große Medienkarriere, währen der Schwarze (als Nazi) verzweifelt die Wahrheit erzählen will, die ihm natürlich keiner glaubt.

Fünfeinhalb wahnsinnig originelle Ideen! Habe ich mir allesamt gerade ausgedacht! Hat mich fünfeinhalb Minuten gekostet. Die könnt ihr mir gern alle sofort klauen. Aber soll ich euch was verraten? Ich finde die alle gar nicht so originell. Ebensowenig wie eure oder meine. Meine ist nämlich uralt und tatsächlich nicht von mir: Jemand bekommt einen Schlag auf den Kopf, verliert daraufhin sein Gedächtnis und plappert alles nach. Dann kriegt er einen zweiten Schlag, und schlagartig ist sein Gedächtnis wieder da. Und beim nächsten Schlag wieder weg. Und so weiter. Das ist nicht euer Plot, oder? Wäre ja auch egal, es ist einer der ältesten Slapstick-Witze. Ich weiß nicht, ob ich das bei Laurel & Hardy geklaut habe oder bei Micky Maus oder Asterix oder Pumuckl oder Didi & Stulle, oder wo die das jeweils geklaut haben. Das ist geradezu provokant dämlich und garantiert keine alleinige Basis für einen Film. Die steckt nämlich in der Ausarbeitung und in der Welt, die man erschafft. Ich glaube, das wißt ihr so gut wie ich.

All das wird vielleicht in unserem Trailer nicht so klar. Aber wenn man die beiden Filme nebeneinander sieht (oder vielleicht besser nacheinander), bin ich ganz zuversichtlich, daß da von dem Vorwurf nicht viel übrigbleiben wird, weil sie eben einfach sehr unterschiedlich sein werden. Der eine ist nämlich von euch und der andere von mir.

Als ich 2012 mit meinem Projekt anfing, wußte ich aus Gesprächen mit anderen Filmleuten, daß diverse Projekte unterwegs sind, die irgendwie ähnlich gelagert sind – meistens mit direkt aufeinanderprallenden Gegensätzen, siehe oben. Die Zeit war anscheinend reif für so etwas, aber die Ideen, von denen ich hörte (eure war wie gesagt nicht dabei), die fand ich alles nicht so wahnsinnig sensationell. Was mich an meinem Film viel mehr interessiert hat, war ein Rundumschlag, in dem ganz Deutschland links und rechts geohrfeigt wird. Sowas hatte es noch nicht gegeben. Travestiespiele mit Gegensätzen dagegen genügend. Als Aufhänger für unsere figurenreiche Geschichte war es wunderbar, vor allem auch in der unschuldigen Chaos-Freude, die unsere gedächtnislose Hauptfigur im Film versprüht, aber das, was mich darüberhinaus vor allem interessierte, war eine hemmungslose Gesellschaftssatire. Und deswegen würde ich mich nicht groß aufregen, wenn mir jetzt jemand die Grundidee klauen würde. Auf die bilde ich mir nämlich kein Urheberrecht ein. Gedächtnisverlust ist erstens Comedy-Allgemeingut, eine willenlose Marionettenfigur als Sprachrohr eines Bösewichts ist zweitens auch nicht neu, und der Schlag auf den Kopf, ausgeführt von Nazis, ist drittens leider bittere Realität. Jeder nimmt seine Bausteine irgendwoanders her. Ihr auch. Also hört doch bitte auch mal auf, euch allein auf euren Plot (der sowieso mit meinem nicht identisch ist) so viel einzubilden. Wenn ihr einen tollen Film daraus gemacht habt, dann um so besser, den kann euch dann nämlich sowieso keiner klauen.

Und hört bitte auch auf mit dieser dämlichen David-gegen-Goliath-Nummer, so als wären wir hier das Imperium unter Vorsitz von Darth Vader und ihr das gallische Dorf. Produktionsfirma und Verleih sind mittelständische Unternehmen, also keine Ein-Mann-Buden, aber alles andere als böse Riesenmedienkonzerne. Ich selber mache seit 1997 Filme, habe mich am Set hochgearbeitet, an allen Filmhochschulen beworben, wurde irgendwann genommen, habe zum Geldverdienen nebenher als Regieassistent bei Musikvideos gearbeitet und mich da anschnauzen lassen, dann irgendwann meinen ersten Langfilm für fast kein Geld gedreht, jahrelang am Drehbuch für den nächsten geschraubt, den dann irgendwie gedreht, bis letztes Jahr in WGs gewohnt, weil’s halt billiger war und die Kunst wichtiger ist als das Geld. Und so weiter. All meine Filme und Musikvideos und alles andere, was ich sonst so mache, denke ich mir selbst aus, weil mir nämlich selber schon genug einfällt und ich es verdammt nochmal nicht nötig habe, irgendjemand irgendwelche Ideen zu klauen. Schon gar nicht, wenn sie eher so mitteloriginell sind.

Und daß ihr es nicht hinkriegt, uns einfach mal eine nette Nachricht zu schreiben, sondern gleich zur Bildzeitung geht und dann noch einen Online-Mob zusammentrommelt, darüber komme ich irgendwie nicht hinweg. Ich hätte gedacht, so unabhängige Filmemacher aus Leipzig, die mit wahnsinnig viel Einsatz ihre Sache machen, denen grundsätzlich erstmal meine Sympathie gehört, die eigentlich auf meiner Seite stehen, die wären nicht so drauf. Man könnte doch mal miteinander reden, anstatt gleich öffentlich aufeinander einzuprügeln. Wir werden euch jetzt, zumindest wenn es nach mir geht, nicht den Gefallen tun und öffentlich zurückprügeln mit irgendwelchen Unterlassungserklärungen oder dergleichen, die ihr dann triumphierend in die Höhe halten könnt (das ist allerdings nicht meine private Entscheidung, sondern liegt bei Produktion und Verleih.) Wir halten aber auf alle Fälle mehr davon, offen miteinander zu sprechen. Öffentliches Mobbing (und vorher noch nicht mal versuchen, miteinander zu reden) ist eine Methode, die ich ziemlich nuancenlos scheiße finde.

Zum Abschluß eine Geschichte: Als der amerikanische Autor Vince Gilligan ein Serien-Pitch geschrieben hatte, in dem ein unbescholtener Mann zum Drogenboss wird, erfuhr er, daß genau dasselbe in England schon in Entwicklung war. Nur mit einer Frau als Hauptfigur. Im Nachhinein war er froh, daß er nicht schon früher davon erfahren hatte, denn sonst hätte er sein Projekt vielleicht gar nicht weiterverfolgt. Was dann doch sehr schade gewesen wäre, das britische Projekt war nämlich „Weeds“, und seines hieß „Breaking Bad“. Was lernen wir daraus? Zwei Ideen können auf dem Blatt noch so ähnlich aussehen,  in zwei verschiedenen Köpfen werden trotzdem immer zwei ganz verschiedene Sachen daraus.

Insofern wünsche ich euch trotz eures suboptimalen Kommunikationsverhaltens viel Erfolg, und uns auch. Das sollte problemlos beides möglich sein.

Beste Grüße

Dietrich Brüggemann

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Kreuzweg im Kino

Kinostart! Heute! In Deutschland! Zur Feier des Tages eine Rezension aus England. Und dazu eine persönliche Botschaft von mir persönlich. Was mich nämlich besonders freut, ist daß der Schreiber da schreibt: A formidable and frightening Franziska Weisz. Wenn Kritik kommt, hängt die sich ja oft an der Figur der Mutter auf, die sei überzogen, das sei eine Karikatur, und da muß ich leider entschlossen gegenhalten: Nein. Ist sie nicht. Die ist so. Punkt. Unser Kino mildert ja gern die Extreme zwischenmenschlichen Verhaltens ab und macht sie konsumierbar, und wenn doch extrem, dann allenfalls extrem introvertiert, nicht nach außen gerichtet. Und das ging hier leider nicht. Sorry. Und übrigens hat die Figur gerade in der Weise, wie Franziska sie verkörpert, eine performative Qualität, eine gewisse spektakuläre Größe, die schon wieder Spaß macht (also zumindest mir persönlich). In diesem Sinn: Viel Spaß im Kino!

Spaß hatten wir übrigens auch beim Dreh des Kurzfilms ONE SHOT, seinerzeit spontan mit Freunden ohne Geld zur sogenannten Integrationsdebatte gedreht. Eigentlich wollte ich den nur zur Berlinale einreichen, die hat ihn dann abgelehnt, dafür lief er auf ungefähr 50 anderen Festivals und gewann elf Preise. Jetzt steht er endlich im Netz. Man kann ihn anschauen und bei Gefallen weiterverbreiten. Eine Langfilmversion ist in Arbeit, die wird dann aber nicht nur feste Einstellungen haben.

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Die ausbleibende Revolution

Eine Analyse, was die Qualität der neuen US-Serien eigentlich ausmacht und warum genau diese Qualität im deutschen Fernsehen auf unbestimmte Zeit nicht zu sehen sein wird.

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich staffelweise Serien reinziehen. Das liegt weniger an der Qualität, sondern an der Quantität. Mad Men und Rome und Game of Thrones und Breaking Bad und Six Feet Under und wie sie alle heißen sind fantastisch, ich kenne immer so ein bißchen davon, aber ich weiß nicht, wo ich die Zeit hernehmen soll, mir eine Staffel nach der anderen anzutun. Ein abendfüllender Film füllt eben doch nur einen Abend und keine zwei Wochen.

Andere Leute haben dieses Problem anscheinend nicht. Alle gucken Serien, und alle sind sich einig: Das ist der Ort, an dem in unserem Metier gerade die Post abgeht. Das ist das, was in der Musik im späten 19. Jahrhundert in Wien los war oder in der Malerei im 17. Jahrhundert in den Niederlanden. Und alle fragen sich: Wäre so etwas auch hierzulande möglich? Kann das deutsche öffentlich-rechtliche oder auch private Fernsehen so etwas schaffen?

Nein, sagt der Autor des Textes, den ich oben verlinkt habe. Es ist ein äußerst detailreicher, 32 Seiten langer Aufsatz, für den man sich etwas Zeit nehmen muß. Der Verfasser zieht es vor, anonym zu bleiben, denn er verdient sein Geld als Drehbuchautor und fürchtet, daß niemals mehr ein deutscher Fernsehredakteur ihm einen Job geben wird, wenn dieser Text mit seinem Namen zirkuliert. Ich sehe das nicht unbedingt so, meine Erfahrungen mit kontroversen Äußerungen sind eigentlich nicht schlecht, aber ich respektiere natürlich den Wunsch nach Anonymität. Ich selber bin übrigens nicht der Verfasser – ich wünschte, ich hätte diese fundierte und enzyklopädische Kenntnis der Materie. Habe ich aber nicht, wie gesagt, ich schätze die neue Serienlandschaft, ohne selbst große Spaziergänge darin zu unternehmen. Ich finde den Aufsatz aber höchst interessant und sehr klug geschrieben, vieles darin scheint mir zuzutreffen, und deswegen stelle ich ihn zum Download und zur Diskussion bereit. Möge er seinen Weg in die Köpfe machen, auf daß vielleicht eines Tages doch das entsteht, was der Autor für nicht möglich hält.

 

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Mann und Frau / stehen im Stau.

Man macht beim Film ja so einiges. Man schleppt Kisten und Kabel, fährt Sprinter und LKWs durch die Gegend, baut Zelte in die entlegenste Walachei und stellt Gasheizflaschen hinein, besorgt jedes Kostüm dreimal und wäscht jeden Abend riesige Ladungen Wäsche, schleppt tonnenweise Sperrholz irgendwohin und baut Sets, die nur von vorne echt aussehen, und so weiter. Seit ich beim Film angefangen habe, und das ist jetzt schon unfaßbar lang her, ich bin nämlich länger beim Film, als die Hauptdarstellerin meines letzten Films auf der Welt ist, fiel mir gerade auf, jedenfalls denke ich mir seit 1998: Wenn man schon mal diesen ganzen Apparat aufgebaut hat und die Schauspieler in Kostüm und Maske im eingeleuchteten Set stehen und der Tonangler die Tonangel drüber hält – dann könnte man doch eigentlich schnell noch irgendwas ganz anderes drehen. Irgendeinen Quatsch. Dann hätte man am Ende den ganzen Film zweimal. Und falls der primäre Film sich am Ende als Quatsch herausstellt, was ja zuweilen vorkommt, dann hätte man immer noch den sekundären, der von vornherein als Quatsch gemeint war. Diese Idee unterbreitete ich Jochen Laube, dem Produzenten von „3 Zimmer Küche Bad“, sein Name sei gepriesen, und er sagte: Oh ja, das machen wir. Aber was genau, erwiderte ich, machen wir? Jeden Take nochmal auf Schwäbisch? Nein, wir machen jede Szene nochmal als Gedicht. Ich schreibe einfach das Buch ein zweites Mal. Das ist höchstwahrscheinlich einmalig in der gesamten Filmgeschichte.

So geschah es. Das Schreiben dieser gedichteten Fassung erwies sich als erstaunlich viel Arbeit, ich saß nächtelang brütend am Schreibtisch, doch es ließ mich nicht mehr los, und wir zogen es durch. Der gereimte Film, der hierbei entstand, ist 40 Minuten lang und findet sich als Bonusmaterial auf der DVD. Man kann an diesem Film übrigens auch erkennen, was herausgeschnitten wurde und welche Szenen wir umgestellt haben, denn die Reimfassung enthält alles so, wie es im Drehbuch stand.

Die eigentliche Faszination aber, das wurde mir mittendrin erst klar, liegt darin, daß sämtliche Gemeinheiten und moralischen Bankrotterklärungen, die wir den Filmfiguren angedeihen lassen, im eigentlichen Dialog sorgfältig versteckt sind, während sie in dieser Version offen zutage treten. Man konnte sich Regieanweisungen eigentlich sparen, man mußte den Schauspielern nur die Reimversion in die Hand drücken, und alles war klar. Vielleicht ist es sogar der bessere Film, der hier entstanden ist. Wir haben mal mit dem Gedanken gespielt, ihn als eigenständiges surreales Werk beim Forum oder sonstwo einzureichen. Das machen wir nicht, aber hier kann man sich das Drehbuch herunterladen. Viel Spaß.

(Erst viel später erfuhr ich, daß Uwe Boll sowas in noch größerem Stil macht: Sein Film „Blubberella“ von 2011 ist eine durchgängige Comedy-Version von „BloodRayne – the Third Reich“. Uwe Boll hat mir also noch was voraus, und sei es nur ein Doktor in Germanistik.)

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Kreuzweg, erste Station

Mein nächster Film handelt von wildgewordenem Katholizismus, er trägt den Titel „Kreuzweg“, und die erste erste Station dieses Kreuzwegs heißt: Hackescher Markt. Ab Mitte Oktober wird gedreht, wir müssen noch allerhand Rollen besetzen, heute und morgen ist Lea, die Hauptdarstellerin, in Berlin zu Besuch, damit wir die Schauspieler für die anderen Parts im Spiel mit ihr zusammen sehen. Nach Feierabend wollen wir Anna besuchen und steigen in die S-Bahn. Es ist Freitag, 19 Uhr, die Bahn ist voll. Direkt vor uns ein Mann mit einer Mütze in Form eines Tigerkopfes. Fällt nicht weiter auf. Sechs Meter weiter, im nächsten Einstiegsraum, steht ein Kerl mit roten Kleidern und zwei roten Haar-Hörnern auf dem ansonsten kahlen Kopf. Ich sage zu Lea: Guck mal, das paßt zu unserem Thema. Der Satan steht in der S-Bahn wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen könne. Es steigen noch mehr Leute ein, ein alter Mann drängt sich an uns vorbei, ich sehe zunächst nur den alten Metallkoffer, der er mit sich herumträgt. JESUS steht in orangefarbenen Klebebandbuchstaben darauf, und als er den Koffer dreht, lese ich: „Fragen Sie mich, wenn sie über GOTT sprechen wollen“. Der Mann hat einen wallenden weißen Bart und schaut mich freundlich an. Ich schaue ebenso freundlich zurück. Die Freundlichkeit in seinem Blick steigert sich noch. Da will ich mich nicht lumpen lassen, halte seinem Blick stand und lege ebenfalls die ganze Wärme meiner jugendfrischen Frohnatur in mein Lächeln. Er sagt:
-Hast du Jesus im Herzen?
-Klar, sage ich, aber Obacht, da hinten steht der Teufel.
-Nein, sagt er, der Teufel ist nicht sichtbar.
-Doch, erwidere ich, dort hinten, da steht er.
-Nein, sagt er, der Teufel manifestiert sich nicht auf der Erde, aber mit Gottes Liebe können wir ihm widerstehen.
-Na ja, gucken Sie doch mal, er fährt gerade mit der S-Bahn Richtung Friedrichstraße.
Ich deute auf den Satan, aber der Mann Gottes, vielleicht ist es auch Gott selber, ignoriert meinen Hinweis. Er scheint ihn gar nicht wahrzunehmen. Er lächelt mir weiter selig zu, und sein freundliche Ausstrahlung zaubert auch ein Lächeln auf die Gesichter der Umstehenden, vielleicht ist es auch nur unsere subtil bekloppte Konversation, wer weiß. Ich unterbreche das Gespräch, weil wir aussteigen müssen und hinabfahren in das Reich der Toten, das da Tiefbahnsteig zur S1 Richtung Potsdam heißt, doch wir haben schon alles gesehen, was wir für diesen Film brauchen:
Gott selbst.
Gottes Widersacher, den gefallenen Engel Luzifer.
Die restliche Schöpfung, vertreten durch den Mann mit der Plüschtigermütze.
Und der heilige Geist war auch zugegen, denn der ist ja immer dort, wo zwei wildfremde Menschen schräg aneinander vorbeireden und zufällige Passanten sich darob erfreuen. Es kann losgehen, unsere Unternehmung hat den Segen von ganz oben.

 

 

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Schulabschluß

Jetzt hätte ich beinahe „Hurra, die Schule brennt“ über diesen Artikel geschrieben, aber ich möchte nicht noch weiter polarisieren und polemisieren, denn darum geht’s wirklich nicht. Mein kurzer schriftlicher Wutausbruch, vor einer Woche morgens im kalten Wohnzimmer, noch im Schlafanzug, in einem kleinen Anfall manischer Besessenheit verfaßt (und mit einer netten Zerrung im Nacken belohnt), hat recht weite Kreise gezogen, und ich muß noch einmal betonen: Mein Impuls war nicht Vernichtung und Gehässigkeit, sondern enttäuschte Liebe (man geht doch jedesmal in einen Film und hofft, sich zu verlieben) sowie Wut auf ein System, daß statt der Originalität die Verfestigung von ästhetischen Moden befördert. Im Revolver-Blog hat Franz Müller eine lange und differenzierte Replik verfaßt, ich habe ihm fürchterlich lang geantwortet, aber wenn man redlich argumentieren und auf den anderen eingehen will, passiert das halt. Aber jetzt ist auch mal Schluß, was ich zu sagen hatte, habe ich gesagt, dieses Blog wird sich ab sofort wieder sporadischen Belanglosigkeiten widmen und meistens ruhen, während ich irgendwelche Filme mache, die dann irgendwo laufen und vielleicht irgendwelchen Leuten gefallen.

NACHTRAG
Jetzt fiel mir noch dieses Bild in die Hände. Das muß ich mal eben noch anhängen. Vielleicht läßt sich damit endlich diese dämliche Frage klären, wer oder was die Berliner Schule überhaupt ist, ob der Begriff berechtigt ist und was sie überhaupt macht.
berliner schule graffiti

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Fahr zur Hölle, Berliner Schule

Gekünstelte Dialoge. Reglose Gesichter. Ausführliche Rückenansichten von Leuten. Zäh zerdehnte Zeit. Willkommen in der Welt des künstlerisch hochwertigen Kinos, willkommen in einer Welt aus quälender Langeweile und bohrender Pein. Muß man das eigentlich einfach so über sich ergehen lassen und fraglos akzeptieren, daß es anscheinend anders nicht geht? Ich liebe das Kino in wirklich zahlreichen Facetten, aber lasse mich ungern verarschen. Wir hatten in Deutschland schon mal eine Zeit, in der Autorenfilmer ihr Publikum erst gequält und dann verjagt haben, danach kam eine Zeit, in der es nur bodenlosen Unterhaltungsmüll gab, und jetzt? Hurra, jetzt haben wir beides gleichzeitig. Als ich also gestern Thomas Arslans „Gold“ absaß und mein Geist so unterbeschäftigt war, daß ich permanent gegen den Drang ankämpfen mußte, niveaulose Zwischenrufe zu machen, hatte ich auf einmal einfach keine Lust mehr. Daß der Schweiger-Schweighöfer-Schrott Schrott ist, auch wenn Millionen Fliegen sich nicht irren können, das ist allgemeiner Konsens, dazu muß ich mich nicht auch noch äußern, aber wieso beschwert sich eigentlich niemand mal über die sogenannte Berliner Schule? Wieso sitzen da alle drin wie Schafe und sagen hinterher: Na ja, ich wußte ja, was mich erwartet? Kann mir bitte mal einer erklären, was daran toll ist, wenn hölzerne Schauspieler hölzerne Dialoge hölzern aufsagen, das ganze in 80er-Jahre-Fernsehfilm-Ästhetik, gelegentlich kommt eine Abblende, und man freut sich auf die Werbung, aber dann geht das gestelzte Elend weiter? Wenn ein Film mir zwei Stunden lang den Rücken zukehrt? Wenn Nina Hoss, die bestimmt eine wunderbare Schauspielerin ist, fünf Filme lang herumlaufen muß wie ein abgeschalteter Roboter? Wenn ich mit keiner Frage, keinem Gefühl, keiner neuen Erkenntnis, keinem Dilemma aus dem Kino komme, sondern nur mit der Ahnung, dem Tod mal wieder zwei Stunden nähergerückt zu sein, und dem dringenden Impuls, mich irgendwo zu betrinken? Was sind das für Regisseure, die die ganze Filmgeschichte gefressen haben, sich einen prätentiösen Titel nach dem anderen ausdenken, aber nicht in der Lage sind, eine einziges echtes Gefühl auszulösen? Geschweige denn irgendwie glaubhaft von der Liebe zu erzählen? Wo genau liegt eigentlich die künstlerische Individualität, wenn hundert Filme alle gleich aussehen? Und was ist das überhaupt für eine dämliche Kultur, in der man diese Simulation von Kino gut finden muß, weil es ansonsten ja nur noch den gräßlichen Mainstream gibt? Die Leute, die kluge Unterhaltung konnten, die haben wir ja vor 80 Jahren alle rausgeschmissen, und aus ihren Arbeiten besteht die interessanteste Sektion dieser Berlinale. Aber sind inzwischen keine nachgewachsen? Oder konnten sie sich nicht entfalten und haben irgendwann frustriert aufgehört, weil in Deutschland ja alles entweder todernst und tonnenschwer sein muß oder halt vor lauter Dämlichkeit stinken? Und weil sowieso niemand als Eremit Filme macht, sondern es eine Kultur braucht, in der man aufwächst? Fahr gefälligst zur Hölle, Berliner Schule, auch wenn das Feuilleton dir weiterhin zu Füßen liegt, und weil das bürgerliche Publikum auf Autoritäten hört, meinen dann ab und zu auch einige Leute, sie hätten was gutes gesehen, aber noch viel mehr hört das Publikum in der Summe auf sein Herz (durchaus auch auf millionenschwere PR-Kampagnen und am Ende doch auf sein Herz), und davon habe ich bei euch noch selten oder nie etwas gesehen. Von anderen Organen ganz zu schweigen. Es gibt nur den Kopf, der ist riesengroß, hat alles gesehen und nichts verstanden, und auch der läuft nur auf einer Gehirnhälfte. Seit 15 oder wieviel Jahren schaue ich mir das an, und ich will einfach nicht mehr. Fahr zur Hölle, Berliner-Schule-Berlinale-Wettbewerbs-Kino, fahr endlich in den Abgrund, ruhe in Frieden und mach Platz für was neues.

EDIT
Danke für den Zuspruch. Ein kleiner Haßmonolog in diese Richtung war anscheinend mal fällig. Bevor jetzt aber das ausbricht, was Politiker immer als „Pogromstimmung“ bezeichnen, möchte ich mal ein bißchen diversifizieren. Oder noch in ein paar mehr Richtungen austeilen. Ich will nämlich nicht am Ende noch Applaus bekommen von irgendwelchen entmenschten Münchner Großproduzenten, die alles eliminieren wollen, was sie nicht kapieren.
Es wird gefragt: Kann man das so alles über einen Kamm scheren? Na klar kann man. Ich fand „Die innere Sicherheit“ toll, ich verehre „Der Wald vor lauter Bäumen“, ich fand „Sie haben Knut“ grandios, und „Der Räuber“ des von mir auch persönlich sehr geschätzten Benjamin Heisenberg war auch ein umwerfender Film (auch wenn er das mit der Liebe genausowenig hingekriegt hat wie alle anderen) (Filme). Ist das dann überhaupt noch Berliner Schule? Mir doch egal. Und solche persönlichen Geschmacksdinger sind letzten Endes auch egal. Es geht um eine Kultur, die zu einer Monokultur geworden ist. Und zwar nicht nur bei uns. Jedes europäische Land produziert einerseits fürchterlich spaßbefreite Kunstfilme und andererseits wahnsinnig plattes Unterhaltungskino. Dazwischen gibt es dann noch so wohlmeinendes Wellness-Arthouse für Brigitte-Leserinnen, denen man öfter mal mitteilen muß, daß das Leben bezaubernd ist. Und das ist alles gleichermaßen beschissen. Es sei denn, es ist zur Abwechslung mal gut, und das ist es selten, denn all diese Filme entstehen und laufen im Rahmen eines Systems, das nur das Format sieht und für Qualität völlig blind ist.
Aber was wollen Sie denn dann, Herr Brüggemann, wenn Sie all das nicht wollen?
Ganz einfach. Ich will nicht, daß das Kunstkino aufhört. Ich will, daß es besser wird. Es ist völlig legitim, daß es innerhalb einer Kunstform einen Zweig gibt, der sich nur an die Eingeweihten richtet. Daß es Filme gibt, die nur von Leuten geguckt werden, die sich selber professionell mit Film befassen. Es gibt für diese Filme nur eine einzige Regel: Sie sollen bitte etwas machen, das noch kein anderer gemacht hat. Sie sollen bitte ihr eigenes Rad erfinden und daran drehen. Ein solcher Filmemacher, den ich beispielsweise auf Knien verehre, ist der Schwede Roy Andersson, den hierzulande bezeichnenderweise wieder keine Sau kennt. Solche Filme laufen, wenn überhaupt, dann in Cannes. In Berlin allenfalls mal aus Versehen.
Denn was das Kunstkino dann doch noch vom Mainstream unterscheidet: Mainstream darf formatiert sein. Es ist okay, wenn die Filme sich hier ähneln. Auch das kuschelige Pseudo-Arthouse, ohnehin das gräßlichste aller Genres, darf meinetwegen gern formatiert sein. Aber in den Wettbewerben der großen Festivals erwarte ich mehr. Dieses Segment, die Speerspitze unserer Kunst, hat seine Existenzberechtigung komplett verloren, wenn es zum Genre verkommt. Wenn es reicht, mit einem Film ein paar Klischees zu bedienen, um als „Kunst“ durchgereicht zu werden. Entsprechend wütend werde ich, wenn ich mir von Jahr zu Jahr anschauen muß, wie genau das passiert. Wie man jedes Jahr einen Film nach dem anderen anschaut und sich fragt: Waren das wirklich die besten Filme dieses Jahrgangs? Oder haben sie die besseren abgelehnt? Die, die in kein Raster paßten? Die mit einer eigenen, individuellen Stimme sprechen? Über die Jahre kriegt man dann mit: Letzteres ist der Fall. Es gibt sie, die wahnsinnigen, genialischen Filme, die große Aufmerksamkeit verdient hätten, selbst wenn sie nicht rund und perfekt sind. Hier ein paar Worte von Rüdiger Suchsland über einen dieser Filme, der in Oberhausen lief und dann nirgends mehr. Stattdessen sieht man an den Filmhochschulen und in den Nachwuchssektionen der Festivals hunderte von Langweilern, die gern Christian Petzold wären.
Wird sich in den Köpfen der Verantwortlichn von selber etwas ändern? Nicht, solange niemand an die Tür hämmert und laut schreit. Und sowas passiert tendenziell nur als Gruppenaktivität. Die Leute, die den wirklich spannenden Kram machen, neigen nun leider nicht dazu, sich zu irgendwelchen „Schulen“ zusammenzuschließen, weil sie nämlich jeweils ihren eigenen Kopf haben. Aus demselben Grund kommt auch kein Journalist auf die Idee, da eine „Bewegung“ herbeizuschreiben. Daher haben sie keine Lobby und gehen irgendwann frustriert zugrunde oder ins Fernsehen. Dabei gibt es sie, die Leute, die hierzulande in der Lage sind, aufregendes, böses, prächtiges, unverschämtes Kino herzustellen. Einige rotten sich gerade in meinem Freundeskreis zusammen, vielleicht schreiben wir demnächst ein Manifest oder nageln ein paar Thesen irgendwohin. Vielleicht ist dieser Text auch schon unser Gründungsmanifest.
Ende der Durchsage.

 

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Filmmusik

„Drei Zimmer Küche Bad“ ist einigermaßen erfolgreich im Kino gestartet. Alle freuen sich. Viele fragen nach dem Soundtrack. Hier wäre er, spaßeshalber mit ein paar Links garniert:

1. (Vorspann und Trailer) Fyfe Dangerfield – Faster Than The Setting Sun
2. (Philipp fährt nach Freiburg) Fyfe Dangerfield – Don’t be Shy
3. (Montage Herbst) Fyfe Dangerfield – So Brand New
4. (Montage Weihnachten) Guillemots – If The World Ends
5. (Montage Winter) Guillemots – The Rising Tide
6. (Fotostudio) Guillemots – Get Over It
7. (Maria fährt nach Hannover) Guillemots – Inside
8. (Montage Frühjahr) Fyfe Dangerfield – High On The Tide
9. (Swantje wird sauer) Guillemots – Yesterday Is Dead
10. (Schlußontage) Die Sterne – Nichts wie wir’s kennen
11. (Abspann) Indelicates – We Hate The Kids

Fyfe und die Guillemots ist fast dasselbe, letzteres ist seine Band, ersteres ist er allein.

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Americanorama

Panoramafotografie bedeutet meist: Beeindruckende Landschaftsaufnahmen. Dagegen ist nichts zu sagen, aber ich finde aber Panoramabilder mit Leuten drin oft noch interessanter. Da ich mich momentan in Los Angeles befinde und hier so viele interessant aussehende Leute herumlaufen, habe ich diese Website in die Welt gesetzt und versammle darauf Bilder von Leuten und Orten in Amerika. Viel Vergnügen.

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Würden Sie diesem Mann einen Gebrauchtwagen abkaufen?

Der moderne Mensch kauft sich ein Navigationssystem, der postmoderne kauft sich keins, sondern lädt es sich aufs Handy und landet dann unter den Betonschlangen eines Autobahnkreuzes, wo eigentlich ein mexikanisches Schnellrestaurant sein sollte. Dann kehrt er um, fährt noch zweimal mit Vollgas an seinem Ziel vorbei und findet dann die richtige Einfädelstelle.

Ich befinde mich in Los Angeles als Gast der „Villa Aurora“ und penne in Lion Feuchtwangers Schlafzimmer. Darf man in Feuchtwangers Schlafzimmer überhaupt „pennen“? Oder sollte man umgekehrt diesen Ausdruck zum Zwecke der Kontrastverstärkung ganz bewußt verwenden? Ist das Gefälle zwischen Feuchtwanger und mir, ein Dreivierteljahrhundert samt Erfolg und Exil, nicht umfassend beschrieben, wenn ich sage, daß ich in seinem Schlafzimmer penne? Egal, als Radfahrer gewinnt man hier keinen Blumentopf, also muß ein Auto her. Mein alter Freund Todd, der surrealistische Theaterstücke schreibt, Schlagzeug spielt wie ein Tier und sonst eher nachdenklich ist, schrieb mir zu diesem Thema:

„Believe it or not, pre-World War II LA had the largest public transportation system in the world, but it was bought out and dismantled by the auto industry – that’s Capitalism for ya!“

Also, Autofahren im Kapitalismus. Man könnte auch eins mieten, das kostet ca 2400 Euro, die Kohle ist dann auf alle Fälle weg. Oder man kauft eins, das geht genauso ins Geld, verspricht aber Risiko und Abenteuer, und hinterher kann man es vielleicht wieder verkaufen. Bleibt nur noch die Frage: Zuverlässiger Langweiler oder geile Karre? Die Vernunft spricht sehr für einen zuverlässigen Mazda oder Toyota oder Golf. Man will ja nicht mitten in der Wüste oder in South Central liegenbleiben. Klarer Fall. Also Vernunft beiseite und her mit den geilen Karren. An Autos läßt sich nämlich die merkwürdige Alchemie der Wertschöpfung beschreiben: Erst sind sie neu und wertvoll und künden von hohem Status. Irgendwann werden sie alt und schrottig und Unterschicht. Wenn sie aber alt genug und einigermaßen gut erhalten sind, werden sie wieder wertvoll und prestigereich. Die Kunst im Umgang mit geilen Karren ist nun eben, genau an der Schnittstelle aus „schrottig“ und „schon wieder toll“ zuzuschlagen. Ob ich diese Kunst beherrsche, wird sich jetzt zeigen.

Also lande ich vor dem Restaurant, das eher ein Imbiß ist, und treffe auf Richard. Richard ist um die sechzig, wirkt vage lateinamerikanisch, spricht schwer verständlichen Akzent und lädt mich erstmal zum Essen ein. Dabei erzählt er mir, daß er in der Gegend mehrere 24-hour-restaurants betreibt und zahlreiche ältere Autos hat, die er nachts vor seinen Lokalen abstellt, damit es so aussieht, als wäre Kundschaft da. Sinn der Übung ist weniger die Ankurblung des Geschäfts, sondern Vermeidung von Raubüberfällen. Von diesen Autos will er jetzt eins verkaufen. Ich kann es mir aussuchen. Es sind zwei Mercedes, beide an die 30 Jahre alt. Aber Diesel, die gehen ja quasi nie kaputt. Was hingegen kaputtgeht, sind sämtliche Weichteile. Türgummis, Sitze, Teppiche, Armaturenbrett – alles in Auflösung. Schaltung und Kupplung scheinen auch in Auflösung zu sein. Was soll‘s, er fährt. Wir fahren zweimal um die Ecke und fädeln uns in den Stau auf dem Highway ein. Ein Sportagenfahrer winkt uns generös rein. Ein Sportwagen? Nein! Es ist ein DeLorean! Die Zeitmaschine aus „Back to the future!“ Das Zeitmaschinenauto, das aussieht wie ein plattgedrückter Golf! Was geht!

Was nicht geht: Der Mercedes. Zumindest nicht für 2000 Dollar. Richard ist wirklich nett, aber ich fahre erstmal weiter zum nächsten. Die Navi-App setzt mich vor Hausnummer 5730 ab und behauptet ungerührt, das sei die 8250. Kein Problem, man muß einfach die Straße weiter runterfahren. Wo allerdings alle 50 Meter ein Stoppschild steht. 25 Blocks, das macht 25 Stoppschilder. Irgendwann stehe ich vor einem Haus mit Wohnungen und ohne Klingelschilder. Ich rufe an. Keiner geht ran. Ich gehe erstmal einkaufen und rufe dann nochmal an. Keiner geht ran. Ich hänge ein bißchen herum und rufe nochmal an und fahre dann weiter. Und dann kommt mir ein Gedanke. Aus irgendeinem Grund schreiben viele Leute unter den Anzeigen ihre Nummer ungefähr so: 3-one-1-eight-2-2-zero-seven-7. Sollte mir da ein Fehler unterlaufen sein? Tatsächlich, da ist mir ein Fehler unterlaufen. Irgendjemand wildfremdes hat jetzt ein paar Nachrichten zum Thema Autokauf von mir auf der Mailbox.

Der Wagen steht in einer Tiefgarage und ist ein gelber alter Porsche 944. Leider ohne Türgriffe und mit leicht eingedrückter Stoßstange. Der Besitzer ist Türke, etwas jünger als ich, und wirkt recht nett. Wir sitzen nebeneinander in seinem Auto, fahren ein wenig durch die Straßen und reden so über dies und das. Dabei kommt raus: Er hat die letzten vier Jahre in Los Angeles Film studiert. Hat aber irgendwie nicht so hingehauen. Er geht jetzt zurück in die Türkei. Sein Wohnsitz wirkt recht feudal, der Porsche ist anscheinend sein Zweitwagen. Möglicherweise reiche Eltern, die jetzt den Geldhahn zudrehen? Die eingedrückte Stoßstange, das war seine Freundin, sagt er. Frauen am Steuer. Freunde am Steuer, sage ich, das geht auch mit Männern. Irgendwie ist er mir sympathisch. Er ist einer von diesen vielen Leuten, die aus ihren Heimatländern nach Amerika gehen, dort für sehr viel Geld Film studieren, dann aber hier doch nicht so richtig Fuß fassen und dann halt zurück nach Hause gehen, wo sie dann in der lokalen Branche auch nicht so richtig einen Fuß in der Tür haben und dann irgendwas anderes machen. Durch die Welt zieht ein großes Heer aus vielen tausend jungen Filmemachern, deren Namen nie jemand kennen wird, sie gehen an die NYU und die UCLA und die USC und die NYFA, manche landen auch aus Israel oder Venezuela oder Schweden in Deutschland an der HFF oder DFFB, sie versuchen es jahrelang hartnäckig und verlieren dann doch irgendwann die Energie, während neue junge hungrige Menschen nachwachsen und an sich glauben und fest überzeugt sind, daß sie etwas zu erzählen haben und die Welt sie hören wird. Und manchmal schafft es einer. Warum eigentlich? Und warum schaffen es die anderen nicht? Aber immerhin war man mal vier Jahre in Los Angeles und ist in einem gelben alten Porsche durch die Hügel gekurvt. Oder auch nur drei Monate. Ich finde das auch völlig in Ordnung. Wenn am Ende ohnehin nichts bleibt, dann bleibt immerhin diese Erinnerung. Wir steigen aus, er raucht noch eine. Der Wagen wirkt okay. Hat aber aus irgendeinem Grund keinen „Clean Title“, sondern einen „Salvaged Title“. Das passiert, wenn die Versicherung irgendwann ein Auto mal abgeschrieben hat. Angeblich kann man es damit so gut wie gar nicht verkaufen. Man muß sich das alles aus dem Netz zusammensuchen und weiß dann doch nicht, was stimmt.

Als nächstes ist ein weißer Mercedes 190 an der Reihe, irgendwo in Culver City, wo die Häuser aussehen wie Villen, aber vielleicht sind es auch einfach Häuser. Ich halte in der angegebenen Straße und sehe, wie der Wagen soeben einige Meter neben mir einparkt. Ein junger Schwarzer steigt aus. Ich nähere mich ihm und sage: Nettes Auto. Wollen Sie es verkaufen?
Er so: Nö.
Ich so: Aber genau der stand im Internet. Ich erkenne ihn an diesen glänzenden Felgen. Sieht krass gangstermäßig aus. Letzteres sage ich nicht, sondern denke es nur.
Er sagt, sein Bruder hätte auch so einen. Aber sein Bruder will eventuell auch diesen verkaufen. Er ruft seinen Bruder an. Sein Bruder sagt anscheinend ja. Er schlurft in Zeitlupentempo zurück zu dem Auto. Wir steigen ein und fahren. Der Wagen ist wie neu. Alles drin, alles dran. Allerdings für einen Mercedes erstaunlich eng. Mein Hut stößt an den Himmel, denn das, was quasi die Zimmerdecke ist, heißt im Auto ja „Himmel“. Der Wagen fährt, die Service-Belege hören vor 100 000 Meilen auf, er soll 1900$ kosten, der würde doch auch für 2500 gehen, warum so wenig? Irgendwas stimmt nicht. Oder ist das nur so ein dummes Gefühl? Alltagsrassismus meinerseits, genährt von zahlreichen Hollywoodfilmen, in denen die Gauner genauso aussehen wie der Phlegmatiker neben mir?

Weiter zum nächsten. In der Abenddämmerung lande ich in einer Gegend namens Hawthorne, direkt neben der Autobahn, wo die Häuser etwas kleiner und die Leute etwas ärmer sind. Es geht um einen Porsche 924, diesmal Baujahr 1977. Mike, der Besitzer, steht schon vor dem Haus und erwartet mich. Sein Gesicht sieht aus wie ein verwitterter Lederhandschuh, sein Porsche ist eins von zahlreichen Autos, im Hof stehen alle möglichen abenteuerlichen Gefährte herum, der Mann schraubt natürlich alles selber auseinander und zusammen. Mikes linkes Bein besteht aus Stahlteilen, was aber zwischen den vielen Autos gar nicht so sehr auffällt. Ich verstehe ihn kaum, aber er ist wahnsinnig leutselig, erzählt, daß sein Vater damals den Porsche neu gekauft hat und ihn über die Jahre sehr gepflegt hat, bis er 1996 starb. Und seitdem muß der Zahn der Zeit wirklich krass reingehauen haben. Das Auto sieht aus wie eine komplette Ruine. Als hätte ein Szenenbildner es für einen Film zurechtgemacht, in dem es die einzige Heimstatt eines mobilen Penners darstellen soll, aber dann sagt der Regisseur: Nee, das ist echt übertrieben, das glaubt uns keiner, ich mag das nicht, wenn es in Filmen so krass nach Szenenbild aussieht. Im Armaturenbrett klaffen fingerbreite Risse, alles hat sich aufgelöst, der Tüv würde in Ohnmacht fallen, aber Tüv gibt es hier ja keinen.

Mike sagt, daß er den Wagen loswerden will, weil er mit seinem Bein das Kupplungspedal nicht so recht bedienen kann. Nachdem er das Bein schon mehrmals erwähnt hat, entscheide ich mich, die Regel zu ignorieren, nach der man Behinderte nicht gleich nach der Behinderung fragt. Das war ein Motorradunfall im Jahr 1982, sagt Mike, und irgendwie ist das auch die einzig mögliche Antwort bei jemandem, desse Leben so motorgetrieben ist. Wir drehen eine Runde. Es fühlt sich an, als würde man auf einer sehr großen Teigrührmaschine fahren, und beim Schalten fühlt es sich an, als würde man im Teig rühren. So langsam fahre ich nie damit, sagt Mike, du mußt Gas geben und darfst erst schalten, wenn er bei 5000 Umdrehungen heult. 1500 Dollar, sagt Mike, denn soviel bekommt er auch als Abwrackprämie von Vater Staat, die wollen diese alten Möhren nämlich auch von den Straßen weg haben. Als ich wegfahre, dreht Mike nochmal spaßeshalber eine kleine Runde im Porsche und fährt mit dröhnendem Motor davon, das echte Bein auf dem Gaspedal, das Stahlbein auf der Kupplung.

Der nächste Kandidat wäre wieder ein Porsche, aber das Handy des Besitzers ist aus, und diesmal stimmt die Nummer. Am nächsten Tag geht es weiter mit einem Deja-Vu. Es ist wieder ein 30 Jahre alter Mercedes mit unzerstörbarem Dieselmotor und zerstörtem Interieur. Der Besitzer ist ein älterer Herr. Ich erzähle, daß ich quasi neben der Mercedes-Fabrik zur Schule gegangen bin, und er sagt:
Sin-del-fingen?
Ja! Gevatter, woher wißt Ihr das?
Er war da mal und hat sich ein Auto abgeholt. Er ist immer nur Mercedes gefahren. Diesen hier verkauft er jetzt für seinen Stiefsohn. Wir machen eine Probefahrt und kriechen im Schneckentempo auf die Autobahn. It won‘t win races, but it‘s good transportation, sagt der Mann, und ich ziehe Zwischenbilanz: Diese Leute! Sie sind alle wirklich sympathisch! Ich würde jedem sofort einen Gebrauchtwagen abkaufen, wenn es nur um den Verkäufer ginge und nicht um den Wagen.

Der nächste Termin ist in Venice, direkt am Strand, wo die Surfer surfen, die Skater skaten und die Hipster, ja, was machen die eigentlich. Der Verkäufer ist mal wieder sehr nett, etwas jünger als ich, hat diverse Texte auf den Arm tätowiert, ein klassischer Venice-Hipster, schlank und nicht übermäßig durchtrainiert, wirkt aber auf unaufdringliche Art selbstsicher, hat leichte Geheimratsecken und lange Koteletten. So genau schaue ich ihn mir erst an, nachdem er mir gesagt hat, was er von Beruf macht. Er ist nämlich Dating-Coach. Er bringt Frauen bei, wie man Männer anmacht. Das ist natürlich Quatsch, es ist umgekehrt, Joshua bringt den Mann an die Frau. Auf seiner Website heißt das „attraction expert“. Interessant, sage ich, ich bin Filmemacher, das behandelt im Grunde ein ähnliches Gebiet. Joshua hat seine Geschichte auch schon irgendwie an den Produzenten von American Pie verkauft. Aber vor allem hat da eine kleine Firma aufgezogen und gibt Anmachseminare. Diese Firma verlagert er jetzt allerdings nach Denver, Colorado, weil seine Freundin die Berge liebt und er durch diesen Umzug so viel spart, daß er oft genug nach Kalifornien fahren kann. Der Wagen ist eine dekadent fette S-Klasse, Baujahr 1982. Joshua hat ihn von der Erstbesitzerin gekauft, im Handschuhfach liegt ein dicker Stapel Reparaturrechnungen. Ich fahre ein bißchen, öffne die Motorhaube und tue so, als würde ich mich auskennen. Danach habe ich schwarze Finger und frage ihn, ob ich mir in seiner Wohnung kurz die Hände waschen kann. Wie ein echter Gentleman geht er voran und fragt erst kurz seine Freundin, ob ein Fremder mit schmutzigen Händen reinkommen darf. Die Wohnung ist für Venice Beach erstaunlich unglamourös. Oller Teppich, Zeug liegt rum, Jalousien hängen schief.

Das war‘s erstmal. Was nehmen wir jetzt? Der Typ aus Hawthorne, der gestern nicht ranging, hat geschrieben, daß sein Akku leer war. Fahre ich da jetzt nochmal hin? Oder nehme ich den weißen Gangsta-Mercedes? Oder den von Hitch, dem Date-Doktor? Ich entscheide mich erst für den weißen Gangsta-Mercedes, dann entscheide ich mich um und nehme die dekadent fette S-Klasse. Lisa, die Praktikantin aus der Villa, fährt mich netterweise hin, ich leere auf dem Weg einen Geldautomaten, dann machen wir Übergabe in der Tiefgarage. Die Freundin vom Date-Doktor ist auch da und ist Pilates-Lehrerin und ist total nett und fängt gleich mit Lisa ein so ausführliches Gespräch an, daß Lisa ihren Plan vergißt, Joshua nach seinem Beruf zu fragen. Joshua und ich zählen Geld, dann fahren wir los und beschließen, noch ins Meer zu springen, dazu parken wir Lisas Auto, sie steigt in meins ein und wir suchen einen zweiten Parkplatz, und als Lisa ins Auto steigt, sagt sie: Hier riecht‘s nach Gras.
Echt?
Stimmt.
Krass.
Oder riecht es doch einfach nur nach altem Auto?

Ich fahre jetzt also den 1982er Mercedes 300SD von Dating-Coach Joshua Pellicer, hier wäre dann auch mal seine Website, der da drin möglicherweise mal den einen oder anderen Joint geraucht hat. Am nächsten Morgen mache ich eine kleine Ausfahrt am Pazifik entlang, auf einmal ist der Tank leer, dann ist er plötzlich wieder genauso voll wie vorher, dann tanke ich ein wenig, und daraufhin ist er wieder ein wenig leerer als vorher, aber voller als leer. Das kann ja heiter werden. Wenn er mir zuviel verbraucht, stelle ich ihn einfach wieder bei Craigslist rein und gucke mir die zahlreichen Typen an, die mir möglicherweise einen Gebrauchtwagen abkaufen wollen.

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Raus mit der Sprache

Vor drei Wochen war ich in der Jury des „Festival im Stadthafen“, abgekürzt FiSH, in Rostock. Es ist ein Nachwuchsfestival, was bedeutet, daß man dort gestandene Hochschulfilme genau wie hoffnungsvolle No-Budget-Fingerübungen zu sehen bekommt, zwischendrin aber gern auch mal psychedelische Barbiepuppen-Animationen von achtjährigen Mädchen. Die Atmosphäre war grandios, wir hatten zwei Tage lang einen Bombenspaß, was an dem ausgesprochen gut ausgesuchten Filmprogramm lag, aber auch an der Art, wie die Vorführungen organisiert sind. Pro Block laufen nur vier bis sechs Filme, die Macher sind fast alle anwesend, nach jedem Film gibt es ein ausführliches Gespräch mit dem Gast. Und was dann kommt, ist einzigartig und toll: Nach jedem Block setzt die Jury sich auf die Bühne und diskutiert über die Filme. Live und vor versammelter Menge. Man hat dafür nicht ewig Zeit, aber man nimmt sich die Zeit, die man braucht, um auf jeden Film einzugehen. Man ist automatisch nicht so fies, wie man im privaten Kreis doch oft über Filme spricht, man ist aber auch nicht so nett, wie man es unter vier Augen mit Filmemachern ist. Man findet ganz von selbst den richtigen Ton. Man reißt sich zusammen und kommt auf den Punkt. Man hantiert auch mal mit widerstreitenden Meinungen, ohne daß die Kommunikation abreißt. Ich halte dieses Vorgehen für schlichtweg großartig, meinetwegen könnte es sich auch in der restlichen Festivalwelt verbreiten, denn auf einmal merkt man, wie aufgeblasen eigentlich das übliche Prozedere mit der hochkarätig besetzten Fachjury ist, die sich zur Beratung zurückzieht und dann ihren Ratschluß vom Himmel flattern läßt.

Denn, um es mal umgekehrt zu denken: Was spricht denn eigentlich dafür, die Beratung einer Jury nicht öffentlich zu machen? Was sollte daran geheim sein? Warum und wieso? Geheimhaltung weckt immer den Verdacht, daß jemand etwas zu verbergen hat. Das ist aber bei Jurysitzungen nicht der Fall, oder wenn doch jemand etwas zu verbergen hat, beispielsweise eine persönliche Ab- oder Zuneigung zu irgendeinem Wettbewerbsteilnehmer, dann tut er besser daran, es auch in einer geschlossenen Jurysitzung zu verbergen. Ich war schon in allerhand Jurys, man diskutiert dort immer sehr ernsthaft und sorgfältig, aber ich habe bisher in keiner Jury etwas erlebt, das nicht auch öffentlich hätte stattfinden können. Und andererseits ist es ja ein bekanntes Phänomen, daß Jurys oft entweder wahnsinnig vorhersagbare Urteile fällen (indem beispielsweise in Ludwigshafen derjenige Berliner-Schule-Film gewinnt, der in Berlin nichts gekriegt hat) oder aber solche, die wirklich kein Schwein nachvollziehen kann. Wer weiß, ob sich das bei öffentlicher Diskussion ändern würde, aber ich fände es wirklich rasend interessant, mitzuerleben, wie solche Entscheidungen entstehen. Natürlich hätte jedes Jurymitglied Bammel, am Ende öffentlich gegen Leute zu stimmen, die man persönlich kennt und vielleicht sogar mag – aber es würde zwangsläufig passieren, und das würde dann nach einer Weile zu einem Sportsgeist führen, der unserem Metier mit seinen zahlreichen großformatigen Egos mal ganz gut zu Gesicht stünde.

Daher fordere ich hiermit: Schafft ein, zwei, viele Rostock! Macht öffentliche Jurysitzungen! Von Biberach bis Toronto, von San Sebastian bis Cannes! Die Idee ist natürlich total utopisch, aber das Durchdenken von utopischen Szenarien gehört ja zum Berufsbild des Filmemachers. Was würde passieren? Es gäbe wütende Proteste, alle möglichen Mahner und Bedenkenträger und Wächter der Kunst würden ihre mahnende Stimme erheben, aber ich werde den Verdacht nicht los, daß es am Ende gut wäre.

Hier wäre dann noch der Trailer für einen wirklich umwerfenden Animationsfilm, den es in Rostock zu sehen gab.

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Hier werden einige Konzepte völlig neu gedacht.

Urheberrecht, oh yeah. Mein kürzlich hier geschriebener Text (eigentlich  war es nur eine etwas längere Ausführung des alten Sprichworts „Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird“) fand überraschend große Aufmerksamkeit, in den letzten Wochen wurde überall fröhlich weiter apelliert, manifestiert, urgehoben und erstunterzeichnet, ich habe dazu eigentlich nichts mehr zu sagen, sondern nur eine kurze Frage.

Ich sympathisiere ja durchaus mit zahlreichen Positionen der sogenannten Netzgemeinde, aber wenn man dann konkret wissen will, wie es gehen soll, wenn es nicht mehr so geht, wie es bisher ging, dann fällt die Antwort oft etwas schwammig aus. Und das manchmal herangezogene Argument, kreatives Schaffen basiere überwiegend auf der Vorleistung anderer, halte ich für ein wenig dämlich. Malte Welding sieht das anscheinend ähnlich. In einem Kommentar zu seinem Text schreibt dann jemand etwas über Patentfristen und sagt: „Hier werden einige Konzepte völlig neu gedacht.“

Und das würde ich gern genauer wissen. Das alte Modell „ich tue Musik auf einen Tonträger, Leute kaufen den dann“ war bestechend simpel, es ließ sich in einem Satz beschreiben, und ich habe das Gefühl, daß ein neues Modell ähnlich simpel sein müßte, um zu funktionieren. Wo ist es? Wer hat es? Wer kann es in SMS-Länge beschreiben? Das ist keine sarkastische Zeig’s-mir-doch-ätsch-Frage, sondern ehrliches Interesse. Ich würde es einfach gern wissen. Her damit.

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Ideen, die man mir dringend mal klauen sollte

Anläßlich der Verleihung des deutschen Filmpreises, die heute abend über die Bühne geht, fragte man mich, ob ich fürs Programmheft ein paar Filmideen beisteuern könnte. Und zwar Ideen, die ich mir gern klauen lassen würde. Nichts leichter als das. Hier also auch für alle Nichtfilmpreisbesucher: Sechs deutsche Filme, die ich niemals machen werde.

SCHNAPPDIRDENLACHS
Marvin (39) hat ein Problem: Sämtliche Frauen sind verrückt nach ihm. Nur nicht die bildhübsche Köchin Sonja. Um ihr Herz zu erobern, muß er sich durch sämtliche kalten Buffets der Hauptstadt fressen und ihr beweisen, daß er Geschmack hat. Doch dabei wird er sehr dick, und seine zahlreichen Verehrerinnen stehen nicht mehr auf ihn. Marvin muß sich entscheiden…

GISELA
Die schweigsame Tierarzthelferin Gisela (43) führt ein Doppelleben: Tagsüber schläfert sie mit zärtlicher Hand todkranke Tiere ein, nachts hat sie eiskalt distanzierten Sex mit wildfremden Männern, Frauen und Pferden. Bis eines Tages der Hengst Nebukadnezar (13) in ihrer Praxis auftaucht, mit dem sie vor Jahren eine Affäre hatte…

ZANDER MIT ERDBEEREN
Der alte Krabbenfischer Knut (89) ist verbittert, seit seine einzige Tochter durch eine defekte Nähmaschine zu Tode kam. Alles, was daran erinnert, hat er aus seinem Leben verbannt. Er trägt seitdem nur noch Strickkleidung. Doch dann steht eines Tages sein kleiner Enkelsohn vor der Tür. Das unschuldige Kind bringt den weichen Kern hinter der rauhen Schale des alten Mannes zum Vorschein – doch eines Tages findet der Junge eine Nähmaschine auf dem Speicher und ist sofort begeistert…

RAMBOW

Für Ronny (16) und seine Clique besteht der Tag aus Rumhängen, Saufen und gelegentlichen sinnlosen Gewaltexzessen. Bis sie eines Tages eine durchreisende Geschäftsfrau zu Tode prügeln. Danach stellt sich heraus: Die Frau war Ronnys Mutter. Auf der verzweifelten Flucht vor seinem Schmerz stürzt Ronny sich in einen weiteren sinnlosen Gewaltexzess, bei dem er sich versehentlich selbst totschlägt.

PLEITEGEIER UND ANDERES FEDERVIEH
Die Arbeiter in der Steuerkanzlei Platkowski&Co in Dortmund sind echte Kumpels, wie es sie nur im Pott gibt: Rauh, aber herzlich. Doch die Zeiten sind hart. Immer mehr Menschen machen ihre Steuererklärung selber. Eines Tages kauft eine chinesische Investorengruppe den Betrieb auf. Die Arbeiter sollen entlassen werden, die Maschinen demontiert und nach China verschifft. Doch die neuen Chefs haben nicht mit den Kumpels von Platkowski&Co gerechnet…

VIROLOGIE FÜR ANFÄNGER
Ein brillanter Wissenschaftler (60) und seine brillante Studentin (20) verlieben sich. Doch dann erkrankt er schwer – an genau der Krankheit, die er seit Jahrzehnten erforscht. Er läßt sich einfrieren, sie forscht weiter, 40 Jahre später hat sie die Therapie gefunden, taut ihn wieder auf und heilt ihn. Sie sind jetzt beide 60 und könnten glücklich werden. Doch dann verläßt er sie wegen einer Jüngeren.

SCHWEIGER
Der Angestellte Norbert (39) verläßt jeden Tag seine Familie und geht zur Arbeit. Behauptet er. In Wahrheit setzt er sich in eine leerstehende Wohnung und schweigt den ganzen Tag. Als seine Frau dahinterkommt, schweigt sie ebenfalls.

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Great Baby Grand.

Nachdem ich vor zwei Wochen hier einfach mal so behauptet habe, Musik würde sich durch Mundpropaganda und Liebe am besten verbreiten, man würde singend durch einen dunklen Wald marschieren etcetera, unterziehe ich mich hiermit selbst der Probe aufs Exempel und marschiere klavierspielend in einen dunklen Wald.

Ein Konzertflügel ist bis zu 3 Meter lang. Ein kleiner Flügel, der nur etwa halb so lang ist, also quasi gestutzt wurde, heißt folgerichtig Stutzflügel. Noch niedlicher ist der englische Ausdruck hierfür, da heißt der Stutzflügel „Baby Grand“. Die englische Vorsilbe für für Urgroßeltern, -onkels oder -tanten lautet bekanntlich „great grand“, und da mein Flügel auch schon im Urgroßelternalter ist, habe ich die ganze Sache auf den englischen Projektkosenamen „Great Baby Grand“ getauft. Der Flügel ist nicht im allerbesten Zustand, die Mechanik verrichtet ihre Arbeit mit hörbarem Eifer, aber ansonsten leben wir in topmodernen Zeiten, deswegen wäre dann hier mal der Social-Media-Rundumschlag: Man kann sich die Musik bei Bandcamp anhören und herunterladen, und wer Bandcamp irgendwie nicht mag, findet uns auch bei Soundcloud. Zu vielen Stücken gibt es außerdem minimalistische Videos bei Vimeo, und wenn etwas neues entsteht, erfährt man davon bei Facebook oder Tumblr. Die Musik steht unter CC-Lizenzen, herunterladen ist bei Bandcamp bis zu 200mal im Monat kostenlos, man kann aber auch was dafür bezahlen. Wenn das tatsächlich ein paar Leute tun, werden irgendwann bessere Mikrofone angeschafft. Falls es irrsinnig viele Leute tun, wird ein neuer Flügel angeschafft.

Ansonsten gibt es nur ein paar Spielregeln:

-Die Musik ist mehr oder weniger improvisiert.
-Auf dem Flügel steht eine Sanduhr. Wenn sie nach fünf Minuten durchgelaufen ist, ist das Stück vorbei.
-Verspieler, also Tasten, die ich eigentlich in diesem Moment nicht unbedingt anschlagen wolllte, bleiben drin.
-Das ganze ist eine Art musikalisches Tagebuch bzw. Notizbuch. Ideen, die hier auftauchen, können anderswo in anderer Gestalt wiederkehren.

Viel Freude.

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Mein Plattenladen heißt Herunterladen

Achtung, dieser Text ist lang.

Sven Regener schimpft und wird beschimpft. 51 Tatort-Drehbuchautoren sind sauer und werden gescholten. Der Chaos Computer Club antwortet und kriegt eins auf die Mütze. Alle kloppen sich. Und zwar wegen Urheberrechten sowie einer Partei, die die Piraterie im Namen trägt. Piraten und Netzaktivisten befürchten eine Welt, in der Firmen wie Disney und Bertelsmann auf jedes geschriebene Wort, jede gepfiffene Melodie und jede Zeile Programmcode sofort ihren Copyright-Stempel draufknallen, dem Urheber dafür anderthalb Cent hinwerfen, das Werk die nächsten 180 Jahre in den Kerker sperren und nur für horrende Summen herauslassen. Die Musiker, Schriftsteller und Filmemacher hingegen befürchten eine Entwicklung, bei der ihre gesamte Arbeit von gierigen, bleichen Computerkindern ins Netz gestellt wird und sie bzw. wir alle verhungern. (Bildende Künstler haben sich übrigens noch nicht beschwert, aber die haben ja auch ein krisensicheres Geschäftsmodell – sie fertigen Einzelstücke und verkaufen sie zu horrenden Preisen an Einzelpersonen. Wobei den eigentlichen Reibach ja angeblich meist der Zwischenhändler macht.)

Es gibt zwei Dinge, die mich daran stören.

Zum einen die Hysterie. In den beiden oben geschilderten Szenarien steckt der gleiche Denkfehler wie in den bunten Zukunftsbildern aus den 50er Jahren, auf denen wir im Jahr 2000 in atombetriebenen Flugautos herumkurven. Man beobachtet eine Entwicklung, verlängert sie in die Zukunft und gerät in in Panik. Das ist so, als säße ich auf dem Beifahrersitz eines Autos, das an der Ampel losfährt, würde den Tacho beobachten und sagen: Verdammt, jetzt haben wir schon in sieben Sekunden von null auf fünfzig beschleunigt, wenn das so weitergeht, werden wir demnächst die Schallmauer durchbrechen, da sollte ich jetzt besser mal dem Fahrer laut schreiend ins Steuer greifen und den Wagen gegen die nächste Wand lenken.

Und zum anderen: Alle reden immer nur von den anderen. Niemand redet von sich selber. Aber wenn man herausfinden will, wie Menschen funktionieren, ist es meistens genau die richtige Strategie, von sich auf andere zu schließen. Diese Lücke würde ich also gern schließen und ein wenig von mir selber reden. Ich werde dann zur Antwort bekommen: Du bist da aber ein Ausnahme. Und ich werde erwidern: Nein, ich bin keine Ausnahme.
Hier also mein Leben als Produzent und Konsument urheberrechtlich geschützter Werke. Ich gehe davon aus, daß es den meisten anderen ungefähr ähnlich geht. Und hinterher will ich wissen, was von der Hysterie übrig bleibt.

Bis zum zwanzigsten Geburtstag las ich eigentlich nur Bücher. Die meisten davon aus öffentlichen Bibliotheken. Ab und zu holte man sich einen Film aus der Videothek. Alle paar Monate kaufte man bei Drogerie Müller eine CD aus dem „Independent“-Regal.

Die Jahre zwischen 20 und 24 verbrachte ich dann mit untergeordneten Tätigkeiten am Filmset sowie der Arbeit an einem Musikprojekt, das nie an die Öffentlichkeit gelangte. Ich hatte diverse Gedichte von Michael Ende vertont, die Lieder finde ich bis heute recht schön, öffentliche Aufführungen waren aber aufgrund der Textrechte immer nicht ganz einfach, und als irgendwann die eine oder andere Plattenfirma sich dafür interessierte, wurde es richtig kompliziert und verlief dann irgendwie im Sande.

Später, als ich dann auf der Filmhochschule war, arbeitete ich eine Zeit lang nebenher für eine Musikvideofirma. Wir bekamen von den großen Plattenfirmen neue Songs, das meiste war schlimmer Kaugummiplastikpop und stammte von Bands oder „Projekten“, von denen man noch nie gehört hatte und von denen man auch nie wieder hören sollte. In Jargon der Plattenfirmen waren das aber „Newcomer“, in die man jetzt erheblichen finanziellen Aufwand steckte, ihnen ein Video für damals noch durchschnittlich 20-40.000€ drehte, das dann auf „MTViva“ laufen sollte, damit die „Kids“ das gut finden und die dazugehörige Single und am besten auch das Album erwerben konnten. Nur wenige der gedrehten Videos wurden dann auch wirklich gesendet, aber schon vorher wurden jeweils nur wenige Videoideen von den Plattenfirmen zur Verfilmung ausgewählt – ich schrieb im Lauf der Jahre an die zweihundert davon, verfilmt wurden nur zwei, die ich dann aber aufgrund meiner eigenen Position als Newcomer nicht selbst verfilmen durfte, sondern in „Co-Regie“ mit einer erfahrenen Kraft, was bedeutete, daß ich danebenstand, während jemand anders die Ansagen machte. Die Konzepteschreiberei war natürlich unbezahlt. Ich war in dieser Zeit irgendwie nicht so gut auf die Musikindustrie zu sprechen und kaufte kaum Musik. Über unseren langsamen ISDN-Anschluß lud ich aber auf Verdacht allerhand herunter, das meiste war nicht so interessant, einiges haute mich um und führte zum Erwerb einer CD sowie darauffolgendem Konzertbesuch.

Die erste Musikvideofirma ging Ende 2002 pleite, aus den Trümmern formierte sich eine neue, dort arbeitete ich eine Zeitlang als Regieassistent. Die Videos sahen typischerweise so aus, daß die Band in einer coolen Industrieumgebung spielte, während parallel dazu ein gutaussehendes Mädchen diverse Abenteuer erlebte. Ich lernte dabei eine ganze Menge, kam an erstaunliche Orte und hörte irgendwann auf, als ich keine Lust mehr hatte, mich am Set anschnauzen zu lassen und außerdem klar war, daß die Firma wirklich keinerlei Interesse an hauseigenem Regienachwuchs hatte.

2006 lernte ich ein Mädchen kennen, das Platten auflegte und nichts als Musik im Kopf hatte. Ich betrat eine neue Welt. Auf einmal war alles voller Bands, die kein Schwein kannte und die wundervolle Musik machten, aus Blogs, auf denen man jede neue Platte herunterladen konnte, und daß man sie sich bei Gefallen dann auch kaufte, war eh klar. Mein Musikkonsum schnellte in die Höhe, ich lud mehr herunter, als ich anhören konnte, kaufte Tonträger, hatte auf einmal zahlreiche neue Lieblingsbands, ging auf Konzerte, legte mir einen Plattenspieler zu, wühlte in Plattenläden herum, wir gründeten mit einem dritten Freund eine Musikzeitschrift, die nur eine Ausgabe erlebte, und veranstalteten gemeinsame DJ-Abende, auf denen wir nur Sachen spielten, die wir selber toll fanden – und erstaunlicherweise fanden sämtliche Anwesenden, vom Schüler bis zum Professor, unsere Musik auch toll.

Im selben Zeitraum arbeitete ich am Drehbuch für meinen zweiten Langfilm. Den ersten hatte ich mit sehr wenig Geld an der Hochschule gemacht, er wurde dann später für einen fünfstelligen Betrag ans Fernsehen verkauft. Das Geld ging komplett an die Hochschule und an die Koproduktionsfirma. Bei den Schauspielern und dem Team landete nichts. Beim zweiten Film hatte ich einen besseren Deal erwischt und konnte es nicht fassen: Ich wurde zum ersten Mal im Leben nennenswert bezahlt. Wenn man sein Glück nicht fassen kann, daß man für das, was man da tut, auch noch Geld kriegt, ist man ja angeblich im richtigen Job gelandet. Wobei andererseits das Schreiben von Drehbüchern mit dem Begriff „Arbeit“ ja durchaus ganz gut beschrieben ist. Ein Spaziergang ist es nämlich nicht.

Was beim Filmemachen aber immer wieder wahnsinnig nervt, ist das Copyright, das auf jedem Furz drauf ist. Ständig muß man virtuelle Zeitungen, Zigaretten- und Biermarken erfinden (okay, das liegt eher an der Angst der deutschen Sender vor Product-Placement-Vorwürfen), Klingeltöne sind vermintes Gelände, jedes Bild, das irgendwo an der Wand hängt, ist ein potentielles Problem, man darf nicht „Happy Birthday“ singen, das Radio muß um Gottes Willen aus sein. Ich habe insgesamt schon den Eindruck, daß die Alltagswelt, in der wir leben und die wir ja im Film verdammtnochmal zeigen wollen, immer mehr aus urheberrechtlich geschützten Dingen besteht.

Über all die Jahre habe ich übrigens kaum Filme gekauft. Auf DVD nicht, weil die Auflösung im Vergleich zu Kino immer noch ein Witz ist. Auf Bluray auch nicht, weil ich keinen Sinn darin sehe, einen Film, den ich mir höchstwahrscheinlich nur einmal ansehe, mir für Jahrzehnte ins Regal zu stellen. Ich besitze also nur einige wenige heißgeliebte Lieblingsfilme. Bei Büchern ist es übrigens ähnlich. Zu Studienzeiten holte man sich Filme ohnehin aus der HFF-Bibliothek, einige davon habe ich auch kopiert, was mit einigem Aufwand verbunden war, von den kopierten und gebrannten Filmen von damals schlummert aber sicherlich die Hälfte immer noch ungesehen in irgendwelchen Schachteln. Filme schaue ich mir am liebsten im Kino an. Auf der Berlinale früher gern auch fünf am Tag, heute nicht mehr so sehr, die Kapazität für betont sperriges Kunstkino hat im Lauf der Jahre angesichts mangelnder Überraschungen etwas nachgelassen, ach Quatsch, ich fand langweilige Filme noch nie toll. Musik lade ich weiterhin gern herunter, bei iTunes und Amazon und von den Künstlern direkt, aber auch von irgendwelchen Blogs. Platten werden auch weiter gekauft. Bücher ebenso. Es gibt ein Buch, das ich im Lauf des letzten halben Jahres mindestens zehnmal verschenkt habe. Zur Videothek gehe ich fast nie. Zu umständlich, wenn man abends um 22h30 beschließt, noch einen Film zu gucken, und dann muß irgendjemand das Ding auch noch zurückbringen. Gäbe es einen gut sortierten Video-On-Demand-Streamingdienst, ich wäre mit Begeisterung dabei. Ach, den gibt es schon? Stimmt, iTunes. Kürzlich kamen wir auf die Idee, man könnte sich den Klassiker „Täglich grüßt das Murmeltier“ ansehen. Den gibt es bei iTunes – zum Kaufen, für 7,99€. Ich glaube, das kann man noch besser machen.

Seit gut einem Jahr drehe ich auch wieder Musikvideos. Fast alle für eine kleine, sympathische Plattenfirma in Hamburg. Viel Geld ist da nie im Spiel, aber man hat mit extrem angenehmen Menschen zu tun, alle lieben ihren Job, es macht Spaß, und ich bin der Überzeugung, daß es am Ende für irgendwas gut ist. Meinen Lebensunterhalt bestreite ich mit Drehbüchern und Regie für Spielfilme. Reich bin ich dadurch bisher nicht geworden, aber das war auch nicht das Ziel, wobei ich andererseits überhaupt nichts gegen Reichtum einzuwenden hätte, falls er sich mal einstellen sollte.

So weit also mein summarischer Kulturlebenslauf. Was lernen wir daraus?

-Hätte Michael Ende seine Gedichte unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht, dann hätten wir unsere Lieder damals ungestört überall aufführen können, auf dieser Basis hätten wir uns eine gewisse Bekanntheit erarbeitet, dann hätten wir eine Platte gemacht und für selbige natürlich ganz klassisch die Rechte geklärt. Niemandem wäre etwas weggenommen worden, die Welt wäre immerhin um eine (vermutlich folgenlose) CD reicher.

-Das System aus Majorlabels und ihren gecasteten Horrorgestaltenbands, die dann an die Wand geworfen wurden und meistens geräuschlos herunterfielen, soll meinetwegen zur Hölle fahren. MTViva sind ja schon dort, die Majorlabels sind für mein subjektives Gefühl auch immer egaler geworden. Mittlerweile scheint ihnen aber selber aufgefallen zu sein, daß man auch mit Substanz Platten verkaufen kann, und sie versuchen wieder etwas seriöser zu wirken. 

-Wenn ich meinen Konsumenten-Lebenslauf anschaue, dann habe ich über die Jahre schon einiges für kulturelle Produkte ausgegeben, aber keine Unsummen. Wohnung, Essen und Kleinkram waren teurer. Selbst mein Freund Ralph, der ca. vier Tonnen Schallplatten in seiner Wohnung hortet, gibt schätzungsweise immer noch mehr für die Krankenkasse aus als für Vinyl.

-Der Schlüssel zum Habenwollen ist, schlicht und ergreifend: Liebe. Auf dem Haldern Pop Festival hörte ich 2006 eine Band namens Guillemots. Noch nie vorher hatte ich solche Musik gehört. Gegen ihre Songs klang alles andere wie einfallsloses Gedudel. Ich kaufte, kopierte, überspielte, bestellte, holte mir alles, was ich von ihnen kriegen konnte. (Für meinen neuen Film habe ich fast nur Musik von dieser Band verwendet – von Produktionsseite fließt da jetzt Geld, aber das kriegt leider nur die Plattenfirma, weil die Band denen noch was schuldet). Wenn ein Buch, ein Film oder ein Lied mich wirklich berührt, dann berührt es eine ganz andere Abteilung in meinem Kopf als die Finanzverwaltung. Und das ist auch das Geschäftsmodell der Indie-Labels, deren Musik ja das vergangene Jahrzehnt maßgeblich geprägt hat. Die machen Musik, die von Leuten wirklich geliebt wird. Das bewegt sich finanziell immer auf dünnem Eis, aber irgendwie funktioniert es dann doch. Ich empfinde die Musiklandschaft jedenfalls heute als deutlich reichhaltiger und interessanter als vor zehn oder zwanzig Jahren.

Und um hiermit die eingangs geäußerte Behauptung zu wiederholen: Ich behaupte, daß die meisten Menschen da ziemlich ähnlich funktionieren wie ich. Wenn wir etwas lieben, wollen wir es haben – oder noch besser: Daran teilhaben. Indem wir ins Kino gehen oder ein Konzert besuchen oder ein Buch überallhin mitschleppen. Der ganze Rest ist Hintergrundrauschen, läuft im Radio, steht zufällig im Regal, liegt auf irgendeiner Festplatte herum. Und jetzt kommt bitte nicht an und erzählt mir: Da bist du aber eine Ausnahme, irgendwelche pickligen Jugendlichen laden nämlich längst schon alles herunter und furzen ihrer Lieblingsband dann noch hohnlachend ins Gesicht. Klar, es gibt alles, irgendwie, irgendwo. Aber Extreme sind Extreme, normal ist normal, und ich bin keine Ausnahme.

Denn das ist doch der Unterschied zwischen unserer Arbeit und dem Herstellen eines Tisches. Der Tischler steckt garantiert genausoviel Liebe in seinen Tisch wie ich in ein Drehbuch – aber der Kunde liebt ein Lied mehr als einen Tisch. Deswegen wollen ja so viele Leute was mit Medien machen. Dafür gibt es andererseits eher wenig Geld für verdammt viel Arbeit. Und – Achtung, Knackpunkt – niemand garantiert dir, daß die Liebe, die du in deine Arbeit steckst, am Ende vom Publikum erwidert wird. Du kannst all dein Herzblut in deine Arbeit gießen, und am Ende kann trotzdem Schrott herauskommen. Das ist dein Risiko als Künstler. Augen auf bei der Berufswahl. Du gehst allein in einen dunklen Wald, du singst dabei lauthals ein Lied, und du kannst nur hoffen, daß in dem dunklen Wald Leute wohnen, die dein Lied lieben werden. Und dabei kann auch ein Download ein Liebesbeweis sein. Es gibt nämlich zwei Sorten von illegalen Kopien. Die Liebeskopie, die oft später in einen Kaufakt mündet, und die mir-doch-egal-Kopie, die zu Datenleichen auf der Festplatte führt. Erstere kann ein wirtschaftlicher Schaden für den Künstler sein, kann sich auf lange Sicht aber auch lohnen. Letztere ist kein Schaden, denn der Kopist hätte das Werk ja so oder so nicht gekauft.

Wenn die Piratenpartei nun Schutzfristen verkürzen will – meinetwegen. Ich fände es völlig okay, wenn meine Werke mit meinem Tod ans Universum zurückfallen würden. Da habe ich sie ja schließlich auch her. Es sei denn, ich hätte Frau und Kinder und würde mit 40 den Löffel abgeben, dann könnte man ja den 80. Geburtstag oder sowas nehmen. Die Argumentation, daß man bei jeglichem Schaffen ja ohnehin in erheblichem Maß auf vorbestehendes Material zurückgreifen würde und deswegen das Urheberrecht Blödsinn ist, die ist allerdings, das muß auch mal gesagt werden, tolldreister Quatsch. Genausogut könnte ich einen Architekten nicht bezahlen, weil sein Haus aussieht wie ein Haus. Ein Einfall ist immer ein irrationales, irgendwie gnädiges Ereignis, deswegen heißt er ja Einfall, aber vor und nach dem Einfall liegt ein Ding namens Arbeit.

Wenn ich mich ansonsten in der tobenden Schlacht positionieren soll, dann würde ich erstmal sagen: Regt euch ab, nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Filesharing ist mittlerweile eine riskante Sportart, Kino.to und Megaupload sind tot, andere werden folgen. Künstler haben eine lebhafte Phantasie, und Nerds neigen ohnehin zur Paranoia, daher die Hysterie auf beiden Seiten der Debatte. Chillt mal drauf. Kommt runter. Und dann würde ich mir erneut meine gesammelte Lebenserfahrung nochmal angucken und dabei relativ schnell feststellen, daß ich mit vielen Leuten, Firmen und Instanzen zu tun hatte, einige waren cool, andere uncool, aber nur die große Musikindustrie hat Verhaltensweisen an den Tag gelegt, wie ich sie eher von einem betrunkenen Dreijährigen erwarten würde. Menschen verhalten sich meistens ähnlich, nämlich menschlich, also ungefähr so wie ich. Firmen verhalten sich jedoch gern auch mal wie Psychopathen. Ich habe also den leisen Verdacht, daß es für Kunst und Kultur gut sein könnte, wenn einige Dinge sich ganz vorsichtig ein wenig in die Richtung verschieben, wie sie von Netzaktivisten gefordert wird – kürzere Fristen, mehr Freiheiten. Und dabei geht es nicht um die unrealistischen Maximalforderungen, die man in die Debatte hinaustrompetet, sondern um kleine, vorsichtige Schritte. Und dann könnte ich vielleicht in meinem nächsten Film auch ein Nokia-Handy mit dem Nokia-Ton klingeln lassen.

Malte Welding sieht das ähnlich, hat sich aber kürzer gefaßt als ich.

Das Schlußwort möchte ich zwei mit mir befreundeten Drehbuchautoren überlassen, die auch hin und wieder mal Tatorte schreiben und deren Namen ich in der Unterzeichnerliste des offenen Briefs nicht fand. Ich schrieb ihnen und fragte sie, warum sie da nicht stehen. Der eine schrieb zurück:

Ich stehe schon deshalb nicht auf der Liste, weil ich nicht gefragt wurde. Ich hätte mich aber auch schwer getan, ausgerechnet als Tatort-Autor, der von Gebühren bezahlt wird, die auch von Menschen entrichtet werden müssen, die gar keinen Tatort gucken wollen, in diesem Ton zu lamentieren.

Der andere gab kurz und bündig zur Antwort:

bin kein tatort autor.

(Nachtrag:  Gratuliere, Sie haben bis zum Ende gelesen und festgestellt, was ich hiermit selber zugebe – der Titel dieses Textes ist zu 73% irreführend. Aber er ist provokant, ich verspreche mir davon  Aufmerksamkeit und vielleicht die eine oder andere autorisierte oder unautorisierte Kopie. So läuft’s Business. Und wenn ich dann so bekannt bin, daß das Publikum denkt: Der hat genug verdient, dem seinen Kram darf man sich aus dem Netz saugen, dann kann ich immer noch überlegen, wie ich meinen Bekanntheitsgrad wieder reduziere.)

(Nachtrag 2: Ich folge hiermit dem Hinweis eines Kommentators und verleihe diesem Text feierlich eine Creative Commons Lizenz namens CC-BY 3.0. Jeder darf damit machen, was er will, sofern er auf das dahinterstehende Originalgenie, also mich, verweist. Gern geschehen.)

(Nachtrag 3: Danke für die zahlreichen Kommentare, die überwiegende Zustimmung und vor allem für den zivilisierten Tonfall, in dem sämtliche Ansichten geäußert wurden. Schön zu sehen, daß man freundlich in den Wald hineinrufen kann und es freundlich zurückschallt, das habe ich in den Kommentaren schon so ähnlich gesagt und wiederhole es hiermit. Eine gekürzte und leicht geänderte Version dieses Textes wird am Samstag 7.4. im Tagesspiegel erscheinen, darin habe ich auch versucht, auf einige Dinge einzugehen, die sich in den Kommentaren ergeben haben, was aber nicht ganz einfach ist, wenn man aus 17000 Zeichen 8000 machen muß. Ich werde Samstag nicht in der Stadt sein, vielleicht mag mir ja jemand ein Exemplar sichern.)

 

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Die freudlose Masse.

Verehrtes Publikum!
Haben Sie eigentlich schon den zahlreich oscarnominierten Film „The Artist“ gesehen?
Wenn ja: Wußten Sie, daß die innovative Form dieses Films, schwarzweiß und keine Dialoge, keineswegs neu ist, sondern im Gegenteil sehr alt?
Wenn ja: Fühlen Sie sich von dieser Frage ein wenig auf den Arm genommen und für dumm verkauft?
Wenn ja: Finden Sie auch, daß die da oben uns alle auf den Arm nehmen und für dumm verkaufen?
Wenn ja: Wußten Sie, daß es schon mal eine Zeit gab, in der es vielen Menschen genauso ging?
Wenn ja: Ist Ihnen schon mal aufgefallen, daß die Wiederkehr der Wirtschaftskrise mit der Wiederkehr des Stummfilms einhergeht?
Ja?
Okay.
Und jetzt wollen Sie wissen, was das alles miteinander zu tun hat?
Wissen wir auch nicht.
Aber wir wollen es gemeinsam herausfinden und laden daher ein:
DIE FREUDLOSE MASSE.
Der Stummfilmabend zur großen Krise. Nächsten Donnerstag, 1.3.2012, 21h im Deutschen Theater, Berlin.

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Echo

Mein Super-8-Video für Thees Uhlmann ist doch tatsächlich für den ECHO nominiert. Wer hätte das gedacht. Hier kann man abstimmen.

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Krisenbiographie.

Ich wurde 1976 geboren. Ich war gerade drei Monate alt, da passierte in Seveso die Dioxin-Katastrophe. Sie wurde zum Symbol für das vorherrschende Lebensgefühl dieser Zeit: Angst. Man hatte hauptsächlich Angst vor zwei Dingen, nämlich vor Umweltzerstörung und vor Atomwaffen. In dieser Stimmung wuchs ich auf. Meine Eltern waren weder besonders umwelt- noch irgendwie friedensbewegt, trotzdem war klar, daß bald alles zu Ende sein würde. Je nachdem, ob man eher rechts oder eher links stand, waren es die Amerikaner oder die Russen, die uns demnächst die Lichter ausblasen würden, und falls das wider Erwarten doch nicht passieren sollte, waren Konservative und Progressive sich einig, daß der Mensch stirbt, wenn der Wald stirbt, und der Wald starb ja zweifellos.

So vergingen die Achtziger. Mit Challenger und Tschernobyl gab es im Westen und im Osten jeweils einen großen Knall, der uns eindringlich vor Augen führte, daß der Weltuntergang eigentlich schon so gut wie da war. Schuld war einerseits die Blindheit der Menschheit, die lieber ins All fliegt, als zuhause ihre Probleme zu lösen, andererseits die haarsträubende Schlamperei des Russen in seinem maroden Atomkraftwerk.

Dann ging ich eines Montagmorgens zur Schule und las an den Zeitungsläden die Bild-Schlagzeile: Guten Morgen, Deutschland! Es war ein schönes Wochenende. Die Mauer war weg, alle freuten sich, allerdings nicht sehr lang, denn schnell war klar, daß unser Staat drauf und dran war, eine bankrotte Bananenrepublik aufzukaufen, und daß das nicht gutgehen konnte, war genauso klar. Bevor man darüber so richtig depressiv werden konnte, kam der erste Irakkrieg, Saddam Hussein war nach allgemeiner Auffassung der zweite Hitler, in Washington regierte der erste George Bush, und wir standen an der Schwelle des dritten Weltkrieges. Wenn vielleicht doch nicht im Irak, dann würde er halt in Jugoslawien seinen Ausgang nehmen. Der Jugoslawienkrieg zog sich wie ein diffuses Grundrauschen durch die ganzen 90er Jahre. Man verstand nie genau, was da eigentlich schief ging, aber es ging katastrophal schief, zehn Jahre lang, direkt vor unserer Haustür. Völker, die jahrzehntelang friedlich nebeneinander gelebt hatten, gingen plötzlich aufeinander los. War das keine Warnung für uns, die wir in unseren neuerdings 16 Bundesländern so friedlich nebeneinander lebten? Na klar, es ging ja schon los, in Hoyerswerda und Solingen und Mölln und Rostock. Also gingen wir auf die Straße und formierten uns zu Lichterketten, falls wir uns die Lichter noch leisten konnten, denn 1993/94 ging ein trübes Schreckgespenst namens Rezession durch Deutschland. Mit der Wirtschaft ging es bergab. Daimler machte Kurzarbeit. Das war der Anfang vom Ende. Hätte man sich aber denken können nach den Lasten der Wiedervereinigung. Schon bald würden wir in Lumpen durch die Straßen ziehen, nach essbaren Abfällen suchen und Ratten jagen, um sie zu schlachten und zu braten.

Die Rezession verschwand irgendwie wieder aus den Nachrichten, danach muß es so eine Art Aufschwung gegeben haben, aber ich kann mich nicht daran erinnern, daß mir irgendjemand etwas davon gesagt hätte. In den Nachrichten kamen immer nur schlechte Nachrichten. Der Anarcho-Chaot von Frankfurt wurde Außenminister, das war für die letzten drei überlebenden Wertkonservativen der Moment der endgültigen Verbitterung, und dann war seine erste Amtshandlung der Kosovokrieg, woraufhin die altgedienten Alternativen sich ebenfalls verbitterten. Ein Ding namens Dotcom-Blase platzte, zum Glück hatte ich mein Geld da nicht angelegt, ich hatte gar kein Geld, weil ja ständig Krise war. Und als dann die Flugzeuge in die Hochhäuser flogen, brach das ganze 20. Jahrhundert mit Getöse in sich zusammen, Nordturm und Südturm und Westblock und Ostblock, alles kaputt. Und das war etwas Neues. Es war nicht einfach die übliche Dauerkrise ˗ diesmal war es wirklich der Anfang vom Ende. Die ganzen nächsten Jahre wurde nur noch gejammert. Die Leute hatten graue Gesichter, sprachen nur im Flüsterton von der Zukunft, gingen gebückt und kraftlos ihrem Tagwerk nach und zitterten vor Angst. Der Krieg in Afghanistan und im Irak war da auch nur ein Symptom. Es war schrecklich. Wir würden alle sterben.

Nebenbei geschah noch etwas anderes, Erstaunliches: Die Umweltzerstörung, Hauptkrise meiner Kindheit, feierte ein Comeback. Was mir und jedem aufgeklärten Greenpeace-Magazin-Leser schon immer total klar gewesen war ˗ das Abschmelzen der Polkappen, Treibhauseffekt, Ozonloch ˗ all das war plötzlich wieder da, mehr noch, es war plötzlich Mainstream, so wie eine coole Band aus der Jugend, die sich irgendwann aufgelöst hat und jetzt plötzlich wieder da ist und mit neuem Bassisten wieder auf Tour geht und auf einmal die ganz großen Massen begeistert. Die Erderwärmung machte ungefähr so eine Karriere wie die Ärzte.

Wenigstens die wirtschaftliche Düsternis lichtete sich allmählich. Zum ersten Mal in meinem Leben standen positive, freundliche Dinge in der Zeitung: Aufschwung. Wachstum. Aber mir war klar, daß das nicht lange halten würde. Die Krise würde wiederkommen.

Na klar. Sie ist wieder da. Und sie ist wie immer schlimmer als je zuvor. Diesmal wird die Welt zusammenbrechen. Die Anfänge werden wir noch aus den Nachrichten erfahren, dann werden die Bildschirme dunkel bleiben, bald darauf wird der Strom ausfallen, allgemeines Chaos wird ausbrechen. Wer eine Wohnung mit Ofenheizung hat, wird sich glücklich schätzen, denn uns steht ein langer, harter Winter bevor. Wir werden in Lumpensammlerkolonnen durch die Straßen ziehen, wie schon damals in der Rezession von 93/94. Am Himmel werden seltsame Zeichen erscheinen, ab und zu wird irgendwo eine unserer überzüchteten Maschinen mangels Wartung explodieren, zum Beispiel eins der vielen aufgelasssenen Atomkraftwerke. Wer sich nicht anpassen kann, wird zugrunde gehen, und unsere Kinder werden in einer Welt aufwachsen, in der unsere technische Zivilisation nur noch eine ferne Erinnerung ist. Sie werden Büffel jagen und neue Götter anbeten.

Es gibt eine sogenannte Weltuntergangsuhr, auf der Wissenschaftler darstellten, wie nah die Menschheit am Abgrund steht. Manchmal stand diese Uhr auf 11:53, aber dann bauten beispielsweise die Pakistanis ein neues Atomkraftwerk, woraufhin die Uhr auf 11:57 vorgestellt wurde, und wenn das pakistanische Atomkraftwerk eine Zeit lang nicht in die Luft gegangen war, wurde die Weltuntergangsuhr wieder zurückgestellt auf 11:55. Meine ganze Kindheit und Jugend hindurch war es also meistens fünf vor zwölf. Und trotzdem wurde es nie Mitternacht.
Klar, daß mir die Uhr irgendwann egal war.

Daß man gegenüber permanenter Panik schnell abstumpft, ist nachvollziehbar ˗ aber ist es auch richtig? Sind wir tatsächlich wie der Mann, der aus einem Hochhaus fällt und sich bei jedem Stockwerk sagt: Bis hierher ging ja alles gut? Ist unsere Zivilisation so aufgebläht, daß es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie platzt? Oder ist das ganze Leben ein freier Fall, und der Aufprall erfolgt nicht kollektiv, sondern nur individuell, zum Zeitpunkt des jeweiligen Ablebens?

Seit ich mich erinnern kann, ist Krise. Sie war schon immer da. Sie wird uns nie verlassen.
Das Leben geht bekanntlich weiter, aber das bedeutet nur, daß auch die Krise weitergeht. Wir werden immer am Abgrund leben, wir werden nie hineinfallen, aber falls wir eines Tages doch hineinfallen, werden wir alle zugleich ausrufen, daß wir genau wußten, daß es bald so kommen würde.

Dieser Text entstand Ende 2008, am Anfang der großen Krise, und wird hier zweitverwertet, weil immer noch Krise ist, wovon der Text ja schließlich auch handelt.

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