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Ideen, die man mir dringend mal klauen sollte

Anläßlich der Verleihung des deutschen Filmpreises, die heute abend über die Bühne geht, fragte man mich, ob ich fürs Programmheft ein paar Filmideen beisteuern könnte. Und zwar Ideen, die ich mir gern klauen lassen würde. Nichts leichter als das. Hier also auch für alle Nichtfilmpreisbesucher: Sechs deutsche Filme, die ich niemals machen werde.

SCHNAPPDIRDENLACHS
Marvin (39) hat ein Problem: Sämtliche Frauen sind verrückt nach ihm. Nur nicht die bildhübsche Köchin Sonja. Um ihr Herz zu erobern, muß er sich durch sämtliche kalten Buffets der Hauptstadt fressen und ihr beweisen, daß er Geschmack hat. Doch dabei wird er sehr dick, und seine zahlreichen Verehrerinnen stehen nicht mehr auf ihn. Marvin muß sich entscheiden…

GISELA
Die schweigsame Tierarzthelferin Gisela (43) führt ein Doppelleben: Tagsüber schläfert sie mit zärtlicher Hand todkranke Tiere ein, nachts hat sie eiskalt distanzierten Sex mit wildfremden Männern, Frauen und Pferden. Bis eines Tages der Hengst Nebukadnezar (13) in ihrer Praxis auftaucht, mit dem sie vor Jahren eine Affäre hatte…

ZANDER MIT ERDBEEREN
Der alte Krabbenfischer Knut (89) ist verbittert, seit seine einzige Tochter durch eine defekte Nähmaschine zu Tode kam. Alles, was daran erinnert, hat er aus seinem Leben verbannt. Er trägt seitdem nur noch Strickkleidung. Doch dann steht eines Tages sein kleiner Enkelsohn vor der Tür. Das unschuldige Kind bringt den weichen Kern hinter der rauhen Schale des alten Mannes zum Vorschein – doch eines Tages findet der Junge eine Nähmaschine auf dem Speicher und ist sofort begeistert…

RAMBOW

Für Ronny (16) und seine Clique besteht der Tag aus Rumhängen, Saufen und gelegentlichen sinnlosen Gewaltexzessen. Bis sie eines Tages eine durchreisende Geschäftsfrau zu Tode prügeln. Danach stellt sich heraus: Die Frau war Ronnys Mutter. Auf der verzweifelten Flucht vor seinem Schmerz stürzt Ronny sich in einen weiteren sinnlosen Gewaltexzess, bei dem er sich versehentlich selbst totschlägt.

PLEITEGEIER UND ANDERES FEDERVIEH
Die Arbeiter in der Steuerkanzlei Platkowski&Co in Dortmund sind echte Kumpels, wie es sie nur im Pott gibt: Rauh, aber herzlich. Doch die Zeiten sind hart. Immer mehr Menschen machen ihre Steuererklärung selber. Eines Tages kauft eine chinesische Investorengruppe den Betrieb auf. Die Arbeiter sollen entlassen werden, die Maschinen demontiert und nach China verschifft. Doch die neuen Chefs haben nicht mit den Kumpels von Platkowski&Co gerechnet…

VIROLOGIE FÜR ANFÄNGER
Ein brillanter Wissenschaftler (60) und seine brillante Studentin (20) verlieben sich. Doch dann erkrankt er schwer – an genau der Krankheit, die er seit Jahrzehnten erforscht. Er läßt sich einfrieren, sie forscht weiter, 40 Jahre später hat sie die Therapie gefunden, taut ihn wieder auf und heilt ihn. Sie sind jetzt beide 60 und könnten glücklich werden. Doch dann verläßt er sie wegen einer Jüngeren.

SCHWEIGER
Der Angestellte Norbert (39) verläßt jeden Tag seine Familie und geht zur Arbeit. Behauptet er. In Wahrheit setzt er sich in eine leerstehende Wohnung und schweigt den ganzen Tag. Als seine Frau dahinterkommt, schweigt sie ebenfalls.

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Great Baby Grand.

Nachdem ich vor zwei Wochen hier einfach mal so behauptet habe, Musik würde sich durch Mundpropaganda und Liebe am besten verbreiten, man würde singend durch einen dunklen Wald marschieren etcetera, unterziehe ich mich hiermit selbst der Probe aufs Exempel und marschiere klavierspielend in einen dunklen Wald.

Ein Konzertflügel ist bis zu 3 Meter lang. Ein kleiner Flügel, der nur etwa halb so lang ist, also quasi gestutzt wurde, heißt folgerichtig Stutzflügel. Noch niedlicher ist der englische Ausdruck hierfür, da heißt der Stutzflügel “Baby Grand”. Die englische Vorsilbe für für Urgroßeltern, -onkels oder -tanten lautet bekanntlich “great grand”, und da mein Flügel auch schon im Urgroßelternalter ist, habe ich die ganze Sache auf den englischen Projektkosenamen “Great Baby Grand” getauft. Der Flügel ist nicht im allerbesten Zustand, die Mechanik verrichtet ihre Arbeit mit hörbarem Eifer, aber ansonsten leben wir in topmodernen Zeiten, deswegen wäre dann hier mal der Social-Media-Rundumschlag: Man kann sich die Musik bei Bandcamp anhören und herunterladen, und wer Bandcamp irgendwie nicht mag, findet uns auch bei Soundcloud. Zu vielen Stücken gibt es außerdem minimalistische Videos bei Vimeo, und wenn etwas neues entsteht, erfährt man davon bei Facebook oder Tumblr. Die Musik steht unter CC-Lizenzen, herunterladen ist bei Bandcamp bis zu 200mal im Monat kostenlos, man kann aber auch was dafür bezahlen. Wenn das tatsächlich ein paar Leute tun, werden irgendwann bessere Mikrofone angeschafft. Falls es irrsinnig viele Leute tun, wird ein neuer Flügel angeschafft.

Ansonsten gibt es nur ein paar Spielregeln:

-Die Musik ist mehr oder weniger improvisiert.
-Auf dem Flügel steht eine Sanduhr. Wenn sie nach fünf Minuten durchgelaufen ist, ist das Stück vorbei.
-Verspieler, also Tasten, die ich eigentlich in diesem Moment nicht unbedingt anschlagen wolllte, bleiben drin.
-Das ganze ist eine Art musikalisches Tagebuch bzw. Notizbuch. Ideen, die hier auftauchen, können anderswo in anderer Gestalt wiederkehren.

Viel Freude.

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Mein Plattenladen heißt Herunterladen

Achtung, dieser Text ist lang.

Sven Regener schimpft und wird beschimpft. 51 Tatort-Drehbuchautoren sind sauer und werden gescholten. Der Chaos Computer Club antwortet und kriegt eins auf die Mütze. Alle kloppen sich. Und zwar wegen Urheberrechten sowie einer Partei, die die Piraterie im Namen trägt. Piraten und Netzaktivisten befürchten eine Welt, in der Firmen wie Disney und Bertelsmann auf jedes geschriebene Wort, jede gepfiffene Melodie und jede Zeile Programmcode sofort ihren Copyright-Stempel draufknallen, dem Urheber dafür anderthalb Cent hinwerfen, das Werk die nächsten 180 Jahre in den Kerker sperren und nur für horrende Summen herauslassen. Die Musiker, Schriftsteller und Filmemacher hingegen befürchten eine Entwicklung, bei der ihre gesamte Arbeit von gierigen, bleichen Computerkindern ins Netz gestellt wird und sie bzw. wir alle verhungern. (Bildende Künstler haben sich übrigens noch nicht beschwert, aber die haben ja auch ein krisensicheres Geschäftsmodell – sie fertigen Einzelstücke und verkaufen sie zu horrenden Preisen an Einzelpersonen. Wobei den eigentlichen Reibach ja angeblich meist der Zwischenhändler macht.)

Es gibt zwei Dinge, die mich daran stören.

Zum einen die Hysterie. In den beiden oben geschilderten Szenarien steckt der gleiche Denkfehler wie in den bunten Zukunftsbildern aus den 50er Jahren, auf denen wir im Jahr 2000 in atombetriebenen Flugautos herumkurven. Man beobachtet eine Entwicklung, verlängert sie in die Zukunft und gerät in in Panik. Das ist so, als säße ich auf dem Beifahrersitz eines Autos, das an der Ampel losfährt, würde den Tacho beobachten und sagen: Verdammt, jetzt haben wir schon in sieben Sekunden von null auf fünfzig beschleunigt, wenn das so weitergeht, werden wir demnächst die Schallmauer durchbrechen, da sollte ich jetzt besser mal dem Fahrer laut schreiend ins Steuer greifen und den Wagen gegen die nächste Wand lenken.

Und zum anderen: Alle reden immer nur von den anderen. Niemand redet von sich selber. Aber wenn man herausfinden will, wie Menschen funktionieren, ist es meistens genau die richtige Strategie, von sich auf andere zu schließen. Diese Lücke würde ich also gern schließen und ein wenig von mir selber reden. Ich werde dann zur Antwort bekommen: Du bist da aber ein Ausnahme. Und ich werde erwidern: Nein, ich bin keine Ausnahme.
Hier also mein Leben als Produzent und Konsument urheberrechtlich geschützter Werke. Ich gehe davon aus, daß es den meisten anderen ungefähr ähnlich geht. Und hinterher will ich wissen, was von der Hysterie übrig bleibt.

Bis zum zwanzigsten Geburtstag las ich eigentlich nur Bücher. Die meisten davon aus öffentlichen Bibliotheken. Ab und zu holte man sich einen Film aus der Videothek. Alle paar Monate kaufte man bei Drogerie Müller eine CD aus dem „Independent“-Regal.

Die Jahre zwischen 20 und 24 verbrachte ich dann mit untergeordneten Tätigkeiten am Filmset sowie der Arbeit an einem Musikprojekt, das nie an die Öffentlichkeit gelangte. Ich hatte diverse Gedichte von Michael Ende vertont, die Lieder finde ich bis heute recht schön, öffentliche Aufführungen waren aber aufgrund der Textrechte immer nicht ganz einfach, und als irgendwann die eine oder andere Plattenfirma sich dafür interessierte, wurde es richtig kompliziert und verlief dann irgendwie im Sande.

Später, als ich dann auf der Filmhochschule war, arbeitete ich eine Zeit lang nebenher für eine Musikvideofirma. Wir bekamen von den großen Plattenfirmen neue Songs, das meiste war schlimmer Kaugummiplastikpop und stammte von Bands oder „Projekten“, von denen man noch nie gehört hatte und von denen man auch nie wieder hören sollte. In Jargon der Plattenfirmen waren das aber „Newcomer“, in die man jetzt erheblichen finanziellen Aufwand steckte, ihnen ein Video für damals noch durchschnittlich 20-40.000€ drehte, das dann auf „MTViva“ laufen sollte, damit die „Kids“ das gut finden und die dazugehörige Single und am besten auch das Album erwerben konnten. Nur wenige der gedrehten Videos wurden dann auch wirklich gesendet, aber schon vorher wurden jeweils nur wenige Videoideen von den Plattenfirmen zur Verfilmung ausgewählt – ich schrieb im Lauf der Jahre an die zweihundert davon, verfilmt wurden nur zwei, die ich dann aber aufgrund meiner eigenen Position als Newcomer nicht selbst verfilmen durfte, sondern in „Co-Regie“ mit einer erfahrenen Kraft, was bedeutete, daß ich danebenstand, während jemand anders die Ansagen machte. Die Konzepteschreiberei war natürlich unbezahlt. Ich war in dieser Zeit irgendwie nicht so gut auf die Musikindustrie zu sprechen und kaufte kaum Musik. Über unseren langsamen ISDN-Anschluß lud ich aber auf Verdacht allerhand herunter, das meiste war nicht so interessant, einiges haute mich um und führte zum Erwerb einer CD sowie darauffolgendem Konzertbesuch.

Die erste Musikvideofirma ging Ende 2002 pleite, aus den Trümmern formierte sich eine neue, dort arbeitete ich eine Zeitlang als Regieassistent. Die Videos sahen typischerweise so aus, daß die Band in einer coolen Industrieumgebung spielte, während parallel dazu ein gutaussehendes Mädchen diverse Abenteuer erlebte. Ich lernte dabei eine ganze Menge, kam an erstaunliche Orte und hörte irgendwann auf, als ich keine Lust mehr hatte, mich am Set anschnauzen zu lassen und außerdem klar war, daß die Firma wirklich keinerlei Interesse an hauseigenem Regienachwuchs hatte.

2006 lernte ich ein Mädchen kennen, das Platten auflegte und nichts als Musik im Kopf hatte. Ich betrat eine neue Welt. Auf einmal war alles voller Bands, die kein Schwein kannte und die wundervolle Musik machten, aus Blogs, auf denen man jede neue Platte herunterladen konnte, und daß man sie sich bei Gefallen dann auch kaufte, war eh klar. Mein Musikkonsum schnellte in die Höhe, ich lud mehr herunter, als ich anhören konnte, kaufte Tonträger, hatte auf einmal zahlreiche neue Lieblingsbands, ging auf Konzerte, legte mir einen Plattenspieler zu, wühlte in Plattenläden herum, wir gründeten mit einem dritten Freund eine Musikzeitschrift, die nur eine Ausgabe erlebte, und veranstalteten gemeinsame DJ-Abende, auf denen wir nur Sachen spielten, die wir selber toll fanden – und erstaunlicherweise fanden sämtliche Anwesenden, vom Schüler bis zum Professor, unsere Musik auch toll.

Im selben Zeitraum arbeitete ich am Drehbuch für meinen zweiten Langfilm. Den ersten hatte ich mit sehr wenig Geld an der Hochschule gemacht, er wurde dann später für einen fünfstelligen Betrag ans Fernsehen verkauft. Das Geld ging komplett an die Hochschule und an die Koproduktionsfirma. Bei den Schauspielern und dem Team landete nichts. Beim zweiten Film hatte ich einen besseren Deal erwischt und konnte es nicht fassen: Ich wurde zum ersten Mal im Leben nennenswert bezahlt. Wenn man sein Glück nicht fassen kann, daß man für das, was man da tut, auch noch Geld kriegt, ist man ja angeblich im richtigen Job gelandet. Wobei andererseits das Schreiben von Drehbüchern mit dem Begriff „Arbeit“ ja durchaus ganz gut beschrieben ist. Ein Spaziergang ist es nämlich nicht.

Was beim Filmemachen aber immer wieder wahnsinnig nervt, ist das Copyright, das auf jedem Furz drauf ist. Ständig muß man virtuelle Zeitungen, Zigaretten- und Biermarken erfinden (okay, das liegt eher an der Angst der deutschen Sender vor Product-Placement-Vorwürfen), Klingeltöne sind vermintes Gelände, jedes Bild, das irgendwo an der Wand hängt, ist ein potentielles Problem, man darf nicht „Happy Birthday“ singen, das Radio muß um Gottes Willen aus sein. Ich habe insgesamt schon den Eindruck, daß die Alltagswelt, in der wir leben und die wir ja im Film verdammtnochmal zeigen wollen, immer mehr aus urheberrechtlich geschützten Dingen besteht.

Über all die Jahre habe ich übrigens kaum Filme gekauft. Auf DVD nicht, weil die Auflösung im Vergleich zu Kino immer noch ein Witz ist. Auf Bluray auch nicht, weil ich keinen Sinn darin sehe, einen Film, den ich mir höchstwahrscheinlich nur einmal ansehe, mir für Jahrzehnte ins Regal zu stellen. Ich besitze also nur einige wenige heißgeliebte Lieblingsfilme. Bei Büchern ist es übrigens ähnlich. Zu Studienzeiten holte man sich Filme ohnehin aus der HFF-Bibliothek, einige davon habe ich auch kopiert, was mit einigem Aufwand verbunden war, von den kopierten und gebrannten Filmen von damals schlummert aber sicherlich die Hälfte immer noch ungesehen in irgendwelchen Schachteln. Filme schaue ich mir am liebsten im Kino an. Auf der Berlinale früher gern auch fünf am Tag, heute nicht mehr so sehr, die Kapazität für betont sperriges Kunstkino hat im Lauf der Jahre angesichts mangelnder Überraschungen etwas nachgelassen, ach Quatsch, ich fand langweilige Filme noch nie toll. Musik lade ich weiterhin gern herunter, bei iTunes und Amazon und von den Künstlern direkt, aber auch von irgendwelchen Blogs. Platten werden auch weiter gekauft. Bücher ebenso. Es gibt ein Buch, das ich im Lauf des letzten halben Jahres mindestens zehnmal verschenkt habe. Zur Videothek gehe ich fast nie. Zu umständlich, wenn man abends um 22h30 beschließt, noch einen Film zu gucken, und dann muß irgendjemand das Ding auch noch zurückbringen. Gäbe es einen gut sortierten Video-On-Demand-Streamingdienst, ich wäre mit Begeisterung dabei. Ach, den gibt es schon? Stimmt, iTunes. Kürzlich kamen wir auf die Idee, man könnte sich den Klassiker „Täglich grüßt das Murmeltier“ ansehen. Den gibt es bei iTunes – zum Kaufen, für 7,99€. Ich glaube, das kann man noch besser machen.

Seit gut einem Jahr drehe ich auch wieder Musikvideos. Fast alle für eine kleine, sympathische Plattenfirma in Hamburg. Viel Geld ist da nie im Spiel, aber man hat mit extrem angenehmen Menschen zu tun, alle lieben ihren Job, es macht Spaß, und ich bin der Überzeugung, daß es am Ende für irgendwas gut ist. Meinen Lebensunterhalt bestreite ich mit Drehbüchern und Regie für Spielfilme. Reich bin ich dadurch bisher nicht geworden, aber das war auch nicht das Ziel, wobei ich andererseits überhaupt nichts gegen Reichtum einzuwenden hätte, falls er sich mal einstellen sollte.

So weit also mein summarischer Kulturlebenslauf. Was lernen wir daraus?

-Hätte Michael Ende seine Gedichte unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht, dann hätten wir unsere Lieder damals ungestört überall aufführen können, auf dieser Basis hätten wir uns eine gewisse Bekanntheit erarbeitet, dann hätten wir eine Platte gemacht und für selbige natürlich ganz klassisch die Rechte geklärt. Niemandem wäre etwas weggenommen worden, die Welt wäre immerhin um eine (vermutlich folgenlose) CD reicher.

-Das System aus Majorlabels und ihren gecasteten Horrorgestaltenbands, die dann an die Wand geworfen wurden und meistens geräuschlos herunterfielen, soll meinetwegen zur Hölle fahren. MTViva sind ja schon dort, die Majorlabels sind für mein subjektives Gefühl auch immer egaler geworden. Mittlerweile scheint ihnen aber selber aufgefallen zu sein, daß man auch mit Substanz Platten verkaufen kann, und sie versuchen wieder etwas seriöser zu wirken. 

-Wenn ich meinen Konsumenten-Lebenslauf anschaue, dann habe ich über die Jahre schon einiges für kulturelle Produkte ausgegeben, aber keine Unsummen. Wohnung, Essen und Kleinkram waren teurer. Selbst mein Freund Ralph, der ca. vier Tonnen Schallplatten in seiner Wohnung hortet, gibt schätzungsweise immer noch mehr für die Krankenkasse aus als für Vinyl.

-Der Schlüssel zum Habenwollen ist, schlicht und ergreifend: Liebe. Auf dem Haldern Pop Festival hörte ich 2006 eine Band namens Guillemots. Noch nie vorher hatte ich solche Musik gehört. Gegen ihre Songs klang alles andere wie einfallsloses Gedudel. Ich kaufte, kopierte, überspielte, bestellte, holte mir alles, was ich von ihnen kriegen konnte. (Für meinen neuen Film habe ich fast nur Musik von dieser Band verwendet – von Produktionsseite fließt da jetzt Geld, aber das kriegt leider nur die Plattenfirma, weil die Band denen noch was schuldet). Wenn ein Buch, ein Film oder ein Lied mich wirklich berührt, dann berührt es eine ganz andere Abteilung in meinem Kopf als die Finanzverwaltung. Und das ist auch das Geschäftsmodell der Indie-Labels, deren Musik ja das vergangene Jahrzehnt maßgeblich geprägt hat. Die machen Musik, die von Leuten wirklich geliebt wird. Das bewegt sich finanziell immer auf dünnem Eis, aber irgendwie funktioniert es dann doch. Ich empfinde die Musiklandschaft jedenfalls heute als deutlich reichhaltiger und interessanter als vor zehn oder zwanzig Jahren.

Und um hiermit die eingangs geäußerte Behauptung zu wiederholen: Ich behaupte, daß die meisten Menschen da ziemlich ähnlich funktionieren wie ich. Wenn wir etwas lieben, wollen wir es haben – oder noch besser: Daran teilhaben. Indem wir ins Kino gehen oder ein Konzert besuchen oder ein Buch überallhin mitschleppen. Der ganze Rest ist Hintergrundrauschen, läuft im Radio, steht zufällig im Regal, liegt auf irgendeiner Festplatte herum. Und jetzt kommt bitte nicht an und erzählt mir: Da bist du aber eine Ausnahme, irgendwelche pickligen Jugendlichen laden nämlich längst schon alles herunter und furzen ihrer Lieblingsband dann noch hohnlachend ins Gesicht. Klar, es gibt alles, irgendwie, irgendwo. Aber Extreme sind Extreme, normal ist normal, und ich bin keine Ausnahme.

Denn das ist doch der Unterschied zwischen unserer Arbeit und dem Herstellen eines Tisches. Der Tischler steckt garantiert genausoviel Liebe in seinen Tisch wie ich in ein Drehbuch – aber der Kunde liebt ein Lied mehr als einen Tisch. Deswegen wollen ja so viele Leute was mit Medien machen. Dafür gibt es andererseits eher wenig Geld für verdammt viel Arbeit. Und – Achtung, Knackpunkt – niemand garantiert dir, daß die Liebe, die du in deine Arbeit steckst, am Ende vom Publikum erwidert wird. Du kannst all dein Herzblut in deine Arbeit gießen, und am Ende kann trotzdem Schrott herauskommen. Das ist dein Risiko als Künstler. Augen auf bei der Berufswahl. Du gehst allein in einen dunklen Wald, du singst dabei lauthals ein Lied, und du kannst nur hoffen, daß in dem dunklen Wald Leute wohnen, die dein Lied lieben werden. Und dabei kann auch ein Download ein Liebesbeweis sein. Es gibt nämlich zwei Sorten von illegalen Kopien. Die Liebeskopie, die oft später in einen Kaufakt mündet, und die mir-doch-egal-Kopie, die zu Datenleichen auf der Festplatte führt. Erstere kann ein wirtschaftlicher Schaden für den Künstler sein, kann sich auf lange Sicht aber auch lohnen. Letztere ist kein Schaden, denn der Kopist hätte das Werk ja so oder so nicht gekauft.

Wenn die Piratenpartei nun Schutzfristen verkürzen will – meinetwegen. Ich fände es völlig okay, wenn meine Werke mit meinem Tod ans Universum zurückfallen würden. Da habe ich sie ja schließlich auch her. Es sei denn, ich hätte Frau und Kinder und würde mit 40 den Löffel abgeben, dann könnte man ja den 80. Geburtstag oder sowas nehmen. Die Argumentation, daß man bei jeglichem Schaffen ja ohnehin in erheblichem Maß auf vorbestehendes Material zurückgreifen würde und deswegen das Urheberrecht Blödsinn ist, die ist allerdings, das muß auch mal gesagt werden, tolldreister Quatsch. Genausogut könnte ich einen Architekten nicht bezahlen, weil sein Haus aussieht wie ein Haus. Ein Einfall ist immer ein irrationales, irgendwie gnädiges Ereignis, deswegen heißt er ja Einfall, aber vor und nach dem Einfall liegt ein Ding namens Arbeit.

Wenn ich mich ansonsten in der tobenden Schlacht positionieren soll, dann würde ich erstmal sagen: Regt euch ab, nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Filesharing ist mittlerweile eine riskante Sportart, Kino.to und Megaupload sind tot, andere werden folgen. Künstler haben eine lebhafte Phantasie, und Nerds neigen ohnehin zur Paranoia, daher die Hysterie auf beiden Seiten der Debatte. Chillt mal drauf. Kommt runter. Und dann würde ich mir erneut meine gesammelte Lebenserfahrung nochmal angucken und dabei relativ schnell feststellen, daß ich mit vielen Leuten, Firmen und Instanzen zu tun hatte, einige waren cool, andere uncool, aber nur die große Musikindustrie hat Verhaltensweisen an den Tag gelegt, wie ich sie eher von einem betrunkenen Dreijährigen erwarten würde. Menschen verhalten sich meistens ähnlich, nämlich menschlich, also ungefähr so wie ich. Firmen verhalten sich jedoch gern auch mal wie Psychopathen. Ich habe also den leisen Verdacht, daß es für Kunst und Kultur gut sein könnte, wenn einige Dinge sich ganz vorsichtig ein wenig in die Richtung verschieben, wie sie von Netzaktivisten gefordert wird – kürzere Fristen, mehr Freiheiten. Und dabei geht es nicht um die unrealistischen Maximalforderungen, die man in die Debatte hinaustrompetet, sondern um kleine, vorsichtige Schritte. Und dann könnte ich vielleicht in meinem nächsten Film auch ein Nokia-Handy mit dem Nokia-Ton klingeln lassen.

Malte Welding sieht das ähnlich, hat sich aber kürzer gefaßt als ich.

Das Schlußwort möchte ich zwei mit mir befreundeten Drehbuchautoren überlassen, die auch hin und wieder mal Tatorte schreiben und deren Namen ich in der Unterzeichnerliste des offenen Briefs nicht fand. Ich schrieb ihnen und fragte sie, warum sie da nicht stehen. Der eine schrieb zurück:

Ich stehe schon deshalb nicht auf der Liste, weil ich nicht gefragt wurde. Ich hätte mich aber auch schwer getan, ausgerechnet als Tatort-Autor, der von Gebühren bezahlt wird, die auch von Menschen entrichtet werden müssen, die gar keinen Tatort gucken wollen, in diesem Ton zu lamentieren.

Der andere gab kurz und bündig zur Antwort:

bin kein tatort autor.

(Nachtrag:  Gratuliere, Sie haben bis zum Ende gelesen und festgestellt, was ich hiermit selber zugebe – der Titel dieses Textes ist zu 73% irreführend. Aber er ist provokant, ich verspreche mir davon  Aufmerksamkeit und vielleicht die eine oder andere autorisierte oder unautorisierte Kopie. So läuft’s Business. Und wenn ich dann so bekannt bin, daß das Publikum denkt: Der hat genug verdient, dem seinen Kram darf man sich aus dem Netz saugen, dann kann ich immer noch überlegen, wie ich meinen Bekanntheitsgrad wieder reduziere.)

(Nachtrag 2: Ich folge hiermit dem Hinweis eines Kommentators und verleihe diesem Text feierlich eine Creative Commons Lizenz namens CC-BY 3.0. Jeder darf damit machen, was er will, sofern er auf das dahinterstehende Originalgenie, also mich, verweist. Gern geschehen.)

(Nachtrag 3: Danke für die zahlreichen Kommentare, die überwiegende Zustimmung und vor allem für den zivilisierten Tonfall, in dem sämtliche Ansichten geäußert wurden. Schön zu sehen, daß man freundlich in den Wald hineinrufen kann und es freundlich zurückschallt, das habe ich in den Kommentaren schon so ähnlich gesagt und wiederhole es hiermit. Eine gekürzte und leicht geänderte Version dieses Textes wird am Samstag 7.4. im Tagesspiegel erscheinen, darin habe ich auch versucht, auf einige Dinge einzugehen, die sich in den Kommentaren ergeben haben, was aber nicht ganz einfach ist, wenn man aus 17000 Zeichen 8000 machen muß. Ich werde Samstag nicht in der Stadt sein, vielleicht mag mir ja jemand ein Exemplar sichern.)

 

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Die freudlose Masse.

Verehrtes Publikum!
Haben Sie eigentlich schon den zahlreich oscarnominierten Film “The Artist” gesehen?
Wenn ja: Wußten Sie, daß die innovative Form dieses Films, schwarzweiß und keine Dialoge, keineswegs neu ist, sondern im Gegenteil sehr alt?
Wenn ja: Fühlen Sie sich von dieser Frage ein wenig auf den Arm genommen und für dumm verkauft?
Wenn ja: Finden Sie auch, daß die da oben uns alle auf den Arm nehmen und für dumm verkaufen?
Wenn ja: Wußten Sie, daß es schon mal eine Zeit gab, in der es vielen Menschen genauso ging?
Wenn ja: Ist Ihnen schon mal aufgefallen, daß die Wiederkehr der Wirtschaftskrise mit der Wiederkehr des Stummfilms einhergeht?
Ja?
Okay.
Und jetzt wollen Sie wissen, was das alles miteinander zu tun hat?
Wissen wir auch nicht.
Aber wir wollen es gemeinsam herausfinden und laden daher ein:
DIE FREUDLOSE MASSE.
Der Stummfilmabend zur großen Krise. Nächsten Donnerstag, 1.3.2012, 21h im Deutschen Theater, Berlin.

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Echo

Mein Super-8-Video für Thees Uhlmann ist doch tatsächlich für den ECHO nominiert. Wer hätte das gedacht. Hier kann man abstimmen.

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Krisenbiographie.

Ich wurde 1976 geboren. Ich war gerade drei Monate alt, da passierte in Seveso die Dioxin-Katastrophe. Sie wurde zum Symbol für das vorherrschende Lebensgefühl dieser Zeit: Angst. Man hatte hauptsächlich Angst vor zwei Dingen, nämlich vor Umweltzerstörung und vor Atomwaffen. In dieser Stimmung wuchs ich auf. Meine Eltern waren weder besonders umwelt- noch irgendwie friedensbewegt, trotzdem war klar, daß bald alles zu Ende sein würde. Je nachdem, ob man eher rechts oder eher links stand, waren es die Amerikaner oder die Russen, die uns demnächst die Lichter ausblasen würden, und falls das wider Erwarten doch nicht passieren sollte, waren Konservative und Progressive sich einig, daß der Mensch stirbt, wenn der Wald stirbt, und der Wald starb ja zweifellos.

So vergingen die Achtziger. Mit Challenger und Tschernobyl gab es im Westen und im Osten jeweils einen großen Knall, der uns eindringlich vor Augen führte, daß der Weltuntergang eigentlich schon so gut wie da war. Schuld war einerseits die Blindheit der Menschheit, die lieber ins All fliegt, als zuhause ihre Probleme zu lösen, andererseits die haarsträubende Schlamperei des Russen in seinem maroden Atomkraftwerk.

Dann ging ich eines Montagmorgens zur Schule und las an den Zeitungsläden die Bild-Schlagzeile: Guten Morgen, Deutschland! Es war ein schönes Wochenende. Die Mauer war weg, alle freuten sich, allerdings nicht sehr lang, denn schnell war klar, daß unser Staat drauf und dran war, eine bankrotte Bananenrepublik aufzukaufen, und daß das nicht gutgehen konnte, war genauso klar. Bevor man darüber so richtig depressiv werden konnte, kam der erste Irakkrieg, Saddam Hussein war nach allgemeiner Auffassung der zweite Hitler, in Washington regierte der erste George Bush, und wir standen an der Schwelle des dritten Weltkrieges. Wenn vielleicht doch nicht im Irak, dann würde er halt in Jugoslawien seinen Ausgang nehmen. Der Jugoslawienkrieg zog sich wie ein diffuses Grundrauschen durch die ganzen 90er Jahre. Man verstand nie genau, was da eigentlich schief ging, aber es ging katastrophal schief, zehn Jahre lang, direkt vor unserer Haustür. Völker, die jahrzehntelang friedlich nebeneinander gelebt hatten, gingen plötzlich aufeinander los. War das keine Warnung für uns, die wir in unseren neuerdings 16 Bundesländern so friedlich nebeneinander lebten? Na klar, es ging ja schon los, in Hoyerswerda und Solingen und Mölln und Rostock. Also gingen wir auf die Straße und formierten uns zu Lichterketten, falls wir uns die Lichter noch leisten konnten, denn 1993/94 ging ein trübes Schreckgespenst namens Rezession durch Deutschland. Mit der Wirtschaft ging es bergab. Daimler machte Kurzarbeit. Das war der Anfang vom Ende. Hätte man sich aber denken können nach den Lasten der Wiedervereinigung. Schon bald würden wir in Lumpen durch die Straßen ziehen, nach essbaren Abfällen suchen und Ratten jagen, um sie zu schlachten und zu braten.

Die Rezession verschwand irgendwie wieder aus den Nachrichten, danach muß es so eine Art Aufschwung gegeben haben, aber ich kann mich nicht daran erinnern, daß mir irgendjemand etwas davon gesagt hätte. In den Nachrichten kamen immer nur schlechte Nachrichten. Der Anarcho-Chaot von Frankfurt wurde Außenminister, das war für die letzten drei überlebenden Wertkonservativen der Moment der endgültigen Verbitterung, und dann war seine erste Amtshandlung der Kosovokrieg, woraufhin die altgedienten Alternativen sich ebenfalls verbitterten. Ein Ding namens Dotcom-Blase platzte, zum Glück hatte ich mein Geld da nicht angelegt, ich hatte gar kein Geld, weil ja ständig Krise war. Und als dann die Flugzeuge in die Hochhäuser flogen, brach das ganze 20. Jahrhundert mit Getöse in sich zusammen, Nordturm und Südturm und Westblock und Ostblock, alles kaputt. Und das war etwas Neues. Es war nicht einfach die übliche Dauerkrise ˗ diesmal war es wirklich der Anfang vom Ende. Die ganzen nächsten Jahre wurde nur noch gejammert. Die Leute hatten graue Gesichter, sprachen nur im Flüsterton von der Zukunft, gingen gebückt und kraftlos ihrem Tagwerk nach und zitterten vor Angst. Der Krieg in Afghanistan und im Irak war da auch nur ein Symptom. Es war schrecklich. Wir würden alle sterben.

Nebenbei geschah noch etwas anderes, Erstaunliches: Die Umweltzerstörung, Hauptkrise meiner Kindheit, feierte ein Comeback. Was mir und jedem aufgeklärten Greenpeace-Magazin-Leser schon immer total klar gewesen war ˗ das Abschmelzen der Polkappen, Treibhauseffekt, Ozonloch ˗ all das war plötzlich wieder da, mehr noch, es war plötzlich Mainstream, so wie eine coole Band aus der Jugend, die sich irgendwann aufgelöst hat und jetzt plötzlich wieder da ist und mit neuem Bassisten wieder auf Tour geht und auf einmal die ganz großen Massen begeistert. Die Erderwärmung machte ungefähr so eine Karriere wie die Ärzte.

Wenigstens die wirtschaftliche Düsternis lichtete sich allmählich. Zum ersten Mal in meinem Leben standen positive, freundliche Dinge in der Zeitung: Aufschwung. Wachstum. Aber mir war klar, daß das nicht lange halten würde. Die Krise würde wiederkommen.

Na klar. Sie ist wieder da. Und sie ist wie immer schlimmer als je zuvor. Diesmal wird die Welt zusammenbrechen. Die Anfänge werden wir noch aus den Nachrichten erfahren, dann werden die Bildschirme dunkel bleiben, bald darauf wird der Strom ausfallen, allgemeines Chaos wird ausbrechen. Wer eine Wohnung mit Ofenheizung hat, wird sich glücklich schätzen, denn uns steht ein langer, harter Winter bevor. Wir werden in Lumpensammlerkolonnen durch die Straßen ziehen, wie schon damals in der Rezession von 93/94. Am Himmel werden seltsame Zeichen erscheinen, ab und zu wird irgendwo eine unserer überzüchteten Maschinen mangels Wartung explodieren, zum Beispiel eins der vielen aufgelasssenen Atomkraftwerke. Wer sich nicht anpassen kann, wird zugrunde gehen, und unsere Kinder werden in einer Welt aufwachsen, in der unsere technische Zivilisation nur noch eine ferne Erinnerung ist. Sie werden Büffel jagen und neue Götter anbeten.

Es gibt eine sogenannte Weltuntergangsuhr, auf der Wissenschaftler darstellten, wie nah die Menschheit am Abgrund steht. Manchmal stand diese Uhr auf 11:53, aber dann bauten beispielsweise die Pakistanis ein neues Atomkraftwerk, woraufhin die Uhr auf 11:57 vorgestellt wurde, und wenn das pakistanische Atomkraftwerk eine Zeit lang nicht in die Luft gegangen war, wurde die Weltuntergangsuhr wieder zurückgestellt auf 11:55. Meine ganze Kindheit und Jugend hindurch war es also meistens fünf vor zwölf. Und trotzdem wurde es nie Mitternacht.
Klar, daß mir die Uhr irgendwann egal war.

Daß man gegenüber permanenter Panik schnell abstumpft, ist nachvollziehbar ˗ aber ist es auch richtig? Sind wir tatsächlich wie der Mann, der aus einem Hochhaus fällt und sich bei jedem Stockwerk sagt: Bis hierher ging ja alles gut? Ist unsere Zivilisation so aufgebläht, daß es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie platzt? Oder ist das ganze Leben ein freier Fall, und der Aufprall erfolgt nicht kollektiv, sondern nur individuell, zum Zeitpunkt des jeweiligen Ablebens?

Seit ich mich erinnern kann, ist Krise. Sie war schon immer da. Sie wird uns nie verlassen.
Das Leben geht bekanntlich weiter, aber das bedeutet nur, daß auch die Krise weitergeht. Wir werden immer am Abgrund leben, wir werden nie hineinfallen, aber falls wir eines Tages doch hineinfallen, werden wir alle zugleich ausrufen, daß wir genau wußten, daß es bald so kommen würde.

Dieser Text entstand Ende 2008, am Anfang der großen Krise, und wird hier zweitverwertet, weil immer noch Krise ist, wovon der Text ja schließlich auch handelt.

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